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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 15.05.2016

Gabriele Tergit - K√§sebier erobert den Kurf√ľrstendamm
Esther Schwarz

Als der Volkssänger Käsebier 1931 zum Megastar wird, ist Berlin ist eine aufregende und dynamische Stadt, eine Stadt vieler Kulturen und Identitäten. Der satirische Gesellschaftsroman der als Elise Hirschmann geborenen Schriftstellerin und Gerichtsreporterin erschien 1931...



... erstmals im Rowohlt Verlag. In den Folgejahren wurde das Werk √ľber das Berlin der sp√§ten Weimarer Republik in verschiedensten Verlagen ver√∂ffentlicht, geriet schlie√ülich in Vergessenheit, bevor er nun, im Fr√ľhjahr 2016, im Sch√∂ffling Verlag von Nicole Henneberg herausgegeben und mit einem Nachwort versehen wurde.

Gabriele Tergits öffentliche Kritik an der "Reklame" der Zeit

Die Stadt wächst rasant im Takt der Spekulanten. Die Zeitungsstadt lebt von schnellen Geschichten, Klatsch und Tratsch und von Sensationen. Je bunter und doller, umso besser:
"Je schlechter geschrieben die Zeitungen sind, hat neulich so ein Verlagshengst gesagt, umso mehr werden sie gekauft. Wozu Talent? Nicht-Talent mit etwas Sadismus gew√ľrzt bringt viel mehr Geld ein."

Von Neuk√∂lln an den Ku¬īdamm

Die Redakteurinnen und Redakteure der Bl√§tter sind fieberhaft auf der Suche nach der sensationellsten Geschichte. Die Berichterstattungen √ľber den Volkss√§nger K√§sebier aus dem unglamour√∂sen Neuk√∂lln schaffen es auf die Titelseiten und so auch an den Ku¬īdamm. Nach dem ersten Artikel wendet sich Georg K√§sebier √ľberschwenglich an die Redaktion: "Geehrte Herr, wie soll ich Ihnen je danken, da√ü Sie mich derart lobend erw√§hnt haben. Ich schicke Ihnen einen Pa√üpartu f√ľr alle Auff√ľhrungen, meine Frau dankt auch." Er wird zur gro√üen Entdeckung aufgeblasen. Ein kometenhafter Aufstieg scheint zu gelingen. Seine harmlos-schmalzigen Songs bet√∂ren die ganze Stadt. Ein wahnsinniges Merchandising treibt bizarre Bl√ľten: von Schuhen Marke K√§sebier bis zu K√§sebier-Gummipuppen "f√ľr die Kleinen, damit sie lachen und nicht weinen".
An diesen Erfolg m√∂chten sich viele h√§ngen und ihr eigenes Profits√ľppchen dabei schl√ľrfen.

"Aber wenn man vorw√§rts kommen will, dann gibt¬īs nur den Westen. Den Zug nach dem Westen. ¬īDas M√§dchen aus dem goldenen Westen¬ī gibt¬īs ne Operette. Sehen Sie, wenn Sie ein Theater am Kurf√ľrstendamm haben, sind Sie ein gemachter Mann. [‚Ķ] Stellen Sie sich vor, Sie haben ein Theater am Kurf√ľrstendamm ¬īK√§sebiers Gute Stube¬ī oder ¬īK√§sebiers Sommergarten¬ī. Das ist richtig. Rokoko ist abgemeldet. Knif. Kommt nicht in Frage."

Käsebier selbst bleibt dabei bis zum Schluss konturlos und ist vielleicht mit den heutigen kurz aufsteigenden und wieder versinkenden Stars und Sternchen der Castingshows zu vergleichen. Eben ein kurzfristiges Phänomen. Bald ist er dann auch wieder out und vergessen, und das Leben geht weiter.

Ein weiterer wichtiger Protagonist dieses Romans ist Berlin. Ein laut schwirrender Bienenkorb. Die Arbeit in den Redaktionen der Zeitungen wird von der Autorin äußerst atmosphärisch als Mikrokosmos gezeichnet "Was soll ich bloß morgen an die Spitze bringen?"
Die LeserInnen erfahren so, wie der damalige Berliner Zeitungsmarkt aussah oder was eine gute Story ausmacht. Der Journalist Fr√§chter, K√§sebiers Entdecker und sp√§terer "Retter" des dahinsiechenden "Abendblatts", hat sich f√ľrstlich entlohnen lassen, bevor er am Ende geschasst wird. Die Zeitungsredaktion bildet auf einer zweiten Ebene das Spiegelbild der Stadt ab. Immobilienmakler und Spekulanten, Bankiers und Anw√§lte zeigen uns eine amoralische Stadt ohne Gewissen, in der nur der Profit z√§hlt. Die kapitalistische Enthemmung fr√∂nt fr√∂hliche Urst√§nde. Bis irgendwann die Blase platzt.

Faszinierend sind auch die authentischen Schilderungen der Autorin √ľber das Berliner Nachtleben. In Variet√©s, Kabaretts und Theatern herrscht Bombenstimmung. K√§sebier gastiert im Wintergarten und singt freundlich seine Lieder. Er will nur unterhalten. "Ich tanz Charleston, du tanzt Charleston, er tanzt Charleston und was tun Sie?" Und die gelangweilten Erlebnishungrigen der guten Gesellschaft pilgern scharenweise zu ihm.

