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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2022 - Beitrag vom 06.06.2022


Eva Biringer – Unabhängig – Vom Trinken und Loslassen
Silvy Pommerenke

Die Food- und Kulturjournalistin Eva Biringer hat ein Buch über ihre persönliche Alkoholsucht und ihren Weg daraus heraus geschrieben. Es ist aber nicht nur ihre persönliche Geschichte, sondern auch ein Buch über trinkende Frauen, die immer mehr werden. Vor allem in Akademikerinnen-Kreisen.




Alkohol und Frauen

Eva Biringer, Jahrgang 1989, ist auf den ersten Blick eine erfolgreiche Frau, die ein spannendes Leben führt. Ihre Arbeit als Food-Journalistin führt sie in unzählige Länder, wo sie sich an den kulinarischen Genüssen von exquisiten Speisen und edlen alkoholischen Getränken laben kann. Und das alles bezahlt von den jeweiligen Redaktionen, für die sie als freie Autorin schreibt. Das klingt zu schön, um wahr zu sein. Das war es auch nicht. Jedenfalls nicht aus der Rückschau betrachtet.

Denn die edlen alkoholischen Getränke werden vor allem für Frauen aus der höheren Bildungsschicht zum Problem, wie eine Studie der Columbia Universität nachgewiesen hat. Jürgen Rehm, Professor am Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der TU Dresden wird dazu im Buch wie folgt zitiert: "Es besteht ein nachweisbarer Zusammenhang zwischen dem Grad an Emanzipation in einem Land und dem Anteil an Alkohol, den Frauen dort konsumieren."

Alkohol ist also ein Mittel, um in dieser Männer-Welt bestehen zu können? Einige Frauen benutzen ihn tatsächlich als Ventil, um der Dreifachbelastung von Beruf, Haushalt und Familie gerecht zu werden. Wenngleich das Risiko einer alleinstehenden Frau zu einer Problemtrinkerin zu werden ungleich höher ist.

Es gibt keinen moderaten Alkoholkonsum

Auch die Mär vom vermeintlich gesunden moderaten Alkoholkonsum widerlegt Eva Biringer, beispielsweise mit der Äußerung des Verbandes der Ernährungswissenschaftler*innen Österreichs, der ganz deutlich sagt: "Es gibt keine gesunde Menge Alkohol", oder eine über mehrere Jahrzehnte angelegte Studie des US-Zentrums für Gesundheitsstatistiken, die belegt, dass selbst geringe Alkoholmengen zu Bluthochdruck führt: "Die Studie widerspricht der Auffassung moderater Alkoholkonsum fördere die Herzgesundheit." Wobei dieser sogenannte moderate Alkoholkonsum reine Auslegungssache zu sein scheint, denn je nach Land gelten hier unterschiedliche Werte. In Deutschland wird von 10 bis 30 g reinem Alkohol pro Tag ausgegangen. Der findet sich in wahlweise einem bis drei kleinen Gläsern Bier zu 250 ml, oder in ein bis drei kleinen Gläsern Wein zu 125 ml.
Hierbei muss aber sehr deutlich zwischen Männern und Frauen unterschieden werden, da Frauen aufgrund des höheren Unterhautfettgewebes den Alkohol schlechter verarbeiten können.

Alkohol wird gerne als Kulturgut bezeichnet und hat tatsächlich eine 10.000 Jahre alte Geschichte. Dass aber Alkohol nur selten Genuss ist, sondern häufig in die Abhängigkeit führt, wurde erst 1968 deutlich, als Alkoholismus offiziell als Krankheit anerkannt wurde. Heutzutage hingegen ist Alkohol vor allem ein extrem großer Wirtschaftsfaktor, der der deutschen Staatskasse enorme Steuereinnahmen generiert (im Jahr 2020 waren es 2,2 Milliarden Euro). Da werden dann gerne die Kosten, die durch gesundheitliche Schäden, Sachbeschädigung oder Straftaten in Folge von Alkohol für die Volkswirtschaft entstehen - die um ein Vielfaches übrigens höher sind als die Steuereinnahmen - übersehen. Und die Alkoholindustrie profitiert enorm von der Sauferei, denn zwei Drittel deren Umsatzes geht auf den Konsum zurück, der oberhalb der empfohlenen Trinkmenge liegt. Das heißt, die Spirituosenhersteller*innen machen den Großteil ihrer Gewinne nicht durch sogenannte Genusstrinker*innen sondern durch Risikotrinker*innen bzw. Menschen, die Alkohol missbrauchen oder abhängig davon sind.

Alkohol, Sucht und Gewalt

Mehr als 10 % der 18- bis 64-jährigen Bevölkerung in Deutschland gelten laut dem Bundesgesundheitsministerium als abhängig oder konsumieren in gesundheitlich riskanter Form Alkohol, und über ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung steht an der Schwelle zum Alkoholismus. In Zeiten von Corona hat diese Dynamik noch einmal einen Schub bekommen. Dabei dürfte die wahre Zahl um ein Vielfaches höher sein, denn gerade beim Thema Alkohol wird der eigene Konsum gerne marginalisiert. Deutschland liegt damit übrigens über dem europäischen Durchschnitt. Wer hätte das gedacht bei Wein-Nationen wie beispielsweise Italien oder Frankreich? Und Dänemark ist Spitzenreiter bei diesem traurigen Trinkwettbewerb.

