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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 24.11.2010

Kriminalisierung von Hebammen in Ungarn - Agnes Gereb seit dem 5. Oktober 2010 in Haft
Claire Horst

In Handschellen und Fußfesseln wird sie in den Gerichtssaal gefĂŒhrt, ihre Familie durfte sie bisher nur einmal empfangen. Ihre einmonatige Untersuchungshaft wurde am 8. November um weitere...



... sechzig Tage verlÀngert.

Man könnte meinen, Ágnes GerĂ©b hĂ€tte einen Anschlag auf die Regierung vorbereitet. Angeklagt ist die 57-jĂ€hrige jedoch aus ganz anderen GrĂŒnden.

Am 5. Oktober untersuchte die GynĂ€kologin und Hebamme eine hochschwangere Frau in dem von ihr gegrĂŒndeten "Napvilág Geburtshaus" in Budapest. Weil die Wehen der Patientin vorzeitig eintraten, rief GerĂ©b einen Krankenwagen. Denn den komplizierten Fall wollte sie nicht selbst betreuen. Mit den SanitĂ€tern erschien die Polizei. Und anders als Mutter und Kind, die ins Krankenhaus gebracht wurden, landete die Ärztin im GefĂ€ngnis. Vorgeworfen wird ihr FahrlĂ€ssigkeit in der BerufsausĂŒbung und Kurpfuscherei. Damit erwarten sie bis zu fĂŒnf Jahren Haft.

In vier FĂ€llen ist GĂ©reb angeklagt. Neben dem aktuellen Vorfall sind das drei Neugeborene, die wĂ€hrend oder kurz nach der Geburt gestorben sind. Mit drei von 3.500 Babys, die GĂ©reb auf die Welt geholt hat, liegt diese Sterberate unter der in ungarischen KrankenhĂ€usern. Zu einer Anklage reichte das, zusammen mit dem aktuellen Fall, trotzdem aus. GĂ©reb stieß schon hĂ€ufiger mit dem Gesetz zusammen: So wurde sie fĂŒr ein halbes Jahr aus einem Krankenhaus verwiesen, weil sie VĂ€ter im Kreißsaal zugelassen hatte – ein Vergehen, das heute auch in Ungarn zur NormalitĂ€t geworden ist. Wegen wiederholter unerlaubter Geburtshilfe war sie von 2007 bis 2010 mit einem Berufsverbot belegt.

An dem Fall GĂ©reb entzĂŒnden sich in Ungarn die GemĂŒter. Ambulante Geburtshilfe ist zwar theoretisch legal, wird praktisch aber mit allen Mitteln behindert. VertreterInnen der ÄrzteverbĂ€nde und AnhĂ€ngerInnen alternativer Geburten liefern sich nun wilde Gefechte zu den Vor- und Nachteilen beider Methoden. Kern des Streits ist jedoch etwas anderes: "Es geht hier nicht um den Kampf zwischen BefĂŒrwortern von Klinik- und Hausgeburten", sagt Donal Kerry, ein Sprecher der Vereinigung "Eltern fĂŒr die freie Geburt Ungarn". "Es geht um das Selbstbestimmungsrecht von Frauen." Dass Ungarn eine Frau wie eine Terroristin behandeln könne, die sich unermĂŒdlich fĂŒr Frauenrechte einsetze, findet der Wahlungar "enttĂ€uschend und schockierend". Seine Gruppe setzt sich fĂŒr die Freilassung der Hebamme ein.

Die Gesundheitsbehörde ÁNTSZ (Ungarische Staatsdienststelle fĂŒr Volksgesundheit/ Állami NĂ©pegĂ©szsĂ©gĂŒgyi Ă©s Tisztiorvosi SzolgĂĄlat) erteilt freien Hebammen keine Lizenz, die zur Betreuung von Hausgeburten notwendig wĂ€re. Denn der ungarische GynĂ€kologInnenverband (SzĂŒlĂ©szeti Ă©s NőgyĂłgyĂĄszati Szakmai KollĂ©gium, SZNSZK), der die Gesundheitsbehörde berĂ€t, stuft Hausgeburten als gefĂ€hrlich ein – anders als die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Etwa 15 freie Hebammen betreuen dennoch Hausgeburten und machen sich damit strafbar.

