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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 04.10.2010

Runder Tisch gegen Kindesmissbrauch beriet am 30. September 2010 Ergebnisse der Arbeitsgruppen
Britta Meyer

Die Zusammensetzung des Runden Tisches hatte bereits im Fr├╝hjahr 2010 f├╝r harsche Kritik gesorgt. Jetzt kam es w├Ąhrend einer Pressekonferenz im Anschluss an die zweite Tagung des Tisches ...



... in Berlin zum ├Âffentlichen Eklat.

Die Tatsache, dass unter den insgesamt 61 VertreterInnen aus Politik, Kirche und Gesellschaft mit "kibs" (Kontakt-, Informations-, Beratungsstelle f├╝r m├Ąnnliche Opfer sexueller Gewalt) genau eine einzige Organisation als Vertretung f├╝r erwachsene Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs zu finden ist, hat zu w├╝tendem Protest der Betroffenenorganisationen gef├╝hrt. Aus Sicht des Familienministeriums hatte man jedoch "alle relevanten Gruppen eingeladen". Auch die Vorstellung der "Unabh├Ąngigen Beauftragten" Dr. Christine Bergmann, der Runde Tisch solle auch der Vers├Âhnung dienen, war auf heftige Kritik gesto├čen. Dass Bergmann von Vers├Âhnung rede, "macht mich stutzig", sagte "Zartbitter"-Leiterin Ursula Enders im Gespr├Ąch mit der "Frankfurter Rundschau". "Ich wei├č nicht, wer sich da mit wem vers├Âhnen soll, wenn noch nicht mal "Tauwetter" eingeladen wurde." Bergmann sei gut beraten, die Opfer zu allem ├ťberfluss "nicht noch unter unheimlich gro├čen moralischen Druck zu setzen".

Am 30. September 2010 hatte der Runde Tisch nun erneut getagt und ├╝ber Ma├čnahmen gegen sexuellen Missbrauch und m├Âgliche Entsch├Ądigungen f├╝r die Opfer beraten. Vor den T├╝ren des Justizministeriums demonstrierten derweil Mitglieder des "Netzwerk Betroffener von sexualisierter Gewalt" ÔÇô kurz "NetzwerkB". Die Gruppe wollte sich, wie viele andere Opferverb├Ąnde, am Runden Tisch beteiligen, doch die Einladung blieb aus. Norbert Denef, Gr├╝nder von "NetzwerkB", nannte die Veranstaltung ein "politisches L├╝gentheater". Die T├ĄterInnen seien durch ArbeitgeberInnen und Berufsverb├Ąnde in der Runde vertreten, nur die Opfer w├╝rden von jeglicher Entscheidungsmacht ausgegrenzt und damit erneut zu Objekten gemacht.

W├╝tender Protest gegen den Ausschluss der Betroffenen

Auf der sich der Tagung anschlie├čenden Pressekonferenz hatten die Ministerinnen des Runden Tisches ÔÇô Bundesjustizministerin Dr. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Anette Schavan und Bundesfamilienministerin Dr. Kristina Schr├Âder ÔÇô eine erfreuliche Bilanz der bisherigen Arbeit pr├Ąsentieren wollen.
Doch noch w├Ąhrend Christine Bergmann als erste Rednerin den Zwischenbericht zu ihrer telefonischen Anlaufstelle und der Kampagne "Sprechen hilft" vorzutragen versuchte, stand ein junger Mann aus der ersten Reihe der JournalistInnen auf und kritisierte lautstark, er als Betroffener finde es "traurig und inakzeptabel", dass Bergmann ihm und anderen Opfern sexualisierter Gewalt ungebeten als Vertreterin "vor die Nase gesetzt" werde. Er griff sowohl die Zusammensetzung des Runden Tisches, als auch dessen Vokabular im Umgang mit sexualisierter Gewalt mit scharfen, w├╝tenden Worten an. Formulierungen, wie "das Schweigen brechen", w├╝rdige die Betroffenen herab und degradiere sie erneut zu Objekten.

Die benutzte Wortwahl spiegelt den "ganz normalen" unsensiblen Umgang der Allgemeinheit mit dem Thema sexualisierter Gewalt wieder. So h├Ątte statt der von T├ĄterInnen verwendeten Selbstbezeichnung "p├Ądophil" das angemessenere Wort "p├Ądokriminell" benutzt werden m├╝ssen. Eine Anpassung des Sprachgebrauchs an die Leidensrealit├Ąt der Betroffenen sollte f├╝r eine Einrichtung wie den Runden Tisch gegen sexuellen Missbrauch eigentlich obligatorisch sein.

