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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 30.01.2006

Interview mit Di Grine Kuzine
Sarah Ross

Was die dynamische und temperamentvolle Musik der Berliner Klezmer-Balkan-Combo zu einem unvergesslichen Erlebnis werden l├Ąsst, sind definitiv auch die K├Âpfe, die dahinter stecken. Treten Sie ein...



in die Welt des 1993 gegr├╝ndeten, deutsch-bulgarischen Musikensembles, und lesen Sie mehr ├╝ber den Werdegang der Band, deren Auffassung von Musik und ├╝ber das neue Album "Berlin Wedding".

AVIVA-Berlin: Wie haben sich die Bandmitglieder zusammengefunden?
Di Grine Kuzine: Nicht gesucht aber gefunden haben wir uns, einige haben schon in anderen Projekten zusammengespielt. Das passiert hier st├Ąndig in Berlin. Wir lieben uns einfach und unsere Sternzeichen passen total gut zusammen. Sogar die chinesischen Horoskope, wenn man es kabbalistisch angehen w├╝rde?... Hmm, wer wei├č...

AVIVA-Berlin: Wo hat die Band ihren Anfang genommen?
Di Grine Kuzine: Begonnen hat alles auf Berliner Hochzeiten. Mehrere davon waren j├╝disch/amerikanisch - deutsch/ukrainisch. Mit am sch├Ąrfsten war eine iranisch/irakisch - s├Ąchsische Hochzeit. Mit bulgarischer Trauzeugin - ist wirklich kein Witz. Wir haben auch schon mal auf einer Scheidung gespielt, weil ich das eine Weile aus Spa├č im Konzert gesagt hatte und pl├Âtzlich rief uns eine ├ľsterreicherin an und zelebrierte mit uns ihre Scheidung. Normalerweise lassen sich die Leute, auf deren Hochzeiten wir spielen, aber nicht scheiden, wahrscheinlich hat die ├ľsterreicherin einfach den Fehler gemacht, ohne uns zu heiraten, aber wir k├Ânnen ja auch nicht immer ├╝berall sein und die Welt muss schon jeder selber so gut machen, wie er kann. Und au├čerdem spielen wir seit einer Weile viel in Clubs und auf Festivals in vielen L├Ąndern, da muss man uns dann schon ganz sch├Ân doll wollen auf seiner Hochzeit.

AVIVA-Berlin: Wenn ihr ein Fazit der letzten Jahre ziehen m├╝sstet, wie w├╝rde es ausfallen?
Di Grine Kuzine: Fazit von ...? Ziehen wir st├Ąndig. Mal himmelhoch jauchzend, mal zu Tode betr├╝bt.

AVIVA-Berlin: Wessen Idee war es, traditionelle Instrumente und osteurop├Ąische Melodien/Musiken mit Elementen aus Ska, lateinamerikanischer Musik, Pop, Schlagermusik usw. zu kombinieren? Beschreibt eure Auffassung von Musik.
Di Grine Kuzine: Das akustische Instrumentarium einer Miniblaskapelle ist der Konsens aller von Anfang an. Wir lieben es, das Publikum positiv zu entt├Ąuschen, d.h. keine Erwartungen brav zu erf├╝llen, sondern es mit dem mitzurei├čen, was uns selbst am meisten Spa├č macht - in jedem Moment, bei jedem Konzert ein wenig anders. Unser Repertoire vergr├Â├čert sich st├Ąndig und wir stellen das Programm immer f├╝r den konkreten Abend zusammen, manchmal inspiriert uns einfach die Farbe eines Saales dazu (danach suche ich auch meine Kleider aus), oder wenn wir irgendwie komisch angek├╝ndigt werden... Die Zugaben werden spontan erstritten hinter der B├╝hne. Musik ist irgendwie unerkl├Ąrlich und lebt von lauter Momenten, die vorbei gehen. Es kommt auf die Intensit├Ąt dieser Momente an. Spannweite von Zeit + Raum + Emotion x Bewegung = Musik.
Dadurch unterscheidet sich Musik z. B. von einem Gem├Ąlde...

