Alice Munro - Tanz der seligen Geister - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Romane + Belletristik



AVIVA-BERLIN.de im März 2021 - Beitrag vom 17.05.2010


Alice Munro - Tanz der seligen Geister
Marie Heidingsfelder

Mehr als 40 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung in Kanada erscheint Alice Munros Debüt endlich auf Deutsch. 15 Kurzgeschichten einer Frau, die in den knappen Pausen zwischen Haushalt und...




... Kindern zu einer der bekanntesten Autorinnen der Gegenwart wurde.

"Die langen, mit Teppichboden ausgelegten Räume mit ihren kühlen Farben schienen in einem Unterwasserlicht zu schwimmen. Hier gab es solche weiten, ungebrochenen Flächen, solche freien Räume - ein ganzer breiter, langer Flur, leer bis auf zwei hohe dänische Vasen am anderen Ende, der Teppichboden, die Wände und die Decke in verschiedenen Blautönen von Grau. Alva, die geräuschlos den Korridor hinunterging, wünschte sich einen Spiegel oder etwas zum Dagegenrennen, sie wusste nicht, ob sie da war oder nicht." (Seite 280/281)

Mit diesen Worten beschreibt Alice Munro einen Sonntagnachmittag in der kanadischen Provinz und selbst in der kalten Berliner U-Bahn spürt man als LeserIn plötzlich die drückende Hitze und Schwere dieser toten Zeit. Auch ohne das geringste Interesse am Leben in Kleinstädten wie "Tuppertown" oder "Jublile" in den 40er und 50er Jahren, fällt man beim Lesen von "Tanz der seligen Geister" mitten hinein in den völlig fremden Alltag.
Das ist die Stärke Alice Munros: Sie zeigt sich als herausragende Beobachterin nicht nur von Personen und Handlungen, sondern auch von Gefühlen und Stimmungen. So gelingt es ihr, kondensiert in Momentaufnahmen, ein ganzes Leben einzufangen.

Chroniken aus dem Alltag starker Frauen

Ein Mann nutzt seinen Job als Vertreter um sich mit einer Freundin zu treffen, eine junge Frau muss als Hausmädchen eine Gleichaltrige bedienen, ein Mädchen soll der Mutter mehr zur Hand gehen, ein Junge verbrüht sich und stirbt... Das sind einige der Begebenheiten, die den Rahmen für Alice Munros Erzählungen geben. Obwohl sie sich in einem Interview mit der Zeit im März 2006 als Feministin bezeichnete, findet man weder eine offene Anklage, noch einen Aufruf zur Revolution gegen die gesellschaftlichen Zwänge - aber Munros Heldinnen sind auch nicht schicksalsergeben, sondern freiheitssuchend und selbstbestimmt. Immer wieder treffen sie Entscheidungen, die nicht ihrer traditionellen Rolle entsprechen wie Helen, die ihren Ex-Verlobten mitten in der Nacht aus dem Haus und dem Bett seiner heimlich geheirateten Frau schreit, oder die Klavierlehrerin Miss Marsalles, die geistig behinderte Kinder vorspielen lässt.

Dabei entbehren ihre Erzählungen jedes Pathos, Alice Munro beschreibt den Alltag und die kleinen, unspektakulären Besonderheiten und Dramen ihrer Protagonistinnen. Es geht um Mädchen und junge Frauen, in deren Leben sich immer wieder autobiographische Spuren der Autorin widerspiegeln: Das Leben auf einer Fuchsfarm, das Hinterfragen der Rolle des Mädchens oder das schwierige Verhältnis zur Mutter. Dabei gelingt es ihr auch, die Kindheit und das Erwachsenwerden so lebendig einzufangen, dass man unweigerlich zurückdenkt an die zu langen Schatten im Schlafzimmer, das Knirschen des Dachbodens, die Zwänge von Familienfesten, die ungewollten Geschenke und die Machtkämpfe unter Geschwistern.

Literarisches Vorbild

Beeindruckend ist die Wahrhaftigkeit und der scharfe Blick, mit dem Alice Munro Personen und Situationen seziert: Sie beschreibt Details, Gerüche, Geschmäcke und Farben so lebendig, dass man sie fast spürt, die juckende Wolle eines zu warmen Kleides oder die klebrigen Zuckerstangen, die geschmolzen und wieder erkaltet nur nach Nägeln schmecken.
Wegen dieser Art des Schreibens wird sie von vielen jungen Autorinnen auch in Deutschlang als literarisches Vorbild genannt. Um Alice Munro und ihre Kurzgeschichten in Deutschland bekannt zu machen, haben Ruth Schweikert und Judith Hermann 2005 mehrere Lesungen veranstaltet.

Der einzige Wermutstropfen in der ansonsten sehr gelungenen Übersetzung von Heidi Zerning ist der deutsche Titel: "Tanz der seligen Geister" nimmt dem Original "Dance of the Happy Shades" die Unbefangenheit des zitierten Musikstücks und belastet ihn unangemessen mit einer sakralen Schwere – aber wer die Erzählungen einmal aufgeschlagen hat, wird den Buchdeckel ohnehin nicht schnell wieder sehen.

AVIVA-Tipp: Selbst wer im ersten Moment sowohl vor dem Format der Kurzgeschichte als auch der kanadischen Provinz zurückschreckt, sollte sich an das literarische Debüt von Alice Munro wagen. Nicht nur, weil die Kurzgeschichten perfekt in die verlorenen U-Bahn-Etappen passen, sondern vor allem weil "Tanz der seligen Geister" ein wunderbares Buch über starke Protagonistinnen ist, das die Zeit vergessen lässt und den Blick schärft.

Zur Autorin: Alice Munro wurde 1931 im Südosten Kanadas geboren, dem Landstrich in dem ihre Geschichten spielen und in dem sie noch immer lebt und arbeitet. In den 50er Jahren begann sie zu schreiben und emanzipierte sich als Autorin von Kurzgeschichten von ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter. Heute ist sie als eine der renommiertesten Autorinnen der Gegenwart bekannt und wird seit einigen Jahren als Anwärterin für den Nobelpreis gehandelt.

Alice Munro
Tanz der seligen Geister

Originaltitel: Dance of the Happy Shades, 1968
Deutsche Erstausgabe
Aus dem Englischen von Heidi Zerning
Dörlemann Verlag, erschienen 24. Februar 2010
Gebunden, 379 Seiten, Duo-Leinen mit Lesebändchen
ISBN-13: 978-3908777557
23,90 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Kleine Aussichten" von Alice Munro


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Beitrag vom 17.05.2010

AVIVA-Redaktion 






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