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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 04.12.2013

Marina Chernivsky im Gespr├Ąch mit T├╝lay Ata├ž
T├╝lay Ata├ž

Kennen gelernt haben sie sich ├╝ber den Beruf und die gemeinsame Organisation eines Kongresses. Das Projekt "Lokale Geschichte(n)" gab den Ansto├č zum Austausch ├╝ber Identit├Ąt und Erinnerung,...



... gesellschaftliche Spannungsfelder und Umgang mit kultureller Vielfalt zwischen der Psychologin und Wissenschaftlerin an der Charit├ę in Berlin und Vorstandsmitglied im Dachverband f├╝r transkulturelle Psychiatrie, T├╝lay Ata├ž, und der Psychotherapeutin, Dozentin, Supervisorin und Leiterin des Modellprojekts "Perspektivwechsel", Marina Chernivsky.

Zeitnot

Die Zeitnot beschreibt ganz gut unsere Beziehung und die Kooperation am Kongress. Es war der Kongress des Dachverbandes f├╝r transkulturelle Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, den wir beide mit einem anderen Kollegen zusammen an der Charit├ę organisierten und durch den wir uns kennen gelernt hatten. Es war ein ambitioniertes Projekt, die Themen und der Beruf verbanden uns, doch die Zeitnot lie├č ein n├Ąheres Kennenlernen und Entdecken nicht zu. Erst danach, im Rahmen vom AVIVA-Projekt, besannen wir uns darauf, uns pers├Ânlich anzun├Ąhern.

Marina

Marina erz├Ąhlt mir zun├Ąchst z├Âgerlich ihre Geschichte. Ich erfahre erst nach und nach, dass sie aus Israel kommt und 2001 nach Berlin gezogen ist, dass sie als Psychotherapeutin arbeitet und eine einj├Ąhrige Tochter hat, dass sie flie├čend hebr├Ąisch und russisch sprechen kann und Leiterin von "Perspektivwechsel" ist, eines Projekts, welches das Verst├Ąndnis f├╝r soziale Diversity st├Ąrkt und f├Ârdert.

"Ich bin in Lemberg geboren, einer Stadt mit Geschichte, eine polnische, jiddische, sp├Ąter auch sowjetische Stadt, ein Schauplatz des Zweiten Weltkrieges, voll historischer Zeugnisse und zerstreuter Erinnerungen. Damals war ich dreizehn, als wir Hals ├╝ber Kopf nach Israel gezogen sind, ohne Vorwarnung, zwischen T├╝r und Angel geplant. Eines Tages ist es soweit: Unser Leben ist eingepackt, die wenigen Koffer und Taschen stehen bereit. Die Wohnung sieht erstaunlich lebendig aus, obwohl sie eigentlich leer sein sollte. In meinem Zimmer ist fast alles so geblieben, meine Kinderb├╝cher liegen stapelweise auf dem Boden. Ich habe mir diesen Tag anders vorgestellt. Nun warten wir auf den Bus, der uns nach Warschau fahren wird. Ich schaue zum letzten Mal aus meinem Fenster, blicke auf meine Kindheit zur├╝ck und warte geduldig auf den Abschied. Den entscheidenden Moment des Abschieds habe ich aber nicht mehr parat, ich wei├č nur, dass meine Mutter die T├╝r zumacht, f├╝r immer, denn zu dieser Zeit gibt es f├╝r uns keinen Weg zur├╝ck. Erst 2006 komme ich wieder, zu Besuch. Ich bin die einzige aus unserer Familie, die sechzehn Jahre sp├Ąter vor unserem Haus steht. Ich bin da, aber es ist nicht mehr mein Haus, die Sch├╝ssel sind weg, diese, die meine Mutter auf dem Tisch liegen lie├č, damals an dem ber├╝chtigten Abreisetag, als der Bus auf uns wartete."





In Israel stehen sie vor einem kompletten Neubeginn. Migration ist ein schmerzhafter, schwieriger Prozess, aber er kann auch st├Ąrkend sein. In Israel trifft sie auf eine andere, warme, hektische Wirklichkeit. Neue Perspektiven auf Heimat, Zugeh├Ârigkeit und Identit├Ąt tun sich auf. Lemberg weckt noch Sehns├╝chte, wirkt nach, aber nur als ein Ort, der biographische Bez├╝ge herstellt, Geschichte hat. Sonst wei├č sie, dass sie dort fremd waren, als Juden im eigenen Land, nie komplett drin und nicht ganz drau├čen. Sie kennt das leise Sprechen, das Gef├╝hl des Andersseins, die Leits├Ątze ihrer Gro├čmutter: "Wenn man dich danach fragt, ob du j├╝disch bist, antworte mit erhobenem Haupt, dass du es bist. Schaue nie zu Boden, es ist nichts, wof├╝r du dich sch├Ąmen solltest."




Marinas Gro├čmutter, Tante und Mutter


Ihre erste Heimat ist nicht der Nationalstaat, es ist vielmehr eine ungew├Âhnliche Beziehung zu diesem Ort, den ihre Gro├čmutter so liebte. Ihre erste Heimat ist architektonisch prachtvoll, aber ungem├╝tlich und kalt. Ihre zweite Heimat hingegen ganz neu, und dennoch vertraut. Die Bindung zur Vergangenheit hat ein eigenes Leben, aber es st├Ârt sie nicht, eine neue Bindung einzugehen. Ab jetzt werden es immer zwei Heimaten sein, nie nur die eine. In Israel l├Ąsst sie sich auf die Gesellschaft ein, lebt im Kibbuz, macht Abitur, wird zur Armee eingezogen, studiert Verhaltenswissenschaften und arbeitet hier und dort als Arbeitspsychologin. Nun haben wir Zeit f├╝r mehr, wir diskutieren ein wenig ├╝ber Identit├Ąt und Erinnerung, die Kibbuzbewegung und verschiedene geopolitische Bl├Âcke, gesellschaftliche Spannungsfelder und den Umgang mit kultureller Vielfalt.

