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AVIVA-BERLIN.de im März 2021 - Beitrag vom 23.03.2009


Véronique Olmi - Die Promenade
Claire Horst

Die dreizehnjährige Sonja wächst in den Siebzigerjahren als Enkelin russischer ImmigrantInnen in Nizza auf. Seit die Eltern sich getrennt haben, lebt das Mädchen bei ihrer Großmutter,...




...der Babuschka, die immer noch an Russland hängt.

Doch das Land, nach dem sie Heimweh hat, existiert nicht mehr. Es ist das zaristische Russland. Die in Frankreich sehr bekannte Autorin Véronique Olmi ließ sich für ihren neuen Roman von der Geschichte ihrer eigenen Großmutter inspirieren, die nach der Revolution aus Russland nach Frankreich floh und wie zahlreiche andere russische ExilantInnen in Nizza landete.

Sonjas Großmutter hat ebenfalls eine bewegte Geschichte hinter sich. Vielleicht war sie einst eine beeindruckende Persönlichkeit. In Sonjas Augen ist sie jedoch nur noch eine Nervensäge voller Ängste, die ihr das Leben schwer macht. Nur selten lässt sie das Mädchen allein auf die Straße, denn der russische Geheimdienst ist überall. Schwimmen darf Sonja im augustheißen Nizza höchstens zwei Minuten am Tag, sonst könnte sie ertrinken. Doch die größte Obsession von Mascha Sergejewna, so heißt die Großmutter, ist das Schicksal der letzten russischen Prinzessin Anastasia, um die sich zahlreiche Legenden ranken.

Dabei verliert sie beinahe den Kontakt zur Realität: "Sie hatte sich im Jahr 1901 verschanzt, dem Jahr, in dem sie beide geboren waren, Anastasia Romanow und sie. Sie hängt an diesem Jahr, als wären in ganz Russland nur zwei Kinder zur Welt gekommen: Ihre Hoheit und sie. (...) Manche reservieren einen Tisch im Restaurant, (...) meine Großmutter hat den Beginn des 20. Jahrhunderts reserviert." Für Sonja ist diese Rückwärtsgewandtheit der Großmutter schwer zu ertragen.

So ist der tägliche Spaziergang mit Babuschka aus mehreren Gründen eine Qual. Zum einen führt er zu Schulterschmerzen, weil die alte Frau sich mit ihrem ganzen Gewicht auf das Mädchen stützt, zum anderen schämt Sonja sich vor den Blicken der Passanten. Die Großmutter ist so russisch! Sonja wünscht sich oft, einen "normalen" französischen Vornamen zu tragen und so zu sein wie alle.

Stattdessen lebt sie notgedrungen in Anastasias Welt. Ihren Vater sieht sie seit der Trennung kaum noch, ihre Mutter ist nach Paris gezogen und hat versprochen, sie bald nachzuholen. In der Zwischenzeit erfährt sie alles über Anastasia und die Zarenfamilie, von denen Babuschka besessen ist. Beim Einschlafen hat sie alles vor Augen: die blutbeschmierten Wände, den Keller, in dem die Familie erschossen wurde, die aufgestapelten und zertrampelten Romanows. Mit ihren Schuldgefühlen, es besser zu haben als Anastasia, kommt sie kaum zurecht.

Die Großmutter hat es sich in den Kopf gesetzt, die Welt über den wirklichen Ausgang der Geschichte zu informieren. Denn es war alles ganz anders als man glaubt, wie sie immer wieder andeutet. Regelmäßig schreibt sie daher an den Chefredakteur der Zeitschrift "Historia", um ihn zu einem Gespräch aufzufordern. Mit immer wieder neu aufwallenden Emotionen liest sie Sonja diese Briefe vor – eine Folter für das Mädchen. "Ich war in Abwehrstellung, bereit, den ewigen Refrain zu hören, der mir jedes Mal Angst macht, vielleicht wiederholt Babuschka ihn gerade deshalb so oft: Ich bin ein gutes Publikum."

Sonja ist hin- und hergerissen zwischen der Liebe zur Großmutter und dem Wunsch, ein unbeschwertes Leben wie ihre Schulfreundinnen zu führen. Als die Großmutter krank wird, unternimmt sie alles, um die alte Frau vor Entmündigung zu schützen. Ganz alleine versucht sie sie zu pflegen, organisiert Geld und sorgt sogar für einen Antwortbrief des Chefredakteurs. Mit lakonischem Humor erzählt Olmi von neu entstehenden Freundschaften mit Menschen, die Sonja dabei helfen, von den Konflikten mit NachbarInnen und ÄrztInnen und vor allem von der Annäherung an die Großmutter.

AVIVA-Tipp: Véronique Olmi erzählt mit großer Hingabe die Geschichte der jungen Sonja, die sich von ihrer Familiengeschichte befreien möchte, ohne ihre Herkunft zu verleugnen. Der Roman berührt durch die einerseits oft traurigen, andererseits sehr komisch erzählten Erlebnisse des Mädchens. Für deutsche LeserInnen ist es zudem spannend, von der russischstämmigen Bevölkerung Frankreichs zu erfahren, über die hier wenig bekannt ist.

Zur Autorin: Véronique Olmi wurde 1962 in Nizza geboren und lebt heute mit ihren zwei Kindern in Paris. In Frankreich wurde sie als eine der bekanntesten Dramatikerinnen des Landes für ihre Arbeit mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Seit 1990 hat die ausgebildete Schauspielerin zwölf Theaterstücke verfasst, am Anfang stand sie bei deren Aufführung auch selbst auf der Bühne und/oder führte Regie. Ihre Theaterstücke wurden in viele Sprachen übersetzt, einige Stücke liegen auch in deutscher Übersetzung vor und wurden und werden in Deutschland, Österreich und der Schweiz aufgeführt

Weiterlesen von Véronique Olmi auf AVIVA Berlin:
"Ein Mann eine Frau"
"Nummer Sechs"

Veronique Olmi
Die Promenade

Originaltitel: La Promenade des Russes
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Verlag Antje Kunstmann, erschienen März 2009
18,90 Euro
240 Seiten
ISBN 978-3-88897-552-3


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Beitrag vom 23.03.2009

Claire Horst 






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