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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 10.06.2004

Interview mit Françoise Cactus
Tatjana Zilg

Die multitalentierte Französin, die Berlin zu ihrer Wahlheimat machte, veröffentlichte im FrĂŒhjahr den Kurzgeschichten-Band "Neurosen zum Valentinstag".



AVIVA-Berlin: Warum ziehen Sie ein Leben in Berlin dem in Frankreich vor?
Was war der Auslöser dafĂŒr, in einer fremden Sprache zu schreiben und was fanden Sie dort?
Francoise Cactus: Ich liebe das GefĂŒhl, eine AuslĂ€nderin zu sein. Ehrlich gesagt fĂŒhlte ich mich schon immer fremd im eigenen Dorf. Ich schreibe auf deutsch, denn ich möchte, dass meine Freunde meine BĂŒcher lesen und mir sagen, was sie von ihnen halten. Da ich in Deutschland lebe, habe ich gerade mehr mit Deutschen zu tun als mit Franzosen.

AVIVA-Berlin: Eigentlich heißen Sie Van Hove nach einem alten Adelsgeschlecht am französischen Hof. Passt Cactus besser zu Ihnen?
Francoise Cactus: Es passt viel besser. An mir ist nur die Nase adelig gerade. Ansonsten lache ich vulgÀr, rauche wie ein Schlot, huste, bin schlecht erzogen.

AVIVA-Berlin: Sie haben sich literarisch mit der französischen Provinz auseinandergesetzt. Kennen Sie die Brandenburger Provinz und wie wĂŒrden Sie sie beschreiben?
Francoise Cactus: Leider kenne ich die Brandenburger Provinz ĂŒberhaupt nicht. Aber ich denke: Provinz bleibt Provinz und Provinz ist nur ein Symbol fĂŒr das alles, was man verlassen möchte. Weg aus der Provinz heißt doch nur eine Art persönlicher Befreiung.

AVIVA-Berlin: Sie sind in vielen Feldern kĂŒnstlerisch tĂ€tig. FĂ€llt dadurch das Schreiben leichter oder ist es anstrengender, den Fokus zu bewahren?
Francoise Cactus: TatsĂ€chlich spiele ich Schlagzeug, singe ich, male ich, koche ich und schreibe ich. Aber am liebsten tue ich gar nichts. FĂŒr mich sind all die Bereiche, in denen ich mich ausdrĂŒcke, nur verschiedene Felder einer selben Idee. Wahrscheinlich fĂ€llt es mir leichter, BĂŒcher zu schreiben seitdem ich Lieder gedichtet habe. Ein Lied schreiben ist das Schwierigste, was es gibt.

AVIVA-Berlin: Ist Gustav Flaubert, Autor von "Madame Bovary", ein besonderes Vorbild von Ihnen?
Francoise Cactus: Ja, er ist mein Allerlieblingsschriftsteller. Niemals ist ein Satz bei ihm zufÀllig. Er analysiert nicht, er verurteilt nicht, er suggeriert nur in einer sehr schönen, komprimierten Sprache.

AVIVA-Berlin: Sie haben kĂŒrzlich in einer Ausstellung zum Leben von Victorine Meurent, "When Love Turns to Poison" partizipiert und Fragen nach den Fantasmen und dem Rollenbild der Frau thematisiert. Bitte erzĂ€hlen Sie uns mehr dazu...
Francoise Cactus: Diese Ausstellung war ein Absurdum. "B.Z." machte daraus einen Skandal. Ich hatte eine lebensgroße Puppe gehĂ€kelt, "Wollita", die immer wieder in dem Boulevardblatt abgebildet wurde und zu einem Sexobjekt degradiert wurde, obgleich meine Idee bei der Herstellung dieser Puppe ein Protest gegen das Bild der Frau als Sexobjekt gedacht war. Ich war ĂŒberrascht, dass eine Zeitung, die jeden Tag nackte Frauen abbildet und Sexanzeigen veröffentlicht sich ĂŒber eine "nackte" Strickpuppe aufregt. Aber "donÂŽt ask me, ask my agent."

AVIVA-Berlin: Welche der Kurzgeschichten Ihres neuen Buches "Neurosen am Francoise Cactus: Ich habe zwei Lieblinge: Mademoiselle Bovary und Jalouse - Chronik einer Eifersuchtskrise. Aber auf meiner Lesetour habe ich bevorzugt: Madame Rose weint nicht mehr, Sexberatung, Burgundische Hochzeit und DJs, Rockstars, Mörder vorgelesen.

AVIVA-Berlin: Was lesen Sie selbst zur Zeit und warum?
Francoise Cactus: Ich lese nur noch BĂŒcher aus dem MĂ€rz-Verlag. Mich interessieren schöne UndergroundbĂŒcher.

AVIVA-Berlin: Auf welche Neuerscheinung (welcher AutorIn) sind Sie besonders gespannt?
Francoise Cactus: Auf das nÀchste Buch von Banana Yashimoto und auf das nÀchste von Alexa Hennig von Lange

AVIVA-Berlin: Welches Buch wĂŒrden Sie niemals verborgen?
Francoise Cactus: Jedes Buch wĂŒrde ich verborgen, Hauptsache, ich kriege es irgendwann zurĂŒck. Ich stehe sehr auf meine Simenon-Sammlung.

AVIVA-Berlin: Wer ist fĂŒr Sie der absolute Shooting-Star in der Literatur-Branche und wen halten Sie fĂŒr unterschĂ€tzt?
Francoise Cactus: Shooting Star: King Rocko Schamoni??? UnterschÀtzt: Kerstin Mlynkec

AVIVA-Berlin: Stellen Sie sich vor, Sie hĂ€tten 1 Million Euro zur VerfĂŒgung. Welches Projekt in Berlin wĂŒrden Sie sofort retten oder ins Leben rufen?
Francoise Cactus: Ich wĂŒrde eine K-K-Kommune grĂŒnden, Obdachlosen ein Dach schenken und Bands mit Prostituierten grĂŒnden.

AVIVA-Berlin: Wenn Sie hemmungslos shoppen könnten - was kaufen Sie sich?
Francoise Cactus: Ein Haus fĂŒr meine Freunde und mich, unzĂ€hlige Klamotten, tollen Badeschaum

AVIVA-Berlin: Ihre PlÀne in der nahen und fernen Zukunft?
Francoise Cactus: Eine neue Platte herausbringen, musizieren, schreiben... und kochen.

Die Rezension zu "Neurosen am Valentinstag" lesen Sie hier

Women + Work Beitrag vom 10.06.2004 AVIVA-Redaktion 





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