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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 19.03.2015

Sie haben versucht, uns umzubringen, wir haben ├╝berlebt, lasst uns essen. Gaby Steiner und Talin Bahcivanoglu und ihr j├╝disch-armenisches Dialog-Koch-Projekt
Talin Bahcivanoglu

Die Catering-Unternehmerin und die Politikwissenschaftlerin und angehende Ethnologin diskutieren dar├╝ber, was es hei├čt, J├╝din oder Armenierin zu sein in der Diaspora. "In der Emigration ...



... verliert man als erstes die Sprache und als letztes das Kochen," diese These der feministischen j├╝dischen Theologie-Professorin Norma Baumel ist ein perfektes Leitmotiv f├╝r ihr Projekt.

Vom Kochen als Mittel zum Dialog erz├Ąhlen die Initiatorinnen nun auf AVIVA-Berlin.

Die geteilte Erfahrung von Vertreibung und Genozid

Unser Gedanke war es, im Rahmen einer Werkstatt mit J├╝dinnen und Armenierinnen unsere gemeinsamen kulturellen und sozialen Bezugspunkte zu diskutieren und uns ├╝ber unsere Erfahrungen als Angeh├Ârige von Minderheiten in der Mehrheitsgesellschaft auszutauschen. Beide Gruppen befinden sich nicht nur in einer ├Ąhnlichen historischen Situation, sondern teilen dar├╝ber hinaus vergleichbare Lebensumst├Ąnde. Beide Gruppen sind von einer vergleichbaren historischen Erfahrung gepr├Ągt ÔÇô bei den Armeniern ist es der V├Âlkermord Anfang des 20. Jahrhunderts, bei den Juden der V├Âlkermord in der NS-Zeit. Dies bestimmt sowohl die eigene Identit├Ąt als auch die gesellschaftliche Wahrnehmung als Opfer.

Die Werkstatt sollte die M├Âglichkeit er├Âffnen, sich mit der eigenen Stellung in der Gesamtgesellschaft und in den eigenen Gruppen auseinander zu setzen. Wir wollten einen Austausch ├╝ber die gesammelten Erfahrungen und das entstandene Wissen anregen. Es sollte auch ein Raum sein, um gegenseitige Verurteile abzubauen: Denn, nur weil die Armenier Opfer eines V├Âlkermord geworden sind, bedeutet das nicht, dass sie keinen Antisemitismus kennen.

Das multikulturelle Istanbul als Inspirationsquelle

Auf die Idee, gemeinsam zu kochen, kamen wir auf einer Reise nach Istanbul. Wir Frauen aus Deutschland wollten Istanbul von einer anderen Seite kennen lernen, aus der Perspektive der nichtmuslimischen Minderheiten. Denn es gibt auch ein j├╝disches Istanbul, ein armenisches Istanbul und ein griechisches Istanbul.

In Istanbul hatten wir Gelegenheit, griechische und armenische Spezialit├Ąten zu kosten und gingen auch zum "Levi-Restaurant", dem einzigen ├Âffentlich zug├Ąnglichen, das eine koschere K├╝che anbietet. Beim Probieren aus den ge├Âffneten Kocht├Âpfen, die vor uns standen, fragten wir uns, warum wir diese Tradition und Kultur nicht nach Berlin tragen k├Ânnen?

Wir hatten ein Mittel gefunden, um zwei fremde Personen zu einem Dialog zusammenf├╝hren zu k├Ânnen, die vorher keine Bezugspunkte hatten. Kochen als Mittel zum Dialog erschien uns als eine wunderbare Technik.

Die Anf├Ąnge: Austausch ├╝ber religi├Âse Feste, Austausch von Rezepten

2009 sind wir zum ersten Mal in einer Restaurantk├╝che in Berlin-Kreuzberg zusammengekommen, unter dem Dach von Bet Debora. Da die Veranstaltung kurz vor Pessach und Ostern stattfand, stellten wir uns gegenseitig die jeweilige Feiertagsk├╝che vor und tauschten uns ├╝ber die Bedeutung der beiden religi├Âsen Feste aus.

Wir stellten in einer Ecke einen Pessachtisch zusammen und in der anderen einen armenischen Ostertisch. Die Festtagstafeln sollten miteinander kommunizieren, ihre Geschichten erz├Ąhlen und ihre Erinnerungen mit uns teilen. Wir scharten uns um die Tische herum, lauschten dem Erz├Ąhlten und probierten die Speisen.

