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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 10.10.2012

No├źmi Waysfeld - Kalyma
AVIVA-Redaktion

Verborgene Sch├Ątze der j├╝disch-russischen Seele, wiederentdeckt von der charismatischen S├Ąngerin aus Paris und Schauspielerin mit ihrem Quartett Blik. Elemente aus Dichtung und Theater formen sie...



... zu einem ber├╝hrenden Kosmos aus Hoffnung, Humor und Leidenschaft - und erweisen damit einer vergessenen (Klang)welt ihre Ehre.

J├╝disches Erbe und die Lieder sibirischer Gefangener

Die 1984 in Paris geborene No├źmi Waysfeld ist pr├Ądestiniert, um Ausschau nach ungew├Âhnlichen musikalischen Ufern und Br├╝cken zu halten. Von klein auf ist sie mit Klassik, Jazz und j├╝discher Tradition vertraut, beginnt als Kind bereits zu singen und Violoncello zu spielen. Wenig sp├Ąter betritt sie, angef├╝hrt von der Schauspielerin Maria Laborit, die Welt des Theaters. Fortan ist sie, parallel zu ihrem Abitur mit Abschluss in Literatur, auf der B├╝hne zuhause, setzt ihre Studien bei Pauline Macia ("Leben wie Gott in Frankreich") fort und wird am Conservatoire Sup├ęrieur d┬┤Art Dramatique angenommen. Sie gl├Ąnzt in verschiedensten Rollen, unter ihnen "Lettre ├á", eine Inszenierung von Benoit Richter, au├čerdem unterrichtet an der Maison de la Culture Yiddish.

Ihre ebenso gro├če Liebe neben dem Schauspiel bleibt jedoch die Musik, und hier sch├Ąlt sich ihr 2008 gegr├╝ndetes Quartett Blik schnell als Dreh- und Angelpunkt heraus. Seine Spezialit├Ąt: Das Entdecken unbekannter Facetten im traditionellen j├╝dischen Liedfundus.
Mit Blik ist No├źmi Waysfeld nun nicht nur zu einer Erkundung der jiddischen und russischen Vergangenheit aufgebrochen, sondern auch auf eine Reise zu ihren eigenen Wurzeln, den Sprachen ihrer Vorfahren, die sie selbst nicht mehr beherrschte: "Ich musste sie neu erlernen. Meine Eltern sind russischer, baltischer und polnischer Herkunft. Ich begann Russisch in der Oberstufe zu lernen und Jiddisch danach an der Universit├Ąt", erz├Ąhlt sie der Lib├ęration. Die Br├╝cke zwischen den beiden fokussiert sich f├╝r sie zun├Ąchst auf einen Namen und seine Geschichte: Dina Vierny.

Die geb├╝rtige Moldawierin und j├╝dische Russin Vierny, einstige Muse und Modell des Bildhauers Aristide Maillol und K├Ąmpferin der R├ęsistance, hatte im Moskauer Untergrund Lieder der Gulag-Gefangenen aus der Stalin-├ära kennen gelernt, die sie 1975 auf einer ber├╝hmten Schallplatte versammelte. Es ist genau jene Schallplatte namens "Songs Of The Siberian Prisoners of Today", die No├źmi Waysfeld wie ein klingender Archetyp seit der Kindheit begleitet haben. Lieder, die zum Allgemeingut der russischen Folklore geh├Âren, Lieder voller Sch├Ânheit der Sprache, voll Humor, Verzweiflung und Gewalt, die mit der Poesie eines Fran├žois Villon, Aristide Bruant und Bertold Brecht verwandt sind. Ges├Ąnge, in denen Brutalit├Ąt auf Z├Ąrtlichkeit trifft, in denen die Distanz zwischen dem Gefangenen und den Orten seiner Sehnsucht wie in einem Schwalbenflug ├╝berbr├╝ckt wird.

In einem atemberaubenden sch├Âpferischen Akt hat No├źmi Waysfeld f├╝r ihre Debut-CD und ihr B├╝hnenprogramm "Kalyma" die Interpretationen Viernys ins Jahr 2012 ├╝bertragen. Und damit nicht genug: Sie koppelt sie zugleich mit jiddischen Chansons, die von einer vergleichbaren Erfahrung, einem ganz ├Ąhnlichen Lebenston erz├Ąhlen: dem von Misere, Schmerz, Gef├Ąngnis und Nostalgie, aber auch von Hoffnung, Frieden und Freiheit. Dabei hat sie ein Repertoire geformt, das so gar nichts mit den ├╝berkommenen Klezmer-Klischees der Nachkriegs├Ąra zu tun hat, und ebenso wenig mit den radikalen Experimenten der New Yorker Tzadik-Szene: Vielmehr vereint sie Jazzattit├╝de mit Shtetl-Hinterhof, Orientalismen und Mediterranes mit dem Blues der sibirischen Steppen.

Dabei verf├╝gt sie mit ihrer Stimme ├╝ber ein begnadetes Transportmittel. Wenn Waysfeld ihren samtenen Alt erhebt, sp├╝ren wir die B├╝hnensouver├Ąnit├Ąt einer Barbara, die Wehmut slawischer NomadInnen, die chansoneske Attit├╝de eines Georges Brassens und die wendige Phrasierung gro├čer afroamerikanischer S├Ąngerinnen. Dieser Alt, viel reifer als man ihn einer 27j├Ąhrigen zuschriebe, deklamiert resolut, zieht sich z├Ąrtlich-innig zur├╝ck, und verf├╝gt so ├╝ber die immense Klaviatur von Gef├╝hlslagen zwischen Nostalgie, Klage, Bitterkeit und ├ťberschwang, Lebenstrotz und Exstase.

