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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 19.06.2003

Interview mit Birgit Urmson, Teil 1
Kirsten Eisenberg

Die aus dem fr├Ąnkischen stammende Autorin erz├Ąhlt ├╝ber die Entstehung ihres historischen Romans "Germaine. Leidenschaft und Macht".



AVIVA: Was hat Sie dazu inspiriert, ├╝ber Germaine de Sta├źl zu schreiben?
Birgit Urmson:
Ich habe mich immer sehr interessiert f├╝r Frauen, die Grenzen ├╝berschreiten. Eine pers├Ânliche Inspiration erhielt ich durch meine Mutter, die Literatur liebt. Sie hat wahnsinnig f├╝r Madame de Sta├źl geschw├Ąrmt. Das hat mich fasziniert und inspiriert. Urspr├╝nglich wollte ich aber ├╝ber Caroline Schelling schreiben. Als ich mich in einer Krise befand, bin ich in einen Buchladen gegangen, und schlug ein Buch mit dem Titel "Frauen" auf. Dort las ich ihr Zitat " Den G├Âttern und Menschen zum Trotz will ich gl├╝cklich sein." Dieses Niveau, sich ├╝ber alles hinwegsetzen zu k├Ânnen, hat mich tief getroffen. Ich begann zu recherchieren, las ihre Briefe. An einer Stelle schrieb sie, wie Madame de Sta├źl sie besuchte. Da kam mir der Gedanke "Mein Gott, w├Ąre das interessant, die beiden Frauenprofile zu entwickeln." Sie hatten so viel gemeinsam und waren doch so verschieden!

AVIVA: Sie geben einen sehr detaillierten Einblick ins Privatleben der Figuren, dann gehen Sie aber auch genau auf geschichtliche, politische Zusammenh├Ąnge ein. Wo und wie haben Sie recherchiert?
Birgit Urmson:
Meine zweite Alma Mater, die Berkeley-Universit├Ąt, hat eine wunderbare Bibliothek, dort kann man alles finden. Neben zahlreichen Briefen habe ich viele Geschichtsb├╝cher gelesen. Ich habe die Bilder der Epoche ├╝ber lange Zeit hinweg absorbiert, bin da durch mein Studium der Kunstgeschichte geschult. Es gibt ja auch Portr├Ąts und Beschreibungen von ihr, oft ├╝brigens nicht sehr freundliche, denn sie war eine eher h├Ąssliche Frau.

AVIVA: Trotzdem versuchen Sie im Buch, ihre Vorz├╝ge zu unterstreichen, ihre Ausdrucksst├Ąrke, ihre funkenspr├╝henden Augen...
Birgit Urmson:
Ja, es gab Momente, in denen Sie unwiderstehlich war. Dass sie M├Ąnner abgesto├čen h├Ątte, stimmt nicht. Sie konnte sie nur nicht halten, weil sie diese unglaubliche Energie besa├č und so viel von ihnen wollte.

AVIVA: Haben Sie daran gedacht, "Germaine" zu verfilmen?
Birgit Urmson:
Oh ja. Ich habe den Roman ja urspr├╝nglich als Drehbuch entwickelt, was eventuell noch zu sp├╝ren ist.

AVIVA: Ja, es wirkt oft sehr szenisch.
Birgit Urmson:
Richtig. Es dreht sich immer um Begegnungen. Der Roman hat mir hingegen erlaubt, mehr auf das Innenleben einzugehen, besonders durch die kursiv gedruckten Psychoportraits.
Ich wollte und will weiterhin sehr gern einen Film daraus machen. Bisher gestaltete sich das aber aus Kostengr├╝nden als schwierig. Als ich schon aufgegeben hatte, fragte mich eines Tages Artur Brauner, der mich als Filmfestivaldirektorin kennen gelernt hatte, was ich t├Ąte. Er las dann diese Drehbuchversion und meinte: "Mach einen Roman daraus. Und wenn der dann ankommt, ist eine Basis da". Zuerst habe ich mich wahnsinnig dagegen gestr├Ąubt. Es gab ja auch das Problem der Sprache, da ich l├Ąngere Zeit im Ausland gelebt hatte.

AVIVA: Haben Sie das Buch sofort auf Deutsch geschrieben?
Birgit Urmson:
Ich habe zuerst auf Englisch geschrieben, bin dann aber bald umgestiegen, weil ich wollte, dass das Buch zuerst einmal hier in Deutschland herauskommt. Nach den ersten Seiten auf Deutsch war ich etwas verunsichert. Ich habe meine Sprache zwar immer gepflegt, habe sie durch das Schreiben aber wieder so richtig erforscht.


AVIVA: War es problematisch, den Sprachstil der damaligen napoleonischen Zeit zu imitieren?
Birgit Urmson:
Ich glaube, das war f├╝r mich nicht so schwierig, weil ich nat├╝rlich Deutsch lese. Ich k├Ânnte keinen Roman schreiben, der im Jetzt spielt, da habe ich nicht das Gef├╝hl f├╝r die Umgangssprache.

