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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 22.02.2009

Marissa Nadler - Little Hells
Tatjana Zilg

Die Songwriterin aus Boston zelebriert die Traurigkeit bestechend sch├Ân wie keine andere. Oft geht der seidenzarte Gesang ins Hauchen, Seufzen, Summen, Zittern ├╝ber, ergreift kurz darauf wieder ...



... mit einer erstaunlichen bitters├╝├čen Kraft den Raum und umweht gespenstisch alle Sinne.

W├Ąre sie eine M├Ąrchenfigur, k├Ânnte sie eine Schneek├Ânigin sein, keine mit kaltem Herz, vielmehr eine unnahbare und doch die Seelen verzaubernde, eine, die statt mit Glassplittern an sich zu binden mit tiefen Gef├╝hlen Tr├Ąnen in die Augen treibt.
Ihre filigranen Melodien unterlegen Texte mit melodramatischen Themen: Es geht um gebrochene Herzen, den Tod, oder die enormen Lasten, die manche Menschen tragen m├╝ssen. Einige ihrer Songs werden zu Cowboy- und Seefahrerweisen oder bewegenden Chansons.

Sie ist aber nicht nur eine Meisterin im Songwriting ├╝ber die dunklen Seiten des Lebens, sondern auch ein Ausnahmetalent an der Gitarre. Im Mittelpunkt ihrer Kompositionen steht oft ihre grandiose Fahey-eske Fingerpicking-Technik, mit der sie den fr├╝heren Blues-MusikerInnen Tribut zollt, und die Basho-Gitarrenmotive, die sie mit ihrer 12-saitigen Gitarre erzeugt. Diese integriert sie in einem modernen Sound, f├╝r den sie bei "Little Hells" Chris Coady (der schon mit Cat Power, TV On The Radio, Grizzly Bear, Yeah Yeah Yeahs, Blonde Redhead zusammenarbeitete) als Produzenten ins Studio bat. Simone Pace von Blonde Redhead sorgte f├╝r Drums und Percussion, Myles Baer von Black Hole Infinity f├╝r erg├Ąnzende elektrische und akustische Gitarre, Bass, Theremin und Wurlitzer, Farmer Dave Scher von Rilo Kiley f├╝r Orgel, Klavier, Lapsteel und Synthesizer.

Ihre Musik wirkt wie ein Klanggem├Ąlde, eine Zeitreise unternehmend in die surrealistische Epoche, dann weiter schweifend zu den gro├čen Natur-Realisten, ankommend bei den geheimnisvollen Welten Hieronymus Boschs und wieder zur├╝ck preschend in die Gegenwart der Konzept-Kunst. Tats├Ąchlich widmet sie sich nicht nur der Musik. Mit der Entwicklung ihres Songwriting-Talents begann sie, als sie schon seit einiger Zeit an der Rhode Island School Of Design eingeschrieben war. Ihre visuellen Kunstwerke ber├╝hren auf ebenso eindringliche Weise wie ihre Songs. Ein Blick in ihr Portfolio auf ihrer Website lohnt sich auf jeden Fall.

Trotz ihres anspruchsvollen Studiums ist "Little Hells" bereits ihr viertes Album. Daneben hat sie auf einigen Compilations exzellente und eigenwillige Coverversionen ver├Âffentlicht, die in Amerika Kultstatus haben ÔÇô darunter finden sich Titel wie "Famous Blue Raincoat" (Leonard Cohen), "I┬┤m On Fire" (Bruce Springsteen) und "Surprises" (Radiohead).

Die zehn Songs von "Little Hells" umschlie├čen mit festem Griff alle einsamen Herzen und verf├╝hren zur Hingabe an die tiefen Gef├╝hle, die sie aus den verborgenen Nischen der Seele hervorlocken, teils schmerzlich, teils hoffnungsvoll und immer tr├Ąumerisch vision├Ąr: Das Intro "Heart Paper Lover" widmet sich der Zerbrechlichkeit von Liebesbeziehungen und beschreibt die Gefahr des Verlustes mit poetisch anmutigen Zeilen. "Mary Come Alive" geh├Ârt aufgrund der turbulenten Percussion zu den lebhaftesten St├╝cken des Albums und fordert die Stimme Marissa Nadlers auf, sich etwas erdiger zu zeigen als bei den anderen Songs, wo sie sich vor allem schwebend leicht zeigt. Immer schwingt eine hohe Vulnerabilit├Ąt aus den Songs heraus, die aber zugleich die gro├če Kraft einer charismatischen Pers├Ânlichkeit ausstrahlt, die sich traut, Seiten von sich offen zu legen, die viele mit erzwungener M├╝he verdr├Ąngen. So ist der zehnte Song "Mistress" ein wunderbares Abschiedslied an die Trauer und erlaubt den H├ÂrerInnen, aus der auditiven Seelenreise mit Zuversicht in ihren Alltag zur├╝ckzukehren.

Marissa Nadler im Netz:www.marissanadler.com und auf Myspace

Im Interview mit AVIVA-Berlin: Marissa Nadler

Weiterh├Âren: Jolie Holland und Rilo Kiley

AVIVA-Tipp: "Little Hells" ist eine Ode an die Traurigkeit, aber auch an die Leidenschaft, die Sehnsucht und das Begehren. Musik zum sich in die Ecke kuscheln und allein f├╝r sich h├Âren ÔÇô bei Liebeskummer viel besser als Schokolade, denn sie hilft, die eigenen inneren Reicht├╝mer in sich zu entdecken und mit der Melancholie einen heilsamen Pakt zu schlie├čen.


Marissa Nadler
Little Hells

Label: Kemado Records, Rough Trade, V├ľ Februar 2009


Music Beitrag vom 22.02.2009 AVIVA-Redaktion 





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