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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 24.07.2007

50 Jahre Gleichberechtigung - Interview mit Katja Kullmann
Stefanie Denkert

Autorin Katja Kullmann sprach mit AVIVA-Berlin ├╝ber den aktuellen Stand der Gleichberechtigung, Frauenbilder in den Medien und ├╝ber die Ver├Âffentlichung ihres Bestsellers "Generation Ally" in Japan.



AVIVA-Berlin: Guten Tag, Katja Kullmann! Am 29. Juni 2007 haben Sie an einer Konferenz zum Thema "50 Jahre Gleichberechtigung -wo stehen wir heute?" als Repr├Ąsentantin der jungen Generation von Frauen an einem Generationengespr├Ąch mit Carola von Braun teilgenommen. Bereits in Ihrem 2002 ver├Âffentlichten Buch "Generation Ally" (2002) haben Sie dar├╝ber geschrieben, "Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein". Was sind Ihrer Meinung nach die Unterschiede zwischen den "T├Âchtern der Frauenbewegung" und der Generation davor? Und wo glauben Sie, stehen wir heute?
Katja Kullmann: Die Nachgeborenen der so genannten 68┬┤er-Generation sind die ersten, die von der Frauenbewegung profitiert haben. Im Buch habe ich jene Frauen "T├Âchter der Emanzipation" genannt. Wir wuchsen in den 70ern mit M├╝ttern auf, die mit den Fragen des klassischen Feminismus vertraut waren, und sei es nur durch die Medien, und in der Schule trafen wir auf eine neue Generation von P├Ądagogen und Lehrerinnen. M├Ądchen wurden damals ausdr├╝cklich gef├Ârdert, es herrschte ein gesellschaftliches Klima, das ganz klar besagte: Frauen machen nicht das Abitur, nur um sp├Ąter zu heiraten und Str├╝mpfe zu stopfen. In gewisser Weise haben unsere halb- oder viertelemanzipierten M├╝tter uns quasi losgeschickt, das zu verwirklichen, was sie selbst zwanzig Jahre zuvor noch nicht umsetzen konnten. In der Tat stellen M├Ądchen seit den sp├Ąten 80er Jahren die Mehrheit der Abiturienten und der Erstsemester an den Universit├Ąten und entschlie├čen sich seitdem tendenziell sp├Ąter zur Familiengr├╝ndung.
Auch beim Eintritt ins Berufsleben hatte die Altersgruppe der heute um die 30-J├Ąhrigen noch sehr gute Karten, denn die Berufsbilder, die zum Ende des vergangenen Jahrhunderts entstanden, waren so neu, dass es hier noch keine m├Ąnnliche Traditionsherrschaft gab. Gerade in der Internetbranche bot das Praktikantinnen- und Quereinsteiger-Wesen Frauen zahlreiche M├Âglichkeiten, erst einmal hineinzukommen. Die Quote war zudem durchgefochten, und sp├Ątestens seit den 90ern war es einfach eine opportune Unternehmenspolitik, wenigstens einige ├Âffentlichkeitswirksame Positionen mit Frauen zu besetzen, auch der fortschrittlichen Au├čenwirkung des Unternehmens zuliebe. Der gr├Â├čte Unterschied zur ├Ąlteren Frauengeneration besteht also darin, dass die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen den jungen Frauen zun├Ąchst einmal gr├╝nes Licht signalisierten. Politische Basisarbeit oder das Engagement in feministischen Gremien schien fast ├╝berfl├╝ssig, so glatt schien erst einmal alles zu laufen.
Erst in dem Moment, in dem Kinder ins Spiel kommen, also etwa zehn Jahre nach dem gut gelaunten Start in die Erwachsenenwelt, haben viele gemerkt, dass wir von einer wirklich gerechten Arbeitsteilung noch weit entfernt sind. Die unbezahlte private Hausarbeit oder "affektive Arbeit", wie es die Soziologie nennt - dazu z├Ąhlt auch die Pflege von Angeh├Ârigen- , lastet weiterhin ├╝berwiegend auf den Schultern der Frauen. Teils liegt das an den M├Ąnnern meiner Generation, die nicht bereit sind, ihren Teil beizutragen, teils an den Frauen, die in vorauseilendem Gehorsam und aus einer gewissen Tradition heraus freiwillig zu schnell zu viel zur├╝ckstecken. Irgendwann landen sie dann in der Teilzeitfalle - was wir unter anderem daran sehen, dass der Anteil von Frauen in den F├╝hrungsetagen trotz guter Ausgangschancen konstant unter zehn Prozent liegt. Sowohl im Niedriglohnsektor, als auch unter den gut und besser Ausgebildeten herrscht zudem ein konstantes Gehaltsgef├Ąlle zwischen Frauen und M├Ąnnern. Wie eine EU-Studie erst unl├Ąngst wieder zeigte, ist die Diskrepanz zwischen Frauenl├Âhnen und M├Ąnnerl├Âhnen zwischen 1995 und 2005 sogar noch gestiegen, von 21 auf 22 Prozent.
Und pl├Âtzlich steht eine zun├Ąchst hoffnungsvoll und selbstbestimmt gestartete Frau dann vor einem Berg schier unl├Âsbar erscheinender Probleme: Wer soll zuhause bleiben, wenn Kinder kommen? Wenn das Geld eh schon knapp ist, am besten doch der, der weniger verdient, also: die Frau. Wo w├╝rde ich den Nachwuchs ├╝berhaupt unterbekommen, wenn ich weiter arbeiten wollte? Bin ich mit Mitte 30 noch genauso attraktiv auf dem Arbeitsmarkt wie vor ein paar Jahren, als ansehnliche und formbare Praktikantin? Die alte Parole, "das Private ist Politisch" bewahrheitet sich dann eben doch. Wir stehen, trotz all der papiernen Gleichberechtigung, eben doch noch vor den alten Verh├Ąltnissen. Blo├č sind wir darauf nicht sehr gut vorbereitet.

