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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 04.12.2013

T├╝lay Ata├ž im Gespr├Ąch mit Marina Chernivsky
Marina Chernivsky

Kennen gelernt haben sie sich ├╝ber den Beruf und die gemeinsame Organisation eines Kongresses. Das Projekt "Lokale Geschichte(n)" gab den Ansto├č zum Austausch ├╝ber Identit├Ąt und Erinnerung, ...



... gesellschaftliche Spannungsfelder und Umgang mit kultureller Vielfalt zwischen der Psychologin und Wissenschaftlerin an der Charit├ę in Berlin und Vorstandsmitglied im Dachverband f├╝r transkulturelle Psychiatrie, T├╝lay Ata├ž, und der Psychotherapeutin, Dozentin, Supervisorin und Leiterin des Modellprojekts "Perspektivwechsel", Marina Chernivsky.

Zeit und Raum

"Ich f├╝hle mich mitten im Leben, beruflich habe ich das Gef├╝hl angekommen zu sein. Ich glaube, ich bin nicht mehr auf der Suche. Und ich bewege mich gern in urbanen, kosmopolitischen R├Ąumen und am Wasser. Ich liebe Wasser. Ob Wasser und Urbanit├Ąt was gemeinsam haben? Ich kann mein Leben nicht erkl├Ąren, aber ich wei├č, dass diese R├Ąume f├╝r mich wichtig sind."

Wir treffen uns in einem ruhigen Caf├ę, es hei├čt ┬┤you are welcome┬┤, es befindet sich in einem Haus, das ein Gedenkprojekt beherbergt. Wir treffen uns also in Berlin Mitte, hier lebe ich seit einigen Jahren, ein Viertel wie jedes andere, aber f├╝r mich hat es eine tief gehende Bedeutung, das ehemalige Scheunenviertel, ein Erinnerungsort. Unsere Zeit zu zweit ist streng reglementiert. Unsere Kalender sind dicht geplant und ein gemeinsamer Termin scheint fast ein Wunder zu sein. Wir schaffen das trotzdem, T├╝lay und ich, zwei Stunden Zeit zu haben an diesem Dienstagabend. Wir kennen uns seit einem Jahr, T├╝lay, Sebastian und ich waren das leitende Organisationsteam einer bundesweiten Konferenz, die in Berlin stattfand. Ich wusste, dass T├╝lay aus der T├╝rkei stammt, dass sie als Bezugs- und Psychotherapeutin arbeitet und dass sie au├čerordentlich neugierig ist. F├╝r mehr hatten wir leider keine Zeit, in diesem Vorbereitungsjahr. Aber jetzt ist es soweit.

T├╝lay



T├╝lay ist in Westdeutschland geboren und aufgewachsen, ihre Kindheit hat sie in Bielefeld verbracht. Dort haben ihre Eltern gelebt und gearbeitet. Sie war zw├Âlf Jahre alt, als ihre Familie sich f├╝r Berlin entschieden hat. Eine Zeit lang lebte sie in Frankreich, mit Unterbrechungen, wie sie sagt. Berlin war ihr Zentrum, Paris k├Ânnte es auch sein, aber Berlin war und blieb ihr emotionales Zuhause.
Ihre Eltern stammen aus Ost-Anatolien, aus zwei Nachbarst├Ądten im Nordosten der T├╝rkei. Ihre Eltern sind T├╝rken, Zaza und Aleviten. Von au├čen werden Zaza zu den Kurden gerechnet, aber viele Zaza sehen es ganz anders, denn Zaza haben eine eigene Sprache, eigene Br├Ąuche und Traditionen. T├╝lay sagt, diese Diskrepanz zwischen der Selbst- und Fremdwahrnehmung f├Ąllt nicht allen auf, nicht alle sind bereit, die vielen Zwischent├Âne genauer zu unterscheiden, nicht alle teilen diese Ansicht. Sie ist t├╝rkeist├Ąmmige Zaza und Alevitin. T├╝lay sagt, in einer sunnitisch gepr├Ągten Gesellschaft wird das Alevitentum als nicht zum Islam geh├Ârig empfunden, obwohl es auch im Islam entstanden ist. Es wird zwar dar├╝ber debattiert, eine eindeutige Antwort gibt es jedoch nicht. Die Aleviten sind in der T├╝rkei wie die Protestanten in einem katholisch gepr├Ągten Umfeld. Dort sind sie Zaza und Aleviten, was sie eindeutig zu einer Minderheit macht. In Deutschland gelten sie als T├╝rken, in der Au├čenwahrnehmung jedenfalls. Eine doppelte Differenzerfahrung also, einer Konfession, um deren Zuordnung noch heftig debattiert wird und einer t├╝rkischen Einwanderungsgeschichte, die Deutschland erst seit kurzem "entdeckt" hat.

Doppelte Perspektiven, oder das Leben als Minderheit

"In der T├╝rkei fremd im eigenen Land zu sein, in Deutschland als t├╝rkische Minderheit wahrgenommen zu werden. Ob damit auch Differenzerfahrungen verbunden sind? F├╝r meine Eltern bedeutete es, sich an ihre Umwelt anpassen zu m├╝ssen, Unauff├Ąlligkeit als L├Âsung zu erw├Ągen."


T├╝lays Eltern, 2009

T├╝lay sagt, in der T├╝rkei war es damals verp├Ânt, Kurdisch oder Zaza zu sprechen. Gro├č war der Anpassungsdruck, das Bed├╝rfnis "normal" zu sein, Anerkennung zu bekommen, einen Namen zu erhalten. Nationale Minderheiten konnten in der T├╝rkei bis vor ungef├Ąhr zehn Jahren ihre nicht-t├╝rkischen Sprachen nicht frei sprechen. Im Privaten konnten ihre Sprachen nicht verboten werden, im ├Âffentlichen Raum waren sie jedoch nicht erlaubt. Aber nicht aus diesem Grund haben sich ihre Eltern, v├Âllig unabh├Ąngig voneinander, f├╝r Migration entschieden. Sie haben sich in Westdeutschland kennen gelernt. Ihre Auswanderungsgr├╝nde waren unterschiedlich, typisch waren ihre Geschichten nicht, nicht so wie immer behauptet wird.

F├╝r T├╝lay selbst bedeutet ihr Alevitischsein ebenfalls die Erfahrung einer Minorit├Ąt, aber auch eine Kraft spendende spirituelle Quelle. Sie praktiziert sie nicht, aber sie f├╝hlt es und hat ein tiefes Wissen dar├╝ber. Ihre ethnische und konfessionelle Herkunft bedeutet Geborgenheit, emotionales Zuhause, ein dauerhaftes Koh├Ąrenzgef├╝hl. Daraus sch├Âpft sie Kraft, ihre kosmopolitischen R├Ąume zu betreten. Selbstachtung und Selbstakzeptanz sind nun einmal entscheidend daf├╝r, ob wir in der Lage sein werden, sp├Ąter auch anderen mit Achtung und Akzeptanz zu begegnen.

Selbstbezeichnung(en)

"Ich bin bei diesen Fragen bereits geschult, weil ich oft gefragt werde, wer ich bin und woher ich komme. Ich habe mir Antwortmuster zurecht gelegt, die nicht zwingend in dieser Form erwartet werden: Ich bin ein Mensch, eine Frau, politisch aufgekl├Ąrt und links-liberal denkend. Ich habe mich lange Jahre mit Feminismus, Identit├Ąt, Migration, Fremdheit besch├Ąftigt. Vielleicht k├Ânnte ich mich auch so beschreiben: Ich bin eine aus dem Nahen Osten stammende, t├╝rkeist├Ąmmige Westeurop├Ąerin, international gereiste Frau, in Berlin lebend."

T├╝lay geh├Ârt zu denen, ├╝ber die man sagt, sie haben einen Migrationshintergrund. T├╝lay sagt, sie hat ihn aufgedr├╝ckt bekommen. Dieser Begriff ist zwar politisch korrekt intentioniert, aber er beschreibt sie nicht, er pauschalisiert, vereinheitlicht, blendet Diskriminierungserfahrungen aus. Er ist nicht f├╝r alle gleich. "Ein Mensch, der eine schwedische Oma hat, w├╝rde theoretisch ebenfalls dazu z├Ąhlen, aber er hat nicht die gleichen Erfahrungen, wie ich sie habe." Denn Schweden liegt nicht im Orient. Und diesen (orientalischen) Hintergrund kann man nie loswerden, er bleibt, auch wenn wir die damit verbundenen Zuschreibungen bewusst ablegen. Man kann in diesem Club gern ein Mitglied werden, aber niemals aus dieser Gemeinschaft austreten. Migration als Rolle? Oder als ein eigent├╝mlicher Begleiter, der immer und ├╝berall mitkommt.