AVIVA-Berlin: In der Musik schwingt neben vielen anderen musikalischen Genres auch Klezmer mit. Ist eine/r von Euch j├╝disch? Wenn nicht, wie kommt es, dass Nichtjuden Klezmer machen?
Di Grine Kuzine: Von unserer neuen Scheibe, die ├╝ber eine Stunde Musik enth├Ąlt (und ├╝brigens auch ein sehr s├╝├čes Berlinvideo), sind genau 12 Takte aus dem Klezmertitel Di Reize noch Amerika entlehnt. Im Titel Onkel in Amerika, der die moderne Version von dem Lied "Di Grine Kuzine" darstellt. Die ewig reisenden, fliehenden, hoffnungsvollen, entt├Ąuschten und wieder Hoffnung sch├Âpfenden Menschen - ├╝berall auf der Welt. Deserteure, Gastarbeiter, Verfolgte, Abenteurer, "Clandestinos", "Sans papiers" und wie sie so genannt werden. Wir mussten diese Motive gar nicht suchen oder forcieren, es begegnet uns einfach immer wieder und so sehen wir auch Klezmer als Teil dessen. Musik in Ver├Ąnderung, in Bewegung, in der Gefahr des Vergessens...
Die sch├Ânste Musik - oft entstanden durch die h├Ąsslichsten Ereignisse.
Das muss man universell begreifen oder etwas w├╝rde zum Musikantenstadl verk├╝mmern. Klezmer symbolisiert f├╝r viele vergangene Lebenswelten. Das fasziniert Publikum und Musiker, wahrscheinlich jeden mit andern Assoziationen. Es gibt da fast so viele historische, musikethnologische, philologische, philosophische oder auch naive (das muss nicht zwangsl├Ąufig negativ sein) Herangehensweisen wie Musiker und Bands. Unsere Auffassung ist, dass es aber eine pers├Ânliche Lesart und damit authentische Interpretation oder im besten Fall Weiterentwicklung geben sollte. Alles was einem Guru folgt, oder so tut als ob wieder alles so sein k├Ânnte wie damals, ist verlogen und reaktion├Ąr. Ausgenommen sind nat├╝rlich Projekte, die sich bewusst der traditionellen Spielart widmen, vielleicht vergleichbar mit den Ensembles f├╝r klassische und alte Musik. Somit kommt es vor allem auf die k├╝nstlerische Qualit├Ąt an, die gepr├Ągt sein sollte von einer pers├Ânlichen Durchdringung des Themas, nicht so sehr auf das Blut, das in unseren Adern flie├čt. Ahnenforschung ist tr├╝gerisch und man wird wom├Âglich in die falschen Familienfehden hineingezogen.

Es k├Ânnte sein, dass wir einen Nichtjuden verstecken oder einen Nichtnichtjuden...

AVIVA-Berlin: Eure Musik scheint sich immer wieder neu zu erfinden. Wie kommt es dazu, was ist der Motor, der Euch antreibt?
Di Grine Kuzine: (Siehe oben) und unsere Reisen und die Musik selbst. Unser Publikum, der richtige Wein im richtigen Augenblick, das Leben - all das.

AVIVA-Berlin: Es hei├čt, Di Grine Kuzine macht Musik, die ein generationen├╝bergreifendes Publikum anspricht. Ist das Zufall, oder geh├Ârt dies zu Eurem Erfolgskonzept?
Di Grine Kuzine: Ich glaube, irgendwie beides. Da wir auf Hochzeiten und Partys angefangen haben, hatten wir von Anfang an mit den verschiedenen Generationen zu tun, manchmal bis zu 5. Es war eine gute Schule, um das Empfinden f├╝r die Wirkung unserer Musik zu entwickeln. An manchen Abenden m├╝ssen wir nur minimal unser Repertoire abstimmen und schon funktioniert es - immer wieder zum Erstaunen von Band und Publikum. Inzwischen bieten wir viel f├╝r Kids und Clubbesucher, weil wir die Sounds unsere Instrumente bewusster auskosten, ohne z.B. elektronische Hilfsmittel wie Keyboards oder ├ähnliches zu benutzen. Zum Beispiel beim dritten Titel der CD (La├č die Augen zu) kann man das h├Âren, oder bei den vielen coolen Grooves mit einer Tuba, die nur minimal verfremdet wird und schon hat man das Gef├╝hl, Kraftwerk spielt auf (Brettsegeln - Titel 14) etc., etc.
Grade sehr junge Leute sind oft davon hingerissen, wie cool es mit so einem uncoolen Instrumentarium klingen kann. Ich habe Akkordeon fr├╝her f├╝r das grauenhafteste und hausbackenste Instrument ├╝berhaupt gehalten. Ein Typ kam mal nach einem Konzert beim Karneval der Kulturen und meinte: ej, ick find Blasmusik schei├če, aber ihr seid toll. Das sind tats├Ąchlich die wahren Highlights.
Das Bildungsb├╝rgertum und so weiter, die kreischen beim Thema von Modest Mussorgsky und denken: Mensch, dit kenn ick. Die denken vielleicht, tja die Klassik ist doch das Gr├Â├čte - und ich wei├č, das Beste an der Klassik sind immer die geklauten Volkslieder. So freuen sich alle ├╝ber das Gleiche, aber mitunter nicht ├╝ber das Selbe, und das ist lustig, weil man doch den Moment teilt. F├╝r ein Gastspiel vor Jahren in Prag, haben wir extra ein bisschen die Moldau in ein rasantes serbisches St├╝ck gebracht, als die Leute das erkannt hatten, ging ein Freudenschrei durchs Publikum, die haben begriffen, dass wir sie meinten, wir haben mit denen kommuniziert und ihnen gezeigt, dass wir das kennen und lieben und sie respektiert sind, was wei├č ich, es war einfach total sch├Ân, und ein ber├╝hrender Augenblick, der nur ein paar Sekunden lang war. Wir probieren so etwas aus und schaffen uns damit selber Momente, die keine Routine aufkommen lassen, das sp├╝ren die Leute genau.