AVIVA-Berlin: Mit Ihrer These: Ist die Emanzipation zur Klassenfrage geworden? sprechen Sie mehrere Themen gleichzeitig an: "Frau" ist keine homogene Gruppe, und Frauen aus der so genannten "bildungsfernen, sozialschwachen Schicht" werden in der aktuellen Geschlechterdebatte oft vergessen. Im Moment geht der Fokus in den Medien auf "Die Alpham├Ądchen" (siehe gleichnamige Spiegel-Serie seit Mai 2007), die die Jungs im Bildungswesen ├╝berholen - doch wie stehen die Zukunftschancen f├╝r junge Frauen ohne Abitur? Ist Feminismus eine Luxus-Debatte geworden - falls ja, war das schon immer der Fall?
Katja Kullmann: Feminismus ist insofern ein Elite-Thema, als die theoretischen Debatten vorwiegend in der gebildeten Schicht ablaufen. Anders ausgedr├╝ckt: W├Ąhrend die akademisch gebildete Klasse in den Feuilletons ├╝ber "Role Models" und das F├╝r und Wider der Quote diskutiert, bleiben Frauen aus der Unterschicht au├čen vor und kommen eigentlich nur als statistische Gr├Â├če vor. Die Politik ber├Ąt ├╝ber die Finanzierung von Tagesm├╝ttern und die so genannte Herd-Pr├Ąmie, unterdessen vollzieht sich in den sozialen Randgebieten der Gesellschaft ein gewaltiger R├╝ckschritt. Die Schwangerschaften bei Minderj├Ąhrigen nehmen bei schlecht ausgebildeten Frauen wieder zu, und das Institut f├╝r Arbeitsmarktforschung verzeichnet einen R├╝ckgang von Frauen in den einfachen Lehrberufen. Zudem steigt die m├Ąnnliche Frustrationsgewalt an, auch die Gewalt gegen Frauen, etwa bei den Migranten der dritten und vierten Generation. So wachsen in den Quartieren des sozialen Wohnungsbaus ganze Dynastien von Verlierern und Verliererinnen heran.
Dass die sprichw├Ârtliche soziale Schere immer weiter auseinander zu klaffen scheint, betrifft zun├Ąchst einmal beide Geschlechter. Es ist eine Folge des fortgeschrittenen Kapitalismus, eine Konsequenz dessen, was die Soziologie "Individualisierung" oder "Privatisierung der Lebensrisiken" nennt. Man muss aber sagen: Unter den Gewinnern gewinnen Frauen weniger als M├Ąnner, und unter den Verlierern verlieren Frauen mehr als M├Ąnner. Es besteht unleugbar eine strukturelle Ungleichheit auf der Geschlechterebene.
Allerdings warne ich davor, nun neue Gr├Ąben innerhalb des Frauenlagers zu ziehen. Es hilft nichts, alte Feindbilder wieder auszugraben, wie etwa die so genannten "Alpha-M├Ądchen" als eiskalte Karriere-K├╝he zu beschimpfen. Frauen sind eben komplette Menschen, auch Staatsb├╝rgerinnen und Klassenangeh├Ârige und haben als solche manchmal unterschiedliche Interessen. W├Ąhrend die Botschaftergattinnen beim Lady Lunch in Berlin Mitte ein Interesse am Erhalt des Ehegattensplittings haben, treten die Organisatorinnen des autonomen Lady Fests vielleicht eher f├╝r das bedingungslose Grundeinkommen ein. Solche Unterschiede m├╝ssen wir aushalten k├Ânnen. Frauen sind eben nicht qua Biologie automatisch und jederzeit alle Freundinnen untereinander. Es ist utopisch, jetzt mit einem Schlag auch die ad hoc-Vers├Âhnung von B├╝rgersfrau und Bolschewikin zu fordern. Ich bezweifle, dass wir diese Revolution so ganz nebenbei auch noch hinkriegen, da ├╝berfordern wir uns.
Wir kennen ├╝berfl├╝ssige Grabenk├Ąmpfe bereits aus dem Streit zwischen M├╝ttern und Nichtm├╝ttern, sowohl auf dem Boulevard, etwa mit Eva Hermann, als auch im Feuilleton, etwa mit dem Pamphlet "Die Emanzipationsfalle" der Zeit-Redakteurin Susanne Gaschke. Es ist leider ein Fehler mit Tradition: Dass Frauen sich gegenseitig in den R├╝cken fallen, sich lieber untereinander messen, statt ganz n├╝chtern von oben auf die Verh├Ąltnisse zu schauen und zu sehen, wo wir in all unserer Verschiedenheit eben strukturell benachteiligt sind.

