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AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 20.06.2020


Marieke Lucas Rijneveld – Was man sät
Doris Hermanns

Der plötzliche Tod eines Jungen wirkt sich in Rijnevelds Debut-Roman auf die ganze Familie aus. Die Eltern und Kinder entfernen sich immer weiter voneinander und sind letztendlich völlig einsam in ihrem Schmerz, den sie in ihrer Sprachlosigkeit nicht teilen können. Auf der Shortlist des International Booker Prize, der am 26. August 2020 verliehen wird.




Jacke, ein zehnjähriges Mädchen lebt mit ihrer orthodox-kalvinistischen Familie im "Bibelgürtel" der Niederlande. Als sie eines Tages nicht mit ihrem älteren Bruder Matthies nicht zum Schlittschuhlaufen gehen darf, bittet sie Gott, nicht ihr Kaninchen (von dem sie befürchtet, dass es zum Essen geschlachtet werden soll) zu sich zu nehmen, sondern ihn. Kurz danach erfährt sie, dass ihr Bruder einen fatalen Unfall hatte. Diese Tragödie wird das Leben der ganzen Familie von da ab bestimmen.

Der Roman wird aus der Perspektive von Jacke erzählt, die nach der Jacke benannt wird, die sie nach dem Tod des Bruders nicht mehr auszieht. Sie ist für sie Widerstand und Rebellion gegen alle Krankheiten, aber sie hat sicher auch eine Schutzfunktion für sie, die vor allem am Ende des Romans deutlich wird, als es darum geht, dass ihr Vater sie ihr am nächsten Tag ausziehen will, weil er meint, sie würde damit die Familie vor allen Leuten lächerlich machen.

Es ist eine düstere Welt, die hier beschrieben wird: Die Familie lebt auf einem Bauernhof, wo sie Kühe züchtet. Es ist ein hartes Leben, Geld ist kaum da. Die Natur wird in dem Roman nicht verklärt, der Tod ist in jeder Hinsicht anwesend. Die Kinder zögern nicht, andere zu verletzen, Tiere töten sie aus Neugierde. Als Jacke einen Schmetterling in ihrer Hand zerquetscht, merkt sie: "Es wird still. Nur die Gewalt in mir macht Lärm. Sie wächst und wächst, genau wie der Kummer. Nur verlangt Kummer nach mehr Raum (…) und Gewalt nimmt ihn sich einfach."

Von den Eltern können die drei übrig gebliebenen Geschwister kein Verständnis, keine Unterstützung erwarten und so machen sie sich ihre eigenen Regeln. Der Tod des Bruders wird ein Tabuthema, wie der Vater sagt: "Über die Toten sprechen wir nicht, wir gedenken ihnen." Dass Jacke dies lieber laut tun würde, wird ihr sehr übel genommen. Engen Kontakt hat sie nur zu ihrer jüngeren Schwester Hanna: "Du bist nicht anders. Du bist wie ich." Die Kinder, die an sich nur dieses langweilige Dorf verlassen möchten, beschäftigen sich mit Sexualität und dem Tod. Aber bevor Jacke mit Hanna weggehen kann, trifft sie eine andere Entscheidung.

Das Leben der Familie wird vom orthodoxen Kalvinismus bestimmt, Zitate und Bilder aus der Bibel durchziehen den Roman. Aber Jacke ist noch zu jung, um die Welt wirklich zu verstehen, weiß nicht, was für einen Gott sie haben, kennt nur die Regel für den Sonntag, dass dann keine Geschäfte getätigt werden dürfen und "Wir dürfen an diesem Tag bloß atmen und das Allernotwendigste zu uns nehmen, und das ist einzig und allein die Liebe von Gottes Wort und Mutters Gemüsesuppe." Begrifflichkeiten wie die "Schwarzstrümpfigen", mit denen in den Niederlanden umgangssprachlich die orthodoxen Kalvinisten bezeichnet werden, kennt sie nur als Schimpfwort, das sie nicht versteht, meint verwundert, dass sie doch nie schwarze Strümpfe trage.

Auch historische Gegebenheiten sind ihr noch kein wirklicher Begriff. So phantasiert sie sich zusammen, dass in ihrem Keller Juden versteckt sind, die ihre Mutter versorgt, auch Hitler taucht immer wieder auf, ohne dass sie weiß, was es mit ihm auf sich hat.
Es ist die wortgewaltige Sprache, die Rijnevelds Roman so außergewöhnlich macht, durchwoben mit sehr eigenwilligen Bildern.

Nachdem Rijnevelds erster Lyrik-Band bereits 2015 als bestes niederländisches Lyrik-Debut ausgezeichnet wurde, wurde ihr ihr Roman 2019 mit dem Preis für den besten niederländischsprachigen Debut-Roman ausgezeichnet. Nicht nur wurde er ins Deutsche übersetzt, sondern – was für ein niederländisches Debut schon etwas sehr besonderes ist – auch ins Englische und – was noch außergewöhnlicher ist – es steht derzeit auf der Shortlist des International Booker Prize, der am 26. August 2020 verliehen wird.

AVIVA-Tipp: Nichts für zarte Seelen. Aber ein sehr eindrucksvolles Debüt voller Sprachgewalt und eindringlicher Bilder. Wir dürfen auf weitere Veröffentlichungen dieser Autorin gespannt sein – und auch darauf, ob sie den International Booker Prize gewinnen wird.

Zur Autorin: Marieke Lucas Rijneveld, 1991in der Provinz Nordbrabant geboren, gilt als eine der wichtigsten jungen niederländischen Stimmen. 2015 veröffentlichte sie ihren ersten Lyrikband Kalfsvlies. "Was man sät" ist ihr Debütroman und hat in den Niederlanden für Furore gesorgt. 2019 erschien ihr zweiter Lyrikband Fantoommerrie. Rijneveld lebt in Utrecht und arbeitet auf einem Bauernhof mit.
Mehr Infos auf der Website von Marieke Lucas Rijneveld: mariekerijneveldschrijfster.wordpress.com

Zur Übersetzerin: Helga van Beuningen, geboren 1945 hat u. a. Cees Nooteboom, A. F. Th. van der Heijden, Margriet de Moor und Lize Spit ins Deutsche übertragen. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem Martinus-Nijhoff-Preis, dem Kunstpreis des Landes Schleswig-Holstein, dem Helmut-M.-Braem-Preis und dem Else-Otten-Preis.

Marieke Lucas Rijneveld
Was man sät

Originaltitel: De avond is ongemak
Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen
ISBN 978-3-518-42897-9
Suhrkamp, erschienen 2019
317 Seiten, Hardcover mit Umschlag
Euro 22,00
Mehr zum Buch unter: www.suhrkamp.de

Ein Interview mit Marieke Lucas Rijneveld auf SWR: www.swr.de

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Beitrag vom 20.06.2020

Doris Hermanns 






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