Esther Dischereit - Grossgesichtiges Kind / The Child With the Big Face - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Juedisches Leben



AVIVA-BERLIN.de im September 2021 - Beitrag vom 14.06.2015


Esther Dischereit - Grossgesichtiges Kind / The Child With the Big Face
Sigrid Brinkmann

Die Lyrikerin, Essayistin und Erzählerin Esther Dischereit hat Erfahrung mit Klangkunst im öffentlichen Raum. Im münsterländischen Dülmen erinnert ihr akustisches Denkmal "Eichengruenplatz"...




... mit 55 Text- und Musikstücken Passanten wie Ausruhende an den Alltag der einst jüdischen Bewohner des Städtchens.

2014 konnte man ihr jüngstes Klangzeichenwerk im Wiener Museumsquartier erleben. Aus dem Material, das die Autorin dort für eine Installation in der 2006 eingerichteten Tonspur-Passage verwandte, schuf sie die Erzählung "Grossgesichtiges Kind".

Die deutsch-englische Publikation erscheint in einer ambitioniert gestalteten Buchreihe der Universität für Angewandte Kunst in Wien (Edition Angewandte). Auf dem Cover abgedruckt sind Satzreihen. Schwarze Balken löschen drei Dutzend Wörter aus dem Textkorpus. Die übrig gebliebenen Substantive springen einem derart ins Auge, dass man sie sofort memoriert und bei der Lektüre leicht erkennt, dass Raumobjekte wie "Treppen, Geländer, Gitter" oder "Gänge, Linoleum" das enge Sichtfeld des grossgesichtigen Kindes bestimmten.

In einem emotionslos gehaltenen Ton verschränkt die Autorin Kindheitserlebnisse des grossgesichtigen Mädchens mit Situationen, die es als ältere Frau bewältigen musste. Esther Dischereit wählt die auktoriale Perspektive und gliedert die Szenen aus dem Leben der Protagonistin in 19 große Abschnitte. Das grossgesichtige Kind wuchs als Tochter einer einst verfolgten deutschen Jüdin und eines österreichischen Medizinalrates in einem der vielen Gebäude einer psychiatrischen Anstalt auf. Vereinzelte Beschreibungen legen nahe, dass mit der Anstalt das heutige Otto-Wagner-Spital in Wien gemeint ist. Dessen Gelände war früher unter dem Namen "Spiegelgrund" bekannt. Eine Gedenkstätte zur Geschichte der NS-Medizin erinnert heute an die dort begangenen Euthanasiemorde.

Fünfzig Jahre später befindet sich das grossgesichtige Kind auf der onkologischen Station eines Klinikums. Das Kind ist Frau, ist "sie" geworden. Wenn "sie" einer der kahlköpfigen Patientinnen ins Gesicht schaut, muss sie an ihre ins Konzentrationslager deportierte Mutter denken. Auch an deren Freundinnen. Ob diese die Lagerhaft überlebten, weiß sie nicht.
Esther Dischereit erzählt von einem einsamen Kind, das ohne Freunde heranwuchs, weil sich kein Gleichaltriger gern auf das bewachte Anstaltsgelände begab. Und weil Erwachsene ihm meist nur als grundlos Grinsende begegneten die nachts verzerrte Laute "aus Fenstern schickten", geriet es später gelegentlich an unredliche Menschen, denn es hatte nicht gelernt, Gesichter zu lesen. Die Autorin zeigt, wie die in den Fünfziger Jahren nicht in Frage gestellte Hierarchie in Heilanstalten Ärzte und Polizisten verführte, ihre Befugnismacht zu missbrauchen, auch wie das Machtgefälle familiäre Beziehungen ruinierte. Als Leserin erlebt man mit Beklemmung, wie eine Überlebende der Lager - zweifellos die Mutter der Autorin - nach häuslich erlittener Gewalt ohne institutionellen Schutz blieb und sie noch Jahrzehnte später für das ihr zugebilligte lächerlich kleine Privileg eines geheizten Zimmers Neid und Diffamierung ausgesetzt war. Diese Demütigungen sind das Kernthema der Erzählung. Sie sind so wenig aufzulösen wie die Fragen, die der unaufgeklärte Tod einer Freundin der Mutter aufwirft. Ihm spürt die Autorin nach und gerät dabei in ein leicht nachvollziehbares Flottieren.

Zur Autorin: Esther Dischereit, geboren 1952 in Heppenheim, lebt in Berlin und Wien, wo sie als Professorin an der Universität für Angewandte Kunst unterrichtet. Schreibt Lyrik, Prosa und Hörspiele. War lange in der gewerkschaftlichen Bildung tätig. Hörspiele für Deutschlandradio Kultur u.a.: "Nothing to know but coffee to go" (2007), "Blumen für Otello" (2014) sowie "Wurfsendungen" (2008, 2012, 2014). Im AvivA-Verlag ist 2009 von der Erich-Fried-Preisträgerin Esther Dischereit erschienen "Vor den hohen Feiertagen gab es ein Flüstern und Rascheln im Haus".
Mehr unter: estherdischereit.wordpress.com und www.estherdischereit.de

Esther Dischereit
Grossgesichtiges Kind / The Child With the Big Face

Übersetzt von Iain Galbraith
Erzählung, 80 Seiten, deutsch/englisch
edition Angewandte, De Gruyter Verlag, Berlin-München-Boston, 2015
24,95 Euro
www.degruyter.com


Mehr dazu in der Sendung von Sigrid Brinkmann auf Deutschlandradiokultur unter:

www.deutschlandradiokultur.de/ursendung

srv.deutschlandradio.de


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Esther Dischereit - Vor den hohen Feiertagen gab es ein Flüstern und Rascheln im Haus




Literatur > Jüdisches Leben

Beitrag vom 14.06.2015

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