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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 09.03.2007

G├╝cl├╝ hei├čt stark
Anne Duncker

Nazmiye G├╝cl├╝ ist eine starke Frau. Eine starke Frau mit einem schwachen Bein. Wenn Nazmiye durch die Stra├čen von Istanbul geht, dann steckt ihr rechtes Bein in einer metallenen Schiene...



....die mit Lederriemen befestigt ist und in einem Schuh endet, der mit einer zentimeterdicken Sohlen den L├Ąngenunterschied ihrer Beine ausgleichen soll. Sie humpelt stark. Die Schiene h├Ąlt sie jedoch nicht davon ab, Minir├Âcke zu tragen. "Hat man schon mal eine Gehbehinderte mit Minirock in der T├╝rkei gesehen?" Sie lacht, laut und kehlig. Oft rufen ihr Kinder und auch Erwachsene auf der Stra├če Schimpfw├Ârter nach, "Kr├╝ppel" oder "Hinkebein". "Fr├╝her hat mich das eingesch├╝chtert. Heute drehe ich mich und sage: "Ja, bitte?" Dann schauen sie schnell weg!" Wieder das laute Lachen. "G├╝cl├╝" bedeutet "stark", und f├╝r Frau G├╝cl├╝ gilt: nomen est omen.

In der T├╝rkei sieht man selten Behinderte auf der Stra├če, abgesehen von einigen Bettlern mit verkr├╝ppelten Armen und Beinen, die sich in den Fu├čg├Ąngerzonen ihren kargen Unterhalt erbetteln. An konventionelleren Arbeitspl├Ątzen kommen Behinderte so gut wie nicht vor. Im Stra├čenbild fehlen Rollst├╝hle, Menschen mit Downsyndrom, Kleinw├╝chsige oder Blinde. Dabei d├╝rfte die Rate der Behinderten in der T├╝rkei h├Âher sein als in Mitteleuropa, da die medizinische Aufkl├Ąrung, Schutzimpfungen und der Zugang zu ├Ąrztlicher Versorgung in vielen Gebieten, insbesondere im Osten, weiterhin unzureichend sind. Wo also sind die Menschen mit Behinderungen?

Schaut man sich die Stra├čen und B├╝rgersteige der Bosporusmetropole an, springt ein Grund f├╝r das Fehlen von Behinderten im Stra├čenbild ins Auge: Viele Wege sind mit Schlagl├Âchern ├╝bers├Ąt, an jeder Ecke scheint eine Baustelle zu sein, die B├╝rgersteige ragen oft drei├čig Zentimeter in die H├Âhe - f├╝r Gehbehinderte schier un├╝berwindbare Hindernisse. Nur wenige Geb├Ąude besitzen behindertengerechte Eing├Ąnge und Aufz├╝ge. Auch Schiffe, in Istanbul ein allt├Ągliches Verkehrsmittel, sowie Stra├čenbahnen und Busse k├Ânnen von Behinderten nur unter gro├čen Schwierigkeiten genutzt werden.

Es gibt jedoch noch ganz andere Gr├╝nde, warum Behinderte in der T├╝rkei unsichtbar sind. "Sie werden von ihren Eltern zu Hause versteckt," erkl├Ąrt Nazmiye. Ein behindertes Kind wird h├Ąufig als Schande, manchmal auch als Strafe Gottes angesehen. Deshalb wollen Familien ihre behinderten Kinder nicht auf die Stra├če lassen und schicken sie meist auch nicht zur Schule. "Dabei w├Ąre es so wichtig, dass sich die Menschen an den Umgang mit Behinderten gew├Âhnen," meint Nazmiye. Analphabetismus und fehlende Bildung bzw. Ausbildung tragen zur weiteren Diskriminierung und Isolation behinderter Menschen bei. Viele Behinderte kennen ihre Rechte nicht, wissen nicht, dass sie Antr├Ąge auf staatliche Zusch├╝sse stellen oder gegen Rechtsverletzungen juristisch vorgehen k├Ânnen. In der T├╝rkei ist die "Stiftung f├╝r Behinderte" die gr├Â├čte Interessenvertretung behinderter Menschen. Sie setzen sich unter anderem daf├╝r ein, dass die Probleme von Behinderten in den Medien thematisiert werden. Sie engagieren sich f├╝r spezielle Schulen f├╝r Behinderte, f├╝r eigene Transportsysteme, sogar Feriendomizile f├╝r Behinderte stehen auf der Agenda. Obwohl Nazmiye G├╝cl├╝ in der Stiftung aktiv ist, unterst├╝tzt sie diese Ziele nicht. Sie ist vielmehr der Ansicht, dass Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam leben und den Umgang miteinander lernen sollen, sei es in der Schule, am Arbeitsplatz oder im Urlaub. Und sie sieht auch Fortschritte: Im Zuge der Ann├Ąherung an die EU wurden die Antidiskriminierungsgesetze verbessert. Dar├╝ber hinaus w├Ąchst der Organisationsgrad der Betroffenen und allm├Ąhlich r├╝cken ihre Anliegen st├Ąrker ins Bewusstsein der ├ľffentlichkeit. Vor einiger Zeit nahm die 45-J├Ąhrige an einem Festival behinderter und nichtbehinderter K├╝nstlerinnen und K├╝nstler teil. Dort habe sie sich "normal" f├╝hlen k├Ânnen, schw├Ąrmt sie, und bei der abendlichen Feier die Tanzfl├Ąche stundenlang nicht mehr verlassen. Nazmiyes Ex-Mann kommt aus Diyarbakir, der heimlichen Hauptstadt der Kurden in Ostanatolien. Die gr├Â├čte Sorge seiner nicht-kurdischen Eltern war, dass ihr Sohn eine Kurdin als Ehefrau auserw├Ąhlen w├╝rde. Dass er sich eine behinderte Frau aussuchte, fanden sie jedoch noch schlimmer. "Gegen die Diskriminierung von Kurden wird mittlerweile vielerorts protestiert. Diskriminierung von Behinderten hingegen wird gar nicht erst wahrgenommen", findet Nazmiye. In dieser Hinsicht ist sie auch von der EU entt├Ąuscht. Europa unterst├╝tze wichtige Arbeit, wie etwa die Rechte der Kurden oder anderer Minderheiten. Unterst├╝tzung f├╝r Behinderte und ihre Interessenvertretungen g├Ąbe es jedoch kaum.

