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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 20.10.2002

Sabine Marx
Rukshana Adrus-Wenner

AVIVA-BERLIN im GesprĂ€ch mit der geschĂ€ftsfĂŒhrenden Autorin autorenwerk berlin ĂŒber den Spagat zwischen Medienmachen und Muttersein



Wir trafen sie in ihrem RedaktionsbĂŒro bei einem Latte Macchiato


AVIVA-BERLIN: Sie haben vor der GrĂŒndung des autorenwerks bei verschiedenen Sendern gearbeitet. Mit welchen Ziel wurde autorenwerk gegrĂŒndet?
Sabine Marx: Marcus Lindemann und ich haben bei den Öffentlich-Rechtlichen Sendern unser Handwerk gelernt. Marcus war vier Jahre Redakteur beim ZDF. Ich habe fĂŒr den NDR, fĂŒr Info Radio und Deutsche Welle TV gearbeitet. autorenwerk berlin gibt es seit September 2000. Die Vorbereitungsphase hat circa sechs Monate gedauert.
Unser Ziel war es, frei zu arbeiten und fĂŒr mehrere Redaktionen tĂ€tig zu sein. FĂŒr uns war es wichtig, eigene Themen vorschlagen zu können und nicht eingeschrĂ€nkt zu sein.
Wir wollten die Produktionsbedingungen selbst bestimmen. Nicht nur die journalistische Arbeit zu machen, jede/r AutorIn in einem eigenen Projekt, sondern auch die Produktionstechnik und Arbeitsmaterialien komplett selbst zu steuern und die Kameraleute auszusuchen. Wenn man fest arbeitet, teilt die Disposition der Sender die Produktionsteams zu. Fernseharbeit ist Teamarbeit. Die Zeit in den Sendern ist eine Grundlage fĂŒr unsere jetzige TĂ€tigkeit und war sehr wertvoll fĂŒr uns. Manche unserer AutorInnen, die immer nur als Freie gearbeitet haben, können oft nicht nachvollziehen, nach welchen Kriterien gearbeitet, Entscheidungen gefĂ€llt werden. Marcus und ich wissen aus unseren Erfahrungen, welche Wege wir gehen mĂŒssen, um unsere BeitrĂ€ge und Konzepte zu verkaufen.

AVIVA-BERLIN: Welche Vorteile bietet autorenwerk fĂŒr freie JournalistInnen?
Sabine Marx: Durch das autorenwerk sind JournalistInnen nicht mehr nur EinzelkÀmpferIn auf dem Markt. autorenwerk ist jetzt schon ein "Markenname". Wir sind ein Team, in dem alle voneinander profitieren.
Es kommt vor, dass eine Redaktion gezielt nach AutorInnen fragt. Sie vertrauen uns, weil sie wissen, dass wir als autorenwerk fĂŒr QualitĂ€t und Kompetenz bĂŒrgen. Es gibt bei uns exzellente Autoren, die tolle Themen produzieren und verkaufen. Wir können Projekte und AuftrĂ€ge realisieren, die ein Einzelner nicht bekommen hĂ€tte. Das Wichtigste und Wertvollste ist jeder einzelne Autor, weil er schlagkrĂ€ftig, schnell und kreativ ist. autorenwerk ist nicht nur eine WorthĂŒlse. WĂŒrde nicht diese Manpower/Womanpower dahinter stehen, wĂŒrde die Idee nicht funktionieren.

AVIVA-BERLIN: Produzieren Sie auch eigene BeitrĂ€ge oder sind Sie ausschließlich fĂŒr die Leitung und Organisation des autorenwerks zustĂ€ndig?
Sabine Marx: Ja, das ist eine sehr interessante Frage. Wir, Marcus und ich nennen uns ja geschĂ€ftsfĂŒhrende Autoren. Diesen Begriff haben wir sozusagen kreiert, um unsere TĂ€tigkeit in Worte zu fassen. Unser Anspruch war, ideale Bedingungen zu schaffen und BeitrĂ€ge auch selbst zu produzieren.
Das war etwas idealistisch, weil sich in der RealitĂ€t sich gezeigt hat, dass wir in erster Linie GeschĂ€ftsfĂŒhrer sind, Kontakte knĂŒpfen und pflegen - also wirklich Akquisition auf lange Sicht betreiben. Wir versuchen sozusagen, den großen Wurf zu machen.