Mehrere Versuche der Veranstaltenden, den Mann zu beschwichtigen und ihm schlie├člich das Wort zu entziehen, brachten ihn nur noch mehr in Rage. "Sie arbeiten hier mit den T├Ątern statt mit den Opfern zusammen. Wir wollen nicht mehr, dass st├Ąndig Leute f├╝r uns sprechen", rief er auch ohne Mikrophon laut und deutlich. "Wir wollen am Runden Tisch mitreden!".
Auf seine Frage, warum von den 61 am Runden Tisch repr├Ąsentierten Vereinigungen nur eine einzige eine Betroffenenorganisation sei, antwortete Kristina Schr├Âder, die Anzahl der Opfer sei viel "viel zu gro├č und zu un├╝berschaubar", um daraus eine Auswahl treffen zu k├Ânnen, die "nicht willk├╝rlich w├Ąre".

Die vorlegten Ergebnisse

Leutheusser-Schnarrenberger, Leiterin der AG Justiz des Runden Tisches, trug deren Ergebnisse vor. So sollen f├╝r die OpferzeugInnen schmerzhafte Mehrfachvernehmungen durch den verst├Ąrkten Einsatz richterlicher Videovernehmung m├Âglichst vermieden werden. Dem gleichen Zweck dient eine Neufassung der Vorschriften, welche eine Anklage wegen Sexualdelikten unmittelbar zum Landgericht als dann einziger Tatsacheninstanz erm├Âglichen. Opfer von Sexualdelikten sollen zudem in weiterem Umfang als bisher eine/n OpferanwaltIn auf Staatskosten in Anspruch nehmen k├Ânnen. Eine strafbewehrte gesetzliche Anzeigenpflicht f├╝r Menschen, die Kenntnis von F├Ąllen sexuellen Missbrauchs erlangen, lehnten die RechtsexpertInnen im Interesse der Opfer dagegen ab.

"Wir sind vielmehr zu dem Ergebnis gelangt, dass eine Selbstverpflichtung der betroffenen Organisationen, im Verdachtsfall die Staatsanwaltschaft ├╝ber einen Tatverdacht zu informieren, der bessere Weg ist", so Leutheusser-Schnarrenberger. Deshalb arbeite die AG Justiz derzeit daran, Leitlinien zur Durchsetzung des staatlichen Strafanspruchs zu formulieren. Eigeninteressen der Organisationen d├╝rften dabei keine Ausnahmen begr├╝nden. "So soll verhindert werden, dass Verdachtsf├Ąlle auf sexuellen Missbrauch - wie leider in der Vergangenheit allzu h├Ąufig geschehen - weiter unter der Decke gehalten werden." Dar├╝ber hinaus beabsichtigt das Bundesjustizministerium, einen Gesetzentwurf vorzulegen, mit dem die zivilrechtliche Verj├Ąhrungsfrist f├╝r alle Schadensersatzanspr├╝che von Opfern sexueller Gewalt von derzeit drei auf 30 Jahre verl├Ąngert werde.

Familienministerin Schr├Âder will ihren Angaben nach daf├╝r sorgen, dass

  • jede Einrichtung, die mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, bestimmte Standards zum Kinderschutz erf├╝llt,
  • die Einhaltung dieser Standards mit staatlicher F├Ârderung und Finanzierung verkn├╝pft werden,
  • die Vorlage eines erweiterten F├╝hrungszeugnisses f├╝r alle hauptamtlichen MitarbeiterInnen durchgesetzt wird,
  • die Selbstverpflichtungen der Institutionen festgelegt werden
  • eine bundesweite Fortbildungsoffensive zum Thema sexualisierte Gewalt startet.
    Annette Schavan gab bekannt, dass ihr Haus insgesamt 32 Millionen Euro f├╝r Forschungsprojekte zu Ausma├č, Ursachen und Folgen von Missbrauch und Gewalt im Kindes- und Jugendalter zur Verf├╝gung stellt. In einem interdisziplin├Ąren Forschungsnetz "Missbrauch, Vernachl├Ąssigung und Gewalt" werden WissenschaftlerInnen aus der medizinischen, psychologischen und der sozialwissenschaftlichen Forschung zusammenarbeiten. Ziel ist die Entwicklung von Ma├čnahmen f├╝r eine bessere Pr├Ąvention von Gewalt an Kindern und f├╝r eine wirksame Therapie von Betroffenen. Das BMBF wird dieses Forschungsnetz mit rund 20 Millionen Euro ausstatten. Durch die Erweiterung der Wissensbasis soll die Aus-, Fort- und Weiterbildung zum Umgang mit Missbrauchsf├Ąllen auf- und ausgebaut werden. Um die Datengrundlage zu verbreitern, wird das BMBF des Weiteren eine Aktualisierung und Erweiterung der bisher einzigen deutschen Repr├Ąsentativbefragung aus dem Jahr 1992 zur Thematik des sexuellen Missbrauchs von Kindern f├Ârdern. Diese Untersuchung wird vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) durchgef├╝hrt werden. "Wir wollen fr├╝her auf T├Ąter aufmerksam werden und dadurch Kindesmissbrauch wirkungsvoll verhindern. Dazu brauchen wir gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse", so Schavan.

