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AVIVA-BERLIN.de im Juli 2020 - Beitrag vom 19.02.2020


Kristen R. Ghodsee. Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben. Und andere Argumente für ökonomische Unabhängigkeit
Doris Hermanns

In ihrem neuen Buch stellt die Expertin für Russland und Osteuropa die Frage, wie es um die Qualität menschlicher Beziehungen gestellt ist, wenn emotionaler Gewinn und finanzieller Wert weitgehend voneinander losgekoppelt sind. Dabei wirft sie einen Blick auf einhundert Jahre Geschichte, ohne jedoch zu den Gräueln des Staatssozialismus zurückkehren zu wollen.



Zum 100. Geburtstag der Russischen Revolution von 1917 wurde Kristen R. Ghodsee von der New York Times beauftragt, eine Kolumne in ihrer Serie zu diesem Jahrestag zu diesem Thema zu schreiben, die auf einem Kapitel in ihrem Buch Red Hangover. Legacies of Twentieth-Century Communism beruhte. Da dieser Artikel unter dem Titel, der jetzt auch für das Buch verwendet wurde, weltweite Diskussionen auslöste, hat sie ihre Sichtweise jetzt in diesem Buch ausführlicher begründet.

Es ist ein sehr persönliches Buch geworden, in dem Ghodsee zum einen beschreibt, wie sie dazu gekommen ist, sich mit Osteuropa zu beschäftigen, und zum anderen von ihren Erfahrungen bei ihren (Forschungs-)Reisen berichtet. Seit ihrer Schulzeit fuhr sie immer wieder in den Osten Europas bzw. kam auch nach Deutschland, was zu interessanten Beobachtungen der Nachwendezeit im Osten und Westen des Landes führt. So führte zum Beispiel der Zuzug von Frauen aus dem Osten in den Westen dazu, dass sie Kindergärten und Krippen einforderten, die für sie selbstverständlich waren.

Die Autorin macht von vornherein deutlich, dass es ihr nicht um eine Rückkehr zu einer Art des Staatssozialismus geht: "Die Kombination aus autoritärem Staat und Planwirtschaft ist an ihrer eigenen Effizienz und ihren inneren Ineffizienz und Widersprüchen gescheitert." Aber die ständigen Hinweise auf die historischen Gräuel in diesen Staaten hält sie für ein Totschlaginstrument: "Das Schlechte einzugestehen heißt nicht, das Gute zu negieren. So wie manche die amerikanische Geschichte gerne schönfärben indem sie, um nur einige Beispiele zu nennen, die Sklaverei, den institutionellen Rassismus, die Waffengewalt oder die Rekord-Inhaftierungsrate herunterzuspielen, so reden manche gerne die Geschichte des Staatssozialismus schlecht und beharren darauf, alles daran sei schrecklich gewesen." Ghodsee, die an der University of Pennsylvania Russische und Osteuropäische Studien unterrichtet, geht es darum, aufzuzeigen, dass nichts in Stein gemeißelt ist, auch der Kapitalismus nicht, zu dem viele keine Alternative sehen. Sie möchte vor allem jungen Menschen in den USA zeigen, dass eine andere Welt möglich ist, auch wenn sie eine perfekte Lösung nicht für möglich hält.

Die Grundlage für ihre Überlegungen sind die frühen sozialistischen Theorien. So schreibt sie über Marx und Engels, aber auch über Flora Tristan, Rosa Luxemburg, Alexandra Kollontai, Lily Braun und Clara Zetkin, sowie darüber, wie deren Ideen zu ihrer Zeit umgesetzt wurden (oder eben auch nicht), und was sie heute noch für uns bedeuten können. Dabei steht die Situation von Frauen für sie im Mittelpunkt: Was waren die Forderungen, was davon wurde umgesetzt. Aber sie weist auch darauf hin: "Die Lage von Frauen wird durch andere Kategorien wie Klassenzugehörigkeit, Hautfarbe, ethnische Herkunft, sexuelle Orientierung, Behinderung, Religionszugehörigkeit und so weiter kompliziert." Konzepte wie "Frauenpower" und "Verschwesterung" lehnt sie ab, da sie davon ausgeht, dass sie strukturelle Merkmale des Kapitalismus ignorieren, "die weiße Frauen aus der Mittelschicht begünstigen und farbige Frauen aus der Arbeiterschicht benachteiligen".

Viele der Beispiele, die Ghodsee vergleichsweise nennt, beziehen sich auf die USA, wie die dort nicht vorhandene gesetzliche Krankenversicherung und die ebenfalls nicht existierende Garantie auf Rückkehr zum Arbeitsplatz nach Geburten. Sie zeigt auf, welche Abhängigkeiten dies für Frauen nach sich zieht: Sie fühlen sich gezwungen in nicht-funktionierenden Beziehungen bzw. an schlechten Arbeitsplätzen zu bleiben, weil sie eben keine eigenständige Krankenversicherung haben. An einem anderen Beispiel zeigt sie auf, wie teuer Kinderbetreuung in den USA ist. Einer Freundin etwa, die Vollzeit arbeitet, bleibt so gut wie nichts mehr von ihrem Lohn.

