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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 26.07.2008

Antisemitistische RealitÀten im Deutschland von heute
Sharon Adler

Freispruch fĂŒr antisemitische Äußerungen. Sportwissenschaftler Arnd KrĂŒger verbreitet öffentlich und ungestraft faschistoide Thesen. Ex-Bundesverfassungsrichter Hoffmann-Riem will Holocaust-Leugnung



nicht strafrechtlich verfolgen lassen.

"Ich wĂŒrde als Gesetzgeber die Holocaust-Leugnung nicht unter Strafe stellen", so der ehemalige Bundesverfassungsrichter Wolfgang Hoffmann-Riem. DarĂŒber hinaus Ă€ußerte er sich ablehnend, was die Strafbarkeit der Verwendung von Darstellung und Symbolen verfassungsfeindlicher Organisationen angeht. Brisant ist in diesem Zusammenhang auch die Tatsache, dass Hoffmann-Riem wĂ€hrend seiner TĂ€tigkeit als Bundesverfassungsrichter am 07.12.2004 mitverantwortlich fĂŒr die EntschĂ€digung von NS-ZwangsarbeiterInnen war.

Der GeneralsekretĂ€r des Zentralrats der Juden, Stephan Kramer, kritisierte die Äußerungen von Ex-Bundesverfassungsrichter Hoffmann-Riem scharf. Es sei "unverantwortlich, dass sich eine KoryphĂ€e der Rechtswissenschaft beim Thema Holocaust-Leugnung solche Kapriolen leistet", sagte Kramer dem "Tagesspiegel".
Nachdem Wolfgang Hoffmann-Riem sich auf einer Veranstaltung des Wissenschaftszentrums Berlin Anfang Juli 2008 öffentlich dagegen ausgesprochen hat, die Bestreitung des Holocausts zu bestrafen, ist nun ein weiterer antisemitistischer Ausfall ungestraft geblieben.

Der Sportwissenschaftler Arnd KrĂŒger, seit 1999 Direktor des Sportwissenschaftlichen Instituts der UniversitĂ€t Göttingen, hatte auf der Jahrestagung der dvs-Sektion Sportgeschichte "Sportgeschichte erforschen und vermitteln" Mitte Juni 2008 behauptet, die 1972 beim Olympia-Attentat getöteten israelischen Athleten seien "freiwillig gestorben, um die Schuld Deutschlands gegenĂŒber dem Staat Israel zu verlĂ€ngern".
Seine "These" brachte er damit in Verbindung, dass die Abtreibungsrate in Israel bis zu zehn Mal höher sei als in anderen westlichen Industrienationen.

Nun wurde er von der eingesetzten Ombudskommission freigesprochen.
Die Kommission, zusammengesetzt aus drei Wissenschaftlern der UniversitĂ€t Göttingen, veröffentlichte folgendes Urteil: "Eine antisemitische Einstellung ist weder expliziter Bestandteil der Thesenbildung, noch sind die gefundenen Thesen ohne eine antisemitische Tendenz unvertretbar. Die von Prof. KrĂŒger vertretenen Thesen unterfallen folglich dem Schutz der Wissenschaftsfreiheit (Art.5 Abs.3 S 1GG)".

Dass Juden und JĂŒdinnen oder Israelis auf deutschem Boden ermordet werden, ist bekannt. Auch, dass sie nach Ansicht alter und neuer Nationalsozialisten selbst Schuld daran seien, durch ihre Arroganz, ihre Intelligenz und natĂŒrlich wegen des unermesslichen Reichtums, so der Tenor antisemitistischer Parolen.
Arme oder durchschnittlich intelligente Juden kommen nicht vor im deutschen National-Denken.

Zum Leid der Opfer und deren Hinterbliebenen, die bis heute keinerlei offizielle Entschuldigung seitens der Bundesregierung erhalten haben, muss dieses Urteil gegen beziehungsweise fĂŒr Professor Arnd KrĂŒger als doppelte Hohn empfunden werden.
"The Games must go on", sagte 1972 nach den traurigen und skandalösen Ereignissen der damalige IOC-PrĂ€sident Avery Brundage und ließ die Spiele einen Tag nach dem Massaker an den elf israelischen Sportlern fortsetzen.
Diese Haltung hat sich anscheinend bis heute nicht verÀndert.

Immerhin distanziert sich das PrĂ€sidium der Deutschen Vereinigung fĂŒr Sportwissenschaft (dvs) ausdrĂŒcklich von den grotesken Behauptungen von Prof. Dr. Arnd KrĂŒger. Die vollstĂ€ndige ErklĂ€rung des PrĂ€sidiums der dvs vom 3. Juli 2008 finden Sie als PDF zum Download unter:
www.sportwissenschaft.de
Auch zum Thema Holocaust-Leugnung von Ex-Bundesverfassungsrichter Wolfgang Hoffmann-Riem haben PolitikerInnen parteiĂŒbergreifend davor gewarnt, das Strafrecht zu entschĂ€rfen.
Falls auch Sie Stellung beziehen möchten, schicken Sie Ihre UnmutserklĂ€rung direkt an Prof. Arnd KrĂŒger. E-Mail: akruege1@gwdg.de und im Fall von Ex-Bundesverfassungsrichter Wolfgang Hoffmann-Riem an: bverfg@bundesverfassungsgericht.de

Those Games must not go on! Wenn in Hinterzimmern nationalsozialistische und antisemitische Parolen mit sehr viel deutschem Bier heruntergespĂŒlt werden, ist das wohl kaum vermeidbar. Dass jedoch Personen wie Hoffmann-Riem oder KrĂŒger vom Podium herunter den braunen Sumpf aller Schattierungen gesellschaftsfĂ€hig machen wollen, sollte umgehend sanktioniert werden.


Weitere Informationen und Reaktionen zum Thema:

Georg-August-UniversitÀt Göttingen am 3. Juli 2008:
Diese Stellungnahme vervollstÀndigt die ErklÀrung des PrÀsidiums der Georg-August-UniversitÀt Göttingen vom 30. Juni 2008

Die Tagung, auf der Prof. Arnd KrĂŒger seine grotesken Ansichten vorgetragen hat:
"Sportgeschichte erforschen und vermitteln" - Jahrestagung der dvs-Sektion Sportgeschichte, 19.-21. Juni 2008 in Göttingen

Eine umfassende Dokumentation des "Falls Prof. Arnd KrĂŒger" des PrĂ€sidiums der Deutschen Vereinigung fĂŒr Sportwissenschaft (dvs)

Jerusalem Post, 29.06.2008

Spiegel-online, 28.06.2008

Zentralrat der Juden in Deutschland, 01.07.2008

SĂŒddeutsche Zeitung, 30.06.2008

Haaretz, 01.07.2008

Lisas Welt - Blog, 02.07.2008

Israel Matzav - Blog, 28.06.2008

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Feindbild Judentum - Antisemitismus in Europa". Herausgegeben von Lars Rensmann und Julius Schoeps

"Neuester Antisemitismus-Skandal in Berlin" von Benjamin Weinthal.

Antisemitismus in Deutschland

(Quellen: SĂŒddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, Zentralrat der Juden in Deutschland)


Public Affairs Beitrag vom 26.07.2008 Sharon Adler 





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