Fortsetzung des Interviews - Kim will kiffen - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Women + Work



AVIVA-BERLIN.de im Juni 2021 - Beitrag vom 17.05.2002


Fortsetzung des Interviews - Kim will kiffen
K. Böttcher + S. Adler

Musik, Mauerfall und die Waffen der Frauen




AVIVA-BERLIN: Du arbeitest ja in verschiedenen Musikbereichen. Jobst Du noch im Matrix?
KIM: Ja, da arbeite ich seit fünf Jahren an der Bar. Und ich arbeite noch in einer Künstleragentur, wo man Dj"s bucht und so. Momentan haben wir viel mit Rußland zu tun, weil da die Techno Szene unglaublich wächst. Da hat man das Gefühl, in der Zeit zurückzureisen: da ist es momentan so wie es vielleicht "94 in Berlin gewesen ist.

AVIVA-BERLIN: Gibt es denn auch einige Frauen - Techno Bands?
KIM: Die meist gebuchte Techno - Djane ist ja eine deutsche. Was ich bei Djanes bemängele, ist deren Einstellung, dass die Männer sie nur wegen ihrer Titten akzeptieren würden. Die erzählen dir dann, dass sie in extra dicken Kapuzenpullis auflegen wollen. Das finde ich albern. Ich weiß nicht, was dagegen spricht, mit der einen oder anderen weiblichen Waffe zuzuschlagen, wenn es keinem weh tut und wenn es dich weiterbringt.

AVIVA-BERLIN: Hast du denn einen Lieblingsclub in Berlin?
KIM: Ja, doch. Wo ich privat noch zum Feiern hingehe, das ist das SO 36 am Montag, zum ‚electric ballroom". Da sind extrem viele DJ"s, Booker, Agenturen, Tresenleute, also fast familiäre Stimmung. Man erzählt sich das Neueste vom letzten Wochenende und kann Spaß haben.

AVIVA-BERLIN: Deine Eltern kommen ja aus Korea. Wie eng sind Deine Bindungen an das Land? Du hast ja Dein Leben lang in Deutschland gewohnt...
KIM: Ich werde immer etwas mit Südkorea zu tun haben, weil dort meine Wurzeln liegen.

AVIVA-BERLIN: Warst du schon mal da?
KIM: Ich war schon zu Besuch dort, aber es ist einfach nicht das Land, wo ich leben möchte, aber da komme ich her und darüber muß man sich klar sein. Bei ausländischen Kindern, die in Deutschland aufgewachsen sind, ist es so, dass sie irgendwann eine Identitätskrise kriegen. Denn entweder leben die Eltern in ihrer Enklave und die Kids werden in der Schule mit ganz anderen Sachen konfrontiert oder sie unterdrücken ihre Herkunft oder drängen sie zumindest in den Hintergrund, so dass die Kids gar keinen Bezug haben, wo sie herkommen, wie die dort sprechen, wer sind ihre Großeltern und wie die Menschen heute dort leben. Die gucken dann irgendwann in den Spiegel mit der Frage: wer bist du eigentlich?

Koreanischer Kulturschock und Mutterträume

AVIVA-BERLIN: Wenn Du öfter zu Besuch in Korea bist und aus dem Flugzeug steigst, gibt es denn eine schnelle Identifikation mit der koreanischen Kultur oder blickst Du eher distanziert auf dieses Land vor Dir?
KIM: Na ja, ich steige erst mal aus dem Flugzeug und denke: krass viele Koreaner hier! Wenn man dauernd von Europäern umgeben ist und dort nur noch Asiaten sieht, ist das schon eine andere Optik...ich spreche zwar die Sprache, aber ich kann sie nicht lesen, das ist schon eigenartig, sich dort zu bewegen, aber analphabetisch die Buchstaben nicht zu kennen. Und was auch aufregend ist, ist durch die Straßen zu fahren und bei jeder Freßbude anzuhalten und sich was Neues zu essen zu holen. Ansonsten schlafe ich, wenn ich meine Mutter besuche, auf dem Fußboden. In Korea haben alle Wohnungen Fußbodenheizungen! In alten Häusern ist es ja so gewesen, dass die Böden befeuert wurden mit so einer Art Ofen...

AVIVA-BERLIN: Herrlich...(wir drei schwelgen kurz in einer Ofenphantasie)
KIM: Und wenn ich dort bin, ist Kiffen übrigens kein Thema. Das gehört da nicht hin. Es ist so, dass ich noch nicht mal vor meiner Mutter Zigaretten rauche, weil ich weiß, dass es ihr Kummer macht. Sie weiß zwar, dass ich rauche, aber wenn sie das sieht, macht ihr das noch mehr Kummer und noch mehr will ich ihr gar nicht machen.

AVIVA-BERLIN: Was hätte denn aus der Sicht Deiner Mama aus Dir werden sollen?
KIM: Am liebsten wäre es ihr sicherlich, wenn ich ein abgeschlossenes Jura - Studium hätte, mit einem Arzt, Richter, Rechtsanwalt, Notar verheiratet wäre, inzwischen schon zwei Kinder hätte und in einem hübschen Reihenhaus in Rhein - Main Gebiet wohnte. Das würde sie dufte finden. Wenn der Typ dann auch noch Koreaner wäre, das wäre der Himmel auf Erden für sie.

