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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 25.07.2017

Margaret Atwood - Hexensaat
Doris Hermanns

Die mehrfach international ausgezeichnete kanadische Autorin Margaret Atwood ("Der Report der Magd", "Die Geschichte von Zeb", "Moralische Unordnung", "Das Jahr der Flut") hat in ihrer Bearbeitung des Shakespeare St├╝cks "Der Sturm" die Handlung von einer Insel auf eine Art gesellschaftliche Insel verlegt: ein Gef├Ąngnis.



Im Hogarth Shakespeare Projekt zu Ehren seines 400. Todestages im vorigen Jahr ist jetzt der vierte Band erschienen. Die Autorinnen und Autoren konnten sich selber ein St├╝ck aussuchen und f├╝r Margaret Atwood war die Entscheidung klar: Der Sturm, da das St├╝ck, wie sie im September 2016 gegen├╝ber dem the Guardian sagte, eine Menge unbeantworteter Fragen als auch einige sehr komplexe Charaktere beinhalte. Die Herausforderung, diese Fragen zu beantworten und die Verwirrungen zu entknoten, war f├╝r sie Teil der Anziehung des St├╝ckes.

Aber worum geht es in dem Roman und in dem St├╝ck? Es ist an sich ein Theaterst├╝ck in einem Theaterst├╝ck in einem Roman. Felix, die Hauptperson des Romans, um den sich alles dreht, ist der Direktor eines ber├╝hmten Shakespeare Festivals. W├Ąhrend der Vorbereitung zu einer Auff├╝hrung von Der Sturm wird er pl├Âtzlich und unerwartet durch eine Intrige seines engsten Mitarbeiters entlassen und ersetzt. Dabei war er davon ausgegangen, dass diese Inszenierung das Beste sein w├╝rde, was er je geschaffen hatte. Er war ganz besessen davon, weil ihn die Arbeit von den erst k├╝rzlichen Toden seiner Frau und seiner Tochter ablenkte. Sein Traum war es, dass seine Tochter dank der von ihm geschaffenen Zauberblase wieder zu neuem Leben erweckt w├╝rde.

Zw├Âlf Jahre lang zieht sich Felix zur├╝ck und sinnt auf Rache. Seine Tochter Miranda lebt wie ein Geist bei ihm, f├╝r ihn ist sie real und er sieht sie ├Ąlter werden. Wie in Shakespeares St├╝ck, in dem zuf├Ąllig ein Schiff mit den Beteiligten an der Insel vorbeikommt, wohin es den Zauberer Prospero verschlagen hat, was ihm die Gelegenheit zu seiner Racheaktion bietet, so ergibt sich auch f├╝r Felix eine M├Âglichkeit durch einen Zufall. Seit kurzer Zeit arbeitet er unter einem falschen Namen in einem Projekt einer Justizvollzugsanstalt, wo er mit Insassen j├Ąhrlich ein Theaterst├╝ck von Shakespeare ein├╝bt. Als er nun h├Ârt, dass seine alten Widersacher, die inzwischen Minister geworden sind, zu einem Besuch in die Anstalt kommen, sich ein St├╝ck anschauen und danach das Programm streichen wollen, ist f├╝r ihn die Zeit der Rache gekommen: "Er hat die Lage doch unter Kontrolle, oder nicht? Die richtigen Worte in der richtigen Reihenfolge, das ist seine wahre Absicherung."

Er beginnt, den Sturm - denn kein anderes St├╝ck kommt f├╝r ihn in dieser Situation in Frage - mit den Insassen einzu├╝ben. Detailliert wird beschrieben, wer sich f├╝r welche Rolle eignet und wie sie ausgef├╝llt werden soll. Und wie soll mit der einzigen Frauenrolle verfahren werden? Keiner der M├Ąnner will eine Frau spielen, sie w├╝rden sonst an "Status" einb├╝├čen und zur Zielscheibe von Spott werden. F├╝r diese Rolle arrangiert Felix eine Frau von au├čen, die er noch von fr├╝her vom Theater her kennt, und die seine Pl├Ąne unterst├╝tzt.
Auch gegen die Rolle des Luftgeistes Ariel wehren sich die M├Ąnner zuerst, da sie ihn als weiblich wahrnehmen (nicht ganz zuf├Ąllig wurde diese Rolle u.a. im Jli 2017 im Theater O-Ton in Berlin auch von einer Frau gespielt, ganz gro├čartig von Gayane Hakobyan), bis sie aufgefordert werden, sich n├Ąher mit dieser Figur zu besch├Ąftigen und zu dem Schluss kommen, dass er derjenige f├╝r die Spezialeffekte ist ÔÇô eine Rolle, die ihnen eindeutig mehr zusagt.