Dass hinter der EinschĂ€tzung der ÄrztInnen eigene Interessen stehen, davon sind die "Eltern fĂŒr die freie Geburt Ungarn" ĂŒberzeugt. KlinikĂ€rztInnen hĂ€tten in Ungarn ein besonderes Interesse daran, das Monopol ĂŒber die Geburtshilfe zu halten. Denn nur so könnten sie ihre im europĂ€ischen Vergleich extrem niedrigen GehĂ€lter aufbessern. Ein Arzt, der regulĂ€r etwa 300 Euro im Monat verdient, erhĂ€lt fĂŒr seine Betreuung der Geburt "Trinkgelder" von den Eltern, die einem durchschnittlichen Monatsgehalt entsprechen können. Von 15.000 (etwa 60 Euro) bis zu 70.000 Forint (255 Euro) könne so ein "Geschenk" kosten, sagt ZsĂłfi VĂĄradi, die ihre beiden Kinder in ungarischen KrankenhĂ€usern geboren hat. Die unauffĂ€llig ĂŒbergebenen UmschlĂ€ge gehörten zum Krankenhausalltag, erklĂ€rt sie.

Einige hundert Eltern entscheiden sich trotz der Nichtanerkennung jedes Jahr fĂŒr eine Hausgeburt. Ihre Wahl begrĂŒnden sie nicht nur mit den hohen Kosten der KrankenhĂ€user, sondern vor allem mit ihrer Unzufriedenheit mit der Behandlung. So werden in ungarischen Kliniken ĂŒber 30 Prozent aller Kinder per Kaiserschnitt auf die Welt geholt. Laut der WHO gibt es fĂŒr eine Rate von ĂŒber 12 Prozent keine medizinische BegrĂŒndung. Das Vertrauen in die moderne Medizin ist hoch in den KrankenhĂ€usern, doch manche Eltern wĂŒnschen sich eine "natĂŒrliche" Geburt statt der Trennung von Mutter und Kind direkt nach der Geburt, standardisierter Dammschnitte und Schmerzmittelvergabe. Diese Instrumente werden fast immer angewendet, oft mĂŒssen sie extra bezahlt werden. "Wir sind fĂŒr die Ärzte da statt sie fĂŒr uns", beschwert sich ZsĂłfi VĂĄradi. Ihre Macht sei ĂŒbergroß, und um diese nicht zu verlieren, stellten sie sich gegen Hausgeburten.

Doch auch von einigen Ärzten kommt UnterstĂŒtzung: Die Organisation "Ärzte fĂŒr freie und sichere Geburten" hĂ€lt die VorwĂŒrfe gegen GĂ©reb fĂŒr vorgeschoben: "Unserer Meinung nach soll die Untersuchungshaft diejenigen einschĂŒchtern, die unter ungestörten Bedingungen gebĂ€ren wollen und den geistigen Widerstand von Dr. Ágnes GĂ©reb zerstören", heißt es in einer Pressemitteilung. Solche BeweggrĂŒnde wiesen auf ein merkwĂŒrdiges DemokratieverstĂ€ndnis hin, kritisieren die Ärzte.

Die Nichtregierungsorganisation TASZ (Ungarische Vereinigung fĂŒr BĂŒrgerrechte) hat beim EuropĂ€ischen Gerichtshof fĂŒr Menschenrechte und beim Ungarischen Verfassungsgericht Beschwerde gegen die Verhaftung eingelegt. "Nicht nur Dr. Ágnes GerĂ©b ist inhaftiert, sondern mit ihr auch die Menschenrechte – das Recht frei zu entscheiden, wo und mit wessen Hilfe die MĂŒtter entbinden möchten", heißt es in einer Pressemitteilung des Vereins Geburtshaus (SzĂŒletĂ©shĂĄz EgyesĂŒlet). Neben der Freilassung von Ágnes GĂ©reb fordern ihre UnterstĂŒtzerInnen eine gesetzliche Regelung von Hausgeburten unter Einbezug von Hebammen und internationalen ExpertInnen. Die Strafverfolgung von Geburtshelferinnen – neben GĂ©reb sind derzeit vier weitere angeklagt – soll bis zur EinfĂŒhrung dieser Regeln eingestellt wird. In Deutschland erfĂ€hrt GĂ©reb bislang keine offizielle UnterstĂŒtzung. "Ágnes GĂ©reb ist keine Hebamme sondern eine Ärztin, die ihre Zulassung in Ungarn bereits vor lĂ€ngerem verlor und seitdem illegal Hausgeburtshilfe anbietet.", schreibt der Deutsche Hebammenverband an seine Mitglieder. UnterstĂŒtzen will er GĂ©reb deshalb nicht.



Women + Work Beitrag vom 24.11.2010 Claire Horst 





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