Kulinarisches Treffen vom 9. M├Ąrz 2009. Sedersch├╝ssel aus armenischer Keramik. ┬ę Talin Bahcivanoglu


Kochen als Mittel zum Zweck: Kommunikation mit Unbekannten

Der gedeckte Tisch ist f├╝r Juden und Armenier ein Ort der Emotionalit├Ąt und der Verbundenheit mit der Religion und der Tradition. Er dient als Verbindungsglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die Ich-Identit├Ąt wird am Tisch beim gemeinsamen Essen zu einer Wir-Identit├Ąt.

Essen und Trinken waren auch das Zeichen zur Besieglung eines Vertrages. Am Ende eines Krieges fand der Abschluss eines Friedensvertrages an der Tafel beim Essen und Trinken statt. Familienfeste sind auch eine Zusammenkunft um den Esstisch. Hochzeiten sind nicht nur die Verm├Ąhlung von zwei Menschen, sondern die Verbindung von zwei Familien: Auch der Ehevertrag wird am Esstisch besiegelt. Fr├╝her haben die Frauen der Familien, die das der Hochzeitsfest organisiert haben, das Essen selber vorbereitet, gemeinsam gekocht und den Tisch gedeckt. Den Abschluss einer Taufe, einer Bar Mizwa /Bat Mizwa symbolisiert das gemeinsame Essen. Auch die Trauer, der Abschied eines Menschen von seinem irdischen Dasein, wird immer mit einem Essen zelebriert, mit dem Lieblingsessen des Verstorbenen. Essen ist ein Ort, der tiefe Empfindungen ausl├Âsen kann. Ein Ort der Gl├╝cksverhei├čung, weil man den gedeckten Tisch und das Essen auf dem Tisch mit sch├Ânen und guten Erinnerungen verbinden kann.

Das Abendmahl mit Jesus ist ein Bestandteil der religi├Âsen und kulturellen Tradition der europ├Ąischen Kunstgeschichte. Das Bild des gedeckten Tischs war nicht nur eine Allegorie, sondern dar├╝ber hinaus ein Symbol f├╝r Pracht und Reichtum des Hauses. Auch bei der Vorbereitung und dem Zelebrieren eines Schabbat-Mahls genie├čt die Familie die sinnlichen und angenehmen Elemente des Lebens.

Nach dem gemeinsamen Kochen und Essen erz├Ąhlten wir Geschichten dar├╝ber, J├╝din zu sein, Armenierin zu sein in der Diaspora, in der Fremde einzig und allein mit den Kr├Ąutern, die wir mitnehmen konnten, die uns bis zu diesem Tag begleiten.

Kulinarisches Treffen vom 9. M├Ąrz 2009. Eva Nickel erkl├Ąrt das Pessachfest, Gaby Steiner zeigt eine Scheibe Kren. ┬ę Talin Bahcivanoglu


Wir setzten uns mit der Vergangenheit und der Geschichte der L├Ąnder auseinander, aus denen wir kochen. J├╝disch-marokkanische K├╝che traf armenisch-persische K├╝che, irakisch-j├╝dische K├╝che hat auch die georgische-armenische K├╝che getroffen. Wir verglichen nicht nur die Gew├╝rze und Kochbedingungen, sondern auch die Kultur und Lebensbedingungen der Juden und Armenier in den jeweiligen L├Ąndern.

Kulinarisches Treffen vom 9. M├Ąrz 2009. Armenischer Ostertisch. ┬ę Talin Bahcivanoglu


Geteilte historische Erfahrung: Der t├Ągliche Kampf ums ├ťberleben

Essen und Kochen stehen f├╝r Jahrhunderte der Erfahrung und der Weitergabe von Wissen der Frauen an die n├Ąchste Generation. Viele Rezepte sind verloren gegangen durch Vertreibung und Genozid, viele Frauen starben, ohne ihr Wissen weitergeben zu k├Ânnen.

Jedes Aroma ist eine Reise ÔÇô die Entdeckung der kulinarischen Vielfalt

Kochen emotionalisiert. In unserem Kochdialog umarmen sich Frauen, wenn sie feststellen, dass ihre M├╝tter auf die gleiche Art und Weise gekocht haben wie ihre Koch-Nachbarin. Sie gehen zwischen den Tischen herum, naschen und probieren von den Tellern und f├╝hlen sich gl├╝cklich. Sie m├Âchten mitkochen und ihre Kochk├╝nste zeigen, die auch die Kochk├╝nste ihre M├╝tter und Gro├čm├╝tter sind, sie demonstrieren beim Kochen den Reichtum ihrer Kultur und Tradition. Sie beginnen ├╝ber ihren Alltag zu reden, ├╝ber ihre Erfahrungen, ihre Sorgen und ├ängste. Gemeinsames Kochen baut N├Ąhe auf, man plaudert ├╝ber Pers├Ânliches und Versch├╝ttetes, und es entsteht f├╝r die Dauer des Kochens und Essens ein kleiner intimer Raum.

