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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 17.08.2017

Deborah Feldman - Überbitten. Eine autobiografische ErzĂ€hlung
Sigrid Brinkmann

Die Literaturkritikerin und Autorin fĂŒr Literatur- und Feature-Redaktionen des Hörfunks Sigrid Brinkmann hat sich FĂŒr das Bayern 2-BĂŒchermagazin "Diwan" erneut mit der Frau getroffen, deren 2016 erschienene Autobiographie "Unorthodox" auf Anhieb zum New York Times-Bestseller ...



...mit einer Millionenauflage wurde. "Überbitten" ist die Fortschreibung dieses Buches, es erzĂ€hlt von der Suche nach einer neuen IdentitĂ€t.

Deborah Feldman wuchs in einer ultraorthodoxen jĂŒdischen Familie von Satmar-Chassiden in Williamsburg, New York, auf. Eine strengere jĂŒdische Gemeinde als die der Satmarer gibt es nicht. Vor sieben Jahren - Deborah Feldman war gerade 23 geworden - kehrte sie ihrem Ehemann und der Gemeinde fĂŒr immer den RĂŒcken. Ihre 2011 erschienene autobiographische ErzĂ€hlung "Unorthodox" wurde in den USA – nachdem die New York Times das Buch empfohlen hatte – mehr als eine Million mal verkauft. Und auch in Deutschland, wo die Autorin seit zwei Jahren lebt, stand die ErzĂ€hlung ihrer Selbstbefreiung monatelang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Nun liegt der Folgeband vor: Er heißt "Überbitten", ist 700 Seiten stark und in sieben Kapitel (und einen Vorspann) gegliedert. Sigrid Brinkmann hat die Autorin in Berlin getroffen:

"Überbitten" ist eine autobiographische ErzĂ€hlung und die Fortschreibung des Buches "Unorthodox". Nach der Flucht begann die jahrelange Suche nach einem neuen Zuhause. Es ist ergreifend, zu erfahren, wie Deborah Feldman mithilfe von Freunden und BĂŒchern, genealogischen Forschungen und Liebesbeziehungen sowie Reisen an europĂ€ische Orte binnen sieben Jahren eine neue IdentitĂ€t geformt hat. Amerika kam ihr - nachdem sie das Land durchquert hatte – wie ein "alles zersetzenden Schlund" vor, der einen "verschluckt oder ausspuckt".

Deborah Feldman: "Wenn man sich ĂŒberlegt, sich von seiner IdentitĂ€t zu lösen – was ist, wenn ich nicht jĂŒdisch sein will? Was ist dann die Alternative? Mir ist in dieser Reise klar geworden, es gibt keine Alternative. Es ist diese IdentitĂ€t oder keine IdentitĂ€t. Ja, das war so ein großer Moment fĂŒr mich, wo ich mir klar gemacht habe, die Alternative ist genau die, die meine Gemeinschaft beschrieben hat: die Leere - das Gegenteil von Existenz, von Anwesenheit und PrĂ€senz."


Deborah Feldman hat ihr "Amerikanertum", wie sie sagt, abgestreift. Es hatte sie als Jugendliche Kraft gekostet, Englisch zu lernen, denn toleriert wurde in ihrer ultraorthodoxen Gemeinde nur Jiddisch. Der Titel des Buches ist eine Reminiszenz. Das jiddische Wort "Überbitten" beschreibt ein Ritual: In der Welt, in der Deborah Feldman aufwuchs, musste man sich stĂ€ndig bemĂŒhen, mit Gebeten und Entschuldigungen "eine wahre Versöhnung" mit Angehörigen und Nachbarn herbeifĂŒhren.
Äußerst prĂ€zise in ihrer Eigenwahrnehmung schildert die heute DreißigjĂ€hrige den Prozess ihrer Selbstbefreiung aus UnmĂŒndigkeit, Unwissenheit und materieller Not. Die Befreiung vollzog sich binnen sieben Jahren und fĂŒhrte sie und ihr Kind schließlich nach Berlin. Dort lebt Deborah Feldman seit zwei Jahren. Im Juni hat sie die deutsche StaatsbĂŒrgerschaft erhalten. Die junge Autorin und alleinerziehende Mutter ist Enkeltochter von Überlebenden des Holocaust. Die deutsche StaatsbĂŒrgerschaft anzunehmen, manifestiert den Bruch mit dem verinnerlichten Verdikt, den Kontinent zu betreten, auf dem das Leben von sechs Millionen Juden ausgelöscht worden war.