AVIVA-Berlin: Was war der Ausl├Âser f├╝r das aktuelle Album Berlin Wedding und was ist die Message?
Di Grine Kuzine: Alles, was vorher war. Wir hatten eine Trilogie zusammen und hatten Lust, uns als Berliner zu pr├Ąsentieren. Irgendwie haben uns unsere Reisen durch Europa auch dazu inspiriert, die Leute waren immer so freudig erregt, wenn sie h├Ârten, dass wir Berliner sind - ├╝brigens fast alles Waschechte. Au├čerdem gab es das Berlinlied schon. Und obwohl es noch nicht erschienen ist, haben uns das schon Franzosen im Kaffee Burger vorgesungen. Das hat uns umgehauen, wo die doch meistens so in ihre Sprache verliebt sind...

AVIVA-Berlin: Als ich den Titel des neuen Albums erstmals las, musste ich sofort an den Berliner Stadtteil Wedding denken. Als ich jedoch erstmals in die CD hineingeh├Ârt hatte, dachte ich eher an das englische Wort "wedding" - also eine Verm├Ąhlung aller in Berlin anzutreffenden Kulturen, Musikstile etc. Trifft eine dieser Assoziationen zu? Wenn ja, was war euer Gedanke, als ihr dem Album diesen Titel gegeben habt?
Di Grine Kuzine: Beides nicht falsch. Wedding ist f├╝r mich pers├Ânlich lustig, weil ich 40 Jahre lang als kleine Jungpionierin in Ostberlin, nach dem markig interpretierten Lied von Ernst Busch "Der rote Wedding", zum allw├Âchentlichen Fahnenappell einmarschiert bin und nie wusste, wat Wedding is. Wedding als Berliner Bezirk war auf den DDR - Berlinkarten nicht aufgef├╝hrt, weil janz Westberlin einfach wei├č war. Dass wir da jetzt proben, ist mein pers├Ânlicher Sieg ├╝ber Walter Ulbricht und alle B├Âsewichter der Welt. Aber da das in New York keener wee├č, obwohl unser Video dort schon im TV war, und wir nat├╝rlich auf viele gut bezahlte Hochzeitsengagements von reichen New Yorkern hoffen, hei├čt die Platte nat├╝rlich Berliner Hochzeit bzw. "Hochzeit Berliner Style", Wedding berlinoise, wenn ihr so wollt. Hej, welcher halbwegs hippe Ami w├╝rde sich das entgehen lassen?

AVIVA-Berlin: Was sind Eure W├╝nsche f├╝r die Zukunft?
Di Grine Kuzine: Wir sind ein bisschen abergl├Ąubisch und reden da nicht so gern dr├╝ber, aber wir w├╝nschen Euch alles Gute!

P.S.: "Der rote Wedding", von Ernst Busch gesungen, da werde ich mein ganzes Leben drauf stehen, ich hoffe, dass Rammstein endlich mal auf die Idee kommt, das zu singen, dann wird man ja sehen, wer der Meister des rrrrolllenden RRRR ist.


Music Beitrag vom 30.01.2006 Sarah Ross 





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