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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 23.08.2007

Gewöhnt Euch an die Frauen
Jule Fischer

PolitikwissenschaftlerInnen meinten, sie habe nicht den Hauch einer Chance, die Wahlen am 28.10.07 zu verlieren. Sie behielten recht: die First Lady Cristina Kirchner löst ihren Präsidentenmann ab



News vom 29.10.2007Cristina Kirchner ist Argentiniens erste Präsidentin

Bereits nachdem die Hälfte der Stimmen ausgezählt war, zeichnete sich ein so deutlicher Wahlsieg Christina Kirchners ab, dass eine Stichwahl unnötig wurde. Damit ist Christina Kirchner Nachfolgerin ihres Mannes und die erste demokratisch gewählte Präsidentin Argentiniens.
Zwar galt ein Sieg der neuen Pr√§sidentin schon im Vorfeld als sicher, in den letzten Wochen vor der Wahl beobachte ihre Partei jedoch mit Sorge die Ann√§herung der Opposition, welche stetig Prozentpunkte hinzugewann. In direkten Zusammenhang gebracht wird diese Ver√§nderung, mit den zunehmend aufgekommenen Korruptionsvorw√ľrfen gegen die Kirchners. Nichtsdestotrotz fiel das Votum mehr als deutlich aus: 44,7% der ArgentinierInnen w√§hlten Kirchner.
Letztlich war es allein Elisa Carri√≥, Oppositionskandidatin des Mitte-Links-B√ľndnisses, der noch Chancen auf einen Sieg einger√§umt wurden. Sie erhielt mit gro√üem Abstand rund 23% der Stimmen, das zweitbeste Ergebnis, noch vor Roberto Lavagna, welcher lediglich 16,9 % der Stimmen auf sich vereinigen konnte.
Deutlich war mit den Hochrechnungen schon eine Woche vor der Wahl, dass zum einen eine Frau Staatsoberhaupt w√ľrde und zum anderen die Linke die Wahlen f√ľr sich entscheiden w√ľrde.

(Quellen: www.clarin.com, www.lanacion.com)


Als ihre AssistentInnen den Anh√§ngerInnen im Luna Park in Buenos Aires ein "Christina presidente!" zuriefen, wurden sie harsch unterbrochen. "Pr√§sidentin!" rief die wahrscheinlich n√§chste Pr√§sidentin und Noch-First Lady Argentiniens Christina Kirchner in den Saal: "Vayan acostumbr√°ndose a las mujeres!" ‚Äď Gew√∂hnt Euch an die Frauen!

"Hillary von der Pampa" - ihr Name wird seit ihrer Kandidatur nur noch in Vergleichen genannt, mal mit Argentiniens Nationalheldin Evita Per√≥n, mal mit Hillary Clinton. In Argentinien wird sie von der Mehrheit geliebt und von der nationalen Bourgeoise gehasst, aber nie ignoriert. W√§hrend sich die Klatschpresse auf ihre Designer-Outfits und Sch√∂nheitsoperationen st√ľrzt, f√ľllt Christina Kirchner die H√∂rs√§le der Universit√§ten oder vertritt ihren Mann auf Auslandsreisen.

Auch wenn die ArgentinierInnen in ihr gern die neue Evita sehen, den Vergleich lehnt Christina Fern√°ndez De Kirchner, die Senatorin der Provinz Buenos Aires ab.
Nichts gemein hat die feministische Anw√§ltin Kirchner mit jener "Mutter der Nation", zu der sich Evita stilisierte, die in der Beziehung zu Juan Per√≥n stets die weiblich konnotierte Rolle, der sich f√ľr den starken Pr√§sidenten aufopfernden Ehefrau, gab.
Christina Kirchner war nie das Beiwerk ihres Mannes. Sie versteht sich als Intellektuelle, zu einer Gruppe gehörig, die von Juan und Evita Perón bekämpft wurde.