AVIVA-Berlin: Alice Schwarzer warnt in ihrem 2007 erschienenen Buch "Die Antwort" davor, dass wir Frauen an einer "entscheidenden Etappe" stehen und aufpassen m├╝ssen, nicht "wieder einmal zur├╝ckzufallen". Zum einen gibt es den biologistischen Backlash - siehe Eva Herman -, auf der anderen Seite haben wir die erste deutsche Kanzlerin - zwar konservativ, aber frauenbewusst, und dazu noch eine konservative Familienministerin, die sich f├╝r alte feministische Ziele einsetzt, wie ausreichende Kinderbetreuung. Was k├Ânnen wir tun, um den "Rollback" (soziologisch: R├╝ckfall in l├Ąngst ├╝berwunden geglaubte Zust├Ąnde) aufzuhalten?
Katja Kullmann: Tja - w├╝sste ich es, h├Ątte ich l├Ąngst ein neues Buch zum Thema geschrieben, das d├╝rfen Sie mir glauben. Am stichhaltigsten kann ich hier vielleicht argumentieren, wenn ich mal in meinem eigenen Bereich bleibe, im publizistischen Segment, in der Glitzerwelt der Medien. Zahlreiche Kolleginnen meiner Generation und Schicht wirken einfach kontraproduktiv - wenn ich mir etwa ansehe, womit die so genannten Redakteurinnen so genannter Frauenzeitschriften sich besch├Ąftigen. Da werden Tipps f├╝r den Umgang mit Botox gegeben und Di├Ąten allmonatlich neu aufgelegt, wo es doch eigentlich um F├╝gsamkeit und Adrettheit nicht mehr gehen kann. Sicherlich sind solche Sachen auch einem gewissen Zwang innerhalb der Redaktionen geschuldet, einer gewissen Lifestyle-Industrie, die ├╝ber die Dollars herrscht. Die F├╝hrungsetagen in den Verlagen sind eben doch meist m├Ąnnlich besetzt, und die Etats werden entsprechend verwaltet.
Dennoch kritisiere ich als freie Autorin eine gewisse Stupidit├Ąt in den weiblichen Ressorts, bei den wenigen Frauen, die es wenigstens auf die Ebene der Textchefin oder leitenden Redakteurin geschafft haben. Eine Textchefin eines traditionellen Frauenmagazins verlangte etwa, dass ich meine Texte weniger "politisch", als vielmehr "personalisiert" halte. "Schreiben Sie doch lieber mal ein bisschen, wie Sie mit Ihren Freundinnen herumziehen und M├Ąnner kennen lernen", hie├č es da. Hm. Sehr bald hatte ich auf die Zusammenarbeit dann keine Lust mehr. Auch deshalb schreibe ich ├╝berwiegend f├╝r die EMMA. Es ist, allen Anfeindungen zum Trotz, einer der wenigen Orte, an denen ich "als Frau" genauso polemisch und schlecht gelaunt herumpoltern darf wie sonst es nur M├Ąnner sich erlauben, etwa im Kulturressort des Spiegel.
Besonders frappierend war unl├Ąngst mein Kontakt mit dem SWR: Im Auftrag der ARD hatte der Sender mit ├Âffentlich-rechtlichen Geldern die Reality-Show "Br├Ąuteschule" produziert, eine angeblich irgendwie ironische Reminiszenz an das Hausfrauenwesen der Adenauer-├ära. Wie ich herausfand, lag sowohl die Regie, als auch die Finanzierung, als auch die Redaktion in weiblicher Hand. Auf meine R├╝ckfrage, warum denn ausgerechnet heute ein solches Format produziert werde, und warum ausgerechnet drei Frauen daf├╝r verantwortlich zeichnen, erhielt ich einen schlecht gelaunten Brief aus der ARD-Zentrale, unterzeichnet von der pers├Ânlichen Assistentin des Intendanten G├╝nter Struve. Die Dame f├╝gte in einem pers├Ânlichen PS hinzu, ich m├Âge doch bitte selbst erst einmal Kinder bekommen, bevor ich die Klappe aufrei├če. Leider gibt es also zahlreiche Frauen im Betrieb, die es zwar besser wissen m├╝ssten, aber auf dieser Ebene argumentieren, oder sagen wir: um sich bei├čen.
Ich w├╝rde mir w├╝nschen, dass diejenigen Frauen, die es im Bereich der ├ľffentlichkeitsarbeit immerhin so weit geschafft haben, ihren Einfluss anders nutzen und etwas verantwortungsvoller damit umgehen. Wir sind ja auch die Mediengeneration und wissen um die Macht der Bilder und der Slogans. Oft sind es aber ausgerechnet Frauen, die in einen professionellen Zynismus verfallen. Die betexten dann, wie fr├╝her die Bild-Kolumnistin Katja Kessler, die Fotostrecken zum Busenwunder des Tages, nach dem Motto "Mi-Ma-Mausesack, ich bin ein geiles Luder". ├ťberlassen wir solche Jobs doch den feist herumsabbernden misogynen Mittf├╝nfzigern in den Redaktionen, von diesen alten S├Ącken gibt es doch noch genug, die m├╝ssen doch auch besch├Ąftigt werden. Das w├Ąre mein Vorschlag an die Kolleginnen.

