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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 24.01.2005

Interview mit Mahide Lein
Julia Mende + Sharon Adler

Die Queere KulturVermittlerin und Macherin von AHOI - Kunst + Kultur erhielt im Sommer 2004 den CSD - Zivilcouragepreis. Hier spricht sie ├╝ber Feminismus, Sexarbeit, zuk├╝nftige und aktuelle Projekte



AVIVA-Berlin: Im Sommer 2004 erhielten Sie f├╝r Ihren jahrzehntelangen unerm├╝dlichen Einsatz zu Themen wie Feminismus, die Verkn├╝pfung von lesbischem Sex und Politik mit kulturellen Darbietungen aus aller Welt den CSD - Zivilcouragepreis. Was bedeutet diese Auszeichnung f├╝r Sie?
Mahide Lein: Der Zivilcouragepreis vom CSD-Berlin eV. ist eine starke Best├Ątigung meiner Arbeit, zugleich eine Ermunterung und Motivation weiterzumachen, eine moralische Unterst├╝tzung zu wissen, dass ich nicht alleine bin.

AVIVA- Berlin: Was waren wichtige Einschnitte in Ihrem Leben? Welche Stationen Ihres Lebenslaufes sind f├╝r Sie pers├Ânlich am Bedeutendsten?
Mahide Lein: Es f├Ąllt mir schwer, aus der Vielzahl meiner Projekte einige heraus zu suchen, doch seien vier Highlights hier genannt:
PELZE-multimedia /1986-90 BERLIN. Dieser t├Ągliche Raum in Bewegung und internationaler Treffpunkt von K├╝nstlerinnen und Aktivistinnen war ein herausragendes Ereignis f├╝r mich und viele Frauen. Wir bearbeiteten Themen wie Sexualit├Ąt, Tod, Verr├╝ckt-Sein, wo ist die Grenz├╝berschreitung unserer Moral, Spielzimmer, Politisches uvm. Ausstellungen, Rauminstallationen, Diskussionen, Konzerte, Literatur, Performances, Experimentelles und Partys. Zuvor sammelte ich Erfahrungen in drei Frauentreffs in Frankfurt am Main und Berlin, doch PELZE-multimedia war ein H├Âhepunkt der Frauenbewegung mit vielen experimentellen und k├╝nstlerischen Ereignissen!
1. lesbischwules KulturFestival & 1. CSD in Russland, St.Petersburg /1992:
Mein erstes Projekt in Zusammenarbeit mit schwulen M├Ąnnern, u.a. mit Andreas Strohfeldt /DDR, dem Frauenzentrum St.Petersburg und der Tschaikowsky-Foundation feierten wir mit 60 angereisten queeren Leuten aus Berlin und ca. 3.000 RussInnen aus ganz Russland vier Tage lang die Befreiung des ┬ž121, der Homosexualit├Ąt kriminalisierte: Ausstellung, Videoprogramm, Konzerte und Performances, Workshops und Aktionen. Zu diesem Zeitpunkt gab es keinen lesbischwulen Treffpunkt in Russland. Dieses Fest war das gl├╝cklichste Ereignis, was ich mit mehreren Leuten teilte, denn alle waren total ausgelassen, alle Chakren gingen auf, weil zum ersten Mal in ihrem Leben die Leute sich ├Âffentlich im stark homophoben Land trafen! Bis 1995 veranstalteten wir halbj├Ąhrlich in Berlin und Russland ein austauschendes kulturelles Programm, auch das erste gro├če queere Filmfestival mit vielen FilmarbeiterInnen uvm. Nach 1995 wurden die wirtschaftlichen Zeiten so hart, die entstehenden queeren Projekte wurden vernichtet und mittlerweile gibt es nur noch kleine festliche Anl├Ąsse und Clubs, die lange nicht unserer Selbstverst├Ąndlichkeit entsprechen.
1. AFRIKA-Reise nach ZIMBABWE 1996, anl├Ą├člich Filmarbeiten: "Schick mit mal ne Postkarte":