Klar ist nicht so, dass Marcus und ich dies dann nicht alleine umsetzen: Wir haben die Sache dann nur angeschoben, die Autoren machen dann die BeitrÀge.
Wenn es uns gelingt Freiraum zu schaffen, machen wir auch eigene BeitrÀge. Aktuellere Produktionen begleiten wir vom Schreibtisch aus.

AVIVA-BERLIN: Welche finanzielle UnterstĂŒtzung haben Sie als Jungunternehmen erhalten?
Sabine Marx: WĂ€hrend unserer ExistenzgrĂŒndung haben wir mit unserer Bank einen Businessplan erstellt. Dann sind wir von Bank zu Bank gegangen und haben unsere Idee vorgestellt. Die Commerzbank hat schließlich gesagt "Okay. das ist eine gute Idee - wir unterstĂŒtzen Euch." und zusammen mit unserem Kundenbetreuer haben wir einen Finanzierungsplan auf die Beine gestellt.
Dieser Finanzierungsplan setzte sich fast ausschließlich aus geförderten Mitteln zusammen: DtA-Mittel - ein ExistenzgrĂŒnder-Darlehen - und GA-Mittel der Investitionsbank Berlin.
Ende letztes Jahr erhielten wir Bescheid, dass wir die Mittel erhalten. Mit der großen Finanzkrise in Berlin sind die Mittel jetzt erst einmal auf Eis gelegt, aber wir hoffen, dass sie demnĂ€chst ausgezahlt werden.

AVIVA-BERLIN: Wie lÀsst sich SelbststÀndigkeit und Familie unter einen Hut bringen?
Sabine Marx: Ich habe mich schon immer sehr darĂŒber geĂ€rgert, dass Frauen im Beruf benachteiligt werden. Wenn sie vor dem Dilemma stehen - Beruf oder Familie - und sich dazwischen aufreiben.
Manche Dinge sind nicht allgemein zu entscheiden. Ein Modell, das bei mir funktioniert, muss nicht unbedingt gut fĂŒr eine andere Frau sein. Auch ich stecke manchmal in einem Konflikt. Ich habe eine 4-jĂ€hrige Tochter, muss oft abwĂ€gen, was mir wichtiger ist. NatĂŒrlich ist mir meine Tochter wichtiger und ich möchte meine Zeit mit ihr verbringen.
Es ist möglich, dies zu verbinden, aber es kostet sehr viel Kraft. Als selbststĂ€ndige Unternehmerin habe ich den Vorteil, mich nur mit meinen GeschĂ€ftspartnern abstimmen zu mĂŒssen. Ich muss vor mir selbst verantworten, wenn ich was mache oder sein lasse: Das empfinde ich als Vorteil. Wenn ich festangestellt wĂ€re, hĂ€tte ich vielmehr ZwĂ€nge und wĂ€re stĂ€rker eingebunden und eingeengt in meiner Entscheidungsfreiheit. SelbststĂ€ndig zu sein bedeutet aber auch, keinen Feierabend zu haben. Eigentlich könnte man immer arbeiten, es gibt immer etwas zu tun oder zu entscheiden. Wenn man mit etwas fertig ist, dann kommt schon das nĂ€chste Problem, das man lösen muss. Das kann einen sehr schnell unter Druck setzen. In der Anfangsphase habe ich noch nachts gearbeitet, wenn meine Tochter im Bett war. Heute nehme ich mir die Zeit, auch ein paar Stunden fĂŒr mich zu haben, auch wenn Arbeit auf mich wartet. Als SelbststĂ€ndige muss ich den Rahmen selbst stecken, mir selbst Grenzen setzen. Wenn man eine funktionierende Familienstruktur hat und einen Partner, der mitzieht, ist Einiges machbar.

AVIVA-BERLIN: Der Schwerpunkt der vom autorenwerk produzierten Sendungen liegt bei Politischen-, Wirtschafts- und Wissenschaftsmagazinen. Gibt es Überlegungen, Ihre BeitrĂ€ge um andere Themen zu erweitern?
Sabine Marx: Ja auf jeden Fall. Wir wĂŒrden sehr gerne Kultur mit dazu nehmen. Wir sind fleißig dabei, in diesem Jahr lĂ€ngere Formate zu entwickeln. Das haben wir im vergangen Jahr noch nicht gemacht, aber das braucht seine Vorbereitung. In diesem Jahr haben wir schon eine Reportage fĂŒr das SĂŒddeutsche TV gedreht, dann kamen die Berichte ĂŒber das Massaker in Erfurt fĂŒr das MDR und eine Reportage fĂŒr den SĂŒdwestfunk, eine Sendung zum Hochwasser, die arte-Dokumentation.
Auf alle FÀlle wollen wir diesen Bereich stÀrker ausbauen. Es gibt nur leider nicht so viele SendeplÀtze. Allerdings wollen wir nur dort akquirieren, was von den Sendern gefordert wird und was auch die Autoren interessiert. Wir wollen auch verstÀrkt neue Formate konzipieren, produzieren und den Sendern anbieten.