Auch bei Gewalt spielt Alkoholeinfluss eine große Rolle: "Jeder zweite gegenüber seiner Partnerin gewalttätige Mann trinke zu viel Alkohol, in Fällen von sexueller und sehr schwerer körperlicher Gewalt sind es sogar zwei Drittel." Das Absurde ist allerdings, dass Männer, wenn sie unter Alkoholeinfluss Gewalt ausüben, weniger für ihre Taten verantwortlich gemacht werden, alkoholisierten Frauen jedoch mehr Schuld zugesprochen wird, wenn sie in diesem Zustand Gewalt erfahren . Ein Sinnbild der herrschenden Doppelmoral.

Die Suchtgeschichte von Eva Biringer

Ihren Einstieg in die Sucht erklärt die Journalistin so: "Saufen erwies sich nun mal als eine sehr befriedigende Freizeitbeschäftigung. Es stimulierte meinen Geist, riss die Grenzen meines Dorfs nieder und verlieh mir ein süchtig machendes Gefühl von Rebellion. Was ich damals nicht wusste und meine Eltern wahrscheinlich auch nicht: dass in der Jugend der Grundstein für den späteren Umgang mit Alkohol gelegt wird. Je früher jemand anfängt, desto höher ist das Risiko einer Abhängigkeit."

Eva Biringer hatte bereits als Teenager den Ruf der Kampftrinkerin inne. Detailliert schildert sie ihren alkoholischen Werdegang von ihrem ersten Vollrausch im Kindesalter, über ihre vernebelte Studienzeit in Berlin, ihre nicht minder vernebelte Arbeit als Foodjournalistin, ihren zahllosen Versuchen den Konsum zu reduzieren bzw. ganz einzustellen, und schließlich ihren Sprung in die Unabhängigkeit. Eva Biringers Fazit: "Es geht nicht darum, nicht trinken zu dürfen, sondern das irre befreiende Gefühl, es nicht mehr tun zu müssen," und: "Ich hatte getrunken, um zu einer anderen Version meiner selbst zu werden, tough, stolz, emanzipiert. Das Verrückte: in dem Moment, in dem ich damit aufhörte, bin ich genau das geworden."

Die Buchpräsentation im Berliner Pfefferberg

Interessant war es übrigens bei der Buchpräsentation (moderiert von Daniel Schreiber, der durch seine Biographie über Susan Sontag bekannt wurde und das Buch "Nüchtern - über das Trinken und das Glück" schrieb) am 12.05.2022 im Berliner Pfefferberg zu beobachten, dass viele der Besucher*innen mit einem Glas Wein oder einer Flasche Bier ihren Sitzplatz einnahmen. Mit zunehmender Gesprächs- und Lesedauer nahm deren Trinkfrequenz immer mehr ab. Vielleicht hatten sich die Gäste in der Veranstaltung geirrt? Vielleicht aber sahen sie sich auch mit ihrem eigenen (riskanten?) Trinkverhalten konfrontiert. Und das, obwohl Biringer und Schreiber überhaupt nicht moralisierend von der Bühne zum Publikum sprachen, sondern sachlich über Fakten und persönliche Geschichten diskutierten, und die Gefährlichkeit des Alkohols - der nichts anderes als ein Nervengift ist - verdeutlichten. Die Lesung im Pfefferberg kann auf Eva Biringers Instagram-Kanal nachgesehen werden.

AVIVA-Tipp: Wie Eva Biringer in die Abwärtsspirale der Alkoholsucht, Essstörung und anderem selbstverletzendem Verhalten geraten ist, hat sie eindrucksvoll ehrlich und schonungslos offen in ihrem Buch "Unabhängig – Vom Trinken und Loslassen" geschrieben. Es ist aber nicht nur ihre persönliche Suchtgeschichte, sondern auch eine Geschichte des Alkohols mit einem feministischen Blick darauf. Sie zeigt, welche politischen und wirtschaftlichen Seilschaften damit verbunden sind, welche gesundheitlichen, gesellschaftlichen und sozialen Gefahren davon ausgehen, und nicht zuletzt bietet das Buch einen fundierten Überblick über den aktuellen Forschungsstand.

Zur Autorin: Eva Biringer, geboren 1989 in Albstadt-Ebingen, hat Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft in Berlin und Wien studiert. Angefangen zu schreiben hat sie als Theaterkritikerin für nachtkritik.de und Die Welt. Sie war Redakteurin bei Zeit Online, danach freie Autorin. Heute schreibt sie unter anderem für Die Welt am Sonntag, Der Standard, Tagesspiegel, Zeit Online, Die Welt und Berliner Zeitung über "Food-, Stil- und Kulturthemen". Im Sommer 2021 ist "Sonntagsessen. Für den schönsten Tag der Woche" im ZS Verlag erschienen. Sie lebt in Wien und Berlin.
Eva Biringer im Netz: www.evabiringer.de

Eva Biringer – Unabhängig – Vom Trinken und Loslassen
Harper Collins Verlag, erschienen 04/2021
Gebunden, 352 Seiten
ISBN 9783365000168
Euro 18,00
Mehr zum Buch unter: www.harpercollins.de

Literaturtipps zum Thema Alkohol

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Sarah Hepola "Blackout"
Leslie Jamison "Die Klarheit"
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Mary Karr "Lit"
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