AVIVA: Welche Charaktereigenschaften an der Figur der Germaine haben Sie besonders fasziniert?
Birgit Urmson:
Ich muss sagen, sie ist mir sehr, sehr sympathisch und ungeheuer wichtig. Aus vielen Gr├╝nden. Einmal, da sie f├╝r sich das Recht beansprucht hat, eine historische Rolle zu spielen, dass sie sich das nicht hat nehmen lassen. Gegen alle Widerst├Ąnde. Das habe ich immer so bewundert, sie war f├╝r mich pers├Ânlich eine Quelle an Mut.

AVIVA: Dann hat sie auch eine gewisse Vorbildfunktion f├╝r Sie?
Birgit Urmson:
Ja, sie war Vorbild. Sie hat sich nicht unterdr├╝cken lassen, aber auf der anderen Seite war sie Frau und Mutter, und das hat man ihr immer ├╝bel genommen. Und sie hat es nie aufgegeben, auch als Frau Erf├╝llung zu finden. Sie hat M├Ąnner verehrt, konnte ohne sie nicht sein.

AVIVA: Es war f├╝r sie also kein Widerspruch, politisch engagiert und doch ganz Frau zu sein.
Birgit Urmson:
Nein, das war f├╝r sie ├╝berhaupt kein Thema. Sie war eine begabte junge Frau, sie hatte unheimlich viele Einfl├╝sse absorbiert, ihre Erziehung war au├čerordentlich f├╝r ihre Zeit. Und ihr Temperament bewirkte, dass sie mitmischen wollte.
Was ich bedaure, ist, dass sie doch sehr naiv war, auch dass sie Leute in Schwierigkeiten gebracht hat. Ich glaube nicht, dass sie dazu f├Ąhig war, sich strategisch zu verhalten, aber das ist die Kehrseite der Medaille - sie war ohne "Falsch". Und in der Gesellschaftsschicht, in der sie aufgewachsen ist, war das ungew├Âhnlich. Frankreich hat ja den Ruf, das Land des Intrigenspinnens zu sein. Sie war da, ich will nicht sagen ein Trampel, aber v├Âllig unf├Ąhig.

AVIVA: Ist ja im Grunde auch positiv.
Birgit Urmson:
Ja, sie ├Âffnete ihr Herz, es durfte jeder sehen.

AVIVA: H├Ątten Sie selbst gerne in der napoleonischen Zeit gelebt und einen Salon gef├╝hrt?
Birgit Urmson:
In Frankreich h├Ątte ich gerne gelebt, ja. In Deutschland nicht unbedingt. Da ist gerade Caroline ein Beispiel. Sie hat sich zum Verzicht entschlossen. Die gesellschaftlichen Umst├Ąnde und das Kleine, Muffige an Deutschland damals, das hat sie zerst├Ârt.

AVIVA: Ein Thema im Roman ist die Unterdr├╝ckung der politisch engagierten Frau in einer m├Ąnnlich dominierten Welt. Sehen Sie auch heute noch diese Problematik?
Birgit Urmson:
Ja, sicherlich. Es ist eigentlich seltsam, dass z.B. in Indien und Pakistan Frauen an der Spitze waren, aber das waren alles T├Âchter ber├╝hmter V├Ąter, wie Germaine es auch war! Sie war die Necker-Tochter, und Necker war eine ungeheure Ber├╝hmtheit damals. Einer der reichsten M├Ąnner Europas, einflussreich. Vieles hinkt noch hinterher. Ich glaube, es hat auch mit der Empfindlichkeit der Frau zu tun. Ich selbst bin sehr empfindlich, habe ├╝berhaupt nicht die H├Ąrte wie man sie beispielsweise in Hilary Clinton erkennt.
Das Interessante bei Madame de Sta├źl ist, dass sie so viele Schl├Ąge abbekommen hat und sich immer wieder erneuern konnte.
Die Frauen m├╝ssen weiterarbeiten, um die Freiheit, die sie schon gewonnen haben, nicht wieder zu verlieren. Niemand l├Ądt die Frauen ein, mitzumischen. Ich habe mir sagen lassen, eine ganz tolle Philosophin und Schelling-Spezialistin bewarb sich und kam in die Auswahl, zusammen mit einem m├Ąnnlichen Mitbewerber. Er ist j├╝nger und hat weniger geleistet - und sie bekommt den Job nicht!

AVIVA: Frauen sind wohl immer noch zu bescheiden, zu wenig selbstbewusst.
Birgit Urmson:
Ich fragte: "Warum verklagt sie die Universit├Ąt nicht?" Sie f├╝rchtete sich vor der Energie, die sie h├Ątte aufbringen m├╝ssen und davor, ├╝berall geschnitten zu werden.



Lesen Sie auch Teil 2 des Interviews mit Birgit Urmson und die Rezension ihres Romans "Germaine. Leidenschaft und Macht."!


Women + Work Beitrag vom 19.06.2003 AVIVA-Redaktion 





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