Seit ihrer Studienzeit in den 1970ern sind die Kirchners auch politisch ein Team. W√§hrend der Milit√§rdiktatur sollen beide zu den Montoneros geh√∂rt haben, einer linksperonistischen Stadtguerilla, die einen Krieg gegen die Milit√§rdiktatur f√ľhrte. Ab 1991 war N√©stor Kirchner Gouverneur seiner Heimatprovinz Santa Cruz. Diese Funktion hatte er inne, bis er sie 2003 zugunsten des Pr√§sidentenamtes aufgab. W√§hrend er Gouverneur war, sa√ü Christina Kirchner in der gleichen Provinz im Parlament, von 1995 bis 1997 im Kongress und ab 1997 war sie Abgeordnete im Senat. Ihren wichtigsten Wahlsieg errang CFK im Jahr 2005. Damals wurde sie zur Senatorin der Provinz Buenos Aires gew√§hlt, in der etwa ein Drittel der ArgentinierInnen lebt.

Tradition
Pr√§sidentengattinnen im Kampf um politische √Ąmter sind in Argentinien schon fast Tradition. Oder besser gesagt starke politische Paare, wie Juan B. Justo, der Gr√ľnder der sozialistischen Partei und die ber√ľhmte Feministin Alicia Moreau de Justo, wie Juan und Eva Per√≥n und wie nun die Kirchners.

Zwar hatte Evita nie ein offizielles Amt inne, ihr politischer Einfluss und die machtvolle Rolle ihrer Stiftung machten sie seit dem Ende der 40er Jahre dennoch zu einer der einflussreichsten Personen des Landes. Nach der R√ľckkehr Per√≥ns aus dem Exil ernannte der General seine zweite Ehefrau, "Isabelita" zur Vize-Pr√§sidentin. Diese √ľbernahm das Amt nach Per√≥ns Ableben und regierte das Land schlie√ülich in das Desaster der Milit√§rdiktatur.
Den letzten Kampf der Ehefrauen entschied Christina Kirchner bereits f√ľr sich, als sie 2005 die Wahl gegen die ehemalige First Lady Hilda "Chiche" Duhalde gewann und Senatorin der Provinz Buenos Aires wurde.

Auch f√ľr die Wahl am 28. Oktober 2007 stehen Christina Kirchners Chancen hervorragend, gleich im ersten Wahlgang zu siegen. Laut Umfragen w√ľrden ihr 45 - 49% der ArgentinierInnen ihre Stimme geben. Um bereits im ersten Wahlgang erfolgreich zu sein, m√ľsste CFK entweder 45% der Wahlstimmen erlangen oder 40 %, mit einem Abstand von 10% zum st√§rksten Gegenkandidaten.

Auf ihren ebenfalls peronistischen Gegenkandidaten und ehemaligen Wirtschaftsminister Roberto Lavagna w√ľrden demnach 13% der Stimmen fallen, die Sozialdemokratin Elisa Carri√≥ erhielte 9%.
Der Politikwissenschaftler Enrique Zuleta Puceiro sagte der Zeitung "El Pais" (Uruguay):"Christina Kirchner hat nicht den Hauch einer Chance, die Wahlen zu verlieren, denn ihre Umfragewerte liegen bei etwa 50% und keine/r ihrer GegnerInnen hat die Aussicht eine ähnliche hohe Zustimmung zu erreichen."

