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AVIVA-BERLIN.de im September 2021 - Beitrag vom 15.03.2015


Julia Jessen - Alles wird hell
Teresa Lunz

Der bewegend-amüsante Debütroman der TV-Schauspielerin erzählt ein eigentlich ganz "normales" Frauenleben. Geprägt durch Ambitionen, Sorgen, Scheitern und Erfolge – und, ganz wesentlich, die Familie




Die Geschichte ergibt sich aus Schlaglichtern aus dem Leben der Ich-Erzählerin Oda: Da ist die Fünfjährige, die sich ganz allein auf die verbotene andere Straßenseite traut. Die Sechzehnjährige, eine pubertierende Anti-Heldin, die es niemandem recht machen will und sich von allen distanziert. Sie ist fantasiebegabt, sagt wenig und beobachtet vieles. Auf der Hochzeit ihrer jungen Tante Anneke stirbt die Urgroßmutter Betty während des Festessens und noch am selben Abend erlebt Oda mit dem Bräutigam Nils ihr erstes Liebesabenteuer. Beim anschließenden Ball tanzt sie enthemmt, stört sich plötzlich nicht mehr daran, alle Blicke auf sich zu ziehen. Vollzieht sich hier ihr Reifeprozess zu einer Person, die ihren Platz in der Welt kennt und annimmt?

"Und ich atme einfach nur ein. Und aus. Und ein. Und aus. Und denke, dass so das Leben ist. Ein und aus. Und das alles, was falsch ist, gleichzeitig richtig ist. Und dass einen niemand sehen kann. Bis man raushat, wie man sich zeigt."

Dann die knapp Vierzigjährige, erfüllt von dem Wunsch nach einem zweiten Kind, den ihr Mann Ulf nicht teilt. Die Ehekrise wirft die Partner_innen auf sich allein zurück und es fällt schwer, weiterzumachen wie bisher. Worüber reden, wo anfangen, alte Versäumnisse wiedergutzumachen?

"Die Tage sind kurz. Und ich bin klein. Wie ein Zwerg husche ich manchmal durch mein Leben. Alles in mir ist klein geworden. Die Wünsche, die Gedanken, sogar die Sehnsüchte."

Die Sechzehnjährige hat damals den Tanz für sich entdeckt. Hier konnte sie sich ausdrücken, für andere "sichtbar" werden. Letztlich hat Oda den schon in Reichweite gerückten Traum von der Tänzerinnenkarriere nicht gelebt. Sie ist mit einem Manager zusammen und vorwiegend Hausfrau, gelegentlich unterrichtet sie Jugendliche im Tanzen, doch ohne selbst etwas zu demonstrieren. Den aktiven Tanz hat sie aus ihrem Leben verbannt. Oda reaktiviert die alte Affäre mit Nils. Doch sie liebt Ulf und den gemeinsamen Sohn Fritz, und nun, wo dieser fünf Jahre alt ist, wollen die Eltern endlich heiraten.

Das Buch schildert die zeitweilige Unerträglichkeit des Alltags, ein Gefühl, das Teenager, Tanzlehrerinnen und Hausfrauen verbindet und das jede_r kennt. Zentral sind die inneren Monologe der Protagonistin, immer in Umgangssprache und der Gegenwartsform wiedergegeben, was ein Gefühl der Unmittelbarkeit gibt. Oda wirkt als Außenseiterin in ihrer Harmonie zur Schau tragenden Familie, in der Unangenehmes einfach ignoriert wird. Vielleicht ist sie aber auch das notwendige widerspenstige Element, das die Familie zu einer eingeschworenen Gemeinschaft macht und alle zusammenhält. Gerade, weil sie schonungslos die Wahrheiten auf den Tisch bringt. Wiederholt glaubt sie sich gescheitert und immer wieder findet sie einen Ausweg für sich , so, wie das den Leser_innen aus dem eigenen Leben bekannt erscheinen könnte.

"… da denke ich, wie dünn die Linien sind. Zwischen dem, was ist und dem, was sein könnte. Und dass man die Vorzeichen alle ändern kann. Die für sich. Die für die anderen."

Chaotisch, sympathisch, immer ehrlich und mit einem gehörigen Schlag Humor kommt Oda mit ihrem Leben und ihrer Familie klar. Und erweist sich hierin als Vorbild, ohne eine Lebensweisheit zu zelebrieren.

Zur Autorin: Julia Jessen, geboren 1974, hat ihr Literaturstudium abgebrochen und eine Ausbildung zur Schauspielerin gemacht. Sie arbeitet seit zehn Jahren für Film und Fernsehen, spielte in mehreren Theaterproduktionen und unterrichtete an verschiedenen Schauspielschulen. Unter anderem war sie in den TV-Sendungen "Küstenwache" und "Notruf Hafenkante" zu sehen. 2010 gründete sie das "Kurswerk" in Hamburg für Schauspielunterricht und Persönlichkeits- und Präsenztraining. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Hamburg. (Quelle: Verlagsinformation)
Weitere Infos zur Autorin finden Sie unter:

www.ndr.de. "Alles wird hell" als Buchtipp des NDR
www.ardmediathek.de. Julia Jessen zu Gast im Bücherjournal des NDR. (Videobeitrag verfügbar bis 04.06.2015)

AVIVA-Tipp: Die Unsicherheit des Teenagers, Konflikte in der Ehe, Schwierigkeiten dabei, den eigenen Traum zu leben und die empfundene Notwendigkeit, es trotzdem zu tun: Julia Jessen konfrontiert uns mit bekannten Szenarien, die wir mit der Protagonistin intensiv durchleben, durchleiden, durchlachen – und meistern. Jede von uns könnte an Odas Stelle stehen. Sie ist eine neue Bridget Jones. Etwas lebensnäher noch, dafür jedoch nicht weniger charmant.

Julia Jessen
Alles wird hell

Antje Kunstmann Verlag, erschienen im Februar 2015
Gebunden, 283 Seiten.
ISBN 978-3-95614-024-2
19,95 Euro
www.kunstmann.de

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Hila Blum – Der Besuch

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Beitrag vom 15.03.2015

AVIVA-Redaktion 






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