Catherine Millet im Gespr√§ch mit AVIVA-BERLIN - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Women + Work
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

Die Pariserin ‚Äď Auftrag Baskenland Finanzkontor_Banner Weiberwirtschaft
AVIVA-Berlin > Women + Work AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Infos
   WorldWideWomen
   Wettbewerbe
   Lokale Geschichte_n
   Schalom Aleikum
   Veranstaltungen in Berlin
   Public Affairs
   Kultur
   J√ľdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 14.02.2002

Catherine Millet im Gespräch mit AVIVA-BERLIN
AC Coppens

Die Autorin des Romans "Das sexuelle Leben der Catherine M." und Chefredakteurin der Pariser Kunstzeitschrift Art Press, ist nicht nur Schriftstellerin und "Gruppensexpertin"...



...1995 war sie Kommissarin des französischen Biennale-Pavillions in Venedig. Außerdem gilt sie als Yves Klein-Expertin. AVIVA-BERLIN traf die 53jährige im Berliner Four Seasons Hotel zum Gespräch.

AVIVA-Berlin: Wenn man ein kurzes Res√ľmee nach der Ver√∂ffentlichung des Buches zieht, und sich die Kritiken anschaut, findet man sehr oft, ja sogar √ľberall, die gleichen Formulierungen wie die "lineare Dramaturgie", die "eiskalte Monotonie", die "klinische Rohheit", die "pornographische Sprache", die "Provokation", der "Exhibitionismus einer Frau, die √ľber ihre sexuelles Leben spricht", oder gar einfach "Sex". Wenn Sie diese Kritiken lesen und sich die Reaktionen anh√∂ren, f√ľhlen Sie sich "verstanden" in Ihrem Projekt? F√ľhlen Sie sich best√§tigt in dem, was Sie geschrieben haben?
Catherine Millet: Es ist schwer, eine globale Antwort darauf zu geben. Die Anzahl der Leser - 300000 sind es allein in Frankreich - schlie√üt eine gro√üe Diversit√§t ein. Ich sage zwar oft, ich w√§re keine Demagogin, aber (lacht) ich habe den Eindruck, dass die Reaktion des Publikums im weitesten Sinne des Wortes - ob spontane Reaktionen in den Begegnungen, so wie gestern Abend (Lesung bei ), oder einfach auf der Strasse - eine viel "bessere" Lekt√ľre des Buches beweist, als manche Zeitungsartikel es glauben lassen.
Zum Thema "falsche" oder "richtige" Lekt√ľre des Buches: Die richtigste war f√ľr mich die von Philippe Sollers, einem franz√∂sischen Journalisten von "Le Monde". In einigen Artikeln, nicht nur in Le Monde, und in Interviews hat er die Sache - aus meiner Sicht - sehr richtig zusammengefasst, in dem er sagte (L√§cheln):
Na gut, M√§nner haben sich schon immer Fragen √ľber die "Black Box" der weiblichen Sexualit√§t gestellt. Catherine Millet hat jetzt diese Box ein wenig ge√∂ffnet und man muss einfach feststellen: Da drin gibt es nicht viel!!! Also,es gibt wenig zu entdecken (Lachen)...
Genau das ist meine Intention: Den Mythos zu entmystifizieren.
Ich glaube nicht, dass es ein Geheimnis gibt, weder in dem weiblichen noch in dem m√§nnlichen sexuellen Spa√ü, aber wir stehen ja alle vor diesem gro√üen Enygme des Spa√ü des anderen: Hat der andere mehr, weniger Spa√ü als ich? Hat der Mann, den ich liebe, mehr Spa√ü mit einer anderen Frau als mit mir, und umgekehrt f√ľr einen Mann, hat die Frau, die ich liebe, mehr Spa√ü mit einem anderen Mann als mit mir? Man wird sich immer diese Frage stellen...