Der regierende Pr├Ąsident Mugabe kriminalisiert bis heute Homosexualit├Ąt, 1995 machte er seine Homophobie ├Âffentlich und verbot die Teilnahme schwuler Literatur an der Buchmesse. Gleichzeitig lernte ich in Amsterdam durch meine Arbeit mit MAMA KUMBA (12 Musikerinnen aus Surinam) Sue Pakeipei Maluwa-Bruce kennen. Spannend war hierbei, dass ich durch meine internationalen Kontakte mehr ├╝ber queere Projekte erfuhr als Sue in ihrem Heimatland, weil es dort keine Vernetzungen, Flyer etc. gab/gibt. Wir arbeiteten gemeinsamen an o.g. Film zu den Themen: Homosexualit├Ąt, Weibliche Sexualit├Ąt, besuchten erste Frauen- & HIVpos.-Projekte, Huren, K├╝nstlerInnen und Musikerinnen, die wir sp├Ąter nach Berlin einluden. Durch das Zusammensein mit afrikanischen M├Ąnnern, Frauen und Kindern ├Âffnete sich mein Herz f├╝r die gesamte Menschheit der Erde und ver├Ąnderte mein zuk├╝nftiges Leben! Ich wollte mich nach dieser Reise auch in Berlin nur noch mit afrikanischen Leuten umgeben und produzierte mit AHOI und meiner angenommenen Tochter Djatou Tour├ę (S├Ąngerin aus Elfenbeink├╝ste) zwei Jahre lang den w├Âchentlichen afrikanischen Salon: MoKATO mit Leuten aus allen Teilen Afrikas mit: Ausstellung, Konzerten, Literatur, Party und einem offenen Mikrofon f├╝r aktuelle Geschichten, Eine fantastische Balance zwischen Publikum und B├╝hne und ein ganz wichtiger, spannender multikultureller Treffpunkt in Berlin! Durch diese Arbeit ist AHOI mit einer hohen Zahl afrikanischer K├╝nstlerInnen vertreten.
KultHurFestival 2000 Berlin: in Zusammenarbeit mit Dr. Laura Meritt und ber├╝hmten VeteranInnen der Hurenbewegung aus aller Huren L├Ąnder (Lateinamerika, USA, Afrika, Asien und vielen Teilen Europas) feierten wir das 25. Jubil├Ąum des Internationalen Hurentages: Sexarbeiterinnen & Sexarbeiter aus aller Welt laden ein zur Filmreihe, Ausstellung: Aus aller Huren L├Ąnder - Vom Hursprung an, Podiumsdiskussion, Workshops, Lesungen, Theater & Konzerten, Partys, Demonstration: Karawan of Love=Money, Wettbewerb: Preisgekr├Ânte Exponate "Denkmal an die unbekannte Hure", Frauen-Fr├╝hschoppen: Prostituierte sind die besseren Feministinnen, uvm. - Eine uralte Forderung der Frauenbewegung ist: die Gleichstellung Sexarbeit mit anderen Berufen! Huren sind Grenzg├Ąngerinnen, Gradwanderinnen. Sie hei├čen willkommen, beurteilen nicht, sind z├Ąrtlich zu den Ungeliebten, heilend f├╝r Leib und Seele. Wo Gesellschaften versagen, k├Ânnen sie W├Ąrme geben. Eine Tempelhure in der antiken Zeit bedeutete Gl├╝ck, Fruchtbarkeit und Wohlstand. Ihren Leib zu ber├╝hren war ein sakraler Akt. Weit entfernt von derartigen Anschauungen sind wir in unserer heutigen Zeit, weit entfernt von einer gesellschaftlichen Akzeptanz oder gar F├╝rsorge, d.h. soziale Anerkennung f├╝r diese Sex-Arbeiterinnen. Feministinnen setzen frauenfeindlichen und sexarbeiterfeindlichen ├äu├čerungen ein Ende! - Au├čerdem bin ich der Meinung, wenn der Beruf Hure nicht in die Schiene der Doppelmoral ist, unsere gesamte Sexualit├Ąt aufgewertet w├╝rde und hat mich bewegt dieses Festival zu realisieren.

