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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 19.04.2012

Schwer, nicht zu resignieren
Annika HĂŒttmann

AVIVA-Berlin sprach mit einer Medizin-Kontrollerin, die dafĂŒr kĂ€mpft, den selben Lohn wie ihre mĂ€nnlichen Kollegen zu bekommen. Jahrelanger Stress, Rechtsstreit und Mobbing haben ihr gezeigt,...



... wie schwer ihre eigentlich so simple Forderung nach gleichem Lohn fĂŒr gleiche Arbeit in der RealitĂ€t umzusetzen ist.

Der geschlechtsspezifische Lohnabstand in Deutschland betrĂ€gt nach wie vor fast 23 Prozent. In allen Bereichen verdienen Frauen im Durchschnitt weniger als ihre Kollegen. Ein ausgeglichenes VerhĂ€ltnis der Anzahl weiblicher und mĂ€nnlicher FĂŒhrungskrĂ€fte ist trotz anhaltender Diskussionen um die Frauenquote noch in weiter Ferne. Eine Online-Umfrage von LohnSpiegel unter 12.000 AkademikerInnen ergab außerdem, dass auch Frauen in FĂŒhrungspositionen deutlich weniger verdienen - rund 1.000,- Euro monatlich betrĂ€gt der Unterschied zu ihren mĂ€nnlichen Kollegen.
Diese statistischen Erhebungen zeugen mehr als deutlich von einer Ungerechtigkeit, die dringend bekĂ€mpft werden muss, doch wie schwer dies in der Praxis sein kann, zeigt sich, wenn mensch hinter die Zahlen und auf den Alltag betroffener Frauen blickt. AVIVA-Berlin sprach mit einer Angestellten im Öffentlichen Dienst, deren Geschichte leider stellvertretend fĂŒr viele steht. Aus nachvollziehbaren GrĂŒnden möchte sie lieber unerkannt bleiben.

"Wenn ich auf den ganzen Ärger blicke, weiß ich nicht, ob ich es nochmal tun wĂŒrde." A. B. kĂ€mpft seit Jahren darum, gleich viel Gehalt zu bekommen wie ihre Kollegen, bislang jedoch erfolglos.
Nach einer kaufmĂ€nnischen Ausbildung und einer Fortbildung als Finanzbuchhalterin, war sie zunĂ€chst in einem Krankenhaus in Hamburg tĂ€tig, seit 1991 arbeitet sie in einer Klinik in einer viel kleineren Stadt. Dort war sie fĂŒr Finanzbuchhaltung, Kosten- und Leistungsrechnung zustĂ€ndig, bis sie um 2001 ins Medizin-Kontrolling wechselte. 2009 machte sie eine Fortbildung zur klinischen Kodiererin und war von da an im Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK)-Management tĂ€tig. "Ich habe schon immer gewusst, dass ich weniger Lohn als meine mĂ€nnlichen Kollegen bekomme, auf verschiedenen Fortbildungen ist mir dann aufgegangen, dass ich es sogar viel weniger ist. Ich habe immer geglaubt es wĂ€re in Ordnung, weniger Geld zu kriegen, solange ich die Kodierausbildung nicht habe."

Nachdem A. B. diese Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hatte, stellte sie also einen Höhergruppierungsantrag, um endlich den Lohn zu einzufordern, der ihr ihrer Meinung nach zustand. Monate spĂ€ter bekam sie die Antwort, dies sei nicht möglich, da der Lohnunterschied lediglich auf der Tarifumstellung im öffentlichen Dienst beruhe. 2006 wurde der bis dahin gĂŒltige Bundes-Angestelltentarifvertrag (BAT) auf den Tarifvertrag fĂŒr den Öffentlichen Dienst (TVÖD) umgestellt, ihre Kollegen waren vor dieser Umstellung eine Tarifgruppe höher eingruppiert und der Arbeitgeber war verpflichtet, sie weiterhin in diese Tarifgruppe einzuordnen. Das klingt nach einer zwar nicht unbedingt gerechten, aber logischen BegrĂŒndung fĂŒr den Lohnunterschied. A. B. hatte aber ein wichtiges Argument, das fĂŒr sie sprach: Im Gegensatz zu ihren Kollegen kodierte sie nicht nur, sondern war alleine fĂŒr das MDK-Management zustĂ€ndig - eine sehr viel verantwortungsvollere Aufgabe. Sie wollte also nicht nur gleichen Lohn fĂŒr gleiche Arbeit, sondern gleichen Lohn fĂŒr schwerere Arbeit.