Und die Spezialeffekte sind in diesem St├╝ck so wichtig, wie es die Magie im Original war. Erst langsam wird deutlich, wie sich die Rache gestalten soll, die sich Felix ausgedacht hat, wie er sie mithilfe der am Theaterst├╝ck Beteiligten umsetzen kann, ohne dass es von der Gef├Ąngnisdirektion bemerkt wird. Und die Folgen sind erstaunlich und haben viel von einem Happy End. Atwood l├Ąsst die SpielerInnen weiterspinnen: Wie w├╝rde es mit ihren Figuren weitergehen? Wunderbarerweise l├Ąsst sie hierbei verschiedene Ideen der unterschiedlichen SpielerInnen nebeneinander stehen, denn die Vorstellungen der einen m├╝ssen die Vorstellungen der anderen nicht ausschlie├čen.

AVIVA-Tipp: Eine sehr gelungene Umsetzung eines alten Stoffes in die heutige Zeit. Es ist dem Roman anzumerken, dass es Atwood gro├čes Vergn├╝gen bereitet hat, sich mit diesem Theaterst├╝ck und mit Theater ├╝berhaupt zu besch├Ąftigen.

Zur Autorin: Margaret Atwood, geboren 1939 in Ottawa, geh├Ârt zu den bedeutendsten Erz├Ąhlerinnen unserer Zeit., ver├Âffentlichte bisher ├╝ber 40 B├╝cher, darunter "Der Report der Magd", das Kultbuch einer ganzen Generation. Daneben hat die mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnete Schriftstellerin, unter anderem mit dem renommierten Man Booker Prize und dem Nelly-Sachs-Preis, auch als Cartoonistin, Illustratorin, Librettistin, Dramatikerin und Puppenspielerin gearbeitet. Weitere Auszeichnungen (2017): Ivan Sandrof Award for Lifetime Achievement, St. Louis Literary Award, Carl Sandburg Literary Award, Peace Prize, Franz Kafka International Literary Prize, und PEN Center USA Lifetime Achievement Award. Ihr Werk ist inspiriert von M├Ąrchen, Mythen, Umwelt- und Zukunftsfragen. Margaret Atwood lebt in Toronto.
(Quelle: Verlagsinformation)
Mehr zu Margaret Atwood auf ihrer Website unter:
www.margaretatwood.ca

Zur ├ťbersetzerin: Brigitte Heinrich, geboren 1957 am Bodensee, lebt nach Verlagst├Ątigkeit in etlichen St├Ądten und H├Ąusern als ├ťbersetzerin, Herausgeberin und Lektorin in Frankfurt am Main.

Margaret Atwood
Hexensaat

Originaltitel: Hag-Seed: The Tempest Revisited
Aus dem Englischen von Brigitte Heinrich
Roman
KNAUS Verlag, erschienen 17.04.2017
Gebunden mit Schutzumschlag. 320 Seiten
ISBN 978-3-8135-06754-4
Euro 19,99
Zum Buch:
www.randomhouse.de

Mehr zum Shakespeare Hogarth Project:
www.randomhouse.de

Die Biografie von Margaret Atwood auf FemBio:
www.fembio.org

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

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Seit Jahren ist die kanadische Schriftstellerin als Kandidatin f├╝r den Literaturnobelpreis im Gespr├Ąch. Anl├Ąsslich ihres 75. Geburtstages erscheint nun ein Gedichtband der Autorin im Berlin Verlag. (2015)

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Literatur > Romane + Belletristik Beitrag vom 25.07.2017 Doris Hermanns 





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