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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 03.03.2005

World Women Work 2005 - Gisela Anna Erler
AVIVA-Redaktion

Interview mit Gisela Anna Erler, Gr├╝nderin und Gesch├Ąftsf├╝hrerin, pme Familienservice GmbH, Berlin.



AVIVA-Berlin: Mit welchen Erwartungen an die Konferenz sind Sie gekommen?
Gisela Anna Erler: Ja, wenn Sie es ganz ehrlich h├Âren wollen, so hatte ich die Sorge, dass sich Vieles wiederholt, dass man versucht, eine Menge prominenter Frauen zur St├Ąrkung des Selbstwertgef├╝hls aus aller Welt herbeizuzitieren, die dann nicht erscheinen. Vielleicht tr├╝gt das, aber dadurch, dass die Podiumsdiskussion so international aufgestellt war und andere Aspekte hereinbrachte, habe ich jetzt den Eindruck, dass sich auch die Diskussionen im Publikum mit den ein wenig begrenzten Fragestellungen, die ich bisher so wahrgenommen habe, ver├Ąndert haben.
Mein Eindruck war, dass die Frauen, die aus dem Publikum gesprochen haben, mit einem sehr weiten Blick gefragt haben, "Wohin gehen wir und wie ver├Ąndert sich unsere Gesellschaft?", "Was ist unser Part darin?" - ohne diesen "Jammerblick, von dem die Pr├Ąsidentin des "World-Women-Summit" gesprochen hat.
Ohne dass man jetzt in einen k├╝nstlichen Optimismus verf├Ąllt - wir scheinen uns in einer etwas dynamischeren Weltperspektive einzuordnen und da sind wir nat├╝rlich sehr zur├╝ck in Deutschland. Man kann daraus aber auch Kraft f├╝r Perspektiven ziehen, die wir ganz konkret haben k├Ânnen.

AVIVA-Berlin: Nat├╝rlich war das bei dem Motto der diesj├Ąhrigen Konferenz "Wandel als Chance" auch schon so angelegt, dass man durchaus mehr Optimismus verspr├╝ht.
Gisela Anna Erler: Also f├╝r Deutschland ist die ungel├Âste Frauen- und im weitesten Sinne Familienfragestellung "Wie wird Reproduktion organisiert?" mit Schuld an unserer Wachstumsmisere. Weil wir z.B. ein zur├╝ckgebliebenes Familienweltbild haben, haben wir nicht nur keine Kinder, sondern auch zur├╝ckgebliebene Schulen, und das setzt sich dann fort in den Universit├Ąten. Man denkt in Deutschland allgemein immer noch: "Am besten tun es die Muttis und die k├Ânnen das auch alles".
Dass die Gesellschaft der Zukunft von Beruflichkeit und Professionalit├Ąt gepr├Ągt ist und dass Kindererziehung heute im Zusammenleben aller Menschen daraus besteht, dass zwei oder f├╝nf Individuen sich begegnen, aber dass da doch st├Ąndig Wissensbestandteile und Unterst├╝tzung von au├čen vom Zahnarzt, ├╝ber den Psychologen bis zum neuen MP3-Player l├Ąuft und das Gef├╝hl stabilisiert, ich glaube, das ist dieses neue offene Denken, das wir brauchen. Also nicht, "hier die Familie und darin die kleine Frau oder der kleine Mann", sondern "wir alle als Teile eines sehr gro├čen dynamischen Systems".
Ich hoffe, dass diese Konferenz es schafft, die Frauen mehr auf diesen Gedanken einzuschw├Âren. Wir sind Akteurinnen in einem dynamischen System.

