Barbara Degen - Das Herz schlägt in Ravensbrück. Die Gedenkkultur der Frauen - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Biographien



AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 24.11.2010


Barbara Degen - Das Herz schlägt in Ravensbrück. Die Gedenkkultur der Frauen
Claire Horst

Im Konzentrationslager Ravensbrück waren 130.000 Menschen, zum großen Teil Frauen, interniert. Zu ihren Überlebensstrategien gehörte auch das Niederschreiben und künstlerische Verarbeiten des...




... (Über)Erlebten.

Tagebucheintragungen und Briefe, Zeichnungen und Gedichte der Frauen von Ravensbrück hat die Juristin und Mitbegründerin des Feministischen Rechtsinstituts e.V., Barbara Degen, zusammengestellt. Fotos der Inhaftierten tragen zusätzlich dazu bei, dass diese Frauen der Leserin näher rücken, dass sie der Auseinandersetzung mit ihnen nicht ausweichen kann. Für diese Eindringlichkeit ist auch Barbara Degens sehr persönliche Herangehensweise verantwortlich. Gleich zu Anfang erläutert sie ihre Beweggründe zu diesem Buch. "Am Anfang stand die Lust auf Frauengeschichte. Von den Geschichtsbüchern ... oft unsichtbar gemacht, marginal behandelt oder völlig ignoriert, gab es einen Ort in Deutschland, wo Frauen im Mittelpunkt standen, stehen mussten: RAVENSBRÜCK, ca. 80 km nördlich von Berlin."

Degen macht sich auf die Reise zurück zu diesen Frauen, die hier lebten und starben, begibt sich auf die Suche nach ihren Erlebnissen und ihrem Vermächtnis. Diese Parallelstruktur, Degens eigene Texte, die den historischen Kontext herstellen, und die Originaltexte und -bilder der Frauen, bildet auch optisch den Rahmen für das Buch: In den Haupttext sind Gedichte kursiv, Tagebucheinträge und Briefe blau eingeschoben, eine Randspalte enthält Bilder und bibliografische Angaben.

Die Leserin pendelt so beständig zwischen der Perspektive der Nachgeboren und der betroffenen Frauen, kann in deren Erlebnisse eintauchen und sie reflektieren. Die überlieferten Dokumente werden bei Degen zu Zeitzeuginnen. Sie verdeutlichen den Alltag der Frauen im KZ, ihre Ängste und ihre Solidarität untereinander. Dabei dienen die Texte und Bilder als roter Faden, der durch eine umfassende Darstellung führt. Das Buch wird so zu einem Beitrag zur Gedenkkultur der Frauen, die kein Vergessen erlaubt.

In einem ersten Großkapitel stellt Barbara Degen den Alltag im Konzentrationslager dar. Überlebenskampf und Angst, Hunger und Tod durchziehen die hier versammelten Dokumente. Daneben aber scheinen immer wieder persönliche Beziehungen auf, die Erfahrung von Solidarität und Liebe der Frauen untereinander. Auch die Rolle der TäterInnen nimmt Degen durch die Augen der Inhaftierten in den Blick.

Das zweite Großkapitel beschäftigt sich mit der Zeit nach dem Kriegsende. Wie konnte es weitergehen nach den zerstörenden Erfahrungen des Nationalsozialismus? Die überlebenden Frauen beteiligten sich als Zeuginnen an den Prozessen gegen die TäterInnen und regten die Schaffung von Gedenkstätten an. Zugleich blieben sie miteinander in Kontakt, erinnerten an die Ermordeten und bildeten so ein Netzwerk, das den Nationalsozialismus überlebte.

Nicht nur zur eigenen Verarbeitung ihrer traumatischen Erlebnisse dient also den Frauen das Geschriebene und Gezeichnete. Wie Degen verdeutlicht, haben diese Frauen die Forschung zum KZ Ravensbrück erst ermöglicht. Mithilfe ihrer Aufzeichnungen konnte die Auseinandersetzung mit dem Geschehenen beginnen, konnten TäterInnen verfolgt und die Opfer gewürdigt werden. Degen zeichnet auch nach, wie die Frauen in ihren über 20 Herkunftsländern Einfluss auf den Umgang mit der Vergangenheit nahmen. So haben sie in der DDR und in der BRD Gedenkstätten initiiert und mitgestaltet.