AVIVA-Berlin: Die meisten Frauen erfahren in ihrem Leben fr├╝her oder sp├Ąter Sexismus, und wenden sich dennoch nicht dem Feminismus zu, um nach Erkl├Ąrungsmodellen zu suchen. Wie sind Sie zum Feminismus-Fan geworden und wie w├╝rden Sie versuchen, anderen die Relevanz von Feminismus klar zu machen?
Katja Kullmann: Als "Feminismus-Fan" w├╝rde ich mich nicht bezeichnen. Lange habe ich mich sogar geweigert, mich selbst "Feministin" zu nennen, ich habe bis zu meinem 30. Geburtstag gebraucht, um mich mit diesem Begriff anzufreunden - einfach, weil er mit vielen Klischees und Verdachtsmomenten besetzt ist. Als heterosexuelle Frau mit starkem privaten Interesse an M├Ąnnern hatte ich da jahrelang Ber├╝hrungs├Ąngste, von wegen "Latzhosenfraktion" und "Schwanz-ab-Denke", das gebe ich heute offen zu. Mit Feminismus verband ich vor allem: Freudlosigkeit.
Mein Bewusstsein f├╝r die strukturelle Ungleichheit hat sich erst im Laufe meiner eigenen Berufst├Ątigkeit ergeben, etwa als Redakteurin eines Wirtschaftsmagazins. Zum einen nahm ich die ungleiche Machtverteilung innerhalb der Redaktion und des Verlags war, zum anderen stolperte ich in der Berichterstattung ├╝ber Meldungen wie "Immer mehr Frauen haben jetzt Internetanschluss". Das soll alles sein, habe ich mich irgendwann gefragt. Obwohl Frauen bekannterma├čen seit ├╝ber einem Jahrzehnt bessere Noten schreiben und schneller ihre Ausbildungen abschlie├čen als die Jungs?
Wir haben es - ganz unbiologistisch - einfach mit einer gravierenden Benachteiligung zu tun. Frauen stellen nicht nur die Mehrheit der Bev├Âlkerung, sie leisten zudem den Gro├čteil der unbezahlten oder unsichtbaren gesellschaftlich-sozialen Arbeit und werden daf├╝r auch noch schlechter entlohnt als M├Ąnner, die die Gesellschaft ingesamt mehr kosten - weil sie unges├╝nder leben, weil sie mehr Unf├Ąlle bauen und mehr Gewalttaten begehen. Es ist also schlicht eine Frage der Gerechtigkeit. Genau an diesem Punkt hat der Feminismus mich erwischt.
Ich pl├Ądiere grunds├Ątzlich f├╝r eine m├Âglichst n├╝chterne Herangehensweise an diese Fragen. Weinerliche Tonf├Ąlle und ├╝beremotionales Identit├Ątsgefasel schadet der Sache nur. Wir d├╝rfen uns nicht in Debatten verfransen, wer eine "gute" oder "richtige" Frau ist, sondern m├╝ssen so k├╝hl und konsequent wie m├Âglich bei den hard facts bleiben: Wo stecken die Dollars, wie ist das mit Macht und Einfluss, wie ist das alles verteilt.