AVIVA-Berlin: Auf der politischen Ebene hie├če das, Frau Bulmahn und Frau Schmidt m├╝ssten enger zusammenarbeiten?
Gisela Anna Erler: Ja, ganz sicher, der Weltgeist wird sie dazu zwingen. Sie wissen zumindest, dass das Familien-, Krippen- und letztlich das Schulsystem viel miteinander zu tun haben, und damit ist schon viel gewonnen.
Unser gro├čes Problem sind die z.T. unterschiedlichen Vorstellungen auf L├Ąnderebene.
Es gibt in Deutschland schon noch politische Kr├Ąfte, die das sch├Ądliche Hausfrauenmodell zumindest ├Ąu├čerlich politisch stabilisiert halten w├╝rden.
Keine Kinderkrippen, langer Elternurlaub und hohes Familiengeld. Das ist eine Auseinandersetzung, die auch noch nicht abgeschlossen ist.
Die wird zur n├Ąchsten Bundestagswahl meiner Ansicht nach wieder hochkommen.
Und wir haben hier ja heute auch angesprochen, dass es hierzulande auch immer m├Âglich ist, die Gesellschaft daran zu spalten, die Frauen und auch die Familien zu verunsichern. Dazu habe ich inzwischen eigentlich eine sehr platte Botschaft: Ich sage, das ist einfach falsch, politisch betrachtet. Nat├╝rlich kann eine Frau, die zuhause bleibt auch eine tolle Mutter sein und auch Spa├č dabei haben und vielleicht auch ihr Kind erfolgreich erziehen, aber gesellschaftlich ist es f├╝r die Frauen, die Kinder, die M├Ąnner die Wirtschaft und die Zukunft falsch, wenn wir die Weichen so stellen, dass dies das favorisierte Modell ist und die anderen Modelle dadurch unm├Âglich werden.

AVIVA-Berlin: Ganz stark spielt dabei die Debatte "Work-Life-Balance" herein. Fr├╝her wurde auch in Deutschland noch von "Work-Life-Balance" gesprochen, inzwischen ist es sehr stark reduziert worden auf die Debatte um "work-family-balance". Wie sehen Sie das? Empfinden Sie das als Reduktion und meinen Sie, der Kern der Sache sei damit erfasst?
Gisela Anna Erler: Ich denke, es gibt umgekehrt auch Tendenzen nur von "Diversity" zu reden und nicht so gern ├╝ber die genannten Themen. Darin spiegelt sich nat├╝rlich der scheinbare Konflikt zwischen Frauen mit und ohne Kindern. Ich meine, wir brauchen wirklich beides.
Wir brauchen nat├╝rlich eine Balance zwischen einem Privat- und einem Erwerbsleben und so eine gewisse Nachhaltigkeit:
Jede/r, ob nun alleinstehend, oder siebzig Jahre alt oder homosexuell, soll auch die M├Âglichkeit haben, die menschlichen Beziehungen zu pflegen, die der Mensch in der Regel nun einmal hat.
Es gibt ja nur kurze Phasen im Leben, wo es wirklich etwas bringt und auch Spa├č macht 24 Stunden am Tag zu arbeiten. Das ist eine bestimmte Epoche, die den meisten Leuten einen gewissen Adrenalinschub verleiht, aber das begrenzt sich auf zwei, drei oder f├╝nf Jahre. Insgesamt in der Lebensbilanz braucht man eine Balance und die ist nat├╝rlich anders, wenn man kleine Kinder mit ihren Anforderungen hat, als wenn man im Alter mit einem Partner lebt. Meine Kinder sind aus dem Haus, jetzt kann ich soviel arbeiten wie nie in meinem Leben.
Die Gesellschaft muss es lernen, Respekt zu haben vor Menschen in unterschiedlichen Situationen, welche ganz individuell sein k├Ânnen und dennoch die Potentiale all dieser Menschen zu nutzen:
Wenn sich jemand beispielsweise entschlossen hat, Verantwortung f├╝r ├Ąltere Verwandte zu ├╝bernehmen, aber auch wenn jemand sich nur weiterbildet, oder in einer Theatergruppe spielt oder ein Ehrenamt betreibt: Das alles ist wichtig f├╝r die Gesellschaft. Kinder sind schon sehr wichtig, aber Kultur ist auch wichtig und der soziale Zusammenhalt ebenfalls, den darf man nicht in der Arbeit ers├Ąufen

AVIVA-Berlin: Das ist ein sch├Ânes Schlusswort. Vielen Dank, Frau Erler.

Women + Work Beitrag vom 03.03.2005 AVIVA-Redaktion 





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