An diesem Punkt begannen die wirklichen Ungerechtigkeiten. Die ArbeitgeberInnenseite reagierte nĂ€mlich nicht, indem sie A. B.s Lohn erhöhte, sondern sie Ă€nderte umgehend ihr Aufgabengebiet und ihre Arbeitszeiten. Wie ihre Kollegen kodierte sie jetzt nur noch - statt 2,5 Tage die Woche nun jeden Tag und noch immer fĂŒr weniger Geld.
"An sich wĂŒrde ich es nicht schlimm finden, weniger Geld zu verdienen, wenn man sich darĂŒber streiten könnte. Dann hĂ€tte ich mir einfach einen Anwalt genommen und wir hĂ€tten das geregelt. Mein Arbeitgeber fing aber an, persönlich zu werden."
Die Situation, in der die Frau sich seit Beginn der Streitigkeiten befindet, beschreibt sie als eine Art von Mobbing. Weist sie KollegInnen, die nun statt ihr fĂŒr das MDK-Management zustĂ€ndig sind, es aber noch nicht entsprechend beherrschen, auf Fehler hin, wird ihr gesagt, sie erwecke den Eindruck als wĂŒrde sie absichtlich nach Fehlern suchen.
Nachdem sie drei Wochen im Urlaub und zwei weitere krank geschrieben war, wurden nach nur fĂŒnf Tagen VorwĂŒrfe laut, sie wĂŒrde ihre Arbeit nicht schaffen, weil sich so viel angesammelt hĂ€tte.

Als ihr Aufgabengebiet und ihre Arbeitszeiten geĂ€ndert wurden, nahm A. B. sich einen Rechtsanwalt und reichte Klage ein. In erster Instanz bekam sie bezĂŒglich der Arbeitszeiten recht, da die ArbeitgeberInnenseite die Änderung nicht begrĂŒndet hatte. Dies wurde jedoch nachgeholt, daher lohnte sich ein Einspruch nicht mehr. Als sie ein Zwischenzeugnis fĂŒr ihre bisherigen TĂ€tigkeiten wollte, bekam sie dieses zwar, es war jedoch "unter aller Kanone", wie sie selbst sagt. Auch dagegen klagte sie, ihr Arbeitgeber musste das Zeugnis noch einmal verfassen, besser wurde es dadurch nicht.
Im Mai steht der nĂ€chste Termin an, um eine Höhergruppierung einzuklagen, ihr Anwalt rĂ€t ihr jedoch, zunĂ€chst abzuwarten, denn eventuell könnte sie im Rahmen des ĂŒblichen "BewĂ€hrungsaufstiegs" höher gruppiert werden. Ihre Herangehensweise sieht inzwischen so aus: "Ich habe nichts zu verlieren."

Wirkliche UnterstĂŒtzung bekommt sie nicht. Ihre KollegInnen - auch die mĂ€nnlichen - sagen ihr gegenĂŒber zwar, sie fĂ€nden es nicht gerecht, dass sie weniger Lohn bekommt, offen unterstĂŒtzen möchte sie jedoch niemand. "Meine Abteilung hĂ€lt lieber die Klappe. Ich bin immer die einzige, die das nicht tut." Vernetzt mit anderen Frauen, die ihr Problem teilen, ist sie bislang nicht. Sie wĂŒrde sich jedoch freuen, wenn ihre Geschichte anderen helfen könnte. Auch wenn sie diesen Frauen nicht unbedingt ihre eigene Vorgehensweise empfehlen wĂŒrde. "Anderen Frauen wĂŒrde ich raten, nicht zu sehr darauf zu hoffen, dass sie Recht bekommen. Eventuell sollten sie versuchen, diplomatischer vorzugehen als ich es getan habe. Vielleicht ist es leichter, etwas durch viele kleine Schritte zu erreichen als zu sagen: Bis hierhin und nicht weiter, ich mache das nicht mit." Wirklich ermutigend klingt das nicht.

