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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 10.03.2005

World Women Work 2005 - Professor Dr. Dagmar Schipanski
AVIVA-Redaktion

Interview mit Professor Dr. Dagmar Schipanski, Pr√§sidentin des Th√ľringer Landtags und Botschafterin der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.



AVIVA-Berlin: Das Motto der WWW 2005: "Wandel als Chance". Zwischen Work-Life-Balance und Netzwerk-√Ėkonomie: Herausforderungen und Perspektiven in einem zunehmend globalisierten Lebensumfeld. Wo sehen Sie pers√∂nlich diese Herausforderungen und Perspektiven?

Prof. Dr. Dagmar Schipanski: Die vernetzte Gesellschaft bietet Frauen enorme berufliche Chancen. Zum einen nat√ľrlich, weil Erfolg im Job ja schon l√§ngst nicht mehr an Muskelkraft gekoppelt ist. Es kommt auf den Kopf an. Und hier steht Frau ja bestens da - nach Untersuchungen ja inzwischen sogar besser als M√§nner, was die Ausbildung angeht. Und zum anderen, weil die geforderte Kopf-Arbeit zunehmend weniger an einen bestimmten Ort gekoppelt ist. Vor allem M√ľtter, und ich hoffe, dass wir davon bald wieder mehr bekommen werden, k√∂nnen verst√§rkt arbeiten, wann und wo sie wollen. Das schafft Freir√§ume, um Karriere und Kinder in Einklang zu bringen. Eine Herausforderung, die ich sehe: Frauen m√ľssen das Mehr an PS, wie ich das mal salopp nennen m√∂chte, auch auf die Stra√üe bringen. Wir sind nach weit entfernt von einer angemessenen Repr√§sentanz in den F√ľhrungsetagen von Wirtschaft und Wissenschaft.

AVIVA-Berlin: Wo sind die Risiken?

Prof. Dr. Dagmar Schipanski: Es gibt zahlreiche Risiken in diesem Ver√§nderungsprozess. Wenn wir zum Beispiel nicht ausreichend daf√ľr sorgen, dass Familie und Beruf durch angemessene staatliche Rahmenbedingungen in Einklang zu bringen sind, werden gut ausgebildete Menschen auf Nachwuchs tendenziell eher verzichten, weil sie ihre Karrieren nicht opfern wollen - und umgekehrt! Ein weiteres Risiko sehe ich darin, wenn sich Frauen in ihrem berechtigten Wunsch nach einer ihren M√∂glichkeiten angemessenen Karriere in Konfrontation zur M√§nnerwelt begeben. Das k√∂nnte den Trend, dass M√§nner M√§nner f√∂rdern, eher verst√§rken und w√§re kontraproduktiv. Stattdessen sollten Frauen Ihre St√§rken ausspielen - zum Beispiel Schl√ľsselqualifikationen wie Team- und Kommunikationsf√§higkeit - um gemeinsam mit M√§nnern zu einem besseren Gesamtergebnis zu kommen. Die Wirtschaft hat erkannt, welch gro√üe Chance darin liegt. Das weist eine neue repr√§sentative Unternehmensumfrage der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) nach. 63 Prozent der befragten Unternehmen glauben, dass Frauen durch ihre besonderen Qualifikationen f√ľr mehr Effizienz und Produktivit√§t sorgen k√∂nnen. Das stimmt mich zuversichtlich, dass Frauen in zehn Jahren beruflich deutlich weiter vorn sein werden als heute.
Aber zur√ľck zu den Risiken, nach denen Sie gefragt hatten: Wir d√ľrfen als Frauen nicht erwarten, dass √ľberzogene Antidiskriminierungsgesetze, wie sie derzeit in der politischen Planung sind, f√ľr mehr weibliche Pr√§senz in der Wirtschaft sorgen kann. Das Gegenteil wird der Fall sein: Viele Unternehmen werden Bewerberinnen erst gar nicht in die engere Auswahl kommen lassen, um dem Risiko sp√§terer Schadenersatzklagen abgelehnter weiblicher Bewerber zu entgehen. Gesetzliche Strafandrohung wird uns hier sicher nicht weiterbringen.

AVIVA-Berlin: Wie beurteilen Sie den Trend bez√ľgl. der Debatte um Work-Life-Balance, die in Deutschland zunehmend auf die Work-Family-Debatte reduziert wurde?

Prof. Dr. Dagmar Schipanski: Ich bin selbst Mutter von drei Kindern - und Sie k√∂nnen mir glauben: Ich w√ľrde im Nachhinein weder auf sie noch auf meine wissenschaftliche Karriere in der Festk√∂rperelektronik verzichten wollen. Insofern ist die Work-Family-Debatte f√ľr mich ein sehr wichtiges Thema. Mutter sein zu k√∂nnen und gleichzeitig Erf√ľllung auch im Beruf zu haben, das ist f√ľr mich ein zentraler Aspekt auch der Work-Life-Balance, wie Sie es nennen. Unzweifelhaft ist die Herstellung von Rahmenbedingungen, unter denen Menschen gleichzeitig leben, arbeiten und Familiengl√ľck erleben k√∂nnen, ein zentrales Thema, das wir l√∂sen m√ľssen. L√§nder wie Frankreich und auch Schweden sind uns da weit voraus.
Nat√ľrlich l√§sst sich das Leben nicht allein auf Familie reduzieren. Wer sich anders verwirklichen m√∂chte, der soll das tun. Die besseren Betreuungsm√∂glichkeiten f√ľr Kinder kommen auch den vielen Frauen zugute, die alleinerziehend sind und sich gleichzeitig beruflich verwirklichen m√∂chten.

AVIVA-Berlin: Warum sind Sie hier? Welche Erwartungen haben Sie?