AVIVA-Berlin: Auch unabhängig vom anderen Geschlecht? Was ist, wenn eine Frau mit einer Frau zusammen ist, oder ein Mann mit einem Mann? Stellt man sich auch dann diese Frage, ob es noch dieses Rätsel zu dem Spaß des anderen gibt?
Catherine Millet: Nein, ich glaube, das ist mehr von einem Geschlecht zu dem anderen, immerhin...

AVIVA-Berlin: .. immerhin ist es aber keine Selbstverständlichkeit..
Catherine Millet: Nein, sicherlich nicht.. aber so meinte ich das.

AVIVA-Berlin: Ich bin zwar fest von Ihrer F√§higkeit √ľberzeugt, sehr wahrheitsgem√§√ü, ehrlich und, sagen wir, pragmatisch zu berichten, was Sie erlebt haben. Jetzt m√∂chte ich jedoch Sie in die Lage versetzen zu abstrahieren. Wie w√ľrden Sie als Kritikerin √ľber ein solches autobiographisches Projekt einer Frau, die ihr Sexleben so methodisch und stringent berichtet, reagieren? Was w√ľrden Sie dar√ľber schreiben?
Catherine Millet: Wenn ich ein mehr oder weniger ähnliches Buch zu rezensieren hätte?

AVIVA-Berlin:Ja, genau!
Catherine Millet: √Ą√§h.. Ich glaube, ich w√ľrde zuerst mal die literarische Qualit√§t beurteilen.. Als ich letzte Woche Paris verlassen habe, habe ich ein Buch √ľber das Sexualleben der Franzosen bekommen. Ich habe es aber nur durchgebl√§ttert. Der Autor hat viele Interviews durchgef√ľhrt. Leute, die √ľber Ihr Leben erz√§hlen, und das ist immer sehr interessant. Aber - und vielleicht deswegen interessiere ich mich f√ľr Literatur - ich denke, dass Literatur, also die Gestaltung durch eine k√ľnstlerische Arbeit, der Stil des Schreibens, es erst erm√∂glicht, in der Suche der Wahrheit weiter zu gehen. Ich glaube nicht, dass ein rohes "Zeugnis", eine spontane Aussage, egal wie ehrlich sie ist, eine richtige Wahrheit enth√§lt. Ich denke, um diese Wahrheit zu erreichen, muss man eine Arbeit leisten - also wenn man schreibt, eine Schreibarbeit. Als Kritikerin sch√§tze ich zuerst die literarische Qualit√§t, um mehr oder weniger dem richtigen Inhalt zu vertrauen.

AVIVA-Berlin: Um Wahrheit handelt es sich in Ihrer Arbeit sehr. Sie bem√ľhen sich darum, ehrlich zu sein. Ist das der Grund, warum Sie unter Ihrem Namen geschrieben haben? Warum haben Sie nicht unter einem Pseudonym geschrieben? Ihr Name ist ja schwer trennbar von Ihrem Beruf, Ihrer Funktion, Ihrer beruflichen Reputation, und ich frage mich, ob der Name eine Rolle spielt, wenn Sie letztendlich √ľber die weibliche Lust schreiben wollten, h√§tte nicht einfach der Bericht einer Frau gereicht?
Catherine Millet: Nein, ich habe immer gesagt, mit meinem Namen will ich sogar mehr Glaubw√ľrdigkeit einbringen. Gerade weil ich einen beruflichen Ruf hatte, k√∂nnte man denken, dass ich ein Risiko eingehen w√ľrde, indem ich dieses Buch ver√∂ffentlichte. Im Endeffekt geht man solche Risiken nur ein, wenn sie es einem wert sind. Und genau das ist es f√ľr mich. Ich hatte ehrlich gesagt auch keinen Grund, mich zu verstecken, nicht vor einer beruflichen Instanz, oder vor einer Familie, die ich nicht habe. Vor keiner dieser moralischen Autorit√§ten.Was h√§tte also ein Wandschirm, ein Pseudonym gebracht? Wei√ü ich nicht. Es war wichtig f√ľr mich, als Unterzeichnerin des Buches zu erscheinen, gerade weil ich nicht in der Sexbranche besch√§ftigt bin. Ich bin eine normale Frau, bin Journalistin, in der klar definierten Spezialisierung der zeitgen√∂ssischen Kunst. Es war mir wichtig zu zeigen, dass man eine solche Sexualit√§t f√ľhren kann, auch neben einer beruflichen Karriere, wie viele andere Frauen auch, ohne eine Sex-Fachfrau zu sein!! Es gibt viele Berichte in Frankreich, wie zum Beispiel den von Raffaela Anderson in Frankreich, die √ľber ihre Porno-Karriere erz√§hlt. Es wird sicherlich anders wahrgenommen - man sieht, dass ich keine Karriere darin gemacht habe, sondern woanders. Ich bin eine Bourgeoise, voil√†.. (lacht).

