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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 30.09.2005

Doro Pesch im Interview
Tatjana Zilg

Als erster Frau gelang es ihr, sich im Heavy Metal-Genre ganz nach oben durchzuk├Ąmpfen. Doro erz├Ąhlt von der Freundschaft zu Boxstar Regina Halmich, von neuen Projekten und von der Zeit mit Warlock



Nicht nur f├╝r ihre Fans ist Doro etwas ganz besonderes. Seit Anfang der Achtziger arbeitete sie sich mit Disziplin, Hingabe an die Musik und Freude an der Rockszene bis an die internationale Spitze eines bisher m├Ąnnerdominierten Genres.
Im Interview mit AVIVA-Berlin lobte sie spontan den Ansatz, eine frauen-fokussierte Website zu gestalten, und erz├Ąhlte, dass auf ihrem n├Ąchsten Album ein Song zu diesem Thema zu finden sein wird.

Doro Pesch: "The Inner Circle" wird ein Song ├╝ber Frauen weltweit. Es ist wie ein kleines Netzwerk. In Amerika gibt es mittlerweile Frauen in Keypositionen bei den gr├Â├čten Musikmagazinen, Plattenfirmen oder beim Fernsehen. ├ťberall sind jetzt Frauen, mit denen ich mich extrem gut verstehe. Das ist mir seit ein paar Jahren aufgefallen und dann dachte ich mir, ich muss einen Song dar├╝ber schreiben. Es ist wie eine unsichtbare Power. Fr├╝her, als ich angefangen habe, war das alles eher m├Ąnnerbeherrscht. In den Plattenfirmen gab es Sekret├Ąrinnen, aber sonst kaum Frauen. Dass die Chefstellen von Frauen besetzt werden, war vor zwanzig Jahren noch unm├Âglich.
1986 konnte ich mit "Warlock" als erster deutsche Band bei dem legend├Ąren "Monster of Rock"-Festival in Castle Donington/England spielen. F├╝r uns war es der Wahnsinn, als erste deutsche Band dort sein zu k├Ânnen. Aber f├╝r die Presse war es das erste Mal, dass eine Frau diese B├╝hne betreten hat. Das gab es damals im Metal-Bereich nicht. Heutzutage ist das ja gang und g├Ąbe, aber in den Achtzigern habe ich immer das Gef├╝hl gehabt, man muss sich doppelt und dreifach behaupten und daf├╝r k├Ąmpfen, dass man f├╝r die gleiche Leistung Respekt und Beachtung bekommt.

AVIVA-Berlin: Deine neue Single "We Are Like ThunderÔÇŁ ist die Eingangshymne f├╝r Regina Halmich. Was fasziniert Dich am Boxsport?
Doro Pesch: Ich bin totaler Boxfan, seitdem ich klein war. Ich war Muhammad Ali Fan. Als ich drei, vier Jahre alt war, bin ich nachts aufgestanden und habe mir mit meinen Eltern Boxen angeschaut, damals war das ja noch schwarz-wei├č. Das hat mich immer extrem fasziniert. Ich mag professionelle K├Ąmpfe. Die Technik dahinter und wie Gewinner und Verlierer sich verhalten. Mir hat das nicht viel gebracht, zu sehen, wie die sich gegenseitig schlagen, sondern wie jeder mit Ehre versucht zu gewinnen. Meine Faszination liegt wahrscheinlich im Kampf selbst. Mein Vater hatte einen LKW und war Transportunternehmer. Ich war nicht im Kindergarten, sondern oft mit meinen Eltern im LKW unterwegs. Da habe ich damals schon als ganz kleiner Mensch gemerkt: das Leben ist ziemlich hart.

