Lorenz S. Beckhardt - Der Jude mit dem Hakenkreuz. Meine deutsche Familie - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Juedisches Leben



AVIVA-BERLIN.de im Mai 2021 - Beitrag vom 08.12.2014


Lorenz S. Beckhardt - Der Jude mit dem Hakenkreuz. Meine deutsche Familie
Claire Horst

Mit 18 Jahren erfährt Lorenz Beckhardt zufällig, dass er Jude ist. Und zunächst passt diese Information überhaupt nicht zu dem, was er von seiner Familie weiß. Sein Großvater Fritz war einer der...




... höchst dekorierten Kampfflieger im Ersten Weltkrieg, ein deutscher Patriot, und Lorenz Beckhardt selbst hat ein katholisches Internat besucht.

Diese Familie soll jüdisch sein? Beckhardt kann es kaum glauben, und viele Jahre lang nimmt das neue Wissen keinerlei Einfluss auf sein Leben. Erst als ein bislang unbekannter Onkel auftaucht, ein unehelicher Sohn des Großvaters, beginnt er zu recherchieren.

Wie das geht, weiß Beckhardt: Der ausgebildete Journalist leitet die nano-Redaktion beim WDR. Das ist ein Glück für die Leserin, denn Beckhardt versteht es meisterhaft, die Geschichte seiner Familie erzählend mit der Geschichte des deutschen Judentums zu verknüpfen. Und beide Geschichten verfolgt er bis weit hinter die Geburt seines Großvaters, des "Juden mit dem Hakenkreuz", zurück. Seine persönliche Suche nach Antworten bildet dabei den roten Faden. Immer wieder tritt er als Autor selber auf, lässt die Leserin teilhaben an den eigenen Emotionen, an der eigenen Überraschung oder dem eigenen Entsetzen.

Vorangestellt ist dem Buch ein Prolog, der die Beschneidung des Autors – längst ist er erwachsen – schildert. In die eigentliche Handlung steigen wir dann im Jahr 1950 ein: Fritz Beckhardt hat die Schoah überlebt und ist nach Wiesbaden-Sonnenberg zurückgekehrt, wo er seinen Lebensmittelladen wiedereröffnet. Und in nur wenigen Sätzen wird das Entsetzliche deutlich, das mit dem Krieg längst nicht vergangen ist – der tiefsitzende Antisemitismus der nichtjüdischen Deutschen. "An jenem Herbsttag des Jahres 1950 stand Fritz in seinem Schaufenster, röstete Kaffee und wartete auf Kundschaft, aber niemand kam. Es war der Tag der Wiedereröffnung des Geschäfts, das Fritz im Februar 1934 nach einem vernichtenden Boykott der örtlichen Bevölkerung hatte schließen müssen."

Die NS-Zeit ist vergangen – doch die Deutschen sind die gleichen geblieben. Die Enttäuschung der RückkehrerInnen stellt der Autor sehr plastisch dar: "Ich habe einen Traum", so beginnt ein Abschnitt, in dem Beckhardt fantasiert, wie die ideale Aufarbeitung der NS-Zeit hätte aussehen können: Jüdische HeimkehrerInnen werden zumindest finanziell entschädigt, ihr Leid wird in Zeitungen anerkannt und erinnert, sie erhalten großzügigen Wohnraum, ihre Kinder können in eigens eingerichteten Kursen die verpasste Schulbildung nachholen, und der Staat verpflichtet die "Mitglieder von NS-Organisationen zu Hilfsdiensten in den Haushalten der überlebenden Juden". Leider folgt auf diesen Traum die üble Realität im Nachkriegsdeutschland. In dieser Realität kämpft die Familie jahrelang um Rückerstattung, wird von den gleichen NachbarInnen boykottiert wie vor dem Krieg, bereut Fritz` Sohn Kurt, der Vater des Autors, seine Rückkehr aus England und geht Fritz schließlich an Enttäuschung und unterdrückter Wut zugrunde, einen Herzinfarkt nach dem anderen hat er im Kampf mit Bürokratie und Ablehnung erlitten.

Doch Beckhardts Erzählung reicht viel weiter zurück. Bis ins 16. Jahrhundert verfolgt er die Geschichte der örtlichen jüdischen Bevölkerung in den Stadtarchiven zurück, schildert, wie seine Vorfahren Moses Abraham und Bräunle Samuel im Jahr 1829 heiraten und an welche Sondergesetze sie gebunden sind. Dabei zählt er niemals nur reine Daten auf, sondern lässt seine Figuren lebendig werden, imaginiert sie zu Menschen aus Fleisch und Blut.

Immer wieder versucht Beckhardt, das so schwer Vorstellbare durch Einfühlung vorstellbar zu machen. Manchmal geht er dabei ein bisschen zu weit, wenn er etwa die Begeisterung der Jugend für die NS-Ideologie mit seiner eigenen jugendlichen Begeisterung für antiimperialistische Parolen vergleicht, an die er in den 80er Jahren glaubte.

Und dennoch sieht der Autor einen Hoffnungsschimmer für die Zukunft. Am Ende seines Buches steht die Freude darüber, dass sein Vater heute seine Lebensgeschichte an Schulen erzählt. Und diese Erfahrung macht Hoffnung, denn die Kinder haben weder Berührungsängste noch Vorurteile. "`Die Evolution fordert ihre Opfer´, sage ich leise. `Die Arier´ sterben aus.`"

AVIVA-Tipp: "Der Jude mit dem Hakenkreuz" verbindet zwei Stränge: Die persönliche Geschichte des Autors und seiner Familie und die Geschichte der deutschen Jüdinnen und Juden seit dem Mittelalter werden miteinander verknüpft. Sehr deutlich wird dabei, dass der Antisemitismus der Nazis keineswegs aus dem Nichts kam. Mit Anfeindungen und Ausgrenzungen mussten sich schon die Vorfahren der Beckhardts auseinandersetzen. Ein hochspannendes und wichtiges Buch, das sich trotz der riesigen Materialfülle sehr gut lesen lässt.

Zum Autor: Lorenz S. Beckhardt, geb. 1961, Diplom-Chemiker und Journalist, Leiter der nano-Redaktion beim WDR. Recherchierte für den WDR-Dokumentarfilm "Der Jude mit dem Hakenkreuz" (WDR 2007) über seinen Großvater. (Verlagsinformationen)

Der Autor im Netz: https://twitter.com/LorenzBeckhardt

Lorenz S. Beckhardt
Der Jude mit dem Hakenkreuz. Meine deutsche Familie

Aufbau Verlag, erschienen im Oktober 2014
Gebunden mit Schutzumschlag, 480 Seiten
ISBN: 978-3-351-03276-0
24,95 Euro

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Literatur > Jüdisches Leben

Beitrag vom 08.12.2014

Claire Horst 






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