AVIVA- Berlin: "Feministin zu sein bedeutet nichts anderes, als nicht zu glauben, dass Frauen Menschen zweiter Klasse sind", so die Definition der amerikanischen Schauspielerin Geena Davis. Wie definieren Sie den Begriff "Feminismus"?
Mahide Lein: F├╝r mich ist Feminismus die Gleichheit aller Geschlechter und Kulturen. 1999 produzierte AHOI mit Orlanda-Frauenverlag und Adefra eV zu Ehren des Besuchs von Dr.Gloria I. Joseph den Event Trans Feminisme, wo sich transgender, transreligion, transcultural, transformation, transzendental traf.
Schon in der Schule wurde ich Frauenrechtlerin beschimpft, weil ich mich gegen die Ungerechtigkeiten, Benachteiligungen, festgefahrene Geschlechterrollen einsetzte, mich jedoch auch zu anderen Themen heftig ├Ąu├čerte. Immer wieder versuchte ich, das Selbstbewusstsein der Frau/M├Ądchen und die Rolle der Frau/M├Ądchen in der Gesellschaft zu st├Ąrken. Meine Mutter tat alles M├Âgliche tat, gegen ihre herk├Âmmliche Hausfrauen- und Mutterrolle anzuk├Ąmpfen, sie war immer in Gefahr, dadurch mit einem halben Bein in der Psychiatrie zu landen. Ich verteidigte meine Mutter, war stolz auf sie, dass sie nicht mainstream war und es gefiel auch meinen Mitsch├╝lerInnen, die z.B. zuhause in den 50igern keine Hosen tragen durften. In unserem Wohnungsflur wurden vor dem Schulbesuch die R├Âcke ausgezogen und heimlich Hosen angezogen. Nach der Schule wieder die R├Âcke zum Nachhauseweg angezogen, uvm. Bei meiner Mutter war sozusagen alles erlaubt und f├Ârderte m├Âglichst alle Kinder in ihrer Pers├Ânlichkeit, beantwortete tabuisierte Themen und probierte neue Lebenswege aus. Sie half mir, zu erkennen, dass Kunst ein beliebtes Mittel ist, dem eigenen Stil Ausdruck zu geben.
Da ich multikulturell arbeite, sind unsere erk├Ąmpften Frauenrechte in anderen Kulturen nicht vorhanden oder m├╝ssen andere Frauenrechte erk├Ąmpft werden, so greife ich oft zur alten feministischen Schule. Feminismus ist out - es lebe der neue Feminismus! - z.B. sind 55% der Kunststudentinnen nur mit 5% in Galerien vertreten.
Die Transgenderbewegung hat mir geholfen, die Vielbl├Ąttrigkeit der Geschlechter ins Unendliche zu erkennen.
Spirituell gesehen er├╝brigt sich Sexismus, Rassismus und Klassenhass, weil wir in allen Geschlechterrollen, Hautfarben und Lebensweisen wieder inkarniert werden k├Ânnen und uns Alles praktisch nur selbst antun! We are one!

AVIVA- Berlin: Wie haben Sie in finanziell knappen Zeiten Ihre Kulturprojekte durchbringen k├Ânnen? Welche R├╝ckschl├Ąge mussten Sie auf Ihrem Weg einstecken und wie sind Sie damit umgegangen?
Mahide Lein: Meine Eltern hinterlie├čen Geld und die ersten Projekte waren wie im Schlaraffenland. Das Geld ging aus, aber die Ideen blieben, Senats-, Stiftungsgelder und soziale Vernetzungen halfen. Viele Projekte riskierte ich, die nicht voll finanziert waren und fiel viele Male bitterlich auf die Schnauze mit meinem Leichtsinn, Event-Ideen zu realisieren. Immer wieder stehe ich auf und machte weiter .... puhhh - never give up!
Jetzt bin ich in einem Stadium, wo mir Professionalit├Ąt wichtig ist. Wenn ich nicht genug PartnerInnen finde, die mit einsteigen, stoppe ich die Projekt-Idee schweren Herzens (2005 gibt es kein LOSAR - tibetisches Neujahrsfest - ein Benefit f├╝r Projekte in Tibet und kein geplantes 2.KultHurFestival) und widme meine Arbeit mehr dem Booking von AHOI-K├╝nstlerInnen, die aus aller Welt - in alle Welt zu Festivals, Konzerthallen, Ausstellungen und privaten Feiern vermittelt werden.

