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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 24.11.2010

Barbara Degen - Das Herz schl├Ągt in Ravensbr├╝ck. Die Gedenkkultur der Frauen
Claire Horst

Im Konzentrationslager Ravensbr├╝ck waren 130.000 Menschen, zum gro├čen Teil Frauen, interniert. Zu ihren ├ťberlebensstrategien geh├Ârte auch das Niederschreiben und k├╝nstlerische Verarbeiten des...



... (├ťber)Erlebten.

Tagebucheintragungen und Briefe, Zeichnungen und Gedichte der Frauen von Ravensbr├╝ck hat die Juristin und Mitbegr├╝nderin des Feministischen Rechtsinstituts e.V., Barbara Degen, zusammengestellt. Fotos der Inhaftierten tragen zus├Ątzlich dazu bei, dass diese Frauen der Leserin n├Ąher r├╝cken, dass sie der Auseinandersetzung mit ihnen nicht ausweichen kann. F├╝r diese Eindringlichkeit ist auch Barbara Degens sehr pers├Ânliche Herangehensweise verantwortlich. Gleich zu Anfang erl├Ąutert sie ihre Beweggr├╝nde zu diesem Buch. "Am Anfang stand die Lust auf Frauengeschichte. Von den Geschichtsb├╝chern ... oft unsichtbar gemacht, marginal behandelt oder v├Âllig ignoriert, gab es einen Ort in Deutschland, wo Frauen im Mittelpunkt standen, stehen mussten: RAVENSBR├ťCK, ca. 80 km n├Ârdlich von Berlin."

Degen macht sich auf die Reise zur├╝ck zu diesen Frauen, die hier lebten und starben, begibt sich auf die Suche nach ihren Erlebnissen und ihrem Verm├Ąchtnis. Diese Parallelstruktur, Degens eigene Texte, die den historischen Kontext herstellen, und die Originaltexte und -bilder der Frauen, bildet auch optisch den Rahmen f├╝r das Buch: In den Haupttext sind Gedichte kursiv, Tagebucheintr├Ąge und Briefe blau eingeschoben, eine Randspalte enth├Ąlt Bilder und bibliografische Angaben.

Die Leserin pendelt so best├Ąndig zwischen der Perspektive der Nachgeboren und der betroffenen Frauen, kann in deren Erlebnisse eintauchen und sie reflektieren. Die ├╝berlieferten Dokumente werden bei Degen zu Zeitzeuginnen. Sie verdeutlichen den Alltag der Frauen im KZ, ihre ├ängste und ihre Solidarit├Ąt untereinander. Dabei dienen die Texte und Bilder als roter Faden, der durch eine umfassende Darstellung f├╝hrt. Das Buch wird so zu einem Beitrag zur Gedenkkultur der Frauen, die kein Vergessen erlaubt.

In einem ersten Gro├čkapitel stellt Barbara Degen den Alltag im Konzentrationslager dar. ├ťberlebenskampf und Angst, Hunger und Tod durchziehen die hier versammelten Dokumente. Daneben aber scheinen immer wieder pers├Ânliche Beziehungen auf, die Erfahrung von Solidarit├Ąt und Liebe der Frauen untereinander. Auch die Rolle der T├ĄterInnen nimmt Degen durch die Augen der Inhaftierten in den Blick.

Das zweite Gro├čkapitel besch├Ąftigt sich mit der Zeit nach dem Kriegsende. Wie konnte es weitergehen nach den zerst├Ârenden Erfahrungen des Nationalsozialismus? Die ├╝berlebenden Frauen beteiligten sich als Zeuginnen an den Prozessen gegen die T├ĄterInnen und regten die Schaffung von Gedenkst├Ątten an. Zugleich blieben sie miteinander in Kontakt, erinnerten an die Ermordeten und bildeten so ein Netzwerk, das den Nationalsozialismus ├╝berlebte.

Nicht nur zur eigenen Verarbeitung ihrer traumatischen Erlebnisse dient also den Frauen das Geschriebene und Gezeichnete. Wie Degen verdeutlicht, haben diese Frauen die Forschung zum KZ Ravensbr├╝ck erst erm├Âglicht. Mithilfe ihrer Aufzeichnungen konnte die Auseinandersetzung mit dem Geschehenen beginnen, konnten T├ĄterInnen verfolgt und die Opfer gew├╝rdigt werden. Degen zeichnet auch nach, wie die Frauen in ihren ├╝ber 20 Herkunftsl├Ąndern Einfluss auf den Umgang mit der Vergangenheit nahmen. So haben sie in der DDR und in der BRD Gedenkst├Ątten initiiert und mitgestaltet.

Der Anhang enth├Ąlt die Kurzbiographien aller erw├Ąhnten Frauen, erg├Ąnzt durch Fotos. So wird noch einmal deutlich, welches reiche Erbe hier zerst├Ârt wurde. Dichterinnen und Malerinnen, Wissenschaftlerinnen und Komponistinnen waren hier ebenso interniert wie "ganz normale" Frauen, von deren Gedanken und Gef├╝hlen wir heute noch beeindruckt sind. Literaturhinweise laden zur weiteren Forschung zu den Frauen ein.

Ihre eigene Auseinandersetzung mit den Schicksalen der Frauen hat Barbara Degen dazu angeregt, "Erz├Ąhlungen vom Leben und vom Tod" einzelner Frauen zu verfassen. Mit Bildern der lettischen Illustratorin Lilija Diner bieten sie einen poetischen Einblick in exemplarische Einzelschicksale.

Eine weitere hilfreiche Information stellt die "Zeittafel des Schreckens" dar, die den Nationalsozialismus aus weiblicher Sicht tabellarisch darstellt.

AVIVA-Tipp: "Das Herz schl├Ągt in Ravensbr├╝ck" versammelt nicht nur informative Dokumente, die in dieser Form noch nicht zusammengetragen worden sind. Es bietet auch einen eindringlichen Zugang zu den einzelnen Frauen, deren Werke Degen zusammengetragen hat. Informativ und aufr├╝ttelnd zugleich, erm├Âglicht das Buch einen neuen Zugang zu einem viel zu wenig beachteten Kapitel der deutschen Geschichte.

Zur Autorin: Dr. Barbara Degen ist Juristin und Mitbegr├╝nderin des Feministischen Rechtsinstituts e.V.

Barbara Degen
Das Herz schl├Ągt in Ravensbr├╝ck. Die Gedenkkultur der Frauen

378 Seiten
Verlag Barbara Budrich, erschienen im September 2010
Schriften aus dem Haus der Frauengeschichte
ISBN 978-3-86649-288-2
26,90 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Die Frauen von Ravensbr├╝ck von Loretta Walz

Literatur > Biographien Beitrag vom 24.11.2010 Claire Horst 





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