Kongeniale Unterst├╝tzung findet No├źmi Waysfeld in ihren drei Mitstreitern von Blik: Akkordeonist Thierry Bretonnet, Sch├╝ler von Marcel Azzola, versiert von Musette ├╝ber italienische Folklore und Reggae bis hin zu improvisierter Musik, l├Ąsst sein Tastenspiel virtuos wirbeln, spannt Melodien mit weitem Atem, nimmt sich auch mal delikat hauchend, fast wispernd zur├╝ck. ├ťber ein weites Spektrum von klassischer Gitarre bis zu den Traditionen der Roma musiziert Florent Labodini├Ęre, der mit seinen erfindungsreichen und zugleich einf├╝hlsamen Begleit- und Solo-Passagen auch m├╝helos auf die Bouzouki und die arabische Laute Oud umsteigen kann, die er in Marokko und der T├╝rkei studierte. Antoine Rozenbaum schlie├člich, Co-Gr├╝nder von Blik, ist f├╝r das verl├Ąssliche Bassfundament zust├Ąndig, das auf einem breiten Sockel aus klassischer Musik und Jazz gr├╝ndet. Ein Konzert von Blik ist zudem ein Gesamtkunstwerk, das ├╝ber den Klang hinaus mit einer fein abgestimmten Licht-Choreographie aufwartet.

In dieses j├╝disch-russische Repertoire einzutauchen, hei├čt, einen Taumel von Gef├╝hlsschwankungen zu erleben: Da ist das Titelst├╝ck, das in einem bitteren Walzer von der Ankunft in der sibirischen Taiga erz├Ąhlt, und von der Gewissheit, dass die Lieben daheim den Gefangenen vergessen werden. ├ähnlich wiegender Schmerz kommt in "Belz" zum Ausdruck, eine wehm├╝tige Erinnerung an eine unwiederbringlich zerst├Ârte Welt. Von einem zarten Cellogesang des Gastes Sonia Wieder Atherton ist "Bobenyu" durchwirkt. In die Hoffnung auf die Wiederkehr des Messias von "Shnirele Perele" sind orientalische Mosaiksteine eingef├╝gt, die Klarinettenstar David Krakauer mit furiosem Feuer koloriert. In "Odessa" betreten wir die Halbwelt der Banditen, die Waysfeld mit theatralischer Grandezza skizziert, ebenso wie das Tagebuch des Schwindlers "Avreml", ein dramaturgisches Highlight des gesamten Albums. "Unter Dayne Vayse Shtern" schlie├člich ist eine tief ber├╝hrende, verzweifelte Suche, die ihre Steigerung nur in der Bitterkeit der verbotenen "Lesbischen Hochzeit" findet. Waysfeld zelebriert sie mit dem aufbegehrenden Trotz einer Internierten, die nichts mehr zu verlieren hat.

Die Erfahrung von Exil und Gef├Ąngnis, von Heimweh und Sehnsucht ist eine universelle, wie No├źmi Waysfeld schlie├člich auf der B├╝hne zeigt: Dort erweitert sie ihr Repertoire bis hinein in den Fado: "F├╝r mich zeigen der Fado- wie der jiddische Gesang die gleiche innere Zerrissenheit," erkl├Ąrt sie. "In jenen beiden Gattungen Gemeinsamkeiten zu finden, hat nichts Absurdes an sich. Die Marranen (Neuchristen, die das Judentum im Lissabon des 19. Jahrhunderts weiter versteckt praktizierten) waren zur Geburtsstunde des Fado zahl- und einflussreich." Und die konzentrischen Kreise der Pariserin schlagen noch weitere Wellen. Jud├Ąo-iberisches Liedgut und den Tango hat sie bereits auch ihrem k├╝nstlerischen Horizont hinzugef├╝gt.

No├źmi Waysfeld k├Ânnte sich rasch zu einer der gro├čen Stimmen des fr├╝hen 21. Jahrhunderts aufschwingen. Eine Stimme, die aus der Tiefe der Vergangenheit versch├╝ttete Welten emporhebt und sie mit Akribie wie auch mit tiefem Seelenempfinden zu neuem Leben erweckt.

Pressestimmen:

"No├źmi Waysfeld profitiert von ihrem jiddischen Hintergrund, um die Ges├Ąnge der Shtetl und der sibirischen Gefangenen mit jugendlichem Feuer einen neuen Besuch abzustatten" (L┬┤Express)

"Unter dem sichtbaren Einfluss des Charmes ihrer h├╝bschen S├Ąngerin wetteifern die Musiker wagemutig in diesen Liedern, die zum Tanzen und Weinen bringen, Lieder, die geformt sind von der Seele des Sklaven, vom Jazz, von der mediterranen Sph├Ąre und der jiddisch-russischen Folklore." (Lylo)

No├źmi Waysfeld
Kalyma

(im Vertrieb von Broken Silence, V├ľ: 14. September)

www.noemiwaysfeld-blik.com

(Quelle/Copyright: Pressetext Broken Silence)

Music Beitrag vom 10.10.2012 AVIVA-Redaktion 





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