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AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 15.05.2019


Anna Opel - Ruth Moabit
Ahima Beerlage

In ihrem ersten Roman schlägt die Dramaturgin und Übersetzerin Anna Opel eine Brücke zwischen der Ahnmutter König Davids, Rut, und ihrer Schwiegermutter Noomi mit Noemi, der Berlinerin in der Gegenwart, die die geflüchtete Eritreerin Rahua bei sich aufnimmt. Anna Opel transportiert die archetypische Geschichte …




... der Heiligen Schriften mit der Warteschlange vor dem LaGeSo im Moabit von 2015. Eine sich immer wiederholende Geschichte zwischen Flucht, Leid, Hilfe und Bevormundung – und von der vorsichtigen Freundschaft zwischen Frauen.

Auf den ersten Blick scheinen die beiden Frauen, die eine aus Deutschland und die andere aus Eritrea, nicht zusammenzupassen. Rahua aus Eritrea hat alles hinter sich gelassen – Menschen, die sie liebt, und ein Land, das ihr das Überleben fast unmöglich gemacht hat. Auf der Flucht hat sie viel Leid und Schrecken erlebt. Vielleicht, denkt sie, war ihre Flucht eine Entscheidung gegen das Bleiben, Gegen Wurzeln aller Art. Das wäre schlimm, sie fürchtet sich davor, niemals ankommen zu können, immer auf der Flucht. Kein Leben, eine Strafe wäre das. Sie bindet sich an nichts und niemanden mehr, um nicht noch einmal den Schmerz des Loslassens fühlen zu müssen. Die Berlinerin Noemi dagegen ist gerade erst im Prozess, alles, was ihr gewiss und sicher erschien, zu verlieren. Ihr Mann betrügt sie, ihre Mutter liegt im Sterben und ihre Tochter löst sich immer mehr aus ihrem Familienleben.

Wenn Noemi aus ihrem Fenster in Moabit sieht, fällt ihr Blick auf die langen Warteschlangen vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales. Es ist das Jahr 2015 und Tausende Menschen haben sich auf den Weg nach Europa gemacht, um der unerträglichen Situation in ihren Heimatländern zu entfliehen. Rahua ist eine von ihnen. Ein Freund vermittelt ihr das Zimmer bei Noemi. Eine Geschichte entspinnt sich zwischen diesen beiden Frauen, die so unterschiedliche Lebensbedingungen haben, in der beide Frauen sich vorsichtig annähern. Während Noemi zunehmend den Boden unter den Füßen verliert, hilft Rahua ihr bei der Pflege ihrer sterbenden Mutter, die Rahua im Gegenzug Deutsch beibringt. Noemi sieht sich in der Rolle der Helfenden und merkt nicht, wie hilflos sie selbst ist. Sie steckt fest in ihrem Leben. Es dauert lang, bis sie mit Rahuas Hilfe herausfindet, was sie zu tun hat. Machen. Entscheiden. Haare schneiden. Ganz kurz. Tom verlassen. Ja, genau. Fortgehen. Etwas tun und sich so gegen die Ohnmacht wehren. Und zuhören.

Rahua verlässt die vermeintliche Sicherheit gepaart mit Abhängigkeit, die Noemi ihr bietet, um weiter ihren Traum zu verfolgen, auch wenn der erst einmal heißt, einen Knochenjob in einem chinesischen Restaurant in London annehmen zu müssen und immer über die Schulter sehen zu müssen, um nicht abgeschoben zu werden. Doch die beiden Frauen sind noch lange nicht miteinander fertig.

Erste Romane bewegen sich meist auf sicherem erzählerischem Terrain. Nicht so der Roman von Anna Opel. Kühn schlägt sie eine Brücke zwischen eine der großen Frauengeschichten aus der Zeit noch vor König David und einer der größten Sinnkrisen, die die Bundesrepublik und Europa in den letzten Jahrzehnten zu bewältigen hatte: dem Jahr 2015, in dem tausende Geflüchtete in Deutschland Asyl und Sicherheit suchten. Während die Bewältigung in den Medien über das ganze Spektrum politischer Parteien immer noch im Gange ist, erzählt Anna Opel feinfühlig eine Geschichte über zwei Frauen, die miteinander und aneinander lernen. Es ist ein Buch über Komplexität, gegen jede Tendenz zur Vereinnahmung und Vereinfachung – und es ist ein Buch über das Hinschauen und Hinhören. Dabei geht Anna Opel sprachlich und inhaltlich häufig an die Grenzen des Erträglichen. Später treten sie hinaus in eine laue Nacht und lauschen dem Zwitschern der Vögel. Ein freundliches Lied, laut und leise. Der perfekte Sound, während in Aleppo ein Scharfschütze auf ein Kind mit Schulbeutel zielt, während in der Sahelzone ein Mädchen an einem Stein leckt, während eine Greisin in Berlin-Wedding in ihrer eisigen Küche mit einem Holzlöffel im Vanillepudding rührt (…).

AVIVA-Tipp: Anna Opel ist in ihrem ersten Roman ein kühner Brückenschlag gelungen. Sie verbindet die archetypische Geschichte aus dem Buch Rut, das sowohl im Judentum als auch im Christentum eine Schlüsselgeschichte in den überlieferten Schriften bildet, mit einem Wendepunkt in der deutschen und europäischen Politik. In beiden Geschichten geht es um Flucht, um Neuanfang und beide Geschichten setzen Frauen in den Fokus. Mit dem sicheren Gespür für dramaturgische Balance schlägt Anna Opel immer wieder mühelos einen Bogen über die Jahrtausende, ohne dabei den Sinn für die Feinheiten der Charaktere zu verlieren. Sprachlich ist das Buch ein seltener Genuss. Poesie und Politik sind hier auf mutige Weise verknüpft. Eine Lektüre, die auf leise Weise mahnt, sich nicht in Verallgemeinerungen und Zuschreibungen zu verlieren.

Zur Autorin: Anna Opel wurde 1967 in Limburg geboren. Sie ist Autorin, Dramaturgin und Übersetzerin. Sie schreibt für verschiedene Medien über Theater und Film und übersetzt Theaterstücke aus dem Englischen. 2005 erschien ihr Buch "Guten Morgen, Du Müde – Berufstätige Mütter erzählen" bei Schwarzkopf & Schwarzkopf, und 2002 "Sprachkörper. Zur Relation von Sprache und Körper in der zeitgenössischen Dramatik" bei Aisthesis. Anna Opel lebt und arbeitet in Berlin. "Ruth.Moabit" ist ihr erster Roman.
Mehr Infos unter: www.annaopel.de

Anna Opel
Ruth Moabit

Einband: Klappenbroschur, 224 Seiten
edition.fotoTAPETA, erschienen März 2019
ISBN: 978-3-940524-79-9
Preis: 17,50 € (D) | 18,00 € (A) | 22,00 SFR (CH)
Mehr zum Buch unter: www.edition-fototapeta.eu

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Beitrag vom 15.05.2019

Ahima Beerlage 






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