AVIVA-Berlin:Wie habt Regina Halmich und Du Euch kennengelernt?
Doro Pesch: Seit 1994 trainiere ich Thai-Boxen, um mich f├╝r die Tourneen fit zu machen. Mein Boxlehrer sagte mir, ich solle mir m├Âglichst viele K├Ąmpfe ansehen. Thai-Boxen macht man mit F├Ąusten, Ellenbogen, Knien und F├╝ssen. Es ist das beste Konditionstraining. Ich bin in unterschiedliche K├Ąmpfe gegangen und einer war in den Satori - S├Ąlen in K├Âln. Der Ringsprecher k├╝ndigte ein neues Duell mit Regina Halmich an. Sie ist mit "All we are" eingezogen. Das ist der Lieblingssongs von den Fans. Zusammen mit "F├╝r Immer" ist "All we are" unser Hit. Nach dem Kampf bin ich zu ihr gegangen. Wir kannten uns schon vorher vom Sehen, Regina ist Rockfan und zu meinen Konzerten gekommen. ├ťber die Jahre hat sich dann eine tiefe Freundschaft entwickelt. Im Jahr 2000 rief sie mich an und fragte, ob ich nicht eine Hymne f├╝r sie machen k├Ânnte. Ich schlug ihr "Fight" vor, der Song war extrem aggressiv und hart. Regina musste daf├╝r k├Ąmpfen, dass der Song im Fernsehen vor ihrem Kampf l├Ąuft. Aber sie hat es durchgeboxt, im wahrsten Sinne des Wortes. Vor einem Jahr habe ich eine neue Platte gemacht und ich habe mit ihr besprochen, ob sie Lust auf eine neue Hymne hat. Dann haben wir "She┬┤s like Thunder" geschrieben.

AVIVA-Berlin: Wie w├╝rdest Du die n├Ąchste Single, die im November auf dem Markt kommt, und das Album, das im Fr├╝hjahr 2006 erscheint, beschreiben? Bleibst Du Deinen musikalischen Wurzeln treu?
Doro Pesch: Es wird wieder jede Mengen Hymnen geben, totale Heavy-Songs, Balladen und den deutschen Song "In Liebe und Freundschaft". Ich denke mal, dass er die erste Single werden wird. Ein sehr sch├Âner Song, sehr emotional, ich w├╝rde sagen zwischen "F├╝r immer" und "Alles ist gut". Vor drei Wochen hatte mein Vater Geburtstag, er lebt leider nicht mehr. Ich stand mit meiner Mum am Grab - es war sehr emotional. Auf einmal hatte ich die Idee f├╝r den Song. Nachts habe ich mich sofort hingesetzt und den Song fertiggemacht, am n├Ąchsten Tag bin ich in das Studio gegangen und habe es den Leuten vorgespielt. Eigentlich war ich an der Single "Above The Ashes" dran, auch ein wahnsinnig sch├Âner Song, mehr eine Hymne, ganz sensibel, eine Magic-Ausstrahlung. Na ja, und dann konnte ich mich nicht entscheiden und habe die beiden Songs vielen Leuten vorgespielt, und die sagten: "Hey, komm, nimm doch den Deutschen, die Fans m├Âgen die deutschen Songs extrem gern."

AVIVA-Berlin: Seit ein paar Jahren ist Deutschrock ja wieder stark im Kommen. Es gibt eine Menge neuerer Bands.
Doro Pesch: Ich mach das mehr aus dem Gef├╝hl heraus. Egal, welcher Trend gerade ist. Wenn man sich danach richtet, hat man schon verloren. Ich gehe da eigentlich immer instinktiv dran. Der Song hat ein sehr sch├Ânes Gef├╝hl, es ist ein ganz simpler Song, aber dr├╝ckt alles aus, auch, was in der Rockszene so abgeht. Es ist alles sehr freundschaftlich. Man f├╝hlt sich schon seit vielen Jahren sehr verbunden. Ein ganz tiefes Gef├╝hl von Zusammengeh├Ârigkeit und Liebe. Das Album soll im M├Ąrz/April 2006 kommen, wie es hei├čen wird, wei├č ich noch nicht. Der Arbeitstitel ist "Warrior Soul". Das Cover ist wieder ein Gem├Ąlde von dem K├╝nstler, den ich sehr gern mag, Geoffrey Gillespie. Gleichzeitig bin ich ab morgen (Mitte September, Anm. Red.) in der Schweiz f├╝r Dreharbeiten eines Filmes, "Anouk, der Weg des Kriegers". Er spielt in der Bronzezeit. Ich bin die Tochter des ├ältesten, der sein Volk f├╝hrt. "Warrior Soul" wird wohl als Filmmusik verwendet werden.

AVIVA-Berlin: Steht schon fest, wann der Film in den Kinos zu sehen sein wird?
Doro Pesch: Ja, n├Ąchstes Jahr. Zun├Ąchst wird der Film in den Schweizer Kinos ver├Âffentlicht. Aber ob er in die deutschen Kinos kommen kann, wird hart umk├Ąmpft. Auf jeden Fall wird er im 3sat gezeigt werden, aber vorher soll er auch hier in die Kinos kommen. Ich hab ein gutes Gef├╝hl dabei. Der Regisseur ist Luke Gasser.