Immer wieder zitiert sie Menschen, mit denen sie bei ihrer Forschung zu tun hatte, und erzählt Beispiele aus ihrem Freundeskreis, was das Buch gut lesbar und lebendig macht. Wobei die längeren Zitate eindeutig in zu kleiner Schrift gedruckt sind, so dass sie schlecht lesbar sind. Zum Glück sind es nur relativ wenige.

Und wo Übersetzungen ja leider selten wahrgenommen werden, möchte ich auf eine meiner Meinung nach besonders gelungene Stelle hinweisen, in der es um das "W" auf den Geburtsurkunden geht (in der deutschen Ausgabe steht als Erklärung für das "W": "Warum ist es bloß kein Junge geworden?«", was mich auf das Original neugierig gemacht hat, wo in den Urkunden ein "F" für female steht. Dort heißt es: "as if we have already failed by not coming into the world as a boy". Als ob das Versagen bereits biologisch festgelegt wäre.

Ghodsee spricht sich deutlich für Quoten aus, von denen sie findet, dass sie eine wichtige Rolle spielen können, auch wenn ihr klar ist, dass sich damit nicht alle Probleme für Frauen lösen lassen. Sie macht deutlich, dass es nicht darum geht, "Frauen in verantwortliche Positionen zu hieven, weil sie weiblich sind, sondern es geht darum, die tiefsitzenden, unbewussten Vorurteile zu bekämpfen, wonach Männer Anführer und Frauen Mitläufer sind".

Immer wieder weist Ghodsee auch darauf hin, welche der alten sozialistischen Forderungen im Westen umgesetzt wurden, die uns heute selbstverständlich erscheinen. Vieles davon sieht sie auch in den skandinavischen Ländern verwirklicht.

Ach ja, und um Sex geht es auch noch. Aber was genau es damit auf sich hat, warum der im Sozialismus besser sei, sollte jede/r selber nachlesen.

AVIVA-Tipp: Ein sehr vielschichtiges, spannend geschriebenes Buch, das differenziert auf sozialistische Theorieansätze und den gescheiterten Staatssozialismus eingeht. An ein paar Stellen wäre jedoch trotzdem ein genauerer Blick nötig gewesen, so zum Beispiel wenn sie über Sportlerinnen im Osten schreibt. Da wäre ein Hinweis auf das umfangreiche Doping und dessen Folgen angebracht gewesen. Aber dennoch ein sehr lesenswertes Buch, das zum Nachdenken über Alternativen zum angeblich alternativlosen Kapitalismus anregt.

Zur Autorin: Kristen R. Ghodsee geboren 1970, ist Professorin für Russische und Osteuropäische Studien an der University of Pennsylvania und forschte unter anderem in Princeton, Rostock und Freiburg. Von ihr ist zuletzt erschienen: Red Hangover: Legacies of Twentieth-Century Communism (2017).
Zum Übersetzer: Richard Barth, geboren 1974 in Amberg, studierte Anglistik, Geschichtswissenschaft und Biologie sowie Literarische Übersetzung aus dem Englischen. Er lebt als freier Übersetzer in München.
Zur Übersetzerin: Ursel Schäfer, studierte Politikwissenschaft und Germanistik. Bei ihrer Promotion über die französische Parteienlandschaft merkte sie, dass Übersetzen Spaß macht und nach einigen Jahren als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an einem Lehrstuhl für Politikwissenschaft ist es seit 1988 ihr Hauptberuf. Seither hat sie über einhundert Bücher übersetzt, oft mit Kollegen und Kolleginnen, etwa zu gleichen Teilen aus dem Französischen und dem Englischen, vorwiegend Sachbücher aus den Bereichen Politik, Wirtschaft und Finanzen, Geschichte und Biografisches. Seit 2012 übersetzt sie außerdem regelmäßig Beiträge für die deutsche Ausgabe von Le Monde diplomatique.

Kristen R. Ghodsee
Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben. Und andere Argumente für ökonomische Unabhängigkeit

Originaltitel: Why Women Have Better Sex Under Socialism. And Other Arguments for Economic Independence
Aus dem Englischen von Richard Barth und Ursel Schäfer
Suhrkamp, erschienen 2019
Klappenbroschur. 277 Seiten
ISBN 978-3-518-07514-2
Euro 18,00
Zum Buch und zu einem Videobeitrag mit Kristen R. Ghodsee auf den Seiten des Suhrkamp Verlags: www.suhrkamp.de

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Cinzia Arruzza, Tithi Bhattacharya, Nancy Fraser Crispin – Feminismus für die 99 %. Ein Manifest
"Wollen wir weiterhin einen liberalen Feminismus, in dem es darum geht, dass einzelne Frauen auf der Karriereleiter weiterkommen oder wollen wir einen radikalen Feminismus, der Verbesserungen und ein gutes Leben für alle anstrebt? Mit dieser Frage beschäftigt sich das Manifest des Feminismus für die 99 %." (2020)

Jessa Crispin - Warum ich keine Feministin bin. Ein feministisches Manifest
"Was im Titel und Untertitel erst einmal widersprüchlich wirkt, klärt sich im Buch schnell auf: Nichts weniger als eine radikale Veränderung wünscht sich Crispin, eine Revolution, die zu grundlegenden Verbesserungen für alle führt." (2019)

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Literatur > Sachbuch Beitrag vom 19.02.2020 Doris Hermanns 





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