Die Schriftstellerin und Gerichtsreporterin Gabriele Tergit bringt ihre Sozialkritik vor allem an in ihren präzisen Betrachtungen des Molochs Berlin und seiner skrupellosen Geschäftemacher, aber auch in ihrer Beschreibung des aufkommenden Antisemitismus.
Bemerkenswert ist ihre genaue Beobachtung der Rolle der Frauen dieser Zeit: Sie portraitiert vor allem die "Neue Frau" zu denen sie bis zu ihrer erzwungenen Flucht aus Deutschland ebenfalls zählte.

Zur Autorin: Gabriele Tergit ist ein Pseudonym f√ľr Elise Reifenberg, die am 4. M√§rz 1894 in Berlin als Elise Hirschmann geboren wird. Ihr Vater ist j√ľdischer Fabrikant, die Mutter, Nicht-J√ľdin, Frieda Hirschmann, geborene Ullmann, ist gemeinsam mit dem Vater in der Posamentenbranche t√§tig.
Elise, die sozial engagiert ist, besucht gegen den Willen des Vaters die "Soziale Frauenschule" von Alice Salomon. 1919 folgt die Aufnahme des Studiums der Geschichte, Soziologie und Philosophie, sie will unbedingt Journalistin werden. Auch dies missf√§llt ihrer Familie. Ab 1915 erfolgt die Ver√∂ffentlichung erster Feuilletons und Reportagen in Zeitungen, anf√§nglich in der "Vossische Zeitung", dem "Berliner B√∂rsen-Courier", der antifaschistischen "Weltb√ľhne" und sp√§ter im "Berliner Tagblatt". Ihren ersten Zeitungsartikel widmet Gabriele Tergit Frauenproblemen im Krieg, sie publiziert auch zum Thema "Frauendienstjahr und Berufsbildung". Als Schriftstellerin wird sie durch den Roman "K√§sebier erobert den Kurf√ľrstendamm" (1931) bekannt. Als Gerichtsreporterin verfolgt und berichtet sie auch 1932 einen Gerichtsprozess gegen Hitler, der wegen eines Pressevergehens vorgeladen war. Dadurch ger√§t sie in das Visier der Nazis ger√§t, die 1933 durch die SA ihre Wohnung st√ľrmt und sie verschleppen will. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Architekten Heinz Reifenberg, fl√ľchtet sie √ľber Prag, 1933 nach Pal√§stina und 1938 nach London. Nach dem Ende der Nazi-Diktatur ist sie nochmals als Gerichtsreporterin t√§tig und verfolgt politische Prozesse, darunter den Veit-Harlan-Prozess in Hamburg, nach dessen Freispruch sie ihre Arbeit als Gerichtsreporterin desillusioniert aufgibt. Tergit fragte sich: "Kann man eine Zivilisation so neu anfangen? Indem man weitermacht, als w√§re nichts geschehen?"
Symptomatisch f√ľr das Desinteresse der Deutschen am Schicksal der Juden ist auch der ausbleibende Erfolg des zweiten Romans von Gabriele-Tergit, "Effingers", den sie 1931 begonnen hatte und der erst 1951 erscheinen konnte. Der Roman beschreibt das Schicksal einer j√ľdischen Familie in Berlin von 1878 bis 1948.
Gabriele-Tergit starb am 25. Juli 1982 in London, wo sie von 1957 bis 1981 als Sekret√§rin des PEN-Zentrums t√§tig war. In ihrer 1983 posthum erschienenen Autobiographie "Etwas Seltenes √ľberhaupt" schildert sie die Zeit des Schreibens als die gl√ľcklichste ihres Lebens. Nach der Gerichtsreporterin und Schriftstellerin wurde in Berlin die Gabriele-Tergit-Promenade benannt.

AVIVA-Tipp: Endlich ist dieser mitrei√üende Berlin-Roman wieder lieferbar. Es war der erste Roman der Gerichtsreporterin Gabriele Tergit, die mit Unterbrechungen in knapp vier Wochen die Geschichte zu Papier gebracht hatte. Ihr im November 1931 bei Rowohlt erschienener Deb√ľtroman wurde ein Bestseller. Das besondere Vergn√ľgen dieses Romans ist die leichte, witzige und pointierte Sprache, in der von Aufstieg und Fall des Volkss√§ngers Georg K√§sebier ebenso wie von der erlebnishungrigen Berliner Gesellschaft, den skrupellosen Gesch√§ftemachern und gewissenlosen Boulevard-Journalisten und deren Revolverbl√§ttern ebenso wie in scharf gesetzten Worten vom aufkommenden Nationalsozialismus berichtet wird. Gabriele Tergit steht damit in einer Riege u.a. mit Irmgart Keun, Vicky Baum, Siegfried Kracauer, Hans Fallada, Lili Gr√ľn und Mascha Kaleko. Diese SchriftstellerInnen haben das Berlin der 30er Jahre besonders gut abgebildet.

Gabriele Tergit
K√§sebier erobert den Kurf√ľrstendamm

Herausgegeben und mit einem Nachwort von Nicole Henneberg
Schöffling Verlag, erschienen am 07.03.2016
Fester Einband, Lesebändchen, 400 Seiten
24,95 Euro [D] / 25,70 Euro [A]
ISBN: 978-3-89561-484-2
www.schoeffling.de


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Literatur > Romane + Belletristik Beitrag vom 15.05.2016 AVIVA-Redaktion 





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