Auf den ersten Blick sieht dieser Sachverhalt nicht direkt nach einem geschlechtsspezifischen Problem aus. Wird ein Lohnunterschied durch unterschiedliche Tarifgruppen begrĂŒndet, spielt es eigentlich keine Rolle, welches Geschlecht die Person hat, die der jeweiligen Gruppe zugeordnet wird. Doch die Art, wie auf A. B.s Forderung nach mehr Lohn reagiert wird, zeigt, dass es sich hier trotzdem in hohem Maße um Diskriminierung aufgrund von Geschlecht handelt. Wirtschaftswissenschaftlerin Elke Holst formulierte es dem Karriere-Portal "Monster.de" gegenĂŒber so: "Treten Frauen bei den Verhandlungen genauso hart, zielstrebig und durchsetzungsfĂ€hig wie MĂ€nner auf, kann das ihr GegenĂŒber leicht irritieren - sie gelten dann oft als EinzelkĂ€mpferinnen, `schlimmer als ein Mann` und als `keine Frau mehr`. Verhalten sie sich entsprechend dem weiblichen Geschlechterstereotyp, also bescheiden und sozial, wird ihnen das schnell als Inkompetenz ausgelegt." Eine Frau, die sich entschlossen fĂŒr ihre Rechte einsetzt, wird also als störend empfunden. Was bei einem Mann als StĂ€rke ausgelegt wird - entschlossen zu behaupten, seine Arbeit sei mehr wert als der Lohn, den er dafĂŒr bekommt - wird hier als ĂŒbertrieben und nervig abgestempelt. Es wird versucht, sie mit kleinen ZugestĂ€ndnissen (in A. B.s Fall das Angebot einer außertariflichen Zulage) zufrieden zu stellen. Mit allen Mitteln - und sei es Mobbing - soll die aufmĂŒpfige Frau geschwĂ€cht werden und verbĂŒnden möchte sich lieber niemand mit ihr, denn sie fĂ€llt aus einem System, in dem Frauen sich lieber mit dem, was sie haben begnĂŒgen sollen. Aufgrund von Gesetzen, die es möglich machen, dass Menschen fĂŒr dieselbe TĂ€tigkeit unterschiedlich entlohnt werden, lĂ€sst sich diese Tatsache aber hervorragend verschleiern, denn es ist schwer, die Diskriminierung nachzuweisen.

Der tĂ€gliche Kampf zehrt an den KrĂ€ften. A. B. leidet aufgrund der Streitigkeiten an einem MagengeschwĂŒr. Da sie ihr Aufgabengebiet im Prinzip sehr mag, kann sie sich noch einigermaßen selbst motivieren, es fĂ€llt ihr jedoch schwer, nicht zu resignieren. Sie hat schon oft daran gedacht, woanders zu arbeiten, Medizin-KontrollerInnen sind ĂŒberall gefragt . Allerdings nicht in der kleinen Stadt, in der sie wohnt. An diese Stadt ist A. B. jedoch zur Zeit gebunden, da sie sich um ihren 80jĂ€hrigen Vater kĂŒmmern muss und ihre Kinder, die beide kurz vor dem Abitur stehen, nicht die Schule wechseln wollen. A. B. will jedoch nicht einfach klein beigeben. "Ich werde da hoch erhobenen Kopfes rausgehen. Auch wenn man verliert kann man das, denn es ist immer besser zu kĂ€mpfen, als es gar nicht erst zu versuchen."

AVIVA-Berlin wĂŒnscht A. B. starke Nerven und viel Erfolg!

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.karriere-journal.monster.de

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(Quellen: www.karriere-journal.monster.de, AVIVA-Berlin)




Public Affairs Beitrag vom 19.04.2012 Annika HĂŒttmann 





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