Mariatu Kamara - Das Mädchen ohne Hände - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Biographien



AVIVA-BERLIN.de im Juni 2021 - Beitrag vom 16.11.2009


Mariatu Kamara - Das Mädchen ohne Hände
Sunna Krause-Leipoldt

Im Bürgerkrieg von 1991 bis 2002 in Sierra Leone wurde Mariatu Kamara gefoltert und verstümmelt. Heute ist sie Sonderbotschafterin von UNICEF und hat dieses Trauma in einem Buch verarbeitet.




Elf Jahre tobte in Sierra Leone einer der grausamsten Kriege des 20. Jahrhunderts. Einen schrecklichen Höhepunkt erreichte dieser Konflikt, als die Kämpfer der Rebellengruppe RUF 1998 anfingen, die Zivilbevölkerung zu terrorisieren und Männer, Frauen und Kinder zu töten oder zu verstümmeln. Bei diesem Kampf ging es von Anfang an in erster Linie um die Kontrolle über die reichen Rohstoffvorkommen des Landes, besonders die Diamantenminen im Norden.

Das Bewusstsein für eine Mitverantwortung an diesen Geschehnissen durch den Handel mit "Blutdiamanten" nahm bei den westlichen Industrieländern zu. Die englische Künstlerin Ms. Dynamite stellte 2002 die Hip-Hop-Szene mit Textpassagen wie "Tell me how many Africans died for the baguettes on your Rolex?" für ihre verantwortungslose Zurschaustellung von teurem Schmuck als Stilelement an den Pranger. 2003 trat der Kimberley-Prozess in Kraft. Dieser ist ein Zusammenschluss von RepräsentantInnen aus 75 Ländern, die sich dazu verpflichten, den Diamantenverkauf und damit die Finanzierung von Kriegen zu boykottieren. 2006 kam mit "Blood Diamond" ein Film in die Kinos, der die damaligen Geschehnisse und ihre Hintergründe thematisierte und einer breiten Öffentlichkeit nahe brachte.

Mariatu Kamara, eine junge Frau, die als kleines Mädchen in das Chaos dieses Krieges geriet, hat zusammen mit der Journalistin Susan McClelland ein Buch über ihre schrecklichen Erlebnisse bis hin zur heutigen Rolle als Sonderbotschafterin von UNICEF geschrieben. Ihre Biographie wurde auf Deutsch unter dem Titel "Das Mädchen ohne Hände" veröffentlicht.

Aufgewachsen ist die Autorin in dem kleinen Dorf Magborou. Ihre Familie konnte es sich nicht leisten, sie in eine größere Stadt zur Schule zu schicken und so half sie bei der Arbeit auf den Feldern. In einer Pressekonferenz am 13. November 2009 in Berlin bezeichnete sie diese Zeit als unspektakulär, aber glücklich. Bis zu dem Tag als sie auf dem Weg in ein benachbartes Dorf in einen Rebellenangriff geriet. Mariatu wurde gezwungen mit anzusehen, wie Menschen aus ihrer Umgebung lebendigen Leibes verbrannt, erschossen oder mit Macheten erschlagen wurden. Ihr selbst schlugen Kindersoldaten beide Hände ab. An diesem Tag war sie 12 Jahre alt.

Wie durch ein Wunder schaffte sie es, in die nächste Stadt zu gelangen, wo sie versorgt und dann nach Freetown in ein Auffanglager gebracht wurde. Hilfsorganisationen fanden ihr eine Familie in Toronto, Kanada. Sie lernte Englisch und ging zur Schule. Als Mariatu Kamara, die Journalistin Susan McClelland bei einem Interview kennen lernte, entschied sie, mit deren Hilfe ihre Lebensgeschichte aufzuzeichnen. Noch vor der Fertigstellung ihres Buches ernannte man sie zur Sonderbotschafterin von UNICEF.

In "Das Mädchen ohne Hände" erzählt Mariatu Kamara aus der Ich-Perspektive von ihren Leiden und ihrem Weg in ein neues Leben. Die Biographie ist in einfacher Sprache ohne jede literarischen Feinheiten geschrieben. Dadurch werden die LeserInnen immer wieder daran erinnert, dass sie es nicht mit einem Roman, sondern mit dem Zeitzeuginnenbericht eines kleinen Mädchens zu tun haben.

Die kindlich-naive Perspektive hilft einerseits, die Geschichte in ihrer Grausamkeit erträglich zu machen, andererseits steigert sie das Gefühl dafür, dass dies wirklich geschehen ist. Besonders beeindruckend wirken Kraft und Lebenswille der Autorin. Bei der Pressekonferenz in Berlin erzählte Mariatu Kamara wie bemüht sie sei, ihren Peinigern zu vergeben, da sie diese inzwischen selbst als Opfer sieht. Ausdruck dieses bemerkenswerten Willens war nicht zuletzt ihre Entscheidung, das Vorwort von dem ehemaligen Kindersoldaten Ishmael Beah schreiben zu lassen.

Zur Autorin: Mariatu Kamara besucht heute ein College in Toronto / Kanada. Als UNICEF-Sonderbotschafterin für Kinder in bewaffneten Konflikten macht sie durch ihre Vorträge auf das Schicksal dieser Kinder aufmerksam. Daneben engagiert sie sich für den Aufbau einer eigenen Stiftung, die die Einrichtung von Heimen für misshandelte Frauen und Kinder in Sierra Leone unterstützen soll. (Quelle: Pattloch Verlag)

AVIVA-Tipp: Das Mädchen ohne Hände ist ein beeindruckender und zugleich erschreckender Bericht über einen der wahrscheinlich grausamsten Konflikte des letzten Jahrhunderts. Die Geschichte von Mariatu Kamara lässt die LeserInnen wütend, traurig und frustriert zurück. Sie zeigt aber auch, dass nach all diesem unvorstellbaren Leid noch Glück und Vergebung möglich sind. Das kleine Mädchen aus Magborou hat es geschafft und ruft mit seinem Buch die Menschen dazu auf, Sierra Leone und all jene, die in den Kriegsgebieten dieser Welt (über-)leben müssen, nicht zu vergessen oder aufzugeben.


Mariatu Kamara und Susan McClelland
Das Mädchen ohne Hände

Originaltitel: The Bite of the Mango
Aus dem Englischen von Dagmar Mallett
Pattloch Verlag, erschienen: Oktober 2009
Gebunden mit Schutzumschlag, 207 Seiten
ISBN: 978-3-629-02229-5
14,95 Euro
www.droemer-knaur.de

Weitere Infos zur Mariatu Foundation finden Sie unter:
www.mariatufoundation.com

Weitere Infos zum Kimberley-Prozess finden Sie unter:
www.kimberleyprocess.com

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"50 Jahre Unicef"

"Frauen und Kriege in Afrika - Ein Beitrag zur Gender-Forschung"

"Lost Children"




Literatur > Biographien

Beitrag vom 16.11.2009

AVIVA-Redaktion 






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