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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 10.08.2007

Verstrickung Berliner UniversitÀten im Nationalsozialismus
Marietta Harder

Seit August 2007 gibt es eine BroschĂŒre, die ĂŒber NS-Belastungen wissenschaftlicher Institutionen aufklĂ€rt. Sie beschĂ€ftigt sich mit den Auswirkungen der Ideologie auf Berliner ForscherInnen.



Erstmals hat der Berliner Senat somit eine Druckschrift herausgegeben, in der die Rolle der Berliner Wissenschaftseinrichtungen wÀhrend der NS-Zeit dokumentiert wird. Anlass war eine Anhörung mit renommierten WissenschaftlerInnen im Abgeordnetenhaus im Mai 2005. Deren WortbeitrÀge und wissenschaftliche AufsÀtze untersuchen die NÀhe deutscher AkademikerInnen zum NS-Staat.

Senator Prof. Dr. Zöllner: "Wir wollen mit dieser BroschĂŒre einen Beitrag dazu leisten, mehr Transparenz und AufklĂ€rung in das dunkelste Kapitel deutscher Wissenschaftsgeschichte zu bringen." Es sollen also Antworten auf die Frage gegeben werden, inwieweit deutsche UniversitĂ€ten vom Nationalsozialismus beeinflusst waren. Und auch das Thema der Verarbeitung spielt eine Rolle.

Lange Zeit beschĂ€ftigten sich deutsche UniversitĂ€ten nicht kritisch mit diesem Thema, weshalb eine solche BroschĂŒre erst jetzt, 60 Jahre nach Kriegsende entstand. Denn die allgemeine Überzeugung der Nachkriegszeit war, neben den Kirchen habe die Wissenschaft relativ unbeschĂ€digt die NS-Zeit ĂŒberstanden. Und die wirklich schwarzen Schafe seien nach 1945 rasch entfernt worden.

Die Institutionen argumentierten, "Vertreibung von Professoren und Aufpfropfungen wie die "FĂŒhrer- UniversitĂ€t" sind von außen, von den neuen Machthabern oktroyiert worden - man braucht nur wieder zur Autonomie und zur Freiheit von Lehre und Forschung zurĂŒckzukehren", wie sie bis 1933 in der Tradition der Humboldtschen UniversitĂ€t Geltung besessen hĂ€tten.

Erst seit dem Jahr 2000 setzen sich viele Berliner UniversitÀten wissenschaftshistorisch mit ihrer NS-Vergangenheit auseinander und kommen zu folgenden Befunden:

"Nach den bisherigen Erkenntnissen hat es aus der UniversitĂ€t heraus keinen Widerstand gegen die NS-Maßnahmen gegeben, allenfalls einzelne private Äußerungen von Distanz und Abscheu." Und zweitens kann "von einer einseitigen Einflussnahme des NS-Systems auf die Berliner UniversitĂ€t keine Rede sein", so Prof. Dr. vom Bruch, Dozent fĂŒr Wissenschaftsgeschichte an der Humboldt UniversitĂ€t Berlin.

Neben der Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte in den letzten Jahren machte die Leitung der Ă€ltesten Berliner Hochschule auch hinsichtlich der Verarbeitung ihrer Vergangenheit einen Schritt nach vorn: Noch Ende 1999 entsagte die Humboldt-UniversitĂ€t Berlin dem Literaturkritiker Reich-Ranicki eine öffentliche Entschuldigung. Im Februar 2007 schließlich verlieh die Humboldt-UniversitĂ€t dem Marcel Reich-Ranicki eine EhrendoktorwĂŒrde.

"Damit ehrt die ganze UniversitĂ€t nicht nur einen großen Kritiker und Förderer der deutschen Literatur, insbesondere der Exilliteratur, sondern bekennt sich im Vorfeld ihres zweihundertjĂ€hrigen JubilĂ€ums zu ihrer historischen Verantwortung wie Schuld", erlĂ€uterte Christoph Markschies, PrĂ€sident der HU. Die Auszeichnung ist eine Reaktion auf die Gesetze der nationalsozialistischen Regierung: 1938 war dem Juden Reich-Ranicki ein Studium an der Friedrich-Wilhelms-UniversitĂ€t (heutige HU) verweigert worden.

Weitere Ergebnisse zum Thema Nationalsozialismus und UniversitĂ€ten liefert die BroschĂŒre "Berliner Wissenschaftseinrichtungen in der NS-Zeit". Sie ist kostenfrei bei der Senatsverwaltung fĂŒr Bildung, Wissenschaft und Forschung unter der Rufnummer 9026-5000 erhĂ€ltlich und kann auch online heruntergeladen werden.

Lesen Sie zum Thema auch unseren Beitrag "Forschungsprojekt der Stiftung Brandenburgische GedenkstÀtten".

Weitere Infos unter:
Überblick, Geschichte
Geschichte der Berliner UniversitÀten
Die Berliner UniversitÀt unterm Hakenkreuz
Ehrendoktor Reich-Ranicki

Public Affairs Beitrag vom 10.08.2007 AVIVA-Redaktion 





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