    Christine Bergmann, Bundesministerin a.D., stellte dem Runden Tisch einen Zwischenbericht zu ihrer telefonischen Anlaufstelle sowie erste Reaktionen nach Start der Kampagne "Sprechen hilft" vor. Demnach haben unabh├Ąngige Beauftragte bis zum Start der Kampagne 2500 Anrufe und Briefe erreicht, seit Start der Kampagne in der vergangenen Woche sind weitere 1.450 Anrufe und ├╝ber 350 Briefe eingegangen. Bei ├╝ber 80 Prozent der Betroffenen liegt der Missbrauch mindestens 20 Jahre zur├╝ck. Diejenigen, die sich bereits an jemanden gewendet hatten, berichten vielfach, dass ihnen nicht geglaubt wurde oder dass sie sogar daf├╝r bestraft wurden. Fast alle best├Ątigen, wie wichtig es sei, dass das Thema in der ├ľffentlichkeit wahrgenommen und das ihnen widerfahrene Unrecht als solches anerkannt werde. Noch vor der Forderung nach Verj├Ąhrung und Entsch├Ądigung stehe bei den Betroffenen die Forderung nach einem umfassenden Ausbau der Beratungs- und Therapieangebote. Es fehle vor allem an speziellen Angeboten f├╝r Jungen und M├Ąnner sowie an Angeboten in l├Ąndlichen Gebieten.
    Besonders angespannt erwartet wurde das von der Katholischen Kirche vorgelegte Modell zur finanziellen Entsch├Ądigung der Opfer von sexuellem Missbrauch. Vorgesehen ist ein Fonds f├╝r Pr├Ąventionsprojekte, individuelle Zahlungen an Opfer als Anerkennung erlittenen Leids und die ├ťbernahme von Therapiekosten. Obwohl der Vorschlag der Bischofskonferenz noch keine konkreten Zahlen enth├Ąlt, nannte Familienministerin Schr├Âder das Modell "einen wirklich wichtigen ersten Schritt", "sehr durchdacht" und "praktikabel".

    Am 10. November 2010 wird in Zusammenarbeit mit den Bundesministerinnen ein Gespr├Ąch mit Betroffenen und den Mitgliedern des Runden Tisches stattfinden. Die n├Ąchste Plenumssitzung des Runden Tisches findet voraussichtlich am 1. Dezember 2010 statt. Dann soll auch ein Zwischenbericht an die Bundesregierung beschlossen werden.
    Die Menschen von "NetzwerkB" standen nach Beendigung der Pressekonferenz mit ihrem Transparent noch immer drau├čen auf der Stra├če. Sie sahen nicht aus, als w├╝rden sie bald gehen wollen.

    Weitere Informationen finden Sie unter:

    www.rundertisch-kindesmissbrauch.de

    Frankfurter Rundschau: Zusammensetzung st├Â├čt auf Kritik

    kibs (Kontakt-, Informations-, Beratungsstelle f├╝r m├Ąnnliche Opfer sexueller Gewalt)

    NetzwerkB ÔÇô Netzwerk Betroffener von sexualisierter Gewalt

    Zartbitter e.V.

    Tauwetter e.V.

    Wildwasser e.V.

    Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

    Endlich Sperrung von Kinderpornografie-Seiten im Netz (2009)

    "Lieber Vater. Erinnerungen eines Heimkindes" von Hanne Wickop (2007)

    Zwei B├╝cher ├╝ber das besch├Ądigte Leben nach sexualisierten ├ťbergriffen (2005)

    (Weitere Quelle: Frankfurter Rundschau)

  • Public Affairs Beitrag vom 04.10.2010 Britta Meyer 





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