Irvin D. Yalom und Marilyn Yalom - Unzertrennlich: Über den Tod und das Leben - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Sachbuch



AVIVA-BERLIN.de im Juni 2021 - Beitrag vom 19.05.2021


Irvin D. Yalom und Marilyn Yalom - Unzertrennlich: Über den Tod und das Leben
Silvy Pommerenke

Die Yaloms, ein US-amerikanisches Traumpaar, das sich in ihrer Arbeit als Wissenschaftler*innen und Autor*innen ein Leben lang gegenseitig inspirierte und zu kreativen Höchstleistungen brachte. Als Marilyn Yalom die Diagnose einer unheilbaren Krankheit erhält, beginnt sie gemeinsam Irvin D. Yalom ihre letzten Tage in diesem Buch zu verewigen.




"Trauern ist der Preis, den wir zahlen, wenn wir den Mut haben, andere zu lieben."

Es ist ein trauriges Buch, denn es geht um Abschied, Loslassen, um Krankheit und um den Tod. Zugleich ist es aber auch ein Buch, das Mut macht. Denn das Ehepaar Yalom, sie emeritierte Literatur-Professorin, Feministin und Autorin, er Psychoanalytiker und ebenfalls Autor, schildert gemeinsam, wie es sich anfühlt, älter zu werden und todkrank zu sein, aber auch, wie bedeutsam es ist, einen großen Schatz an gemeinsamen Erinnerungen zu haben. Die Liebe zwischen diesen beiden, die seit dem Teenager-Alter und damit fast 75 Jahre ein Paar sind, ist wirklich etwas Außergewöhnliches, was bereits in dem Film "Yaloms Anleitung zum Glücklichsein" aus dem Jahr 2014 deutlich zum Ausdruck kommt.

Für die vier Kinder war die Symbiose ihrer Eltern bisweilen nicht einfach, da sie erst an zweiter Stelle kamen. Marilyn und Irvin waren sich Motor und Spiegelbild zugleich. Sie wuchsen miteinander, und die Liebe zur Literatur war das stärkste Band zwischen ihnen. Mit "Unzertrennlich" haben sie zum ersten Mal ein gemeinsames Buch verfasst. Abwechselnd schildern sie, wie sie mit dem bevorstehenden Tod von Marilyn umgehen. Sie hat ein multiples Myelom, was durch wöchentliche Chemotherapie zwar nicht geheilt, aber wenigstens etwas im Krankheitsverlauf aufgehalten werden kann. Nichtsdestotrotz wird es zum baldigen Tod führen.

Das Paar schildert ihre Überlegungen, ob sie ein Angebot des betreuten Wohnens annehmen sollen, oder ob sie doch lieber in ihrem gemütlichen Haus mit Haushälterin bleiben. Sie entscheiden sich für ihr Haus, denn dieses Haus haben sie mit eigenen Händen gebaut, es hat einen zauberhaften Garten, und vor allen Dingen ist es voll mit Erinnerungen. Erinnerungen, die ihnen Kraft und Mut geben.

"Zwei alte Menschen beim letzten Tanz ihres Lebens"

Unweigerlich kommt das Thema Palliativmedizin und die Option der ärztlichen Suizidbeihilfe auf, was in den USA möglich ist. Diese Möglichkeit wird von Marilyn und Irvin mit unterschiedlichen Augen betrachtet. Während Irvin das gerne verhindern möchte, weil er Angst vor einem Leben ohne seine Frau hat, wäre es für Marilyn eine Gnade, da sie massive Schmerzen und Einschränkungen durch die Krankheit und die Behandlung hat. Die Offenheit, mit der die beiden über ihre Sorgen und Ängste sprechen, ist entwaffnend und berührend.

Als die Therapie nicht anschlägt, entscheidet sich Marilyn schließlich für das ärztlich begleitete Sterben. Für sie bedeutet das eine Befreiung: "Ich heiße den Tod willkommen." Für Irvin hingegen ist es trotz aller zuvor geführten Gespräche ein Schock: "Marilyn wird bald sterben. Dieser Gedanke ist zu viel für mich, und ich schiebe ihn weiterhin von mir weg. Die Verleugnung regiert. Ich schaue weg. Ich werde und will nicht wirklich hinschauen."

Marilyn beweist eine unglaubliche Stärke in ihren letzten Tagen. Sie gewinnt sie unter anderem daraus, dass sie sich bewusst für den Tod durch ärztliche Hilfe entscheiden kann. Nichtsdestotrotz "verspüre ich immer noch eine anhaltende Traurigkeit darüber, mich von meinen Liebsten trennen zu müssen. Allen philosophischen Abhandlungen und medizinischen Gewährleistungen zum Trotz gibt es kein Heilmittel für die simple Tatsache, dass wir einander verlassen müssen."

