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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 07.03.2005

WORLD WOMEN WORK 2005 - Harald Wolf
AVIVA-Redaktion

Interview mit Harald Wolf, B├╝rgermeister und Senator f├╝r Wirtschaft, Arbeit und Frauen




AVIVA-BERLIN: Die abendliche Gespr├Ąchsrunde wird sich eingehend mit dem Thema "Herausforderungen und Perspektiven in einem zunehmend globalisierten Lebensumfeld" befassen, allerdings unter dem Motto "Wandel als Chance". Wo sehen Sie die Chancen, aber auch die Risiken der Globalisierung?
HARALD WOLF: Ich glaube, dass nat├╝rlich eine Chance in der Globalisierung liegt und in dem gesellschaftlichen Wandel, den wir zur Zeit haben - als wir eine immense Steigerung von Produktivit├Ąt und eine Internationalisierung haben. Das hei├čt, die Gesellschaften m├╝ssen sich auch viel st├Ąrker anderen Einfl├╝ssen ├Âffnen. Durch die Versch├Ąrfung der Konkurrenz und des Wettbewerbs besteht andererseits die Gefahr, dass die vermeintlichen ├Âkonomischen Sachzw├Ąnge zunehmen, die Gestaltungsspielr├Ąume - z.B. auf der nationalstaatlichen Ebene - zur├╝ckgehen.
Das hat f├╝r mich zum einen zur Konsequenz, dass wir begreifen m├╝ssen, dass auch ├Âkonomische Verh├Ąltnisse soziale Verh├Ąltnisse sind, das hei├čt, von Menschen gemacht und damit auch von Menschen gestaltbar sind. Zum anderen, dass wir aber die Gestaltungsebene viel st├Ąrker auf eine internationale Ebene verlagern, dar├╝ber international diskutieren und versuchen m├╝ssen, internationale Regeln auch des Wirtschaftens zu entwickeln, so wie wir sie ja mit dem alten Sozialstaat auf der nationalstaatlichen Ebene in der Vergangenheit auch gehabt haben.

AVIVA-BERLIN: Und was bedeutet das f├╝r die Geschlechterverh├Ąltnisse?
HARALD WOLF: Nun, zum einen bedeutet die Globalisierung auch die Aufl├Âsung tradierter Verh├Ąltnisse, damit auch alt hergebrachter Rollenverst├Ąndnisse und Stereotypen. Die Globalisierung und der technologische Wandel bieten auch Chancen zur Entfaltung von mehr Individualit├Ąt und damit auch zu mehr Selbstbestimmung was den eigenen Lebensentwurf angeht. Dem steht auf der anderen Seite gegen├╝ber, dass die gr├Â├čere Individualit├Ąt und Freiheit auch in einem z├╝gellosen Konkurrenzkampf enden kann, in dem man dann die Gestaltungsspielr├Ąume verliert.
Also gilt es auch an dieser Stelle genau herauszuarbeiten, wo die Chancen und wo die Risiken liegen und dann Regeln zu finden - auch Institutionen neu zu erfinden - die dann die Voraussetzungen und die Rahmenbedingungen daf├╝r schaffen, dass diese Handlungsspielr├Ąume genutzt werden k├Ânnen, damit die Chance zu mehr Individualit├Ąt auch in einem solidarischen Sinne genutzt werden kann, im Sinne von mehr Selbstbestimmung und eben nicht Konkurrenz auf Kosten anderer.

AVIVA-BERLIN: In Ihrer Begr├╝├čungsrede haben Sie auch das Thema "Gesetz versus Freiwilligkeit" angerissen. Am Beispiel der Aufsichtsr├Ąte haben Sie aufgezeigt, dass Sie - flankiert durch das Landesgleichstellungsgesetz - w├Ąhrend Ihrer Amtszeit gro├če Erfolge erzielen konnten: eine Steigerung von 5% auf 30% des Frauenanteils. Was halten Sie grunds├Ątzlich von Quotenregelungen und gesetzlichen Rahmenbedingungen?
HARALD WOLF: Ich glaube, dass es richtig und hilfreich ist, gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen, auch um den gesellschaftlichen Bewusstseinswandel anzusto├čen. Nat├╝rlich ist jede freiwillige Regelung besser, aber manchmal bedarf es auch eines gewissen Drucks und eines formalen Rahmens. Wenn wir in den 80er Jahren nicht die Diskussion ├╝ber die Einf├╝hrung der Quote gehabt h├Ątten (und dann auch die Umsetzung nach und nach auf unterschiedliche Art und Weise in allen Parteien), w├Ąren wir nicht so weit gekommen, wie wir heute sind bei der Frage der Repr├Ąsentanz von Frauen auch in F├╝hrungspositionen innerhalb von Parteien. Und das, glaube ich, gilt auch f├╝r die Wirtschaft. Man muss sich nat├╝rlich davor h├╝ten, eine ├ťberregulierung zu haben. Wenn man nur administriert und Vorschriften hat, geht auch eine Lebendigkeit verloren. Aber bestimmte Regelungen sind vor allem zur Etablierung eines gesellschaftlichen Standards hilfreich.

AVIVA-BERLIN: Eine abschlie├čende "Trend-Frage": Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Debatte um Work-Life-Balance, die in Deutschland (nicht zuletzt durch das Bundesministerium f├╝r Familie, Senioren, Frauen und Jugend) zunehmend auf die Work-Family-Debatte reduziert wurde?
HARALD WOLF: Ich beobachte mit einiger Verwunderung, dass ausgerechnet bei einer rot-gr├╝nen Bundesregierung das Ministerium, das eigentlich f├╝r die Gleichstellung zust├Ąndig w├Ąre, mehr und mehr eine Entwicklung in ihrer Politik in Richtung eines Familienministeriums und traditioneller Familienpolitik vollzieht. Ich halte das f├╝r eine vertane Chance. Ich glaube, dass es richtig ist, das Thema der Gleichstellung auch unabh├Ąngig von der Frage der Familie offensiv vorzutragen und dabei alle Lebensbereiche zu umfassen - und nicht das Thema Gleichstellung von Frauen zu einem familienpolitischen Thema zu machen und damit auch die gesellschaftliche Brisanz und politische Sprengkraft zu nehmen.

AVIVA-BERLIN: Vielen Dank, Herr Wolf!

Women + Work Beitrag vom 07.03.2005 AVIVA-Redaktion 





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