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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 14.06.2016

Herzlichen Gl├╝ckwunsch zum 93. Geburtstag, Judith Kerr
Yvonne de Andr├ęs

Am 14. Juni ist der Geburtstag von "the tigermother". Unter diesem Namen kennt sie in Gro├čbritannien jedes Kind. "The Tiger who came to Tea" ist ihr bekanntestes Kinderbuch. Die Flucht vor den Nazis pr├Ągte die Bestseller-Autorin Judith Kerr ("Als Hitler das rosa Kaninchen stahl").



Im April diesen Jahres habe ich Judith Kerr auf der London Bookfair getroffen und war beeindruckt, wie viele kleine und gro├če Freundinnen, Leserinnen und Fans sie in Gro├čbritannien besitzt. Sie war an diesem Tag Ehrengast, "The Autor oft he Day", und erhielt viele Aufmerksamkeit. Nicolette Jones, Autorin und Kinderbuchkritikerin f├╝r die "Sunday Times" und Herausgeberin von Kinderb├╝chern stellte Frau Kerr vor. Interessant war f├╝r mich, welche Buchtitel Kerrs in England im Fokus stehen. Auf zwei kleinen Sesseln nahmen die beiden Damen im English PEN Literary Salon Platz. Ich wollte unbedingt rechtzeitig einen guten Platz ergattern. Doch umsonst. Trotz rechtzeitigem Eintreffen, 45 Minuten vor Veranstaltungsbeginn, waren bereits alle Sitzpl├Ątze belegt. An den mitgebrachten B├╝chern konnte ich erkennen, dass "The Tiger who came to Tea" und die B├╝cher ├╝ber den Kater Mog hier die absoluten Favoriten sind.



Meine Besch├Ąftigung mit Judith Kerr begann sp├Ąt. Ich las "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" erst, als ich zu Beginn der 90er Jahre nach Berlin zog und im Zuge der Vorbereitung eines Literaturspaziergangs, die Villenkolonie im Grunewald besuchte.

Alles begann ganz harmlos mit den Hitler-Plakaten, die Anna (Judith Kerr) und ihre Freundin Elsbeth in der Villenkolonie Grunewald im Winter 1932/33 sehen. W├Ąhrend die M├Ądchen nach Hause laufen unterhalten sie sich. Elsbeth: "Ich dachte, Juden h├Ątten krumme Nasen, aber deine Nase ist ganz normal. Hat dein Bruder eine krumme Nase?"
Darauf Anna: "Nein", der einzige Mensch in unserem Haus mit einer krumme Nase ist unser M├Ądchen Bertha, und deren Nase ist krumm, weil sie aus der Stra├čenbahn gest├╝rzt ist und sie sich gebrochen hat." Elsbeth wurde ├Ąrgerlich. "Aber dann ", sagte sie, "wenn du wie alle anderen aussiehst und nicht in eine besondere Kirche gehst, wie kannst du dann wissen, da├č du wirklich j├╝disch bist? Wie kannst du sicher sein?"

Die ber├╝hmte Kinderbuchautorin und Illustratorin Judith Kerr beschreibt in diesem Buch, wie Hitler im Grunewald ihr rosa Kaninchen stahl, weil sie und ihre j├╝dische Familie 1933 aus Deutschland fliehen mussten. Mich beeindruckte damals (und heute immer noch) die sprachliche Klarheit und die Plastizit├Ąt mit der Judith Kerr schreibt.

Die Schriftstellerin erz├Ąhlt in dem Buch ihre Lebensgeschichte. Sehr freundlich, mit deutlicher Aussprache, berichtet sie, wie die Familie des Theaterkritikers Alfred Kerr ├╝ber die Schweiz und Frankreich nach Gro├čbritannien emigriert. Dabei fallen ihr viele kleine Alltagsanekdoten ein, die sie uns mit einem leichten Blick aus Kinderaugen vorstellt. Sie war zehn Jahre alt und erz├Ąhlt, dass f├╝r sie als Kind diese Zeit aufregend war. Neue Eindr├╝cke, neue Sprachen. Flucht und Emigration erscheinen als ein Abenteuer. Erst im R├╝ckblick, als Erwachsene hat sie verstanden, welche ├ängste und welche Bedrohungen dies f├╝r die Familie bedeutete.

Alfred Kerr, ihr Vater, hat f├╝r seine Tochter ein Gedicht geschrieben "Das Gl├╝ck tritt in mein Zimmer" und es bedeutete: "Solange wir uns nicht trennen mussten, w├╝rde das Gl├╝ck bleiben. Nur der Verlust der Familie, den h├Ątten wir als Bedrohung empfunden: Wir geh├Âren zusammen, waren eine Insel."

London ist der Ort, an dem Kerr angekommen ist, seit vielen Jahren. Hier endlich war ihre Familie in Sicherheit, nach einer langen Odysee ├╝ber die Schweiz, Paris und schlie├člich London. Berlin ist nicht mehr ihr Zuhause, in dem best├╝rzten Aufbruch verga├č sie ihr rosa Kaninchen, ihr Lieblingskuscheltier.