Vor einiger Zeit hat die Mutter eines 19-j├Ąhrigen Sohnes ein Buch ver├Âffentlicht. Der Titel erregt Aufmerksamkeit: "Ich habe ein Auto gekauft und wurde zur Frau". Wenn sie durch die Stra├čen geht, stark hinkend und mit ihrer Beinschiene, die sie nicht unter langen R├Âcken oder weiten Hosen verbirgt, w├╝rde sie nicht als Frau wahrgenommen, erkl├Ąrt Nazmiye. Die Menschen s├Ąhen in ihr immer nur die Behinderte. Dann habe sie sich ein Auto gekauft. Vor einer roten Ampel wartend sei es ihr zum ersten Mal im Leben passiert, dass ein Mann sie angeflirtet habe. "'Hallo sch├Âne Frau' hat er aus dem nebenstehenden Auto gerufen. Eigentlich bl├Âd, dass ich mich ├╝ber so eine alberne Anmache auch noch freue, aber in dem Moment war es so", erz├Ąhlt sie. "Da hatte ich das Gef├╝hl: Mein Auto hat mich zu einer Frau gemacht. Aber nur, solange ich nicht aussteige."

Nazmiye lacht wieder, es scheint ihr nicht schwer zu fallen. Anekdotenhaft erz├Ąhlt sie von den unz├Ąhligen Diskriminierungen und Beleidigungen und lacht so herzlich dar├╝ber, dass man einstimmen muss, auch wenn das Lachen bei so mancher Geschichte fast im Hals stecken bleibt. Zum Beispiel wenn sie erz├Ąhlt, wie sie als Kind jeden Tag von Mitsch├╝lerinnen und Mitsch├╝lern geh├Ąnselt und verpr├╝gelt wurde. Und wie der Lehrer nicht eingegriffen, sondern mitgemacht hat.

Heute freut Nazmiye sich ├╝ber den Erfolg ihres Buches. Zum ersten Mal werden die Erfahrungen und Probleme einer behinderten Frau in der T├╝rkei einem gro├čen Publikum pr├Ąsentiert. Dass sich nun mehr Menschen mit den Problemen Behinderter auseinandersetzen, dieses Problem ├╝berhaupt wahrnehmen, sieht sie als den gr├Â├čten Erfolg ihres Buches. Die Autorin engagiert sich auch in anderen Bereichen f├╝r Menschenrechte, zum Beispiel in einer Organisation lesbischer und bisexueller Frauen. "Jede Besonderheit kann dich zur Au├čenseiterin machen", sagt sie, "da ist es wichtig, sich zu organisieren und gemeinsam f├╝r mehr Rechte zu k├Ąmpfen." Das wenige Geld, das sie aus dem Verkauf ihres Buches erh├Ąlt, kann sie gut gebrauchen. Sie ist Chemikerin, findet jedoch keine Arbeit. Ob das an der schwierigen t├╝rkischen Arbeitsmarktsituation liegt oder an ihrer Behinderung l├Ąsst sich letztlich nicht feststellen. Dass die meisten Leute einer Frau mit Gehbehinderung nicht viel zutrauen, ist f├╝r Nazmiye hingegen offensichtlich. Unterst├╝tzung vom Staat erh├Ąlt sie auch nicht. Um die 1500 Euro f├╝r ihre Beinschiene zahlen zu k├Ânnen, hat sie in ihrem Freundeskreis um Spenden gebeten.

Nazmiye G├╝cl├╝ ist eine Ausnahmeerscheinung. Sie bleibt nicht im Haus, versteckt sich nicht. Mit ihrem Auto ist sie von Istanbul nach Hakari gefahren, einmal quer durch die T├╝rkei bis in den ├Âstlichsten Zipfel des riesigen Landes. In Hakari sei sie oft von verwunderten EinwohnerInnen gefragt worden, was um Himmels willen sie in diesem entlegenen Ort suche. Dass sie die Stadt anschauen wolle, habe sie geantwortet. "Aber niemand reist nach Hakari, nur um sich umzuschauen!" lautete die Antwort meist, "Schon gar keine Frau. Und erst recht keine Behinderte." Nazmiye lacht wieder. Sie ist stolz darauf, anders zu sein, stolz auf ihren Mut. Ihr n├Ąchstes Projekt ist schon in Planung: mit dem Auto nach S├╝dafrika.

Die Autorin dieses Beitrags ist Politologin und promoviert derzeit ├╝ber "Menschenrechtsorganisationen in der T├╝rkei". Anne Duncker hat bereits Beitr├Ąge in mehreren Zeitschriften ver├Âffentlicht, unter anderem bei femina politica, ORIENT und Zeitschrift Menschenrechte.

Women + Work Beitrag vom 09.03.2007 AVIVA-Redaktion 





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