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AVIVA-BERLIN.de im Juli 2021 - Beitrag vom 15.12.2009


Joann Sfar - Klezmer
Claire Horst

In Frankreich ist die Comic-Szene viel ausgereifter als in Deutschland und hat sich längst von ihrem Micky Maus-Image befreit. Einer der bekanntesten französischen Zeichner für Erwachsene ist...




... der in Nizza geborene Joann Sfar. Seine Familie ist sowohl von der aschkenasischen als auch von der sefardischen Richtung des Judentums geprägt. Sfar besuchte zwar eine staatliche französische Schule, lernte jedoch auch hebräisch und die Vorschriften der Torah. Die Geschichten, die in seiner Familie erzählt wurden, verarbeitet er in seinen Comics. So spielt das Judentum auch in der Reihe "Klezmer" eine große Rolle. "Klezmer" erzählt von einer Gruppe jüdischer MusikerInnen, die gemeinsam nach Odessa reisen. Dort wollen sie auf Hochzeiten spielen, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen – eine Art jüdischer Bremer Stadtmusikanten also. Wie die Bremer Stadtmusikanten sind auch Joann Sfars Figuren Ausgestoßene. Es sind Menschen, die aus verschiedenen Gründen ihre Heimatorte verlassen mussten.

Der erste Band, "Die Eroberung des Ostens", beginnt mit dem "Baron", einem Zyniker, dessen Mitmusiker von einer konkurrierenden Klezmergruppe umgebracht wurden. Gemeinsam mit der jungen Chava, die vor ihrer Verheiratung geflohen ist, zieht er musizierend durch das Land. Und gleich auf den ersten Seiten wird deutlich, was im Mittelpunkt des Comics steht: die Musik. Als der Baron auf einer Hochzeit spielt, ist das Konzert abwechselnd in der Frontalansicht und in Details zu sehen. Die Augen der begeisterten ZuhörerInnen, die wippenden Füße der Hochzeitsgäste, der finstere Gesichtsausdruck eines Konkurrenten – beim Lesen hat man fast den Eindruck dabei zu sein. Joann Sfars Begeisterung für Musik ist jedem Pinselstrich anzusehen, und so enthält eine ganze Doppelseite schon einmal nur den folgenden Text:
"Chilibilibilichili
Bom!
Chilibim!
Chili Bom!
Bomtsevaitsevaitsevaitse
Yom va yom va yom va yom va
Bom! Bom! Bom! Bom!"

Auf die einzelnen Lieder und Bands, die er zitiert, weist der Autor im Nachwort noch einmal genauer hin.

Neben dem Baron und Chava sind die Protagonisten der Junge Jaacov, der wegen Diebstahls von seinem Rabbiner vertrieben wurde, der orthodoxe Jude Vincenzo, ein Geigenvirtuose, und der Rom Tschokola, dessen Familie Opfer eines rassistischen Überfalls geworden ist. Sie alle sind Ausgestoßene der russischen Gesellschaft. Ihre Vorurteile untereinander greift Sfar ironisch auf und setzt sich mit ihnen wie der jüdisch-russischen Geschichte nicht nur in Bildern auseinander, sondern auch im Nachwort. Dort erläutert Sfar seine Einstellung zum Judentum und erklärt, was ihn daran fasziniert: "Einen Ort für die Juden finden, erklären, wie man sich als guter Jude zu verhalten hat, das ist überhaupt nicht jüdisch... Zu glauben, dass wir seit der Zerstörung des Tempels in Trauer leben, dass das Leben kurz und trist ist, aber dass eines Tages vielleicht der Messias kommt (obwohl man insgeheim davon ausgeht, dass er nicht kommen wird) und dass man ihn trotzdem fieberhaft erwarten soll – diese Sicht gefällt mir besser." Seine Leitfrage ist: "Kann man eine Heimat besingen, die nicht mehr existiert? (ohne wie ein Archäologe zu wirken?)" Ja, man kann. Das beweist Sfar mit seinen Büchern.

Der zweite Band, "Alles Gute zum Geburtstag, Scylla!", handelt von einem Konzert, das die MusikerInnen für eine alte Dame geben. In diesem Band spielt das Geschichtenerzählen eine große Rolle. Tschokola, der zum Erzähler und Unterhalter ihrer Auftritte wird, vermischt in seinen Geschichten die Erzähltraditionen der Roma und der Juden Russlands und flechtet sogar die der Kosaken mit ein. Diese Binnenerzählungen und die Liebesgeschichte zwischen Jaacov und Chave sind die zentralen Elemente des Bandes. In seinen Anmerkungen zum zweiten Band erläutert Sfar seine Maltechnik. Seine Bilder sind aquarelliert, was ihren besonderen Reiz ausmacht. Auf den ersten Blick wirken sie überfrachtet, doch mit der Zeit wird deutlich, dass gerade die Farbenpracht und Vielfalt die Lebendigkeit der Bilder ausmacht – die Figuren tanzen auf allen Seiten.

AVIVA-Tipp: Joann Sfars Bücher machen sehr viel Spaß und informieren ganz nebenbei über die Geschichte und Tradition des russischen Judentums. Großartig! Der einzige Störfaktor ist die Ungeduld, mit der nun die Fortsetzung erwartet wird.

Zum Autor: Joann Sfar wurde am 28. August 1971 in Nizza geboren. Beeinflusst von den Erzählungen und Mythen seines jüdischen Elternhauses begann er schon früh mit dem Zeichnen eigener Geschichten. Sein Weg führte ihn über ein Philosophiestudium schließlich zur Kunsthochschule und anschließend zum Comiczeichnen. Heute gehört Sfar zu den bekanntesten französischen ZeichnerInnen. Er hat bereits über 100 Alben und Bücher veröffentlicht. Dabei wechselt er beständig die Genres: Phantastische Geschichten, Abenteuer, Mystische Folklore, Science Fiction, Autobiografisches und Heroic-Fantasy wechseln sich im Werk von Sfar ab. Zudem ist er mittlerweile zu einem bekannten Kinderbuchautoren avanciert. Für seine Arbeiten wurde Joann Sfar mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet:

Der Autor im Netz: www.toujoursverslouest.org/joannsfar



Joann Sfar
Klezmer. Band 1: Die Eroberung des Ostens

Avant-Verlag, erschienen 2007
ISBN: 978-3-939080-17-6
SC, 148 Seiten, vierfarbig
19,95 Euro


Joann Sfar
Klezmer. Band 2: Alles Gute zum Geburtstag, Scylla!

Avant-Verlag, erschienen 2009
ISBN: 978-3-939080-28-2
128 Seiten, SC, vierfarbig
17,95 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Die Katze des Rabbiners

Die Puppen von Jerusalem


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Beitrag vom 15.12.2009

Claire Horst 






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