Der Anhang enthält die Kurzbiographien aller erwähnten Frauen, ergänzt durch Fotos. So wird noch einmal deutlich, welches reiche Erbe hier zerstört wurde. Dichterinnen und Malerinnen, Wissenschaftlerinnen und Komponistinnen waren hier ebenso interniert wie "ganz normale" Frauen, von deren Gedanken und Gefühlen wir heute noch beeindruckt sind. Literaturhinweise laden zur weiteren Forschung zu den Frauen ein.

Ihre eigene Auseinandersetzung mit den Schicksalen der Frauen hat Barbara Degen dazu angeregt, "Erzählungen vom Leben und vom Tod" einzelner Frauen zu verfassen. Mit Bildern der lettischen Illustratorin Lilija Diner bieten sie einen poetischen Einblick in exemplarische Einzelschicksale.

Eine weitere hilfreiche Information stellt die "Zeittafel des Schreckens" dar, die den Nationalsozialismus aus weiblicher Sicht tabellarisch darstellt.

AVIVA-Tipp: "Das Herz schlägt in Ravensbrück" versammelt nicht nur informative Dokumente, die in dieser Form noch nicht zusammengetragen worden sind. Es bietet auch einen eindringlichen Zugang zu den einzelnen Frauen, deren Werke Degen zusammengetragen hat. Informativ und aufrüttelnd zugleich, ermöglicht das Buch einen neuen Zugang zu einem viel zu wenig beachteten Kapitel der deutschen Geschichte.

Zur Autorin: Dr. Barbara Degen ist Juristin und Mitbegründerin des Feministischen Rechtsinstituts e.V.

Barbara Degen
Das Herz schlägt in Ravensbrück. Die Gedenkkultur der Frauen

378 Seiten
Verlag Barbara Budrich, erschienen im September 2010
Schriften aus dem Haus der Frauengeschichte
ISBN 978-3-86649-288-2
26,90 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Die Frauen von Ravensbrück von Loretta Walz


Literatur > Biographien

Beitrag vom 24.11.2010

Claire Horst 






AVIVA-News bestellen
  AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter



Hila Amit - Hebräisch für Alle. Von der Sprache zur Vielfalt.

. . . . PR . . . .

Hila Amit - Hebräisch für Alle
Das erste queere und feministische Hebräisch-Lehrbuch in Deutschland. Das Arbeitsbuch enthält zahlreiche lebensnahe Beispiele und Übungen, um den Wortschatz direkt anzuwenden und zu verinnerlichen.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.edition-assemblage.de

Herrin ihrer selbst. Zahnkunst, Wahlrecht und Vegetarismus. Margarete Herz und ihr Freundinnen-Netzwerk

. . . . PR . . . .

Margarete Herz
Ingeborg Boxhammers lebendige Biographie zeichnet die Möglichkeiten nach, die jüdische Frauen im Deutschen Kaiserreich hatten, ihre eigenen Wege zu gehen, wirtschaftlich unabhängig zu sein und sich selbst zu verwirklichen.
Mehr zum Buch und bestellen unter: www.hentrichhentrich.de

Martina Bitunjac - Lea Deutsch. Ein Kind des Schauspiels, der Musik und des Tanzes

. . . . PR . . . .

Lea Deutsch
Sie galt als das Zagreber Wunderkind der 1930er: Als hochtalentierte jüdisch-kroatische Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin hielt sie eine ganze Kulturwelt in Atem. 1943 wurde die 16jährige von den Nazis ermordet.
Mehr zum Buch und bestellen unter: www.hentrichhentrich.de

Nanna Johansson – Natürliche Schönheit

. . . . PR . . . .

