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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 15.05.2016

Joanna Bator - Dunkel, fast Nacht
B├Ąrbel Gerdes

Wie der Titel schon verr├Ąt, handelt es sich bei Joanna Bators neuen Roman um ein d├╝steres Buch. Virtuos erz├Ąhlt die polnische Schriftstellerin die Geschichte zweier Schwestern, einer kaputten Gesellschaft und die der Katzenfrauen.



Sie kann es einfach! Schon mit ihren mehrfach ausgezeichneten Romanen Sandberg und Wolkenfern bewies Joanna Bator zu welch erz├Ąhlerischen H├Âhen sie in der Lage ist, wie m├╝helos sie die bunten F├Ąden ihrer Romane aufnehmen und miteinander verkn├╝pfen kann und auf welch fantasievolle, ja, magisch-realistische Weise sie gesellschaftliche Stimmungen und Situationen erwecken kann.

Ihr im Fr├╝hjahr 2016 ins Deutsche ├╝bersetzter Roman Dunkel, fast Nacht gewann in Polen die h├Âchste literarische Auszeichnung, den Nike-Preis. Ciemno, prawie noc, so hei├čt er im Original, hat Bator fast vollst├Ąndig in Japan geschrieben. Vier Jahre hat sie dort gelebt, ihr Lieblingsautor ist Hariki Murakami, und das scheint auch in diesem Roman durch, in dem der Vater der Protagonistin in einem Schloss in unterirdischen Stollen vergeblich nach dem Schatz einer F├╝rstin Daisy sucht und in dem es Katzenfresser und Ektoplasma gibt.

Alicja Tabor, eine Journalistin, berichtet uns von der R├╝ckkehr in ihre Heimatstadt, die sie vor langer Zeit fast fluchtartig verlassen hatte. Drei Kinder sind in diesem Ort verschwunden, und es scheint, dass nicht viel M├╝he darauf verwendet wird, sie wiederzufinden. Doch gleich beim Betreten des seit Jahren leerstehenden Hauses ihres Vaters ├╝berf├Ąllt Alicja die Erinnerung: alles ist d├╝ster und unheimlich und immer st├Ąrker schieben sich die Traumata ihrer Kindheit in den Vordergrund, zuallererst in Gestalt ihrer ├Ąlteren Schwester Ewa, von der sie liebevoll Kamelin genannt wurde und die sich das Leben genommen hat. Immer besser versteht Alicja den Grund daf├╝r und ist entsetzt ├╝ber die Vielschichtigkeit ihrer Entdeckungen. "Ich war nicht hergekommen, um meine Schwester zu beweinen, denn das w├╝rde ich ohnehin bis an mein Lebensende tun. Ich war zur├╝ckgekommen, um zu verstehen, was geschehen war."

Joanna Bator macht es der Leserin nicht einfach: dem entsetzlichen Verbrechen an das M├Ądchen stellt sie das entsetzliche Verbrechen an die T├Ąterin gegen├╝ber und ├╝berl├Ąsst es uns, dar├╝ber nach zu denken oder sogar dar├╝ber zu urteilen.

Die Autorin bildet eine Gesellschaft ab, die nur allzu gerne nach schnellen L├Âsungen sucht, indem sie Menschen ausgrenzt und verurteilt und die ebenso bereitwillig ist, sich auf selbsternannte Propheten oder Erl├Âser einzulassen.

Wie ihre vorigen Romane so spielt auch dieses Buch im fr├╝heren Schlesien, dem Ort Walbrzych, das ehemalige Waldenburg, das auch Bators Geburtsort ist. Polnisch-deutsche Geschichte trifft hier aufeinander, individuelle Traumata, so es denn ├╝berhaupt solche gibt, treffen auf gesellschaftliche.
Sie sei an Mikroerz├Ąhlungen interessiert, sagt Joanna Bator, die gro├če Geschichte interessiere sie nicht. Und so nimmt sie uns mit in den unheimlichen Garten, wo die Protagonistin mit Hans, dem Teddyb├Ąren aus der DDR, Schutz vor der geisteskranken Mutter sucht oder zu der transsexuellen Bibliothekarin, die die erwachsene Alicja bei ihrer Suche unterst├╝tzt.
Und sie nimmt uns mit in die Welt des Internets mit seinen Hasstiraden und seiner sprachlichen Verrohung.

Bators Roman ist d├╝ster, doch auch ├╝berbordend von Fantasie. Es ist beeindruckend, mit welcher Sprachmacht sie schreibt, wie sie es schafft, dennoch Ironie und selbst Humor in dunkelste Kapitel einzuarbeiten. In einem Interview ├Ąu├čerte Bator sich so: "Ich habe immer geglaubt und glaube immer noch, dass das Einzige, was uns in einer besonders schlimmen Situation, in einer pers├Ânlichen oder globalen Katastrophe ├╝brigbleibt, die M├Âglichkeit ist, die eigene Geschichte neu zu erz├Ąhlen."

AVIVA-Tipp: Krimi? Drama? Auf jeden Fall wieder ein sehr packender und lesenswerter Roman der polnischen Autorin.

Zur Autorin: Joanna Bator, geboren 1968 in Polen, studierte Kulturwissenschaften und Philosophie in Woclaw und publizierte in wichtigen polnischen Zeitungen und Zeitschriften. F├╝r ihre Reportage Japonski wachlarz (Der japanische F├Ącher) erhielt sie 2005 den Beata-Pawlak-Preis. F├╝r ihren Roman Sandberg, der auch in Deutschland ein gro├čer Erfolg wurde, wurde sie mit dem Preis der Gesellschaft der polnischen Buchverlage ausgezeichnet. 2013 erhielt sie f├╝r Ciemno, prawie noc den Nike-Literaturpreis. F├╝r ihren Roman Dunkel, fast Nacht stand Joanna Bator gemeinsam mit Lisa Palmes auf der Shortlist des Internationalen Literaturpreises ÔÇô Haus der Kulturen der Welt 2016.
Joanna Bator ist Hochschuldozentin und lebt in Japan und Polen.

Zur ├ťbersetzerin: Lisa Palmes ist Polonistin und Germanistin und hat zahlreiche Werke aus dem Polnischen ├╝bersetzt, u.a. von Mariusz Czubaj und Lidia Osta┼éowska. Sie arbeitete an der Humboldt-Universit├Ąt und lebt heute als freie ├ťbersetzerin in ihrer Wahlheimat Berlin.
lisapalmes.de

Joanna Bator
Dunkel, fast Nacht

Originaltitel: Ciemno, prawie noc im Verlag W.A.B., Warschau
Aus dem Polnischen von Lisa Palmes
Suhrkamp Verlag, erschienen am 7.3.2016
511 Seiten, gebunden, auch als E-Book erh├Ąltlich
ISBN 978-3-518-42497-1
24,95 Euro
Mehr Infos zum Buch und zur Autorin unter:
www.suhrkamp.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin

Joanna Bator ÔÇô Wolkenfern
Mit ihrem Roman um zwei starke Frauen entfaltet die mehrfach ausgezeichnete polnische Autorin ("Sandberg") erneut ihr erz├Ąhlerisches und kompositorisches K├Ânnen. Virtuos ├╝bersetzt von Esther Kinsky (2013)


Literatur > Romane + Belletristik Beitrag vom 15.05.2016 B├Ąrbel Gerdes 





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