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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 10.03.2010

Ute Schnur. Schwer behindert und Frau
Margit Glasow

F├╝r Ute Schnur Grund genug, politisch t├Ątig zu sein! Wird eine Frau mit schweren spastischen L├Ąhmungen als Politikerin ernst genommen? Kann sie etwas bewegen? Zum Beispiel, dass in ihrem Bezirk...



...die Belange behinderter Menschen noch mehr ber├╝cksichtigt werden?

Wenn man Ute Schnur begegnet, ist man zun├Ąchst ├╝berrascht, vielleicht sogar etwas irritiert und verunsichert. Denn man trifft nicht jeden Tag eine Politikerin, die derart auff├Ąllt. Die Rollstuhlfahrerin nennt sich selbst einen Zappelphilipp, denn wenn sie redet, verkrampfen sich ihre Muskeln und die Arme und Beine schie├čen wild in irgendeine Richtung. Doch schnell wird klar: Diese Frau wei├č, wor├╝ber sie spricht.

"Wenn ein Mensch, der selbst eine Behinderung hat, ├╝ber die Probleme von Menschen mit Behinderung redet, dann h├Ârt man anders zu. Als Frau mit einer Behinderung muss man zeigen, dass man was im Kopf hat, dann wird man auch akzeptiert." Und lachend schiebt sie nach: "Ich habe einige Leute verbl├╝fft, weil ich etwas gesagt habe statt meine Begleitperson." Dabei gehe es in der Bezirksverordnetenversammlung immer um sachliche Fragen, so Ute Schnur. "Ich denke, es kommt darauf an, wie ich auftrete. Wenn ich unsicher bin, glaube ich, nicht so schnell akzeptiert zu werden. Dann habe ich zeitweise schon das Gef├╝hl, dass man mich bemitleidet."

Ute Schnur ist der festen ├ťberzeugung, dass Menschen mit Behinderung in einem Parlament vertreten sein m├╝ssen. Deshalb engagiert sie sich seit 1996 in der Kommunalpolitik als Bezirksverordnete f├╝r die Probleme der B├╝rgerInnen. Anfangs als Sympathisantin, seit 2002 als Mitglied der Gr├╝nen mischt sie sich zun├Ąchst im Prenzlauer Berg ein, dann in Pankow. "Die Gr├╝nen haben mir jahrelang die M├Âglichkeit gegeben, als Parteilose anzutreten. Ich bin der Meinung, dass diese Partei am besten die Interessen behinderter Menschen vertritt, jedenfalls im Bezirk Pankow."

1955 wird Ute Walter in Wolfen in der ehemaligen DDR mit einer Infantilen Cerebralparese geboren. Sie erlebt eine gl├╝ckliche Kindheit in einer K├╝nstlerfamilie. "Meine Eltern haben mich gleichberechtigt als eine von f├╝nf Kindern erzogen. Von ihnen habe ich Selbstbewusstsein vermittelt bekommen, weil ich gemerkt habe, dass meine Meinung etwas z├Ąhlt."
Nach dem Abitur studiert sie im Fernstudium an der Karl-Marx-Universit├Ąt in Leipzig Englisch. Um die Sprache auch praktisch anzuwenden, besucht sie nebenbei die Volkshochschule Lichtenberg ÔÇô eine Sonderl├Âsung f├╝r sie. Die Treppen der Volkshochschule muss sie sich zwar hochtragen lassen, doch das schm├Ąlert die Akzeptanz der schwer betroffenen Spastikerin bei ihren KommilitonInnen nicht. "Man hat vorausgesetzt, dass ich etwas kann."

Nach dem Studium bekommt sie durch Zufall eine rollstuhlgerechte Wohnung in Berlin. Ein Jahr ist sie arbeitssuchend, bis sie von 1981 bis zur Wende am Institut f├╝r Getreideverarbeitung und Kaffee in Potsdam-Rehbr├╝cke als Fach├╝bersetzerin eine Stelle findet.
Ihr Privatleben gestaltet sich nicht ganz so einfach. "Ich habe immer gedacht, jemanden wie mich wird keiner nehmen. Mir kam es aber vor allem darauf an, mit einem Mann reden zu k├Ânnen."
1985 heiratet sie Stephan Schnur, den sie aus der Zeit in der Jungen Gemeinde Berlin Karow kennt. Von nun an versuchen sie, viele Dinge gemeinsam umzusetzen.

┬ę Uwe Klees


In der Wendezeit wird sie arbeitslos. Seit dieser Zeit engagiert sie sich vor allem in der Berliner Behindertenszene. Sie ist dabei, als die Behindertenvereinigung Prenzlauer Berg e. V. gegr├╝ndet wird, um die Interessen der Menschen mit Behinderung au├čerparlamentarisch zu vertreten. Die Behindertenvereinigung mischt sich in die Politik ein, vor allem, wenn es um Barrierefreiheit vor Ort geht. Bis 2005 leitet sie als verantwortliche Redakteurin die Berliner Behindertenzeitung. Heute ist Ute Schnur die Vorsitzende der Behindertenvereinigung und vertritt deren Interessen im Behindertenbeirat.

