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AVIVA-BERLIN.de im Januar 2020 - Beitrag vom 10.05.2012


Auswertung der Online-Kampagne #ichhabnichtangezeigt widerlegt Vergewaltigungsmythen
AVIVA-Redaktion

Dass die Dunkelziffer bei sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung hoch ist, war schon lange bekannt, jetzt gibt es konkrete Zahlen. Vom 1. Mai 2012 bis zum 15. Juni 2012 konnten Betroffene ...



...anonym schreiben, warum sie nie Anzeige erstattet haben.

Die Ausführliche Auswertung der Befragung ist jetzt erschienen und bestätigt, was Untersuchungen und Statistiken zu sexualisierter Gewalt schon lange zeigen.

Wenn die Täter in den Beiträgen benannt wurden, so waren sie in den seltensten Fällen Fremde, sondern den Betroffenen zu 93 Prozent bekannt. Die meisten dieser Taten wurden von Bekannten (33,87 Prozent), (Ex-)PartnerInnen und EhepartnerInnen der Opfer (10,83 Prozent) und von Familiemitgliedern (23,49 Prozent) verübt.

Dies wird bereits seit Jahren von Studien zum Thema bestätigt, dennoch herrscht – auch in den Köpfen der Opfer – immer noch der Mythos vor, eine Vergewaltigung sei erst dann auch wirklich eine, wenn sie von unbekannten Tätern verübt wird. In den Schilderungen der Betroffenen wurde auch deutlich, dass sexualisierte Gewalt oft als ein Akt der Machtdemonstration von Stärkeren an Schwächeren verübt wird: Die Täter sind den Opfern meist an sozialem Status, Alter, Einfluss und nicht zuletzt finanziellen Mitteln überlegen, was ihnen auch dabei hilft, diese einzuschüchtern und ihre Glaubwürdigkeit zu unterminieren.

Die von den Betroffenen genannten Hauptgründe, weshalb sie den Missbrauch nicht zur Anzeige gebracht haben, waren vor allem emotionale Belastung, inklusive Schuld und Scham (31,03 Prozent), Angst (insbesondere davor, dass ihnen nicht geglaubt wird, vor einer Retraumatisierung und erneuter Demütigung, vor Stigmatisierung und dem Verlust des sozialen Status, vor Schuldzuweisung und zusätzlicher Diskriminierung) (20,52 Prozent), auch Angst vor den Reaktionen des Umfelds (besonders davor, keine Hilfe zu erhalten, vor Unglauben, Verleugnung, Vertuschung und Verharmlosung des Erlittenen durch das Umfeld und davor, dass dem Opfer die Schuld zugewiesen wird) (17,03 Prozent) und mangelndes Vertrauen in die Behörden, Polizei, Justiz und Institutionen (10,81 Prozent).

Von den 1105 Betroffenen waren 506 zum Zeitpunkt des Verbrechens Kinder oder Jugendliche.

Die Initiatorinnen der Kampagne fordern die Bereitstellung finanzieller Mittel für eine umfassende gesamtgesellschaftliche Aufklärungsarbeit gegen die herrschenden Vergewaltigungsmythen. Sowohl die Opfer, als auch deren Umfeld müssten endlich ausreichend darüber informiert werden, wie sehr die alltägliche Realität von den Vorstellungen darüber abweicht, wie und wo sexualisierte Gewalt tatsächlich stattfindet.


Nachdem die Initiatorinnen der Kampagne feststellen mussten, dass nicht registrierte sexualisierte Gewalt auch in Deutschland erschreckende Ausmaße erreicht, haben sie einen Offenen Brief an vier BundesministerInnen publiziert, in dem sie endlich effektive und engagierte Bekämpfung und Prävention an den verantwortlichen Stellen einfordern.

"Offener Brief

an

Frau Dr. Kristina Schröder, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Frau Annette Schavan, Bundesministerium für Bildung und Forschung

Herrn Dr. Hans-Peter Friedrich, Bundesministerium des Innern

Frau Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Bundesministerium der Justiz


München, 11. Juni 2012

Sehr geehrte Damen und Herren,

sexualisierte Gewalt ist ein Angriff auf die Menschenwürde. Sie geschieht jeden Tag in jeder Gesellschaftsschicht. Jede und jeder kann davon betroffen sein.