AVIVA -Berlin: Stellen Sie sich vor, Sie bek├Ąmen heute 1 Million Euro f├╝r Ihre Projekte. Welches Projekt w├╝rden Sie sofort ausbauen oder ins Leben rufen?
Mahide Lein: AHOI-Kulturhaus f├╝r ca. 500 Leute, wo sich alle Lebensstile und Kulturen treffen, austauschen, experimentieren und vernetzen. Einen Teil des Gewinns geht zugunsten anderer Projekte, wie z.B. Frauenprojekt in Eritrea, Schulen in Tibet, Gay-Center in Ukraine, HIVpos-Center in Zimbabwe uvm.

AVIVA- Berlin: Als Kunst- und Kulturvermittlerin bringen Sie K├╝nstlerinnen unterschiedlicher Nationalit├Ąten auf die B├╝hne. Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?
Mahide Lein: Mich interessiert, unterschiedliche Kulturen und Lebensweisen zusammenzubringen, zur Erhaltung der Lebensfreude. Ich sch├Âpfe Kraft aus der Umsetzung grenz├╝berschreitender Themen, kratze Tabuthemen an und mache sie ├Âffentlich, vernetze Kulturen und Lebensstile, zur Unterst├╝tzung der Kreativit├Ąt, um die Welt in ihrer Vielfalt erleben.

AVIVA- Berlin: Ihre Kunst- und Kulturvermittlung tr├Ągt den Namen AHOI.
Wurden Sie bei der Namensgebung etwa vom ber├╝hmten AHOI Brausepulver inspiriert?
Mahide Lein: AHOJ-Brause hat mich nicht inspiriert, sondern der Piratengru├č AHOI, der auf der ganzen Welt in vielen Ur-Sprachen (Native American, S├╝dafrika, Australien, Tschecholowakai ua.) f├╝r Hallo und Tsch├╝ss steht. Lange Zeit wurde ich in der Frauenszene CAPITANA MAHIDE genannt, weil ich eine Kapit├Ąnsm├╝tze trug, die Leute gr├╝├čten auf der Stra├če: AHOI, ich gr├╝├čte zur├╝ck: AHOI ---! 1992-94 machte ich die Moderation bei L├äSBISCH-TV bei FAB (Fernsehn aus Berlin), dem Ersten Lesbischen Fernsehmagazin auf diesem Planeten und begr├╝├čte die Leute mit AHOI, es sprach sich rum... und eines Tages war es soweit meiner K├╝nstler- & Event-Agentur einen Namen zu geben: AHOI, das passt. Wir reisen mit dem Gru├čwort mit vielen K├╝nstlerInnen um die ganze Welt, AHOI ist ihre Heimat.

AVIVA- Berlin: Ihre zuk├╝nftigen und aktuellen Projekte? Was liegt Ihnen besonders am Herzen?
Mahide Lein: Ich versuche meinen Traum zu realisieren, das AHOI-Veranstaltungshaus: ein Mix aus PELZE-multimedia, LOSAR, MoKATO und vielen neuen Ideen, multikulturell mit allen m├Âglichen Lebensstilen. Ein kunterbuntes Erleben im bewegten Raum und das einzige transkategoriale Zusammenspiel: Sex, Ethno, Gender ... all incl. Open your heart!
Gleichzeitig vermittelt AHOI K├╝nstlerinnen und K├╝nstler aus aller Welt - in alle Welt.

AVIVA- Berlin: Ihr Credo?
Mahide Lein: GLOBALL_AMORALL, zur Erhaltung der Lebensfreude.

Mehr zu Mahide Lein und AHOI im Netz:
www.AHOI-kultur.de

Women + Work Beitrag vom 24.01.2005 AVIVA-Redaktion 





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