T├╝lay und ihre Geschwister, 1982


Erfahrung der Differenz

"Ich kenne die Zuschreibungen ├╝ber ┬┤orientalische Frauen┬┤, oder ├╝ber aus dem Orient stammende Frauen, ├╝ber Frauen, die aus diesem Grunde nicht f├╝r zurechnungsf├Ąhig und f├╝r nicht selbstbestimmt gehalten werden. Es ist sicherlich nicht immer b├Âse gemeint, teilweise aus Ignoranz oder mangelnder Reflexion, aber auch ohne die "b├Âse" Absicht wird mir meine Individualit├Ąt und Denkf├Ąhigkeit abgesprochen und ich werde auf meine vermeintliche Herkunft und auf die dazugeh├Ârigen Zuschreibungen reduziert. Wenn ich solche Erfahrungen mache und diese symbolisch beschreiben soll, dann folgenderma├čen: Man versucht mir unbewusst die Rolle einer Frau anzudrehen, die schwach und fremdbestimmt ist, sich nicht wehren kann und vom "Wei├čen" belehrt oder gar gerettet werden muss. Eine Haltung die hoch paternalistisch ist und eine klare Haltung ausdr├╝ckt gegen├╝ber allem, was orientalisch ist."

Eine nett gemeinte Frage kann sehr schnell zum Verh├Ąngnis werden, denn nicht die Wortwahl, sondern die Intention, Haltung, die dahinter steht, ist ausgrenzend. Diese Frage verlangt nach einer Entscheidung - entweder, oder. Entweder t├╝rkisch, oder deutsch, aber nie vollst├Ąndig deutsch, und immer noch t├╝rkisch. T├╝lay sagt, sie kennt das, aber ihr Leben war nicht nur dadurch gepr├Ągt. Sie wei├č, was es bedeutet, wenn Eltern nicht alles erz├Ąhlen, aus Angst, sie w├╝rde sich dadurch anders f├╝hlen, ausgegrenzt sein, sich nicht integrieren k├Ânnen. Sie wei├č, was das bedeutet, als Nicht-Deutsche wahrgenommen zu werden, als jemand, der dazu geh├Ârt und dennoch immer wieder drau├čen steht.
Heute hat sie ihre eigene Stimme, sie bestimmt dar├╝ber, wie sie wahrgenommen werden will. Sie kann ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.



T├╝lay in Paris, 2003

Ressourcen

Identit├Ąten der Postmoderne sind komplex, mehrschichtig, sie ├╝berlagern sich, aber sie lassen sich auch formen und gestalten. T├╝lay sagt, sie sch├Âpft ihre Kraft aus ihrer Biographie und ihrem Werdegang. Sie f├╝hlt sich angekommen, koh├Ąrent. Sie ist bereichert worden durch ihre Migrationen, Br├╝che und Wandlungen. Das ist ihre Kontinuit├Ąt, dauerhaft und dynamisch. Auch ihr "Migrationshintergrund" ist eine Quelle der Inspiration. Ihre Berufe - die Sprachen, die Wissenschaft und die Psychologie -, aber auch der Ehrgeiz helfen ihr.

"Denn all das ist verbunden mit Offenheit gegen├╝ber anderen Menschen, menschlichen Werten und es muss im Einklang mit mir sein. Diese Offenheit und die spirituellen Werte aus meiner Familie sind mein R├╝ckgrat, meine Pr├Ągung, die mich h├Ąlt und st├╝tzt."


T├╝lay Ata├ž hat Sprachen (Franz├Âsisch/Anglistik/Turkologie bis zur Zwischenpr├╝fung) und Psychologie in Berlin und Paris studiert, ist Diplompsychologin und Psychotherapeutin (i.A. an der Psychologischen Hochschule Berlin) und arbeitet als Psychologin und Wissenschaftlerin an der Charit├ę in Berlin. Sie ist Vorstandsmitglied im Dachverband f├╝r transkulturelle Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im deutschsprachigen Raum (DTPPP e.V.), Mitglied der Gesellschaft f├╝r t├╝rkischsprachige Psychotherapie und psychosoziale Beratung (GTP e.V.) und der Deutsch-T├╝rkischen Gesellschaft f├╝r Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosoziale Gesundheit (DTGPP e.V.). Wissenschaftlich interessiert sie sich f├╝r integrative Psychotherapieverfahren, Migration und Psychotherapie, Diversity und Beratung, Konflikt- und Friedensforschung, politische Psychologie, transkulturelle Psychotherapie und Beratung.



Zur Biographin: Marina Chernivsky ist Diplompsychologin und Verhaltenstherapeutin (i.A.). Sie arbeitet als Psychotherapeutin, Dozentin, Supervisorin und leitet das Modellprojekt "Perspektivwechsel" der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), das seit 2006 im Freistaat Th├╝ringen umgesetzt wird. Sie ist Vorstandsmitglied im Dachverband f├╝r transkulturelle Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im deutschsprachigen Raum (DTPPP e.V.) und Mitglied im Pr├Ąsidium der Deutschen Soccer Liga e.V.

┬ę Copyright Foto von Marina Chernivsky: Sharon Adler




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Women + Work Beitrag vom 04.12.2013 AVIVA-Redaktion 





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