Die Ergebnisse der Kampagne #ichhabnichtangezeigt, die seit dem 3. Mai 2012 läuft, legen den Schluss nahe, dass sexualisierte Gewalt in unserer Gesellschaft Normalität anstatt Ausnahme ist.

Es ist offensichtlich, dass die Gesellschaft in der Übernahme der Verantwortung versagt und sie statt dessen an die Betroffenen abgibt, indem sie die Betroffenen gesellschaftlich ausgrenzt und dazu verdammt, eine heile Welt vorzutäuschen. Dieses Klima des Schweigens ist einer zivilisierten Gesellschaft wie der unsrigen nicht würdig, und daher sehen wir dringenden Handlungsbedarf.

Wir nehmen Sie darum in die Pflicht, diesen Missstand zu beheben und sich Ihrer Verantwortung zu stellen, um künftige Straftaten zu vermeiden, Opfer kompetent zu unterstützen und zu einem aufgeklärten Wandel im gesellschaftlichen Bewusstsein beizutragen.

Daher fordern wir vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend:

  • Aufklärung der Öffentlichkeit über sexualisierte Gewalt und Vergewaltigungsmythen anhand der Forschungsergebnisse repräsentativer Studien, Erfahrungen der langjährigen Arbeit der Frauennotrufe, Beratungsstellen und Frauenhäuser
  • Aufklärung der Öffentlichkeit über respektvolles Verhalten und die Formen sexueller Belästigung
  • Bessere Ausstattung und Ausbildung der Jugendämter, um gegen sexuellen Missbrauch in Familien schnell und effektiv vorgehen zu können.
  • Förderung von Selbstbehauptungskursen zur Stärkung des Selbstbewusstseins und Vermittlung einer eigenen selbstbestimmten Sexualität durch Träger der freien Jugendarbeit und der autonomen Frauenarbeit
  • Gesicherte Finanzierung von Anlaufstellen wie Frauennotrufe, Frauenberatungsstellen, Frauenhäuser und Opferberatungsstellen und Prävention durch den Bund

    Daher fordern wir vom Bundesministerium für Bildung und Forschung:

  • Aufklärung in Schulen über sexualisierte Gewalt und Vergewaltigungsmythen anhand der Forschungsergebnisse repräsentativer Studien, Erfahrungen der langjährigen Arbeit der Frauennotrufe, Beratungsstellen und Frauenhäuser als fester Bestandteil des Lehrplans
  • Aufklärung in Schulen über respektvolles Verhalten und dass sexuelle Belästigung weder Flirt noch humorvoll ist als fester Bestandteil der Lehrpläne
  • Altersgemäße Aufklärung über eine selbstbestimmte Sexualität als fester Bestandteil des Sexualkundeunterrichts
  • Förderung von Selbstbehauptung zur Stärkung des Selbstbewusstseins als regelmäßiger Bestandteil der Schullaufbahn aller Kinder und Jugendlichen
  • Aufklärung über Homosexualität, Intersexualität und Transsexualität als fester Bestandteil des Lehrplans zur Prävention von sexuellen Übergriffen gegen die Betreffenden

    Daher fordern wir vom Bundesministerium des Innern:

  • Psychosoziale Begleitung von Vergewaltigungsopfern von der Anzeige bis zum Prozessende durch entsprechend ausgebildete Mitarbeiterinnen
  • Fortbildung aller Polizisten und Polizistinnen zum Thema sexuelle Gewalt anhand der Forschungsergebnisse repräsentativer Studien, Erfahrungen der langjährigen Arbeit der Frauennotrufe, Beratungsstellen und Frauenhäuser
  • Aufklärung aller Polizisten und Polizistinnen über die Bandbreite der Betroffenen: Frauen, Kinder und Männer, auch im Hinblick auf homosexuelle Frauen und Männer, transsexuelle Frauen und Männer, Intersexuelle, Frauen, Männern und Kindern mit körperlichen und/oder geistigen Behinderungen, um der Angst der Betroffenen vor weiterer Diskriminierung durch die Polizei entgegenzuwirken
  • Fortbildung aller Polizisten und Polizistinnen zum Thema Traumatisierung
  • Supervision aller Polizisten und Polizistinnen, die mit sexualisierter Gewalt konfrontiert werden, um einer Sekundärtraumatisierung vorzubeugen
  • Finanzielle und personelle Unterstützung der Polizei bei Präventionsarbeit – z.B. für von der Polizei veranstaltete Selbstverteidigungskurse für Frauen oder für Kinder, für Aufklärungskampagnen und Aufklärungsveranstaltungen durch ausgebildete Mitarbeiter_innen der Polizei