Deborah Feldman fand in Ungarn, Schweden und Deutschland Lebensspuren ihrer Großmutter, von der sie aufgezogen wurde. Die LektĂŒre von Spinoza, Primo Levi und Jean Baudrillard half ihr bei der Suche nach einem eigenen Zuhause. Und die Schriften des LiteraturnobelpreistrĂ€gers und Emigranten CzesƂaw MiƂosz ließen sie erkennen, dass IdentitĂ€t kein GefĂ€ngnis sein muss


Deborah Feldman: "Der hat wirklich noch immer an die Menschheit geglaubt, und seine BĂŒcher, ja klar, sie beschĂ€ftigten sich mit europĂ€ischer IdentitĂ€t, mit Heimat und Heimatlosigkeit, aber das Buch, woraus ich zitiere, was auf Englisch "Native Realm" heißt – es ist leider noch nicht auf Deutsch ĂŒbersetzt - , im Buch geht es darum, wie viele EuropĂ€er damit kĂ€mpfen mussten, sich europĂ€isch zu fĂŒhlen, und das habe ich angefangen, auch zu ahnen: dass ich eigentlich EuropĂ€erin bin und kĂ€mpfen muss, dies in Anspruch zu nehmen. Und das Buch war fĂŒr mich eine Art Anleitung, eine Art Anregung, diesen Prozess anzufangen."


Man stĂ¶ĂŸt in der wunderbar flĂŒssig ĂŒbersetzten Lebensmitschrift neben offenherzigen Reflexionen und anregenden intellektuellen Suchbewegungen immer wieder auch auf subtile Naturbetrachtungen. Sie evozieren Erinnerungen, die sich wie Astwerk verzweigen. Jeden Tag, sagt Deborah Feldman, erlebe sie aufs Neue das Wunder, sich aus einer zutiefst repressiven Gemeinschaft befreit zu haben. Den Fluch, es werde kein Leben außerhalb der religiösen Gemeinschaft geben, hat sie abgewehrt, indem sie sich zu den Werten der europĂ€ischen AufklĂ€rung bekannte. Die rationale Kraft der Person und Autorin Deborah Feldman vertrĂ€gt sich aufs Beste mit der bewahrten FĂ€higkeit, zu staunen und nichts fĂŒr einfach gegeben hinzunehmen.

Deborah Feldman: "Ich habe das GefĂŒhl, ich bin fast in einer Fantasiewelt immer noch, wie ich sie in den KinderbĂŒchern gelesen habe, weil nichts fĂŒr mich gewöhnlich geworden ist. Aber ich bin doch ĂŒberzeugt, dass auch wenn ich z.B. die deutsche Staatsangehörigkeit nicht erhalten hĂ€tte oder weiter dafĂŒr kĂ€mpfen mĂŒsste, das wĂŒrde die Geschichte nicht Ă€ndern, denn die Geschichte ist am Ende eine innere Geschichte."

Zur Autorin: Deborah Feldman, geboren 1986 in New York, wuchs in der ultraorthodoxen chassidischen Satmar-Gemeinde in Williamsburg, New York, auf. Ihre Muttersprache ist Jiddisch. Mit 17 Jahren wurde sie zwangsverheiratet.
Sie studierte am Sarah Lawrence College Literatur. Ihre autobiographische ErzÀhlung "Unorthodox" erschien 2012 bei Simon & Schuster und war auf Anhieb ein spektakulÀrer New York Times-Bestseller mit einer Millionenauflage. 2014 folgte ebenso Aufsehen erregend "Exodus" bei Pinguin.
Deborah Feldman lebt seit 2014 mit ihrem Sohn in Berlin.
FĂŒr die Herstellung eines Teasers zur ihrem Dokumentarfilm "The Female Touch" ĂŒber weibliche IdentitĂ€t und weibliche SexualitĂ€t vor dem Hintergrund ultraorthodoxer und fundamentalistischer Kulturen und Religionen wurde sie von der Stiftung ZURÜCKGEBEN (www.stiftung-zurueckgeben.de) gefördert.
Mehr Infos zu Deborah Feldman unter: www.deborahfeldman.de

