Judith Koelemeijer - Das Leben der Anna Boom - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Biographien



AVIVA-BERLIN.de im September 2021 - Beitrag vom 18.11.2009


Judith Koelemeijer - Das Leben der Anna Boom
Lisa Erdmann

Die Biographie der engagierten Holländerin ist nicht nur Historie, sondern auch ein Stück Emanzipationsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Sensibel und einfühlsam erzählt die niederländische...




... Journalistin vom Leben einer mutigen Frau, die nie eine Heldin sein wollte, sondern immer nur ihrem Herzen folgte.

Sie war schon immer rastlos und nirgendwo richtig zu Hause. Auch heute, im Alter von 89 Jahren ist es für die gebürtige Holländerin Anna Boom immer noch am wichtigsten, unabhängig zu sein. Ihren Freiheitsdrang, das Umherziehen und die ewige Ruhelosigkeit hat sich Anna seit ihrer Kindheit bewahrt.

1920 in Freiburg geboren, war Anna das späte Glück ihrer Eltern. Ihr Vater, Willem Boom, war ein wohlhabender Kaufmann aus Amsterdam, den ihre Mutter, Annie Boom-Osieck, erst mit 42 Jahren heiratete. Im November desselben Jahres starb der tuberkulosekranke Vater an einer Lungenentzündung. Dass Anna die Krankheit ihres Vaters geerbt haben könnte, war die größte Angst der Mutter. Deshalb bereiste sie mit ihrer Tochter die verschiedensten Kurorte Europas - Ein Zuhause gab es für das junge Mädchen nicht. Dafür logierte sie in den schönsten Kurhotels, lebte in Bayern, Wien, Meran, St. Moritz und später in Budapest.

Nicht nur beim ihrem Wohnort fällt es der heimatlosen Frau schwer, sich zu binden. Auch auf die Männer, die ihr begegnen, kann sie sich nur wenig einlassen, schnell ist die anfängliche Euphorie verpflogen und Anna Boom sucht das Weite. Als sie sich im Alter von 22 Jahren in Ungarn in den verheirateten Géza verliebt, scheint plötzlich alles anders zu sein. Anna sagt sich von ihrer überängstlichen Mutter los und steigt am 13. Juni 1942, inmitten des Kriegschaos` in Amsterdam in den Zug nach Budapest.

Eigentlich hatte sich die neugierige, furchtlose und wissbegierige Anna Boom nie für Politik interessiert. Doch eines Tages beschließt die in Budapest lebende Frau, die Machenschaften der Nationalsozialisten nicht weiter auszublenden, sondern etwas zu unternehmen. Sie beginnt, ihren FreundInnen und Bekannten zu helfen, denn plötzlich sind einige von ihnen einfach nicht mehr da. Durch ihre Freundin Dóra kommt sie mit dem schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg in Kontakt. Durch ihre Fremdsprachenkenntnisse, vor allem durch ihr gutes Deutsch und durch ihren unvergänglichen Mut ist die Holländerin die ideale Botin für Wallenberg und arbeitet fortan für das Schwedische Rote Kreuz. Die schöne junge Frau hilft, die ungarischen Juden mit Schutzpässen zu versorgen, bringt Nahrung in die schwedischen Schutzhäuser und geheime Päckchen unter ihrem Mantel von A nach B. Merkwürdigerweise hatte Anna damals nie Angst. Wohlbehütet unter den Fittichen der Mutter aufgewachsen, kannte sie keine Gefahr. Wovor hätte sie sich fürchten sollen?

In einem unterirdischen Krankenhaus arbeitet sie als Krankenschwester und riskiert mehr als einmal ihr Leben. Die schrecklichen Ereignisse, die Anna erlebt, als Budapest von den Russen besetzt wird, verdrängt sie jahrzehntelang. Sie kann und will sich daran nicht mehr erinnern. Erst vierzig Jahre später bricht sie ihr Schweigen und spricht über ihre Erlebnisse.

Für die Rekonstruktion der Lebensgeschichte von Anna Boom führte die niederländische Journalistin und Autorin Judith Koelemeijer lange Interviews mit der 89-Jährigen, begleitete diese an die zentralen Schauplätze ihres Lebens nach Wien, Budapest und Meran und ließ sich Annas Erinnerungen berichten – um sie dann zu verifizieren und als Biographie zu ordnen. Anna Boom selbst las das Manuskript und korrigierte es auf sachliche Fehler, ließ der Autorin aber bei der Interpretation und der Darstellung ihrer Erlebnisse freie Hand.

Ihre große Liebe hat Anna Boom übrigens nicht bei dem verheirateten Géza und auch nicht in der Ehe mit dem Schweizer Ingenieur Harry Keller gefunden. Erst viele Jahre später, als sie den niederländischen Manager der Fluggesellschaft KLM, Jan van Oldenborgh trifft, lernt sie ihr wahres Glück kennen.

AVIVA-Tipp: Judith Koelemeijer gelang es mit viel Geduld und Feingefühl, der heute 89-jährigen Anna Boom ihre spannende Biographie zu entlocken. In "Das Leben der Anna Boom" erzählt die Autorin einfühlsam vom Leben einer selbstbestimmten, emanzipierten Frau, die sich sowohl im ungarischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten als auch in der Nachkriegszeit bewies. Originalbriefe aus dem privaten Archiv Anna Booms vervollständigen das sorgfältig ausgearbeitete Porträt und geben einen intensiven Einblick in die Vergangenheit dieser einzigartigen Frau.

Zur Autorin: Judith Koelemeijer, geboren 1967, ist eine bekannte niederländische Journalistin und Sachbuchautorin. Ab 1994 war sie bei "de Volkskrant" in der Redaktion tätig, verließ diese jedoch 2000, um sich ganz dem Schreiben ihres ersten Buches, "Das Schweigen der Maria Zachea" zu widmen. Nach der Veröffentlichung 2001 wurde es mit drei niederländischen Publikumspreisen ausgezeichnet. Judith Koelemeijers zweites Buch, "Anna Boom" erschien 2008 in den Niederlanden und wurde zum Bestseller. 2009 wurde "Das Leben der Anna Boom" in Deutschland veröffentlicht. Zusätzlich unterrichtet die Autorin "Nonfiktive Literatur" und hält Lesungen. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem sechsjährigen Sohn in Amsterdam.


Judith Koelemeijer
Das Leben der Anna Boom

Aus dem Niederländischen von Anna Carstens
Originaltitel: Anna Boom
DVA, erschienen: August 2009
Gebundene ausgabe, 288 Seiten
ISBN: 978-2-421-04400-6
19,95 Euro


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In Deutschland unerwünscht. Hermann Gräbe. Eine Biographie


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Beitrag vom 18.11.2009

Lisa Erdmann 






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