    Daher fordern wir vom Bundesministerium der Justiz:

  • Aufhebung der Verjährungsfristen bei sexueller Gewalt, um den Opfern gerecht zu werden, die aufgrund von Traumatisierung erst nach langer Zeit dazu in der Lage sind, Anzeige zu erstatten
  • Bundesweite Einrichtung von ausreichenden Notfallambulanzen zur anonymen Spurensicherung, um den Opfern eine spätere Anzeige zu ermöglichen
  • Zudem unterstützen wir die Forderungen des 37. Feministischen Juristinnentages vom 8. Mai 2011 in Frankfurt.

    Diese Forderungen sind nur der Anfang dafür, um sexualisierte Gewalt einzudämmen. Um einen Wandel im gesellschaftlichen Bewusstsein herbeizuführen, bedarf es weiterer Forschung, Öffentlichkeitsarbeit und Förderung von NGOs, die sich dieses Themas annehmen.

    Mit freundlichen Grüßen

    die Initiatorinnen der Kampagne #ichhabnichtangezeigt

    Daniela Oerter, München, Deutschland
    Sabina Lorenz, München, Deutschland
    Inge Kleine, München, Deutschland"



    Unterzeichnen können Sie hier: ichhabnichtangezeigt.wordpress.com


    #ichhabnichtangezeigt macht seit einiger Zeit in England und Frankreich das enorme Ausmaß ungestrafter sexualisierter Gewalt deutlich: Betroffene können anonym erzählen, warum sie sich gegen eine Anzeige entschieden haben – oder sie gar nicht erst in Betracht ziehen konnten.

    Nach den Twitter-Kampagnen "#ididnotreport" in England und "#jenaipasportéplainte" in Frankreich startete die Aktionsgruppe "Handeln gegen sexualisierte Gewalt" am 4. Mai 2012 nun auch in Deutschland die Aktion "#ichhabnichtangezeigt", um das immer noch tabuisierte Ausmaß sexualisierter Gewalt in die Öffentlichkeit zu bringen.

    Mit der Kampagne soll denjenigen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, ein Raum gegeben werden, auch anonym zu erklären, warum sie geschwiegen und keine Anzeige bei der Polizei erstattet haben.

    Um die Aussagen sichtbar zu machen und über anonyme Tweets online zu stellen, werden diese Tweets auf der Internet-Seite veröffentlicht und gezählt. Dadurch soll die Unsichtbarkeit durchbrochen, das Ausmaß dieser alltäglichen Gewalt ans Licht geholt und den Betroffenen eine Stimme gegeben werden.

    Beispiel:

    "#ichhabnichtangezeigt weil ich sehr jung war und Angst hatte, dass man mir nicht glaubt."

    Die Nachrichten können auf folgende Weise gepostet werden:
  • Als Tweet über anonyme Twitter-Accounts mit dem hashtag #ichhabnichtangezeigt.
  • Als Eintrag im Facebook-Account #ichhabnichtangezeigt
  • Als Kommentar unter der Seite #ichhabnichtangezeigt auf dem Blog der Veranstaltenden
  • Über den Link "Kontakt" auf diesem Blog

    Alle kurzen Nachrichten mit dem Hashtag #ichhabnichtangezeigt werden dann in Twittertag eingestellt.

    Die Aktion wurde wegen des großen Ansturms verlängert und läuft noch bis zum 15. Juni 2012.

    Weitere Informationen finden Sie unter:

    Dokumentation des Kongresses "Streitsache Sexualdelikte - Frauen in der Gerechtigkeitslücke" vom 2. September 2010

    Ich habe nicht angezeigt, weil...

    Keine Gerechtigkeit, kein Frieden

    Storify: I did not report von London Feminist

    Pas de justice, pas de paix

    oder schicken Sie den Veranstaltenden eine Mail, unter

    keinegerechtigkeitkeinfrieden@live.de


    Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

    TERRE DES FEMMES fürchtet fatale Signalwirkung durch Urteil im Kachelmann-Prozess

    Kongress Streitsache Sexualdelikte - Frauen in der Gerechtigkeitslücke





  • Public Affairs Beitrag vom 10.05.2012 AVIVA-Redaktion 





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