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AVIVA-BERLIN.de im Juli 2021 - Beitrag vom 07.12.2010


Melania G. Mazzucco - Tintorettos Engel
Sabine Grunwald

Mazzucco lässt Tintoretto, das Malergenie der Renaissance, schonungslos Rechenschaft über sein wildes Leben als Mensch, Künstler und Vater im Venedig des 16. Jahrhunderts ablegen.




In "Tintorettos Engel" zeichnet Melania Mazzucco einfühlsam und detailreich die private Seite des venezianischen Malers Jacopo Robusti, genannt Tintoretto. Das Leben Tintorettos, das eng mit seiner Heimatstadt verzahnt war, erlaubt uns einen tiefen Einblick in das historische Geschehen der Republik Venedig im 16. Jahrhundert. Sie zeigt den lebenslangen Kampf um Anerkennung ihres Protagonisten bei Adel, Klerus, und dem höherem Bürgertum. Berichtet wird von Karnevalsumzügen, der Pest-Epidemie und wie er bei einem großen Brand 1577 im Dogenpalast die Zerstörung seiner eigenen Werke erlebt. Und natürlich erzählt sie die Entstehungsgeschichte des einen oder anderen seiner Gemälde, von denen heute noch einige in den Kirchen, Museen und Palazzi Venedigs verstreut zu bewundern sind.

Tintoretto lebte Zeit seines Lebens von 1518 bis zu seinem Tod 1594 in Venedig und verließ die Stadt nur für kurze Ausflüge. "Venedig war die Stadt", lässt ihn die Autorin sagen, "die ich immer geliebt und immer gehasst habe. Venedig war mein Gegner und mein Schicksal. Jeder kämpft auf seinem Schlachtfeld, meines war Venedig."

Jacopo Robusti, genannt Tintoretto, geboren 1518 in Venedig als Sohn des Seidenfärbers Battista Robusti, wollte mehr als Stoffe färben. Ausgerechnet Tizian, den venezianischen Meister und sein großes Vorbild, suchte er sich als Lehrmeister aus. Doch dieser witterte in dem ehrgeizigen Schüler den künftigen Konkurrenten, warf ihn aus seiner Werkstatt und behinderte jahrelang seinen Aufstieg. Diese Erfahrung legte das Fundament für Tintorettos lebenslanges Misstrauen gegenüber allem und jedem und wirkte sich schließlich zerstörend auf sein gesamtes Leben aus.

Auf dem Sterbebett liegend, während fünfzehn langer Fiebernächte, legt Tintoretto Rechenschaft über sein Leben ab. Der Maler nimmt uns mit auf die Reise in seine ärmliche Kindheit und Jugend. Er, der sich jahrelang als Madonnenmaler durchschlagen musste, blieb seiner Vision treu, die traditionelle Form- und Farbgebung zu überwinden und die biblischen Stoffe auf neue Art künstlerisch umzusetzen.

Seinen allmählichen Aufstieg in die bürgerlichen Kreise verdankte der über Vierzigjährige nicht zuletzt der Heirat mit der sechsundzwanzig Jahre jüngeren, ihm ergebenen Faustina, der Tochter seines Gönners.

Seinen ungebärdigen Drang, mit seiner Malerei Neues zu erschaffen, mit den Traditionen zu brechen, teilte er mit seiner ältesten Tochter Marietta, die es mit ihrer Willenskraft erreichte, dass er sie bei sich zu Hause zur Künstlerin ausbildete. Marietta, das uneheliche Kind seiner großen Liebe Cornelia, einer deutschen Hure, war sein Augenstern und seine Muse.
Sie stand im Mittelpunkt eines großen Gemäldes, das er für die Kirche Madonna dell´Orto anfertigte, mischte seine Farben, präparierte Leinwände, trug Hosen und tat nichts, was Mädchen ihres Standes normalerweise tun. Während seine anderen Töchter nach den landläufigen Konventionen erzogen wurden, sich mit Sticken und Haushalt beschäftigten und später gegen ihren Willen im Kloster landeten, wurde Marietta eine Malerin.
Doch als die notwendige Lösung vom Vater anstand und sie ihre eigenen Wege ging, betrachtete der Vater die Loslösung als Verrat, der in einen Bruch mündete.
Tintoretta, wie sie genannt wurde, bezahlte die enge Verbindung zu ihrem Vater mit dem Leben. Ihr Tod legte sich als eine Düsternis über ihn, die er bis zu seinem Lebensende nicht verwinden sollte.

Zur Autorin: Melania Gaia Mazzucco wurde 1966 in Rom geboren und studierte dort an der Filmhochschule. Sie schrieb Drehbücher und Theaterstücke, für die sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. Zu ihren historischen Romanen, die meist um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert spielen, zählt auch Lei così Amata (dt. Die so Geliebte), eine Romanbiografie über Annemarie Schwarzenbach, und Vita (dt. Vita), für den sie 2003 den Preis Premio Strega erhielt. 2008 erschien ihr Roman La lunga attesa dell´angelo (dt. Tintorettos Engel), für den sie viele Jahre recherchiert hat und über dessen ProtagonistInnen sie auch ein Sachbuch veröffentlicht hat.

AVIVA-Tipp: Melania Mazzucco bedient sich in ihrem Roman der erzählerischen realistischen Tradition des 19. Jahrhunderts, was ihrem Stil etwas Anachronistisches und streckenweise Melodramatisches verleiht. Doch passt dieses Melodram wunderbar zu dem verarbeiteten Stoff, den sie glänzend beherrscht. Die unterschiedlichen Zeitebenen und die spannende Handlung sind meisterhaft eingebettet in ein opulentes, lehrreiches und unterhaltsames Portrait des Stadtstaates Venedig seiner Sitten, Gebräuchen seiner guten und schlechten Seiten.


Melania Mazzucco
Tintorettos Engel

Aus dem Italienischen von Birte Völker
Knaus Verlag, München, erschienen März 2010
544 Seiten, Gebunden
Euro 22,95


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Beitrag vom 07.12.2010

Sabine Grunwald 






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