Deborah Feldman
Überbitten. Eine autobiografische ErzĂ€hlung

Originaltitel: Exodus
Übersetzung: Christian Ruzicska
704 Seiten, gebunden ohne Schutzumschlag
28,00 Euro
ISBN 978-3-906910-00-0
ISBN 978-3-906910-01-7 (E-BOOK)
Secession Verlag fĂŒr Literatur, ZĂŒrich, erschienen 22.05. 2017
www.secession-verlag.com


FĂŒr das Bayern 2-BĂŒchermagazin "Diwan" hat Sigrid Brinkmann Deborah Feldman getroffen und AVIVA-Berlin ihren Beitrag, wie auch schon ihre Rezension zu "Unorthodox" von Deborah Feldman, freundlicherweise zur VerfĂŒgung gestellt.
Redaktion: Cornelia Zetzsche, Rezensentin: Sigrid Brinkmann

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin.

Deborah Feldman – Unorthodox
Die Literaturkritikerin und Autorin fĂŒr Literatur- und Feature-Redaktionen des Hörfunks Sigrid Brinkmann hat sich mit der Frau getroffen, deren Autobiographie auf Anhieb zum New York Times-Bestseller mit einer Millionenauflage wurde. Deborah Feldman, in der ultraorthodoxen Gemeinde in Brooklyn aufgewachsen, hat diese Erfahrungen in ihrer autobiographischen ErzĂ€hlung "Unorthodox" verarbeitet. (2016)

GET - Der Prozess der Viviane Amsalem
Eine Frau zwischen orthodoxer Tradition und dem Recht auf Selbstbestimmung in Israel: Der Film von Ronit und Shlomi Elkabetz erzĂ€hlt vom fĂŒnf Jahre dauernden Kampf von Viviane Amsalem vor dem Rabbinatsgericht um die Scheidung ihrer Ehe und um ihre persönliche Freiheit. (2015)

An ihrer Stelle - Fill the Void. Ein Film von Rama Burshtein
In ihrem preisgekrönten Spielfilmdebut gewĂ€hrt die Regisseurin und Autorin einen intimen Einblick in die Welt einer ultra-orthodoxen chassidischen Familie in Tel Aviv. Selbst Teil dieser Gemeinde, erzĂ€hlt sie aus der Perspektive der Insiderin eine Geschichte von Liebe, Heirat und PflichtgefĂŒhl, in dessen Mittelpunkt die Selbstfindung einer jungen Frau steht. (2014)

Anouk Markovits - Ich bin verboten
1939. Eine chassidische Gemeinde des Szatmarer Rebben in SiebenbĂŒrgen. Der 5jĂ€hrige Josef Lichtenstein sieht, unter dem KĂŒchentisch sitzend, zu, wie seine Mutter und seine kleine Schwester von einem AnhĂ€nger der rumĂ€nischen Eisernen Garde gemeuchelt werden. Florina, das rumĂ€nische DienstmĂ€dchen, nimmt ihn zu sich, schneidet ihm die SchlĂ€fenlocken ab, nennt ihn Anghel und gibt ihn als ihren Sohn aus. Er lernt beten wie die Christen, Ochsen vor den Pflug zu spannen, den Acker zu pflĂŒgen und seine neue Mutter zu lieben. (2014)

Ungehorsam. Der Debutroman von Naomi Alderman
Die Wahl-New Yorkerin Ronit kehrt nach dem Tod ihres Vaters in die Londoner, orthodoxe jĂŒdische Gemeinde ihrer Kindheit zurĂŒck. Dort trifft sie ihre Jugendliebe Esti wieder. (2007)

Literatur > Jüdisches Leben Beitrag vom 17.08.2017 AVIVA-Redaktion 





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