Die Zersplitterung der peronistischen Partei in zahlreiche zerstrittene Fraktionen ist dabei nicht unbedingt ein Nachteil, denn auch die Opposition ist heillos uneinig. Ein Gegner, der ihr wirklich gef√§hrlich werden k√∂nnte ist nicht auszumachen und den einzigen starken Oppositionellen machte Se√Īora Kirchner zu ihrem potentiellen Vizepr√§sidenten- Julio Cobos von der UCR

Ger√§tselt wird auch, warum N√©stor Kirchner seiner Frau den Vortritt bei den Wahlen l√§sst. Spekulationen mehren sich nicht nur hinsichtlich seines Gesundheitszustandes, einige JournalistInnen meinen dar√ľber hinaus die Kirchners wollten das Pr√§sidentInnenamt nach je zwei Amtsperioden wechseln. Somit k√∂nnten sie zum einen der Verfassungsklausel entgehen, nach der sich ein(e) Pr√§sident(in) nur f√ľr zwei Amtszeiten nacheinander w√§hlbar ist.
Zum anderen k√∂nnten sie Erm√ľdungserscheinungen vorbeugen. Vermutungen die in diese Richtung gehen, weist Christina Kirchner allerdings grunds√§tzlich als "Science Fiction" zur√ľck.

Was sie will
"Wir wollen nicht die Welt ver√§ndern, nur das Land.". Die Kirchners sind f√ľr markige Spr√ľche bekannt, oft werden ihnen Populismus und nicht immer demokratische Entscheidungen vorgeworfen.
Die Bilanz der ersten 4 Jahre unter Néstor Kirchner kann sich jedoch sehen lassen. Arbeitslosigkeit und Armut sinken jährlich, Bruttoinlandsprodukt (BNE) pro Kopf und Renten steigen. Mit einem Wirtschaftswachstum von nahezu 10 Prozent im Jahr weist Argentiniens Wirtschaft zudem ähnliche Werte wie China auf.

Wer nun erwartet, Christina Kirchner w√ľrde lediglich die Politik ihres Mannes weiterf√ľhren, k√∂nnte nach der Wahl eine √úberraschung erleben.
Denn auch Néstor Kirchners Image hat an den letzten Korruptionsfällen in der Regierung Schaden genommen und auch die schöngeschriebene Außenhandelsbilanz ruft immer wieder KritikerInnen auf den Plan.

CFK h√ľtet sich angesichts der beeindruckenden Wirtschaftserfolge, von einem absoluten Strategiewechsel zu sprechen. ExpertInnen gehen zudem davon aus, dass gut 50 % der Regierungsentscheidungen bereits jetzt nur mit ihrer Zustimmung getroffen werden. Sie erkl√§rte, der Wandel der argentinischen Nation habe erst begonnen. Ihn will sie durch einen Paradigmenwechsel in der Politik fortf√ľhren, sich noch st√§rker als ihr Mann gegen die Korruption stark machen, die f√ľr viele ArgentinierInnen als Grund√ľbel der sozio- √∂konomischen Situation gesehen wird.

CFK verspricht zudem Arbeitspl√§tze und verst√§rktes Engagement f√ľr die Rechte der Frauen. Au√üenpolitisch wird sie ihren Kurs wohl in altbekannter Manier weiterf√ľhren und sich nicht vor Konflikten scheuen. Das bewies sie zuletzt bei einem Treffen mit spanischen Investoren, denen sie geradeheraus erkl√§rte, sie machten zu viel Gewinn auf Kosten des argentinischen Volkes.

Sollte Christina Kirchner am 28. Oktober 2007 die Wahlen gewinnen, wird sie vielleicht nicht die erste demokratische Präsidentin Argentiniens, kann sich aber als die erste demokratisch gewählte bezeichnen.

Weiterf√ľhrende Links:

Offizielle Seite von Christina Kirchner im Senat: www.kirchner.senado.gov.ar
Nachrichtendienst zu Argentinien: www.argentinienaktuell.com
"Argentinisches Tageblatt", Argentinien: www.tageblatt.com.ar
"Deutsche Welle": www.dw-world.de
"P√°gina 12", Argentinien: www.pagina12.com.ar
"El Pais", Uruguay: www.elpais.com.uy
"La Nacion", Argentinien: www.lanacion.com.ar
"Clarín", Argentinien: www.clarin.com


Women + Work Beitrag vom 23.08.2007 AVIVA-Redaktion 





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