AVIVA-Berlin: Sie besch├Ąftigen sich h├Ąufig mit Frauenbildern in den Medien, so auch in Ihrem gro├čartigen Buch "Generation Ally", das sich kritisch mit Ihrer Generation (geboren 1965-1975) im Zusammenhang mit Ally Mc Beal auseinander setzte. Hat sich denn in den letzten f├╝nf Jahren in der Medienlandschaft etwas ver├Ąndert, oder m├╝ssen Frauen sich immer noch entscheiden, ob sie sich mit "neurotischen, ungeschickten Allys und Bridgets" identifizieren wollen oder mit den "prallen feuchten, willigen" Verona Pooths und Pamela Andersons?
Katja Kullmann: B├Âse ausgedr├╝ckt w├╝rde ich sagen: Die M├╝tter sind die Luder von heute. Was da, auch im Zuge des angeblichen Kindermangels in Deutschland, f├╝r ein Rummel um schwangere B├Ąuche gemacht wird, geht auf keine Kuhhaut. Der schwangere Bauch ist nunmehr fast ein Pin-up-Motiv geworden, es gibt da so eine Art Fortpflanzungs-Porno-Kultur auf dem Boulevard, und die Schlagzeilen dazu lesen sich oft so: "Beeindruckend, wie gertenschlank Heidi Klum schon acht Wochen nach der Geburt in diesem Roberto Cavalli-Kleid ├╝ber den roten Teppich weht."
Noch eine Niveaustufe darunter sehen wir im Privatfernsehen Sendungen wie "Frauentausch", "Bauer sucht Frau" oder "Schwiegertochter gesucht". Das f├╝hrt uns ├╝brigens auf die Frage nach dem Klassenkampf innerhalb des Frauenlagers zur├╝ck: Gut und besser ausgebildete Frauen arbeiten in TV-Redaktionen, die in solchen Formaten letztlich Unterschichtsfrauen vorf├╝hren. Oder in den sprichw├Ârtlichen Nachmittagstalkshows: Wir sehen junge, hoffnungsvolle RTL-Praktikantinnen um die 20, die einem Erfolgszyniker wie Oliver Gei├čen das Ergebnis eines Vaterschaftstests ins Studio reichen d├╝rfen - w├Ąhrend unten, auf dem Podium, eine Reihe chancenloser HartzIV-Kandidatinnen sitzt und sich zur Unterhaltung des Publikums dar├╝ber streitet, wer seine Kinder st├Ąrker vernachl├Ąssigt und wer die gr├Â├čere "Schlampe" ist. So in etwa ist heute das Panorama, die Bandbreite, in der die Frau als ├Âffentliche Figur wahrgenommen wird.
Angela Merkel gibt es aber auch, und Anne Will, und Monica Lierhaus. Ich selbst war ├╝brigens keinesfalls f├╝r Merkel, sondern habe ich mich im Wahlkampf damals f├╝r die andere Seite stark gemacht. Auch wenn Merkel ihren Job beeindruckend gut macht, sie steht nicht f├╝r eine Partei, die mein Vertrauen genie├čt. Das ist vielleicht auch ein zeitgen├Âssischer Umgang mit Feminismus: Jenseits der Biologie zu denken und nicht einer Frau die Stimme zu geben, nur weil sie eine Frau ist.