Sie fängt an, ihre Besitztümer zu verschenken. Ihre Sammlung von französischen Büchern, die aus gut 600 Stück besteht, findet ein neues Zuhause, worüber sie überglücklich ist. Aber die Bücher hinterlassen auch Leerstellen in den Regalen, und ebenso eine große Leere in ihrem Herzen. Sie sortiert ihre Schmuckstücke und verteilt sie an ihre Töchter, ihre Enkelinnen und Freundinnen. Die Zeit kann nicht eingefroren werden, sie schreitet unaufhaltsam voran. Und dann geht es plötzlich ganz schnell: im November 2019 nimmt sie im Beisein von ihren vier Kindern und ihrem Mann den tödlichen Cocktail ein.

Die Zeit danach

Das letzte Drittel des Buches behandelt die Zeit danach. Für Irvin beginnt nun ein Leben als Witwer, als Single (zum ersten Mal in seinem Leben), und wie er sich durch die Tage quält. Eine willkommene Ablenkung ist dabei der Abschluss dieses Buches. Als Psychoanalytiker hat er viele Klient*innen in Trauerprozessen begleitet, aber als er nun selbst in dieser Situation ist, ist die Herausforderung für ihn fast untragbar: "Wenn ich auf meine Situation schaue, besonders auf die Länge und Intensität meiner Verbindung zu Marilyn, dann weiß ich, dass ich vor dem dunkelsten und schwierigsten Jahr meines Lebens stehe."

AVIVA-Tipp: "Unzertrennlich" ist ein berührendes Abschiedsgeschenk von Marilyn und Irvin D. Yalom. Es ist eine Ode an die Liebe, ein Tagebuch des Sterbens und zugleich ein Spiegelbild für uns alle. Denn eins ist gewiss: wir werden alle irgendwann unseren letzten Tanz des Lebens aufführen.

Zur Autorin: Marilyn Yalom, geboren 1932 in Chicago als Marilyn Koenick, Tochter einer jüdisch-russischen Emigrant*innenfamilie, gestorben 2019 in Kalifornien, war eine renommierte und vielfach ausgezeichnete promovierte amerikanische Literaturwissenschaftlerin für Französisch und Deutsch. Sie zählte zu den Pionierinnen im Bereich der Gender Studies und war Mitbegründerin des Center for Research on Women (CROW) an der Stanford University, deren stellvertretende Direktorin sie bis 1987 war. Daneben galt ihre besondere Liebe der französischen Kultur, mit der sie sich intensiv beschäftigte. 1992 wurde sie mit dem Ordre des Palmes Académiques für ihre Beiträge zur französischen Kultur ausgezeichnet. Marilyn Yalom hat neben ihrer akademischen Tätigkeit eine Vielzahl erfolgreicher Sachbücher veröffentlicht. Unter anderem das mit Theresa Donovan Brown verfasste Werk "The Social Sex. A History of Female Friendship", das 2017 in deutscher Übersetzung unter dem Titel "Freundinnen" erschien. Es ist die erste Kulturgeschichte über Frauenfreundschaften der vergangenen 2000 Jahre, beginnend mit der Bibel bis ins 21. Jahrhundert.
Mehr Infos unter: www.myalom.com

Zum Autor: Irvin D. Yalom wurde 1931 als Sohn jüdisch-russischer Emigrant*innen in Washington, D.C. geboren. Er gilt als einer der einflussreichsten Psychoanalytiker in den USA und als einer der bedeutendsten lebenden Vertreter der existentiellen Psychotherapie. Er ist vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Sigmund-Freud-Preis für Psychotherapie und dem Oskar Pfister Award. Seine Fachbücher gelten als Klassiker und seine Romane sind internationale Bestseller. Unter anderem "Existentielle Psychotherapie", "Der Panama-Hut", "Und Nietzsche weinte" oder "Die rote Couch".
Mehr Infos unter: www.yalom.com

Irvin D. Yalom und Marilyn Yalom - Unzertrennlich: Über den Tod und das Leben
btb Verlag, erschienen 05/2021
Aus dem Amerikanischen von Regina Kammerer
Originaltitel: A matter of death and life
Originalverlag: Stanford University Press
Gebunden, 320 Seiten, mit Bildteil
ISBN 978-3-442-75921-7
Euro 22,00
Mehr zum Buch unter: www.penguinrandomhouse.de

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Marilyn Yalom und Theresa Donovan Brown - Freundinnen: Eine Kulturgeschichte
Frauenfreundschaften haben Schriftstellerinnen inspiriert, Künstlerinnen miteinander verbunden und aus Schulkameradinnen lebenslange Gefährtinnen gemacht. Aber nicht immer hatten Frauenfreundschaften ein so positives Image. Marilyn Yalom und Theresa Donovan Brown haben sich historisch und gesellschaftlich auf die Suche nach Freundschaften unter Frauen von der Antike bis Heute gemacht. (2017)


Literatur > Sachbuch

Beitrag vom 19.05.2021

Silvy Pommerenke 






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