AVIVA-Berlin: Du kannst auf eine fast zwanzigj├Ąhrige Musikkarriere zur├╝ckblicken. Erinnerst Du Dich noch, wie es war, als Du zum ersten Mal mit Heavy Metal in Ber├╝hrung kamst?
Doro Pesch: Ich habe 1980 mit meiner ersten Band angefangen. Ich bin musikinteressiert, seitdem ich denken kann. Ich bin in der Glamrock-Zeit aufgewachsen, mit T Rex, Slade, Led Zeppelin, den Stones. Als ich acht, neun, zehn Jahre alt war, wollte ich gerne S├Ąngerin werden. Musik war immer wichtig in unserer Familie. Als ich ein bisschen ├Ąlter wurde, habe ich dar├╝ber nachgedacht, was ich im Leben machen m├Âchte. Da ich auch alles mit Grafik mag, habe ich eine Lehre zur Grafikerin angefangen. In der Lehre bin ich ziemlich krank geworden. Zuerst wusste ich gar nicht, was es ist. Na ja, und dann war ich bei tausend ├ärzten, die sagten, nein, es ist alles in Ordnung. Hinterher kam es raus, da war es schon fast zu sp├Ąt, ich hatte Lungentuberkulose im Endstadium. Ich war ein Jahr im Krankenhaus, das erste halbe Jahr wusste man nicht, ob ich ├╝berlebe. In dem einen Jahr hat sich ganz viel ver├Ąndert, ich war damals 16. Ich habe auch alle meine Freunde verloren, den Kontakt zu unserer Clique. Ich musste in Quarant├Ąne und durfte nicht besucht werden. Ich habe nicht gedacht, dass ich das ├╝berlebe und hatte ganz viel Zeit. Ich habe Gedichte geschrieben und Musik war das einzige, was einen ├╝ber Wasser gehalten hat. Ich dachte, wenn ich jemals aus dem Krankenhaus rauskomme, dann mache ich das, was ich gerne mache. Nach einem Jahr konnte ich endlich entlassen werden und zwei Wochen sp├Ąter hatte ich meine erste Band. Es musste Heavy Metal sein, weil sich soviel Aggression und Emotion angestaut hatten. Nach einer kurzen Zeit haben wir uns zu einer Band zusammengeschlossen, die hie├č Warlock. Das war der Durchbruch, 1983 bekamen wir einen ersten Plattenvertrag. Die ersten Tourneen und dann ging es weltweit super ab. 1986 bin ich nach Amerika gegangen, wo ich f├╝r drei Tage in New York eine Promotion-Tour machen wollte. Ja, und dann bin ich sofort dageblieben. 1991 bekam ich die Gr├╝ne Karte, seitdem geht es immer hin und her.

AVIVA-Berlin: Du bist sehr viel auf Tournee. Bleibt das auch weiterhin so?
Doro Pesch: Ja, 2005 haben wir auf einer Menge Festivals gespielt, was ich extrem gern mag. Wir haben auch zum ersten Mal in der T├╝rkei gespielt, in Istanbul. Es war tierisch, tierisch geil. Da kamen ganz viele Leute aus dem Iran, ich wusste gar nicht, dass die Leute auch die Musik h├Âren oder h├Âren d├╝rfen.

AVIVA-Berlin: Was w├╝nscht Du Dir f├╝r die Zukunft?
Doro Pesch: Dass ich noch viele Jahre Musik machen kann und dass es wieder besser wird in der Welt. Es ist schon extrem, was gerade in der Welt abgeht. Ich war immer ein Amerikafan: Ich habe es so geliebt, f├╝r Sachen, die ich hier nicht konnte, f├╝r die Freiheit, dass man dort seine Tr├Ąume verwirklichen kann. In Louisiana und in New Orleans haben wir unser "F├╝r immer"-Video gedreht. Das war in den S├╝mpfen von Louisiana, in einer Riesenvilla, wo schon viele Filme gedreht wurden. Das gibt es jetzt wahrscheinlich alles nicht mehr. So schnell kann es gehen, wie schnell sich alles ├Ąndert.
Ich hoffe, dass es noch viele gute Jahre gibt, jeden Tag genie├čen, Hundertprozent ausnutzen. Was immer man machen will, nicht aufschieben. Und Gesundbleiben, Weltfrieden. Das ist auch der Herzenswunsch von allen unseren Fans, wenn man sich mit ihnen unterh├Ąlt.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r das Interview und viel Erfolg mit all Deinen Projekten.

Lesen Sie auch die Rezension der CD "We Are Like Thunder".


Music Beitrag vom 30.09.2005 AVIVA-Redaktion 





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