AVIVA-Berlin: Stellen Sie sich vor, morgen w├Ąre Ihr erster Tag als Bundeskanzlerin. Welches Gesetz w├╝rden Sie sofort erlassen oder abschaffen? Was w├╝rden Sie ver├Ąndern?
Katja Kullmann: Weg mit dem Ehegattensplitting, ├╝berhaupt den ganzen Apparat der so genannten Ehe-Gesetze abschaffen. Die b├╝rgerliche Ehe und Kleinfamilie ist, historisch gesehen, eine recht junge Erfindung, und wie wir sehen, hat sie nach rund 150 Jahren ausgedient. Die so genannte Patchworkfamilie wird mehr und mehr zum Regelfall, Paare tun sich zusammen und trennen sich wieder, und ich denke, es ist auch ein Vorteil, dass Ehen nicht mehr nur aus wirtschaftlichen Gr├╝nden aufrecht erhalten werden. Wir tun immer so als sei die gl├╝ckliche Kleinfamilie das Paradies. Dabei wissen wir andererseits l├Ąngst, wie viel h├Ąusliche Gewalt und Psychoterror in ebendieser Keimzelle entsteht, wie viel Leid dieses Konstrukt hervorbringt. Die Psychologie wei├č ein Lied davon zu singen, nicht ohne Grund gibt ja eine ganz eigene Psycho-Sparte zum Thema "Familie". Alles, was das Modell des Einern├Ąhrerhaushalts f├Ârdert, ist f├╝r Frauen kontraproduktiv.

AVIVA-Berlin: Ihr Bestseller "Generation Ally" wurde im April 2007 in Japan ver├Âffentlicht. Das Buch ist in Deutschland bereits 2002 erschienen. Haben Sie damit gerechnet, dass es 5 Jahre sp├Ąter immer noch so "kompliziert ist eine Frau zu sein"? Wie steht es um die Gleichberechtigung in Japan- ist z.B. die Unvereinbarkeit von Mutterschaft und Karriere dort auch ein Problem? Inwiefern k├Ânnen sich japanische Frauen (und Frauen aus anderen Kulturkreisen) mit der Generation Ally identifizieren?
Katja Kullmann: Die sp├Ąte Ver├Âffentlichung in Japan hat mich selbst ├╝berrascht. Zuvor war "Generation Ally" bereits in den Niederlanden und erstaunlicherweise auch in Taiwan erschienen, in Ausz├╝gen in Polen. Eine Lizenz wurde auch in die T├╝rkei verkauft, aber das Buch ist dort nie herausgekommen. "Generation Ally" bezieht sich ja, trotz des amerikanisch anmutenden Titels, sehr stark auf innerdeutsche Fragen und behandelt ausdr├╝cklich eine bestimmte, wenngleich ma├čgebliche gesellschaftliche Gruppe: die privilegierten westdeutschen Mittelstandst├Âchter. Die wesentlichen Thesen sind im Ausland oft nur schwer nachvollziehbar, f├╝rchte ich, denn bestimmte Punkte, wie etwa die ur-deutsche Idee der so genannten Raben-Mutter, sind dort fremd. Man muss es ja einmal ganz klar sagen: Gerade innerhalb der EU z├Ąhlt Deutschland zu den r├╝ckst├Ąndigsten L├Ąndern, was die Gleichberechtigung angeht. In Frankreich etwa sind Frauen ganz anders beteiligt und eingebunden. Da ist ein Buch wie "Generation Ally" viel weniger n├Âtig.
Japan habe ich im Jahr 2003 selbst besucht, ich war einen Monat lang auf eigene Faust dort unterwegs und hatte zuvor viel ├╝ber dieses merkw├╝rdige Land gelesen. Derzeit vollziehen sich dort viele gesellschaftliche Verschiebungen, die wir aus Deutschland kennen: Die so genannte Alterspyramide dreht sich um, und vor allem in den Gro├čst├Ądten steigt die Zahl der Frauen, die sich weigern, in einem traditionellen Ehe-Machtverh├Ąltnis zu leben, das besagt: Der Mann sagt, wo┬┤s lang geht und die Frau darf Geisha-haft dienen. Von der japanischen ├ťbersetzerin wei├č ich, dass Single-Frauen um die 30 dort als "verlorene Hunde" bezeichnet werden, was in etwa unserem Bild der "alten Jungfer" entspricht. Die ├ťbersetzerin hat mir aber auch gestanden, dass viele Teile aus dem Buch einfach herausgek├╝rzt wurden, weil all die bundesdeutschen politischen Details f├╝r Japanerinnen schwer nachvollziehbar sind. Was mich irritiert: Das Buch ist gespickt mit kleinen Comic-Figuren und Sprechblasen - aber ich wei├č nicht, was da im Einzelnen steht. Die ├ťbersetzerin sagte, das seien nur ein paar harmlose Witze. Nun ja. Ich bin etwas skeptisch. Was mir gef├Ąllt: Das Buch ist dort in einem konzern-unabh├Ąngigen kleinen Alternativ-Verlag erschienen, der von einer Frau um die 30 gef├╝hrt wird - was f├╝r Japan recht ungew├Âhnlich ist. Meine japanische Verlegerin ist geschieden und hat sich nach dem Ende der Ehe selbstst├Ąndig gemacht, sie ist sozusagen ein "verlorener Hund", genau wie ich.