Nanna Johansson - Natürliche Schönheit
Die schwedische Comiczeichnerin und Radiomoderatorin hinterfragt in ihrem feministisch-satirischen Comicband gängige Schönheitsideale und gibt mit ihren Comics intelligente Anleitungen zur Selbstliebe.
Mehr zum Buch und bestellen unter:
www.avant-verlag.de

Maria Nurowska - Briefe aus Katyn

. . . . PR . . . .

Maria Nurowska - Briefe aus Katyn
Polen vor dem 2. Weltkrieg: Janina Lewandowska lässt sich zur Pilotin ausbilden. 1939 heiratet sie ihren Fluglehrer Mieczysław Lewandowski, gerät aber nach Kriegsausbruch in russische Kriegsgefangenschaft...
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Victor Margueritte - La Garçonne

. . . . PR . . . .

Victor Margueritte - La Garçonne
Der in zwölf Sprachen übersetzte Kult-Bestseller zeigt die Geburtsstunde der »neuen Frau« und bietet eine faszinierende Zeitreise ins Paris der wilden Zwanzigerjahre.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Unda Hörner - Scharfsichtige Frauen. Fotografinnen in Paris

. . . . PR . . . .

Unda Hörner - Scharfsichtige Frauen. Fotografinnen in Paris
Biografische Porträts der Fotokünstlerinnen, Porträtfotografinnen und Fotoreporterinnen Marianne Breslauer, Gisèle Freund, Dora Maar und Lee Miller im Paris der 1920er und 1930er Jahre.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Ahima Beerlage - Riss in der Zeit

. . . . PR . . . .

Ahima Beerlage - Riss in der Zeit
Jana geht nicht gern unter Menschen. Und erzählt nie von ihrer Vergangenheit. Ihre Lebensgefährtin Frauke verbucht das unter "wortkarge Butch". Als Jana ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit gerät, ändert sich das Leben der beiden Frauen radikal.
Mehr zum Buch und Bestellinfos unter: www.krugschadenberg.de

Sybil Gräfin Schönfeldt - Sonderappell

. . . . PR . . . .

Sybil Gräfin Schönfeldt - Sonderappell
Der Roman erzählt von der 17-jährigen Charlotte, die Ende 1944 zum "Reichsarbeitsdienst" (RAD) nach Oberschlesien eingezogen wird, wo sie Ruth kennenlernt, die Tochter eines Widerstandskämpfers...
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Iris Schürmann-Mock – Frauen sind komisch. Kabarettistinnen in Porträt

. . . . PR . . . .

Iris Schürmann-Mock - Frauen sind komisch
Liesl Karlstadt, Valeska Gert, Maren Kroymann, Carolin Kebekus ... In zehn ausführlichen und fünfzig kurzen Porträts stellt die Journalistin und Autorin die Königinnen der Kleinkunst vor. Ihre Disziplinen: Comedy, Poetry Slam, Tanz, Pantomime, Chanson, Rap.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.aviva-verlag.de

Liv Strömquist - I´m every woman

. . . . PR . . . .

Liv Strömquist - I´m every woman
In ihrem feministischen Comic setzt sich die schwedische Politikwissenschaftlerin, Comiczeichnerin und Radiomoderatorin mit dem Mythos vom männlichen Genie auseinander, indem sie die Geschichte aus weiblicher Perspektive erzählt.
Mehr zum Buch und bestellen unter:
www.avant-verlag.de

Es war einmal ein Töpfchen

. . . . PR . . . .

Es war einmal ein Töpfchen
Alona Frankels "Sir haSirim" (Hebr., der Topf der Töpfe) gilt als erstes Kleinkinderbuch zum Thema "Töpfchentraining". Der israelische Kinderbuchklassiker aus dem Jahr 1975 ist jetzt auf Deutsch erschienen!
Mehr Infos zu den Büchern und zum Ariella Verlag unter:
www.ariella-verlag.de


Kooperationen

editionfuenf
HentrichHentrich
AvivA-Verlag
bücherfrauen - women in publishing
ebersbach-simon
Krug & Schadenberg -  Der Verlag für lesbische Literatur