AVIVA-BERLIN: Sie haben neben dem Hauptsitz Berlin auch BĂŒros in anderen deutschen StĂ€dten. Sind GrĂŒndungen im Ausland vorgesehen?
Sabine Marx: autorenwerk berlin ist unser "Hauptstadtstudio". Wir haben dann noch ein BĂŒro in Mainz, weil wir sehr viel fĂŒr das ZDF arbeiten und auch einige gute Autoren in Mainz kannten, die gerne mit uns arbeiten wollten. ZusĂ€tzlich haben wir einen Mitarbeiter in MĂŒnchen. In einigen StĂ€dten haben wir die sogenannten Autorennetzwerke. Wir wissen, dass wir dort jederzeit UnterstĂŒtzung erhalten, wenn regionale BeitrĂ€ge gedreht werden mĂŒssen. Geplant ist auch ein BĂŒro in Leipzig, weil wir sehr viel mit dem MDR arbeiten. In ein paar Jahren wĂŒrden wir auch gerne im Ausland - in den USA und evtl. in Russland - BĂŒros grĂŒnden.
Es muss sich aber organisch entwickeln. Ich kann mir vorstellen, mit Autoren zusammenzuarbeiten, die nach New York ziehen und uns von dort regelmĂ€ĂŸig BeitrĂ€ge liefern.
Wir planen, in Deutschland neue BĂŒros zu eröffnen. Wenn Mainz und MĂŒnchen auf die Beine kommt, wagen wir den Schritt nach Köln und Hamburg. Die PlĂ€ne sind schon konkret und wir suchen gezielt nach Autoren.

AVIVA-BERLIN: autorenwerk feiert in September 2002 seinen 2. Geburtstag. Welches ResĂŒmee ziehen Sie und was sind Ihre berufliche PlĂ€ne fĂŒr die Zukunft?
Sabine Marx: Wir sind stolz, was wir in dieser kurzen Zeit erreicht und wie viel wir auf die Beine gestellt haben. Ich bin erstaunt und sehr glĂŒcklich darĂŒber, dass das autorenwerk sich als Markenname etabliert hat: Wir sind ein Begriff in der Branche. Auch, dass wir es geschafft haben von dem KerngeschĂ€ft "Wirtschaftsthemen" zu Lifestyle, Kultur, Verbraucherschutz, Politikmagazinen und Wissenschaft. Dadurch können wir uns auf mehrere FĂŒĂŸe stellen.
Unser grĂ¶ĂŸtes Ziel ist es, in nĂ€chsten ein, zwei Jahren unsere eigene Sendung zu produzieren konzipieren und verkaufen zu können. Ach ja, und auf jeden Fall die BĂŒros deutschlandweit verstĂ€rkt aufbauen. Dadurch ist unsere NĂ€he zu den Öffentlich-Rechtlichen Sendern entstanden. Wir sagen nicht, dass bei Öffentlich-Rechtlichen Sendern alles nur super ist, aber diese arbeiten grundsĂ€tzlich solide und die seriöse Herangehensweise entspricht uns sehr. Wir können uns auch sehr gut vorstellen, fĂŒr Stern TV BeitrĂ€ge zu machen. Der "Boulevard-Journalismus" ist fĂŒr uns aus zweierlei GrĂŒnden nicht interessant: Unsere Autoren interessieren sich nicht wirklich fĂŒr diese Themen und wir produzieren zu teuer fĂŒr die Privaten. Es ist ein anderes Marktsegment. GrundsĂ€tzlich haben wir keine BerĂŒhrungsĂ€ngste mit den Privatsendern. Aber von der Denkweise und von unseren Erfahrungen her sind wir eher eine Öffentlich-Rechtliche Produktionsgesellschaft.

Women + Work Beitrag vom 20.10.2002 AVIVA-Redaktion 





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