In die Politik ger├Ąt sie eher zuf├Ąllig. Sie ist ├Âfter zu Gast im Sozialausschuss im Prenzlauer Berg und wird schlie├člich gefragt, ob sie mitmachen will. So ist sie seit 1996 Bezirksverordnete. Ihre Themen sind die Belange behinderter Menschen, Migration und Gleichstellung, Schule und Sport. Sie arbeitet in verschiedenen Aussch├╝ssen, unter anderem im Ausschuss f├╝r Gesundheit, Arbeit und Soziales und im Ausschuss f├╝r B├╝rgerInnenbeteiligung, wo sie Eingaben der B├╝rgerInnen bearbeitet. Dabei hat sie einiges erreicht. Als der Bezirk Pankow fusioniert, kann sie durchsetzen, dass ein hauptamtlicher Behindertenbeauftragter eingesetzt wird, der dem B├╝rgermeister direkt unterstellt ist.

Und sie wird aktiv, als im letzten Jahr im Rahmen pauschaler Einsparvorgaben die vorgesehenen Stellen der TherapeutInnen an den Sonderschulen gestrichen werden sollen. Das w├Ąre f├╝r die Eltern von schwer- und schwerstmehrfachbehinderten Sch├╝lerinnen und Sch├╝lern zu einem gro├čen Problem geworden. Sie h├Ątten sich nach der Schule um die gesamte Organisation der entsprechenden Therapien f├╝r ihre Kinder k├╝mmern m├╝ssen.
Im Juli 2009 hat das Bezirksamt Pankow nun f├╝r den Haushalt 2010/11 beschlossen, dass die Finanzierung der medizinisch-therapeutischen Versorgung durch TherapeutInnen des Gesundheitsamtes gesichert bleibt.

Ute Schnur begegnet den Dingen in ihrem Umfeld sehr kritisch, vor allem, wenn es um die Barrierefreiheit in ihrem Bezirk geht. Als Beispiel nennt sie die KulturBrauerei ÔÇô das Zentrum der kulturellen Szene der Hauptstadt. Die Stra├čenz├╝ge rund um diesen Brennpunkt mit den vielen Caf├ęs, Bars und kleinen L├Ąden laden zum Spaziergang ein. Doch das Problem ist: Hier gibt es Kopfsteinpflaster der edelsten Form. Schnell ger├Ąt man mit den Rollstuhlr├Ądern in die Zwischenr├Ąume, in denen oft Glas liegt, und so hat sie sich selbst hier schon eine doppelte Reifenpanne geholt.
Es gibt in Pankow zwar schon viele taktile Platten f├╝r Blinde und abgesenkte Bordsteine f├╝r RollifahrerInnen und Gehbehinderte. Aber viele Dinge schleppen sich hin. Viele Geb├Ąude aus der Gr├╝nderzeit sind schwer zug├Ąnglich, das Rathaus Pankow hat st├Ąndig Probleme mit seinem Fahrstuhl. Die L├Âsung der bestehenden Probleme sieht Ute Schnur darin, den Behindertenbeirat und die Behindertenbeauftragten rechtzeitiger in die Planung und Durchf├╝hrung von Bauvorhaben und anderen Projekten einzubeziehen. Das geschieht leider immer noch oft zu sp├Ąt. Ute Schnur ist der Meinung, dass viele einfach nicht wissen, wie wichtig die Berollbarkeit von ├Âffentlichen Geb├Ąuden, Stra├čen und Pl├Ątzen ist.

Insgesamt jedoch ist die Gr├╝nen-Politikerin mit der Entwicklung in ihrem Bezirk zufrieden. Vieles hat sich ihrer Meinung nach getan, vieles ist auf dem Weg. Vor allem, so freut sie sich, sind die Leute zunehmend sensibilisiert. Erst neulich hat sie wieder einen Heimwerkerladen mit einer Rampe davor entdeckt.

Und wie denkt sie dar├╝ber, sich im n├Ąchsten Jahr wieder zur Wahl aufstellen zu lassen? "Ich bin noch am Gr├╝beln", antwortet sie nachdenklich. "Es gibt Leute, die wollen, dass ich wieder antrete. Aber man setzt auch ziemlich viel Lebenszeit ein, damit sich etwas bewegt. Man braucht schon einen langen Atem in der Politik - auf allen Gebieten. Wenn man das nicht wei├č, gibt man schnell auf."

Zur Autorin: Margit Glasow ist Redakteurin der Zeitschrift "Der Rehatreff", einem Magazin vorwiegend f├╝r behinderte Menschen, und schreibt insbesondere ├╝ber Frauen mit einer Behinderung. Sie lebt selbst mit der Erkrankung Osteogenesis imperfecta (Glasknochen).

Weitere Informationen zur Autorin und der Zeitschrift "Der Rehatreff" finden Sie unter:
www.margitglasow.de
www.rehatreff.de
Weitere Informationen zur Politikerin Ute Schnur finden Sie unter:
www.gruene-fraktion-pankow.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Angela Jansens Leben zwischen Langzeitbeatmung, Eyegaze und Theater von Margit Glasow.


Public Affairs Beitrag vom 10.03.2010 AVIVA-Redaktion 





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