AVIVA-Berlin: Eine letzte Frage - woran arbeiten Sie momentan? Was d├╝rfen wir in Ihrem n├Ąchsten Buch erwarten, wollen Sie uns das schon verraten?
Katja Kullmann: Derzeit hadere ich, ehrlich gesagt, etwas, wie genau ich weiterverfahren will. Ich plane ein weiteres Sachbuch, schreibe aber auch weiterhin viel fiktives Material. Oft ├╝berlege ich, was die bessere "Strategie" sein k├Ânnte - und damit meine ich nicht eine Strategie f├╝r meinen eigenen Lebenslauf oder Stand als Autorin, sondern vor allem eine Strategie f├╝r die Inhalte, die ich transportieren will. Ich begreife mich eher als Berichterstatterin als dass ich einem verkitschen K├╝nstlerinnenideal nachh├Ąnge - andererseits m├Âchte ich mich gern auch als Romanautorin weiterentwickeln. Und als feministisch interessierte Autorin m├Âchte ich eine gewisse weibliche Polemik fortf├╝hren, also: Genauso unversch├Ąmt argumentieren, wie meist M├Ąnner es tun. Ich schreibe nicht f├╝r den akademischen Elfenbeinturm, ich will sozusagen die Schwester von nebenan erreichen, die vielleicht eher fern sieht, als die Feuilletons zu studieren, und das ist eine sehr bewusste Entscheidung. Generell geht es mir, mit Verlaub, auf den Senkel, als weibliche Autorin mit durchaus popul├Ąrem Anspruch sehr schnell als "seichte Frauenbuchautorin" abgekanzelt zu werden. Besonders giftig urteilen hier ├╝brigens weibliche Kritikerinnen. Ich gebe zu: Manchmal behindert mich all das. Und von diesem Punkt aus versuche ich nun weiterzuarbeiten.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r das Interview und weiterhin alles Gute f├╝r die Zukunft!


Zu Katja Kullmann: Die Autorin (geb. 1970) ver├Âffentlichte "Generation Ally" (2002) und "Fortschreitende Herzschmerzen bei milden 18 Grad. Eine Erz├Ąhlung" (2004).
Katja Kullmann arbeitete nach dem Studium der Gesellschaftswissenschaften als Redakteurin f├╝r die Magazine "Prinz" und "BIZZ", und f├╝r die Nachrichtenagentur dpa. Auch als Einkaufswagensortiererin, Kellnerin und Synchronsprecherin sammelte sie Erfahrungen. Heute lebt Katja Kullmann als freie Autorin in Berlin und schreibt unter anderem f├╝r EMMA, die FAZ und die "Financial Times" Deutschland.

Women + Work Beitrag vom 24.07.2007 AVIVA-Redaktion 





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