AVIVA-Berlin:Zwischen nicht verstecken m√ľssen und zeigen wollen gibt es aber eine gro√üe Skala. Hatten Sie ein anderes Bed√ľrfnis, dieses Buch zu schreiben, als nur die m√§nnlichen Fragen √ľber die weibliche Sexualit√§t beantworten zu wollen? Sie sagten, dass Sie dieses Buch geschrieben haben, weil Sie von Ihrer m√§nnlichen Umgebung aufgrund Ihrer Erfahrung aufgefordert wurden, eine Antwort zu publizieren..
Catherine Millet:Selbstverst√§ndlich habe ich die Idee des Buches selbst gehabt, es war nicht nur auf die dringende Bitte meiner Umgebung, aber ich wollte dadurch diese Antwort an M√§nner geben, indem ich das Einverst√§ndnis anderer Frauen gesucht habe. Ich meine damit: Mein pers√∂nlicher Bericht hat korrigiert, widersprochen und nuanciert, was bisher √ľber das weibliche Sexualleben gesagt worden ist und bisher sehr oft von M√§nnern dargestellt wurde...(lacht) Ein Einverst√§ndnis... wenn ich zum Beispiel im Publikum sehe, wie einige Frauen zustimmend den Kopf sch√ľtteln!

AVIVA-Berlin: .. sicherlich nicht feministische Frauen...
Catherine Millet:.. in Deutschland spielen sie sicherlich eine größere Rolle, aber ich verstehe kein Deutsch! In Frankreich habe ich nichts dazu gelesen.. In den USA ist das Buch noch nicht erschienen, das wird auch interessant. In der amerikanischen Vogue - und da sind kaum emanzipierte Frauen vertreten - (lacht) war der erste Artikel äußerst positiv.

AVIVA-Berlin:Sie sagen zweimal in Ihrem Buch, "mit einer Frau hat es weniger Folgen", einmal sagen Sie es selbst, einmal sagt es eine Freundin von Ihnen. Was meinen Sie damit? Warum ist es so f√ľr Sie?
Catherine Millet: (am√ľsiert und vergn√ľgt) Ah!! (Gro√üe Pause) Sie lassen mich √ľber Dinge nachdenken, wor√ľber ich noch nicht nachgedacht habe!! Ich glaube, ich h√§tte nicht den Eindruck, einen Geschlechtsverkehr mit einer Frau v√∂llig zu erf√ľllen..

AVIVA-Berlin: Das sehen Sie also sehr unter dem physischen Blickwinkel..
Catherine Millet:Ja, genau, weil es kein Eindringen gibt.. Heutzutage, in unseren Mentalit√§ten, aus der Sicht heterosexueller Frauen, wird Geschlechtverkehr mit einer anderen Frau oft nicht als vollst√§ndig betrachtet werden.. Wissen Sie, es gibt zur Zeit ganz interessante Diskussionen. Auch die Clinton-Aff√§re hat dazu beigetragen. Gab es Geschlechtverkehr, ja oder nein? Oder war es nur eine Fellatio? In Frankreich wurde das Gesetz √ľberarbeitet. Zum Beispiel kann es nur eine Vergewaltigung geben, wenn es ein Eindringen bei dem Verkehr gab, egal, welches Objekt dazu gebraucht wurde... Das ist ja eine bedeutende Frage, die junge M√§dchen auch sehr besch√§ftigten, die sich sch√ľtzen wollen: Ab wann gibt es dann √ľberhaupt Geschlechtverkehr?? Geschlechtverkehr wird gegebenenfalls abgelehnt, Fellatio eher weniger... Danach stellt man fest, dass es vielf√§ltige Definitionen daf√ľr gibt.. (lacht)

AVIVA-Berlin: Im Endeffekt soll jeder f√ľr sich entscheiden, ab wann es Geschlechtverkehr gab oder nicht.
Catherine Millet:Ja, genau!