Lange Zeit arbeitete sie als Drehbuchautorin und Lektorin f├╝r die BBC in London, wo ihre Sprachkenntnisse f├╝r sie von Vorteil waren. Hier lernte sie ihren sp├Ąteren Ehemann, den britischen Drehbuchautoren Nigel Kneale, kennen. Auf die Hochzeit im Jahr 1954 folgten 1958 und 1960 die Geburten der Kinder Matthew und Tacy.

1970 begann Judith Kerr als freischaffende K├╝nstlerin zu arbeiten, und w├Ąhrend ihre Kinder in der Schule waren, mit dem Schreiben und Illustrieren von Kinderb├╝chern. Es bot ihr eine M├Âglichkeit ├╝ber ihre eigenen Erfahrungen sowie die ihrer Eltern nachzudenken. Es war nicht nur f├╝r sie wichtig, sondern auch f├╝r ihre Familie und als Konfrontation der ├ľffentlichkeit.
Nachdem 2002 erst ihr Bruder Michael und 2006 ihr Mann Nigel starb, wurde die Zeit danach einsam und schwierig. Es hat eine ganze Weile gebraucht, bis sie wieder arbeiten konnte. Judith Kerr wollte neue Charaktere beschreiben: "Twinkles, Artur and Puss", "My Henry" und "The Great Granny Gang" sind in den letzten Jahren in ihr Leben getreten. Der Theaterproduzent Nick Brooke hat "The Tiger who came for Tea" als Kindermusical auf die B├╝hne gebracht und so die Popularit├Ąt der Autorin enorm gesteigert. Gerne h├Ątte sie diese Eindr├╝cke mit ihrem Bruder und Mann geteilt.

Am Ende des Gespr├Ąchs im English PEN Literary Salon schaut Judith Kerr nochmals zur├╝ck in die Vergangenheit, in den Augenblick, in dem sie ihrem Vater vortrug, dass sie Illustratorin werden wollte. Alfred Kerr muss sinngem├Ą├č geantwortet haben, dass sie daf├╝r hart arbeiten m├╝sse, da man in England sehr gut sei. Frau Kerr stellt fest, dass ihr Vater Recht hatte und dass sie sehr gl├╝cklich sei, diese Wahl getroffen zu haben. Sie l├Ąchelt, aber nur kurz. Dann wird ihr Gesicht ernst. Sie hatte das Gl├╝ck - im Gegensatz zu einer halben Million j├╝discher Kinder - zu ├╝berleben und uns all diese Geschichten und Zeichnungen schenken zu k├Ânnen.



Im Dezember 2015 erklommen gleich zwei Titel von Judith Kerr die Kinderbuch-Bestsellerliste: "Mister Cleghorn┬┤s Seal" und "Mog┬┤s Christmas Calamity". Von ihren B├╝cher wurden mehrere Millionen Exemplaren verkauft. Kerr ist in den UK eine Ikone. Der Haper Collins Verlag hat zu ihrem 90. Geburtstag ihre Kindheits- und Lebenserinnerungen in einem opulenten Bildband ver├Âffentlicht: "Judith Kerr┬┤s Creatures ÔÇô A celebration of her life and work". Ein sehr sch├Âner Band. Es w├Ąre eine gro├če Freude, wenn dieses Buch auch demn├Ąchst in deutscher Sprache ver├Âffentlicht w├╝rde. Kerr hat zahlreiche Literaturpreise erhalten, unter anderem 1974 den Deutschen Jugendliteraturpreis f├╝r ihr Buch "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl".



Zur Autorin: Judith Kerr geboren 1923 in Berlin, war die Tochter des Schriftstellers und Theaterkritikers Alfred Kerr und dessen Frau Julia Weissmann. In Folge des Machtantritts des Naziregimes 1933 floh die j├╝dische Familie vor ihren nationalsozialistischen Verfolgern ├╝ber Z├╝rich und Paris nach London, wo die Schriftstellerin und Illustratorin Judith Kerr bis heute lebt. Ihre Flucht, sowie das Leben als Emigrantin hat sie in ihren autobiographischen Jugendb├╝chern verarbeitet und wiedergegeben, durch die sie zu gro├čer Bekanntheit gelangt hat. Ihre erste Ver├Âffentlichung war "The Tiger who came to Tea" (1968) danach folgten 18 Titel der Serie um Mog. Ihr halbbiografisches Buch "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" erschien 1971 wurde 1974 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Die Romane "Warten bis der Frieden kommt" und "Eine Art Familientreffen" setzen sich mit dem Thema der eigenen Flucht vor den Nationalsozialisten und dem Leben in Emigration auseinander. Judith Kerr wurde f├╝r ihre zahlreichen Bilderb├╝cher mit diversen Preisen ausgezeichnet.

AVIVA-Tipp: Die AVIVA-Redaktion w├╝nscht Judith Kerr einen wunderbaren 93. Geburtstag im Kreis ihrer Familie!

Copyright Fotos: Yvonne de Andr├ęs


Women + Work Beitrag vom 14.06.2016 Yvonne de Andr├ęs 





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