Kulinarische Br├╝cken auch f├╝r Skeptiker

Bis heute haben wir jede Teilnehmerin "erwischt", jeden Skeptiker, jede Person, die uns als Spinnerinnen bel├Ąchelt hat. Wir haben sie vom kulinarischen Dialog mit der ├Ąltesten ├╝berlieferten Technik der Menschheit ├╝berzeugen k├Ânnen. Jeden Teilnehmer bzw. jede Teilnehmerin, die aus Neugier oder Lust am Kochen zu uns kamen, entlie├čen wir mit kulinarischen Rezepten.

Und die Frauen wie auch die wenigen M├Ąnner, die mit uns kochten, begannen beim Kochen, ihre Erinnerungen mit uns zu teilen. Sie erinnerten sich an fr├╝her, an Spezialit├Ąten und an die K├Âstlichkeiten ihrer M├╝tter und Gro├čm├╝tter. Wir weckten in den Teilnehmern Erinnerungen und bauten kulinarische Br├╝cken zwischen Armeniern und Juden.

Unsere kulinarische Reise wollen wir auch in Zukunft fortsetzen, neue Speisen und K├Âstlichkeiten entdecken, Geschichten erz├Ąhlen, mitmachen, gemeinsam kochen nicht nur als Mittel zum Dialog, sondern auch als Lernprozess. Inzwischen bereiten wir uns auf das 6. Kochevent vor.

Das Dialogtreffen gibt uns die Gelegenheit, den Brunnen am Dorfrand zu ersetzen: Unter dem Vorwand, ein paar ├äpfel oder N├╝sse zu borgen, in Wirklichkeit aber um kurz dem h├Ąuslichen Alltag zu entfliehen, vielleicht heimlich zu rauchen und einen Kaffee zu trinken, neueste Nachrichten zu h├Âren, Sorgen und N├Âte mit anderen zu teilen, eine frohe Botschaft zu ├╝bermitteln.

Wo gekocht und gegessen wird, entstehen Freundschaften, weil wir es so haben wollen. Kochen ist ein Ort der Erinnerungen und der Kommunikation.

Die Autorinnen:



Gaby Steiner

wurde 1948 in Wien geboren, 1952 ├╝bersiedelte ihre Familie nach Jerusalem, 1953 in einen Moshav (Dorf) bei Ashkelon. 1968 kehrte Gaby Steiner nach Europa zur├╝ck, heiratete und wurde Mutter zweier Kinder. Zun├Ąchst kochte sie f├╝r Veranstaltungen der j├╝dischen Frauengruppe WIZO (Women┬┤s International Zionist Organisation), seit 1998 ist sie selbst├Ąndig im Catering t├Ątig.

Talin Bahcivanoglu
studierte Politische Wissenschaften am Otto-Suhr-Institut der Freien Universit├Ąt in Berlin und Sozialarbeit an der Fachhochschule Frankfurt am Main sowie in Marseille. Studienaufenthalte f├╝hrten sie nach Irkutsk, Ulan-Bator und Peking.
Als Auszeichnung f├╝r das Projekt "Vorbilder machen Mut" erhielt sie 2006 den Preis "Berliner Tulpe f├╝r den deutsch-t├╝rkischen Gemeinsinn".
Seit 2009 organisiert sie gemeinsam mit Gaby Steiner in Berlin die j├╝disch-armenischen kulinarischen Dialoge in Kooperation mit Bet Debora, einer Initiative f├╝r Frauenperspektiven im Judentum. Talin Bahcivanoglu forscht und schreibt ├╝ber Visuelle Kommunikation und Kulturelles Ged├Ąchtnis.

Ein langer Bericht zu dem Kochprojekt erschien bereits in:

Bet Debora Journal. Tikkun Olam ÔÇô Der Beitrag j├╝discher Frauen zu einer besseren Welt. F├╝r die Erlaubnis zum Abdruck danken wir Lara D├Ąmmig von Bet Debora und Dr. Nora Pester vom Verlag Hentrich & Hentrich.

"Lokale Geschichte(n) Charlottenburg-Wilmersdorf" wird gef├Ârdert durch:







Copyright Text: Talin Bahcivanoglu
Copyright Fotos von Gaby Steiner und Talin Bahcivanoglu: Sharon Adler



Women + Work Beitrag vom 19.03.2015 AVIVA-Redaktion 





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