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AVIVA-BERLIN.de im September 2021 - Beitrag vom 14.09.2007


Erica Fischer - Himmelstraße
Jule Fischer

Die Geschichte von "Aimée und Jaguar" wurde ein Welterfolg. Nun erzählt die Schriftstellerin und Journalistin Erica Fischer mit "Himmelstraße" die bewegende Geschichte ihrer eigenen Familie




Es ist Januar in Wien. Das Wetter nasskalt, die Stadt ungemütlich. Nur widerwillig kehrt die Protagonistin an den Ort ihrer Kindheit zurück. Nur kurze Zeit ist nach dem Tod der Mutter vergangen und der Bruder Paul ist aus der gemeinsamen Wohnung verschwunden. Nur einen Abschiedsbrief hat Paul hinterlassen, in dem er mitteilt, nach Übersee ausgewandert zu sein.
Allein im vertrauten Wiener Gemeindebau beginnt für die Schwester die schwierige Erinnerungsarbeit.

In der Rückschau erzählt Erica Fischer die bewegenden Geschichten von drei Generationen ihrer Familie. Die ihrer Großeltern, die der Eltern und ihre eigene.
Ihre jüdische Mutter war vor den Antisemiten in Polen nach Wien geflohen, um dort zu studieren und verliebte sich in einen österreichischen Sozialisten.
1938 mussten beide fliehen, denn die Nazis hatten die Macht übernommen und die ÖsterreicherInnen jubelten Hitler auf dem Heldenplatz zu.

In England baut sich die Familie ein neues Leben auf, die ungleichen Geschwister Erica und Paul werden geboren. Nach dem Krieg drängt der Vater auf die Rückkehr nach Wien und zwingt die Mutter 1948, in ein Land zurückzukehren, in dem sie sich zeitlebens heimatlos fühlt. Die Großeltern waren in Treblinka ermordet worden, ein "normales" Weiterleben ist in der Gesellschaft ehemaliger NationalsozialistInnen unmöglich. Erst durch den Fokus auf die Tragödie der Einzelnen tritt das ganze Ausmaß des Holocaust hervor. Nicht nur den Ermordeten wurde das Leben genommen, auch die Überlebenden, ihre Kinder und Enkelkinder wurden eines "normalen" Lebens beraubt.

Die Protagonistin ist eine "Davongekommene" in mehrerer Hinsicht, ihr Bruder ist es nicht. Aus seinen Zeilen liest sie immer deutlicher die Ankündigung eines Selbstmordes heraus.

Während die Schwester den Absprung schafft, sich ein eigenes Leben aufbaut, bleibt ihr jüngerer Bruder sein Leben lang an der Mutter hängen. Doch auch die Schwester hat keine "Heimat", findet keine Geborgenheit, Österreich bleibt fern.
Unsentimental und verblüffend ehrlich beschreibt Erica Fischer ihr Leben, gescheiterte Beziehungen und Sex-Dates einer Frau über 60. Ihre schonungslose Offenheit ist manchmal verstörend, aber auch fesselnd.

AVIVA-Tipp: Mit dem Blick auf drei Generationen ihrer Familiengeschichte gelingt Erica Fischer eine bewegende Reise durch die Zeit, die durch die Verknüpfung mit den jeweiligen politischen Fakten ein packendes Gesamtbild der österreichischen Nachkriegszeit liefert. Die beherrschte Art von Erica Fischers Erzählweise ist es, die diese Geschichte so wahrhaftig und so lesenswert macht.

Die Autorin:

Erica Fischer, geboren in England, studierte in Wien Sprachen. Anfang der 70er Jahre wurde sie zu einer der Gründerinnen des österreichischen Feminismus, ist Mitbegründerin der feministischen Zeitschrift "AUF - Eine Frauenzeitschrift" und der Buchhandlung "Frauenzimmer".
Seit 1988 lebt Erica Fischer als freie Autorin, Buchübersetzerin und Journalistin in Deutschland, heute in Berlin. Ihre dokumentarische Erzählung "Aimée & Jaguar" wurde ein Weltbestseller. Erschienen sind weiterhin: der Bildband "Das kurze Leben der Jüdin Felice Schragenheim", "Ich wählte die Freiheit", die Geschichte der afghanischen Familie von Mariam Notten, die Dokumentation "Die Wertheims. Geschichte einer Familie" und zuletzt "Das Wichtigste ist, sich selber treu zu bleiben".
Weitere Infos und Kontakt: www.erica-fischer.de

Lesen Sie hier unser Interview mit Erica Fischer aus dem Jahr 2003.

Erica Fischer
Himmelstraße
Geschichte meiner Familie

Rowohlt Verlag Berlin, erschienen im September 2007
Gebunden, 256 Seiten
ISBN-13: 9783871345845
19,90 Euro


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Beitrag vom 14.09.2007

AVIVA-Redaktion 






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