Berlin

"Meine Kindheit war gepr├Ągt von Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg. Meine Gro├čmutter erz├Ąhlte gern und ich bat sie jeden Abend um mehr. Viele Geschichten waren dabei, ├╝ber meinen heldenhaften Gro├čvater, ├╝ber ihre erste Begegnung kurz nach dem Kriegsende, ├╝ber die Zeit danach. Die Shoah war ebenfalls pr├Ąsent, etwas verschleiert, aber in Phasen erz├Ąhlt, eingeschlichen. In diesem Land gab es damals, politisch gewollt, keine historische sowie gesellschaftlich anerkannte Ged├Ąchtnisspur f├╝r dieses dunkle Kapitel. Trotz der scheinbaren Pr├Ąsenz des historischen Narrativs blieb vieles benebelt, einseitig und nicht erforscht. Auch wenn viele Fragen unbeantwortet blieben, war das in Israel nicht mehr vorrangig, andere Priorit├Ąten waren gesetzt. Im Studium bekam das Thema jedoch eine neue Relevanz, ein reges wissenschaftliches Interesse war entstanden. Berlin bot sich an."

Berlin war f├╝r sie anziehend, weit, unerreichbar. Der Alltag war durchstrukturiert, es blieb keine Zeit zum Reisen. Aber dann kam der Wunsch nach der Welt. Das Studium der Verhaltenswissenschaften - der Psychologie, Soziologie und P├Ądagogik - war abgeschlossen, das neue Berufsleben intensiv. Der Gedanke, weiter zu studieren, war gekommen, warum denn nicht in Berlin? ├ťber eine ihrer Tanten, die damals am Max Planck Institut arbeitete, kommt Marina vor zw├Âlf Jahren nach Berlin und lernt erneut eine f├╝r sie damals komplett neue Sprache. Ihre Gro├čeltern hatten fr├╝her zwar Jiddisch gesprochen, doch Marina selbst spricht es nicht. Sie bewirbt sich f├╝r den Studiengang der Klinischen Psychologie an der Humboldt Universit├Ąt zu Berlin und wird angenommen. Zwei Jahre sp├Ąter m├╝sste sie fertig sein, aber anders als geplant wird Berlin zu einer zweiten Migration, diesmal freigew├Ąhlt, auch wenn nicht ohne Zweifel, denn die Absicht war, zur├╝ckzukehren, nach Tel Aviv. Doch es kommt anders. Sie studiert, arbeitet im Bereich der historisch-politischen Bildung, ist nah an Themen dran, die sie immer schon bewegten. Nebenberuflich macht sie die Ausbildung in Psychologischer Psychotherapie, leitet Projekte im Bildungsbereich, arbeitet als Therapeutin und Supervisorin, bekommt ihr erstes Kind. Berlin bindet, hat mal jemand zu ihr gesagt, sie denkt es nun auch.

"Es ist wichtig, sich f├╝r einen der St├╝hle zu entscheiden, ohne den anderen in die Ecke zu schieben, wohlwissend, dass es zwei St├╝hle sind und auf Dauer sein werden. Es ist ein gemischtes Gef├╝hl, in Deutschland zu leben. Aber ich f├╝hle mich hier angekommen. Die mehrfachen Identit├Ąten und Zugeh├Ârigkeiten, die verschiedenen Welten, die sich nicht widersprechen, sondern sich gegenseitig erg├Ąnzen, inspirieren mich immer wieder aufs Neue, geben mir Kraft, pr├Ągen meinen Blick auf andere."

Marina Chernivsky ist Diplompsychologin und Verhaltenstherapeutin (i.A.). Sie arbeitet als Psychotherapeutin, Dozentin, Supervisorin und leitet das Modellprojekt "Perspektivwechsel" der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), das seit 2006 im Freistaat Th├╝ringen umgesetzt wird. Sie ist Vorstandsmitglied im Dachverband f├╝r transkulturelle Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im deutschsprachigen Raum (DTPPP e.V.) und Mitglied im Pr├Ąsidium der Deutschen Soccer Liga e.V.



Zur Biographin: T├╝lay Ata├ž hat Sprachen (Franz├Âsisch/Anglistik/Turkologie bis zur Zwischenpr├╝fung) und Psychologie in Berlin und Paris studiert, ist Diplompsychologin und Psychotherapeutin (i.A. an der Psychologischen Hochschule Berlin) und arbeitet als Psychologin und Wissenschaftlerin an der Charit├ę in Berlin. Sie ist Vorstandsmitglied im Dachverband f├╝r transkulturelle Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im deutschsprachigen Raum (DTPPP e.V.), Mitglied der Gesellschaft f├╝r t├╝rkischsprachige Psychotherapie und psychosoziale Beratung (GTP e.V.) und der Deutsch-T├╝rkischen Gesellschaft f├╝r Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosoziale Gesundheit (DTGPP e.V.). Wissenschaftlich interessiert sie sich f├╝r integrative Psychotherapieverfahren, Migration und Psychotherapie, Diversity und Beratung, Konflikt- und Friedensforschung, politische Psychologie, transkulturelle Psychotherapie und Beratung.

┬ę Copyright Foto von T├╝lay Ata├ž: Sharon Adler





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Women + Work Beitrag vom 04.12.2013 AVIVA-Redaktion 





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