Prof. Dr. Dagmar Schipanski: Ich habe an diesem Podium teilgenommen, um auf drei Dinge hinzuweisen: Zum einen, dass die Verwirklichung der Gleichstellung von Frau und Mann ein wichtiger Schl√ľssel f√ľr eine gute Zukunft unserer Gesellschaft ist. Insofern geht es hier um sehr viel mehr als Quotierungen oder neue Gesetze. Zum zweiten, und das sage ich aus der Sicht eines der neuen L√§nder sehr selbstbewusst, bei der Kinderbetreuung m√ľssen die alten L√§nder im Vergleich zu uns noch aufholen. Und schlie√ülich drittens, wollte ich dazu beitragen, das Thema einmal aus einer offensiven Perspektive zu beleuchten. Die Ergebnisse der neuen INSM-Unternehmens-Umfrage kamen genau zum richtigen Zeitpunkt, und ich habe gerne diese Konferenz genutzt, die √Ėffentlichkeit hier√ľber zu informieren. F√ľr mich ist daran vor allem wichtig, dass Gleichstellung von Frauen in der Wirtschaft zunehmend als √∂konomische Notwendigkeit begriffen wird. Das Thema ist damit aus der Mitleidsecke heraus. Ich bin auch hier, weil ich mit helfen will, weibliche Netzwerke zu st√§rken und auch durch mein eigenes Beispiel weibliches Selbstbewusstsein zu st√§rken. Dieser Austausch unter Gleichgesinnten und -betroffenen ist wichtig, damit Frauen st√§rker nach vorn kommen.

AVIVA-Berlin: Welche Topics und Workshops interessieren Sie hier am stärksten?

Prof. Dr. Dagmar Schipanski: Ich habe leider nur einen begrenzten Ausschnitt des Kongresses verfolgen k√∂nnen. Sehr beeindruckend fand ich insgesamt die starke Beteiligung weiblicher F√ľhrungskr√§fte an diesem Kongress. Das zeigt, dass der wichtige Aspekt der Netzwerkbildung unter Frauen in Gang kommt.

AVIVA-Berlin: Was tun Sie in Ihrem Unternehmen/Ressort f√ľr den Bereich Frauenf√∂rderung?

Prof. Dr. Dagmar Schipanski: Der Th√ľringer Landtag ist das einzige Parlament in Deutschland mit einem rein weiblich besetzten Vorstand - das ist doch schon mal etwas. Das Herzst√ľck der Verwaltung meines Hauses, die Parlaments- und wissenschaftliche Abteilung, wird von einer Frau gef√ľhrt. Aber selbstverst√§ndlich ist die Repr√§sentanz von Frauen auf den anderen F√ľhrungsebenen noch ausbauf√§hig.

AVIVA-Berlin: Wie bewerten Sie die Podiumsfrage 2 - Gleichstellung auch ohne Quote und Gesetz?

Prof. Dr. Dagmar Schipanski: Wie ich schon ausgef√ľhrt habe, halte ich nichts von weiteren gesetzlichen Zw√§ngen in der freien Wirtschaft. Das bringt nur Brot f√ľr Anw√§lte, nicht aber die Frauen ins Brot. In Bereichen des √∂ffentlichen Lebens kann ich mir dagegen f√ľr eine gewisse Zeit eine Quote vorstellen. Dies sollte aber auf diesen Bereich beschr√§nkt und ausdr√ľcklich befristet sein.

AVIVA-Berlin: W√ľrden Ihnen bei Ihrer Arbeit in Ihrem Unternehmen gesetzliche Richtlinien hinsichtlich der Gleichstellung helfen?

Prof. Dr. Dagmar Schipanski: Bezogen auf meine persönliche Arbeit? Nein. Auch deshalb lehne ich das geplante Antidiskriminierungsgesetz der Bundesregierung ab. Pikanterweise sehen das weite Teile der SPD auch so. Man kann - und sollte - gar nicht erst versuchen, alles gesetzlich zu regeln. Worauf es ankommt, ist ein Bewusstseinswandel. Die jetzt von der INSM-Umfrage belegten harten ökonomischen Fakten sind diesem Wandel sicher förderlich.

AVIVA-Berlin: Wie oder Wo sehen Sie die Zukunft von world women work?

Prof. Dr. Dagmar Schipanski: Ich glaube schon, dass Frauen in zehn Jahren deutlich pr√§senter in guten beruflichen Positionen sind. Zum einen arbeitet in den Industrienationen die Demographie f√ľr uns, weil fehlender Nachwuchs eine verst√§rkte Nachfrage nach weiblichen Fachkr√§ften bringen wird. Zum anderen werden Frauen mit besserer Ausbildung automatisch selbstbewusster.

AVIVA-Berlin: Was w√ľrden Sie sich f√ľr die WWW 2006 w√ľnschen, was m√∂chten Sie diskutiert wissen?

Prof. Dr. Dagmar Schipanski: Mein pers√∂nliches Interesse gilt diesen Themen: Wie verst√§rken wir weibliche Pr√§senz in der Wissenschaft? Wie gewinnen wir Frauen daf√ľr, st√§rker in die Naturwissenschaften zu gehen? Und wie schaffen wir politische Mehrheiten f√ľr echte Fortschritte auf dem Feld der Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

AVIVA-Berlin: Was nehmen Sie mit? Ihr Fazit?

Prof. Dr. Dagmar Schipanski: Frauen m√ľssen Frauen f√∂rdern, weil M√§nner das unter sich auch tun. Konfrontation zwischen den Geschlechtern w√§re aber sicher der falsche Weg. Gemeinsam m√ľssen wir zu einem besseren Ganzen kommen.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f√ľr¬īs Interview

Women + Work Beitrag vom 10.03.2005 AVIVA-Redaktion 





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