AVIVA-Berlin:Ich komme auf Rafaella Anderson zur√ľck und auf all die Schriftstellerinnen, die den Verlagen in Frankreich zur Zeit sch√∂ne Tage bescheren wie Christine Angot, Catherine Breillat, Virginie Despentes.. F√ľhlen Sie sich irritiert, wenn man Sie in den gleichen Sack steckt?
Catherine Millet:Nein, √ľberhaupt nicht, im Gegenteil. Mein Buch nimmt auch seinen Platz in dieser Bewegung ein. Ich habe eine gro√üe Sympathie f√ľr Christine Angot, die bewundere ich sehr, genauso wie Catherine Breillat √ľbrigens. Ich f√ľhle mich sehr solidarisch dabei.

AVIVA-Berlin:Diese B√ľcher benutzen aber eine sehr pornographische Sprache, das ist eigentlich nicht Ihre Vorgehensweise..
Catherine Millet:Sicher gibt es bei mir keine Gewalt oder Aggressivität, ich habe nicht die gleiche Einstellung. Aber sie haben alle recht, das zu tun, was sie tun.

AVIVA-Berlin:Nach dem Riesenerfolg Ihres Buches ist es höchstwahrscheinlich, dass einige Filmproduzenten sich an Sie wenden werden... Können Sie sich vorstellen, das Buch verfilmen zu lassen, in den Kinos zu zeigen?
Catherine Millet:Es gab einige Kontakte, die noch nichts Konkretes ergeben haben. Ich habe einige Zweifel, aber warum nicht, vielleicht habe ich nicht ausreichend Vorstellungsverm√∂gen daf√ľr.. Ich habe keine Ahnung, wie das aussehen k√∂nnte. Ich bin allerdings sehr neugierig, ich m√∂chte gerne sehen, was Profis daraus machen w√ľrden.Ich denke, dass ich sogar kaum darauf Einfluss nehmen w√ľrde, ich w√ľrde sie mit gro√üer Neugierde machen lassen. Ich finde das sehr interessant - wie w√ľrden sie das verwandeln??

AVIVA-Berlin:Also keine stringente Adaption?
Catherine Millet: ...Nein .. eher eine Verwandlung..

AVIVA-Berlin:Könnten Sie sich vorstellen, in diesem Film Ihre Rolle zu spielen?
Catherine Millet:(schallendes Gel√§chter) Nein, nein‚Ķ (kurzes Schweigen, √ľberlegt) .. nein, a priori, nein.. ich m√∂chte diesen Abstand mit der Adaption behalten und dass meine physische Person auf dem Bildschirm nicht erscheint.

VIVA-Berlin:Ein Film w√§re noch etwas anderes, etwas mehr, wie eine Parallele, ein neuer Blickwinkel. Und gleichzeitig w√ľrden die Bilder das Vorstellungsverm√∂gen der Zuschauer unmittelbar reduzieren.
Catherine Millet:Sie haben v√∂llig recht. Au√üerdem w√ľrde meine eigene Person im Film nur die Identifikation mit Catherine M. verst√§rken... Im Gegenteil habe ich jetzt den Eindruck, nach der Ver√∂ffentlichung, der Mediatisierung des Buches und so weiter, daess ich mich eher davon entferne.

AVIVA-Berlin:Merci.



Weiterlesen auf AVIVA-Berlin Catherine Millet "Das sexuelle Leben der Catherine M."

Women + Work Beitrag vom 14.02.2002 AC Coppens 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken