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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 25.10.2017

Henri Parens - Heilen nach dem Holocaust. Erinnerungen eines Psychoanalytikers
Nea Weissberg

Der Psychoanalytiker Henri Parens wurde 1928 in der polnischen Stadt ┼ü├│d┼║ als Aron Pruszinowski geboren. Parens, ein Child Survivor, beschrieb 2004 in der amerikanischen Originalausgabe "Renewal of life. Healing from the Holocaust" (die seit Juli 2017 im Psychosozial Verlag auf Deutsch vorliegt) erstmalig Schritt f├╝r Schritt die nachtr├Ągliche Wirksamkeit der erlittenen NS-Vernichtungsmaschinerie.



Wenn es niemanden mehr gibt, der die Familien Geschichte erz├Ąhlen kann, so bleibt nur das Erahnen, Ersp├╝ren, Kombinieren und Recherchieren: Den kleinsten Erinnerungszeichen innezuwerden, schmerzvolle Details hochkommen zu lassen, sie zu entschl├╝sseln, analytisch zu hinterfragen und historisch einzuordnen, auf diese Innenreise gelingt es Parens, die Lesenden mitzunehmen.

Parens eigene Holocausterfahrung ist pr├Ągend f├╝r sein Leben, seine Berufswahl und seine Reflektionen als Psychoanalytiker: "Schon als Jugendlicher wusste ich, dass ich Kindern helfen wollte, wenn sie verletzt wurden. Ich wusste aus eigener Erfahrung, wie eine schreckliche Verletzung das Leben verd├╝stern kann. Und sp├Ąter habe ich gelernt, dass nicht nur der eigene schreckliche Schmerz eines Individuums, sondern auch die Vernichtung von anderthalb Millionen anderer Kinder eine enorme Belastung f├╝r die Hinterbliebenen ist." (S. 228)

Der Begriff "Child Survivors" bildete sich Ende der 1970er in den USA Jahre heraus. Damit sind j├╝dische Kinder gemeint, die vor oder w├Ąhrend der Shoah geboren wurden und von Geburt an von Ermordung bedroht waren.

Erst im Alter von 73 Jahren f├╝hlte sich Henri Parens in der Lage, eine Innenschau zuzulassen: Erinnern hei├č zur├╝ckgehen in die Familien-und Zeitgeschichte. Parens erz├Ąhlt seine Lebensgeschichte, die seiner Mutter und seiner Familie und des j├╝dischen Volkes aus dem Blickwinkel eines elfj├Ąhrigen Jungen, der im Alltag jiddisch mit seiner Mutter und mit anderen franz├Âsisch sprach. So erleben wir ber├╝hrende Passagen im Buch, in dem der Psychoanalytiker sich an sein fr├╝heres Selbst z├Âgernd erinnert, zur├╝ckkehrt zum Elfj├Ąhrigen, der noch heute in einem Teil von ihm schlummert.

Der Holocaust ist f├╝r die Gegenwart ├ťberlebender von Bedeutung und ber├╝hrt ihr Leben und das ihrer Kinder. Mit dem Schreiben begann Henri Parens (der seinen polnischen Namen in den USA amerikanisiert hat) am 14. August 2002, am 60. Jahrestag der Deportation seiner Mutter in das Konzentrations-und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Nachtr├Ąglich schmerzte ihn als Psychiater die eigene seelische Zerrissenheit, sich mit der "gequ├Ąlten und qu├Ąlenden Vergangenheit", die von einem "leeren Etwas" ├╝berlagert wird, zu konfrontieren: "Seit Jahren h├Âre ich, ┬┤wir m├╝ssen Zeugnis ablegen┬┤, und trotzdem konnte ich das bis jetzt nicht angehen." (S. 14 / vgl. S. 16 und 18).

Seine Mutter Rosa Prusinowska verlie├č mit ihrem j├╝ngeren Sohn Aron 1932 ihre polnische Heimatstadt ┼ü├│d┼║. Den ├Ąlteren Sohn Emanuel lie├č sie beim Kindesvater (von dem sie geschieden war) zur├╝ck. In Osteuropa war die Diskriminierung der j├╝dischen Bev├Âlkerung in jener Zeit sp├╝rbarer und virulenter als in Westeuropa. Mutter und Sohn emigrierten nach Br├╝ssel, wo bereits seit 1900 einige Verwandte lebten. Seine Mutter arbeitete dort als Schneiderin.

Im Rahmen der deutschen West Offensive griffen am 10. Mai 1940 Verb├Ąnde der deutschen Heeresgruppen A und B das neutrale Belgien an. Infolge dessen ist Aron gemeinsam mit seiner Mutter vor der einmarschierenden Wehrmacht von Belgien nach Frankreich geflohen, um Asyl zu ersuchen. Sie wurden in Baracken des Internierungslagers "Camp de Rivesaltes", nahe der Stadt Perpignan, n├Ârdlich der spanischen Grenze, in der sogenannten "Freien Zone" eingesperrt.

Anfang 1942 gelang es Aron auf Dr├Ąngen seiner Mutter mit einer Kindergruppe zun├Ąchst in ein OSE-Heim im Kanton Saint-Rapha├źl in der Region Provence-Alpes-C├┤te d┬┤Azur fliehen und sp├Ąter in die USA. Bereits nachfolgende j├╝dische Kindergruppen, interniert in Rivesaltes, wurden von franz├Âsischen Garden, Nazi-Kollaborateuren des Vichy-Regimes, an der Flucht gehindert. Sie wurden in die sogenannte "besetzte Zone" ausgeliefert und nach Auschwitz-Birkenau deportiert.

Im Mai 1942 erwirkte das OSE (das ┬┤┼ĺuvre de Secours aux Enfants, eine franz├Âsisch-j├╝dische Kinderhilfsorganisation), dass die Eltern der f├╝r die Verschickung nach Amerika eingeteilten Kinder bei der Einschiffung ihrer S├Âhne und T├Âchter in Marseille zum Abreisetermin des Konvois dabei sein durften. Hier sah Henri Parens seine Mutter zum letzten Mal, er war nicht darauf vorbereitet worden, sie nie wieder zu sehen. (Vgl. S. 90-91)

Immer wieder ber├╝hrend sind kleine Passagen, wenn Parens Erinnerungen sein Herz schwer umspannen, ihm die Luft abschn├╝rt, die in der deutschen Ausgabe (auch in der englischsprachigen) vorzugsweise zun├Ąchst auf Jiddisch oder Franz├Âsisch wiedergegeben werden, bevor der Inhalt in der deutschen ├ťbersetzung zu lesen ist.

Vor der organisierten Schiffsabfahrt, wurden die Kinder zwecks Visaerstellung fotografiert. Parens l├Ąsst auf sich die wissenschaftlichen Untersuchungen zu Kindern von ├ťberlebenden und ├╝berlebenden Kindern seiner Kolleginnen, den Psychiaterinnen Dr. Judith Kestenberg und Dr. Ira Brenner, auf sich wirken. Beide sind federf├╝hrend in der Erforschung der nachtr├Ąglichen Wirksamkeit des Holocaust auf die Child Survivors und die Second Generation.

"Auf dem Foto sehe ich adrett aus, finde ich, mit Jackett und wei├čem Hemd. Der Hemdkragen liegt ├╝ber dem Revers meines neuen Blazers, wie es damals in Europa Mode war. In meinen Augen liegt aber der Blick ÔÇÜvom Hunger abgemagerter Kinder mit ihren ┬┤Erwachsenenaugen┬┤, den laut Judy Kestenberg und Ita Brenner die ├ärztin Dr. Adina Szwaiger im Warschauer Ghetto registriert hatte. Ich wei├č, was sie gemeint hat. Wenn ich dieses Foto anschaue ÔÇô was selten vorkommt ÔÇô, f├Ąllt mir das alles wieder ein." (S. 89).

Seine Mutter, die ebenfalls versucht hatte aus dem Lager Rivesaltes zu fliehen, wurde aufgrund eines Verrats eingefangen. Am 14. August 1942 wurde sie vom Abgangsbahnhof Le Bourget-Drancy mit dem Transport Nr. 19 zusammen mit anderen eintausend Menschen ins Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppt und dort der systematischen T├Âtung b├╝rokratisch "Endl├Âsung" ÔÇô genannt - preisgegeben. Einer aus dieser Transportliste ├╝berlebte: Serge Klarsfeld. (Vgl. S. 222)

Sein Bruder und sein Vater haben die Shoah in ┼ü├│d┼║ nicht ├╝berlebt, 2004 lagen Parens noch keine genauen Umst├Ąnde vor, bzw. fand er noch nicht die Kraft, diese zu recherchieren. Einer seiner drei S├Âhne wollte ihn dabei unterst├╝tzen.

Ausweichen vor der schmerzlichen Nachforschung:

Sich die Erniedrigung und den Schmerz ann├Ąhernd zu imaginieren, den seine Mutter, sein Vater, sein Bruder und das j├╝dische Volk erlitten haben, stellte f├╝r Parens eine gro├če Belastung dar, die zeitweise zu psychosomatischen St├Ârungen beim Schreiben und zu Schreibverz├Âgerungen f├╝hrten. Allm├Ąhlich ├╝berwand er mit Unterst├╝tzung seiner Familie, Freunden, Kollegen und ├ärzten sein Sich Verschlie├čen.

Lange z├Âgerte er nach Israel zu reisen, weil er sich verpflichtet f├╝hlte, die Holocaust Gedenkst├Ątte Yad Vashem aufzusuchen. 1999 war es soweit: "Als wir das Gel├Ąnde von Yad Vashem betraten, zitterte ich am ganzen Leib, wie wenn ich den Geistern meiner Vergangenheit begegnen sollte. Innerlich war ich ver├Ąngstigt, obwohl das nach au├čen nicht unbedingt sichtbar war. Es war ein Gef├╝hl, als w├╝rde ich jetzt ein f├╝r alle Mal die Best├Ątigung bekommen, dass meine Mutter, mein Vater, mein Bruder, andere Familienmitglieder alle tot waren, vernichtet." (S.149)

In Israel f├╝hlte sich Parens zuhause, angekommen, mit anderen verbunden, versp├╝rte Ruhe und innere Sicherheit. Mit Stolz und W├Ąrme erf├╝llte ihn sein auf Jiddisch gesprochener Satz "Ich bin a Yid", ohne sich bedroht zu f├╝hlen wie in Zeiten seiner Kindheit in Polen, Belgien und Frankreich.

Als Kinderpsychiater und -analytiker tritt Parens f├╝r die Pr├Ąvention gesellschaftlicher Alltagsschwierigkeiten ein. Er setzt sich mit den psychosozialen Voraussetzungen der fr├╝hen Kindheit auseinander, stellt sich daher die Frage, wie man Kinder positiv beeinflussen und f├Ârdern kann, sodass aggressive und destruktive Verhaltensweisen, emotionale Verst├Ârtheit bereits im Kindesalter abgeschw├Ącht und m├Âglicherweise aufgehalten, bzw. umgeleitet werden k├Ânnen.

Parens ist sich des Wertes der Kindheit bewusst und besch├Ąftigt sich mit der ┬┤condition humaine┬┤, den Verpflichtungen des Menschseins. Er fragt sich, welche Mechanismen f├╝r Ph├Ąnomene wie b├Âsartige rassistische Vorurteile, die sich in aggressiv herabsetzender Sprache, in psychischer und / oder k├Ârperlicher Gewalt, in Fremdenfeindlichkeit, in Hass, in Raub bis hin zu t├Âdlichen Gewaltverbrechen ├Ąu├čern, verantwortlich sind.

Aufgrund seiner Untersuchungen zur kindlichen Entwicklung vertritt Parens die Ansicht, dass ma├člose Erlebnisse von Gekr├Ąnktheit und Unlust zu feindseliger Zerst├Ârungswut f├╝hren k├Ânnen. Deswegen pl├Ądiert er f├╝r die Pr├Ąvention emotionaler St├Ârungen bei Kindern durch psychoanalytisch orientierte Programme zur F├Ârderung elterlicher Kompetenz und entwickelte mit seinen Kollegen Programme der fr├╝hkindlichen Entwicklung.

Henri Parens wendet sich gegen Rassenhass, Diskriminierung, Gewalt gegen Minderheiten, gegen Fremdenhass, gegen Judenfeindlichkeit und islamisch motivierten Antisemitismus. Er pl├Ądiert daf├╝r, Wege des friedlichen Zusammenlebens zu suchen und zu f├Ârdern und kooperiert mit Kollegen international.

Das Buch verdeutlicht, dass 72 Jahre nach dem am j├╝dischen Volk systematisch begangenen Mord, seelische Verletzungen durch Schwerst-Traumatisierung bei den ├ťberlebenden, individuell und kollektiv zur├╝ckbleiben ÔÇô trotz einer gut gelungenen sozialen Position und Integration im Alltag.

"Der Schmerz der Misshandlung, in extremis hat seine eigene Gesetzm├Ą├čigkeit. Obwohl er in vielen von uns nicht die Selbstachtung zerst├Âren konnte, belastet der bleierne Schmerz den Rest des Lebens. Er macht Weh, Trauer, stille Wut. Er deprimiert. Aber er konnte und kann weder ┬┤mich┬┤, ┬┤uns┬┤ noch die, die ich mehr als mich selbst liebe, ausl├Âschen. Wir haben es ├╝berlebt, viele von uns. Zu viele haben es nicht ├╝berlebt. F├╝r die ├ťberlebenden ging das Leben weiter. Merkw├╝rdig, wie unter all dem Leiden das Leben weiterging." (S.21)

In einer nachf├╝hlbaren und Herz ergreifenden Innenschau schildert Henri Parens seine Gef├╝hle von Schmerz, Erniedrigung, Scham, Schuldgef├╝hl, Angst, Zorn, Elend, Verletzlichkeit...

Parens unterscheidet zwischen "gutartigen und b├Âsartigen Vorurteilen". Es ist das "Feindseligwerden", das Hass hervorruft. Gef├Ąhrlich wird es, wenn dieses Gef├╝hl durch Politiker bzw. Politikerinnen mittels Feindbildpflege externalisiert wird und durch eine inszenierte verzerrte Darstellung eines als fremd wahrgenommen Anderen gesch├╝rt wird. Ein gesellschaftspolitisches Konstrukt, das staatlicherseits Unfrieden stiftende Verbalattacken auf als fremd wahrgenommene Andere legalisiert, f├╝hrt zu ├Âffentlichen Diffamierungen, kollektiven Ausgrenzungen, ├Âffentlichen Dem├╝tigungen und feindseligen, hassgetriebenen ├ťbergriffen und m├Ârderischen Verbrechen.

Die Vergangenheit reicht in die Gegenwart hinein, trotz der oft geh├Ârter Unkenrufe "es muss doch mal Schluss sein!" klingen die Folgen des "Dritten Reiches" und seiner menschenverachtenden Ideologie beidseits von Auschwitz bis heute nach.

AVIVA-Tipp: Das Buch "Heilen nach dem Holocaust" kann in Deutschland als eine gesellschaftspolitische Aussage gegen die sich zunehmend etablierende rechtspopulistische Verh├Âhnung und sprachliche Verrohung deutscher Patrioten und Patriotinnen gelesen werden, die sich einerseits des Nazivokabulars bedienen und andererseits mit Vehemenz negieren wollen, dass auch sie zum historischen Erbe des Nazismus geh├Âren.

Ein lesenswertes Buch, das wichtige Denkanst├Â├če bietet.

Henri Parens
Heilen nach dem Holocaust
Erinnerungen eines Psychoanalytikers

Psychosozial Verlag, erschienen Juli 2017
Softcover, 318 Seiten
ISBN 978-3-8379-2731-3
Euro 34,90
www.psychosozial-verlag.de

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