AVIVA-BERLIN: Hat sie denn auch eine Haltung zu deiner Vorliebe zum Cannabis - Rauchen oder weiß sie das gar nicht so genau?
KIM: Meine Mutter fragte mich einmal, ob ich Haschisch spritze.

AVIVA-BERLIN: Haschisch spritzen?
KIM: Ja! Also, meine Mutter ist konservative Koreanerin und 66 Jahre alt, man möge ihr diesen faux pas nachsehen...was ich hinterher ganz lustig fand, war, dass ich sie nicht anlügen mußte, denn ich konnte ganz leicht sagen, nein, Mama, das mache ich nicht. Okay, die Fortführung wäre gewesen: das macht aber auch keiner...

AVIVA-BERLIN: Wird denn in Korea auch gekifft?
KIM: Ich meine, Opium kommt aus Asien, und wo kifft man nicht auf der Erde? Ich sage, Kiffen ist Lifestyle! Die meisten Kiffer tragen auch kein Hanfblatt mit sich herum, sondern eher eine Gucci - Brille ...

Zukunftsmusik? Legaler Genuß von Cannabis und andere Träume von Mun-ju Kim.
Auf der Homepage von Kim gibt es ausführliche Statements von ihr über ihre Beweggründe für die Initiative, Infoangebote und eine Auswahl an anderen Medienberichten über die Genußkifferin. Vielen AsiatInnen fehlt ein Enzym zum Abbau von Alkohol: als Kim zum erstem Mal einen Schluck trank, ging es ihr so schlecht, dass sie nie wieder Alkohol angerührt hat. Wie andere sich auf das allabendliche Glas Bier freuen, baut sie sich gern einen Joint zur Entspannung.

AVIVA-BERLIN: Was wäre für Dich ein vernünftiger Umgang mit Cannabis?
KIM: Für mich ist das Rauchen, damit meine ich Cannabis rauchen, eine Form des Genusses, nicht des Konsums. Ich baue auch supergerne. Das gehört als Vorbereitung einfach dazu: es hat so was von bewußt kiffen. Wenn ich dann e-mails oder Gästebucheinträge von unserer Homepage lese in dem Ton: hey, gestern wieder 5 Gramm weg geraucht, da denke ich mir, für fünf Gramm brauchst du doch mindestens drei Wochen!

AVIVA-BERLIN: In vielen Studien oder Publikationen wird die Wirkung von Alkoholkonsum gern mit der von Cannabis verglichen. Wie findest Du diese Vergleiche?
KIM: Das Problem ist, dass Alkohol der einzige Vergleichswert ist, den man im Zusammenhang mit illegalen Rauschmitteln hat. Es wird erwartet, dass der Bürger erwachsen genug ist, mit einem Stoff wie Alkohol klug umzugehen. Na ja, wir kennen alle die Risiken, die Alkohol in sich birgt: die Leute saufen sich tot, die Leber ist kaputt, Gehirnzellen gehen drauf. Kiffen ist einfach ungefährlicher, das einzige, was durch den Vorgang des Inhalierens in Mitleidenschaft gezogen wird, ist die Lunge. Beim Joint ist einfach Tabak mit dabei.

Cannabis wird in China seit 5000 Jahren und in Europa seit 3000 Jahren angebaut. Haschisch ist also eines der ältesten Genussmittel in fast alle Kulturen dieser Erde. Neue Studien belegen, dass THC weder physisch noch psychisch abhängig macht und auch unter gesundheitlichen Aspekten Cannabis "eher unschädlich" sei. Dies ist jedoch nur die medizinische Sichtweise. Vom psychologischen Standpunkt aus könnte man bei Konsum von Haschisch in die "Gewöhnungsfalle" tappen. Das soll so verstanden werden, dass die Gewohnheit, zu kiffen, ähnlich groß sein kann wie die, abends den Fernseher anzuschalten. Viele Effekte eines Joints (z.B. auch das Abhängigkeitspotential) sind auf das Nikotin des Tabaks zurückzuführen. Chronische Konsumenten berichten auch, dass das Kurzzeit -Gedächtnis nachläßt. Quelle: www.drogen-aufklaerung.de

AVIVA-BERLIN: Jetzt mal theoretisch: man müßte doch bei einer Legalisierung Kiffen für Autofahrer verbieten, null Alkohol und null Cannabis. Es beeinträchtigt einfach die Reaktionsfähigkeit...
KIM: Ich bin auch durchaus dafür, dass die Abgabe kontrolliert wird. Es sollte schon lizensierte Abgabestellen geben, die gegen Ausweiskontrolle Gras verkaufen können. In Verbindung mit Cannabis dürfte auch kein Alkohol ausgeschenkt werden. Nichts ist schlimmer als Jugendliche, die mit Cannabis und Alkohol experimentieren!

AVIVA-BERLIN: Sollte nicht 1999 eine Überprüfung der Verankerung von Cannabis im Betäubungsmittelgesetz vorgelegt werden, die höchst selbst vom Bundesverfassungsgericht 1994 angefordert wurde?
KIM: Ja, das ist auch einer der Punkte, die in der Klageschrift enthalten sind, nämlich dass die Bundesregierung in diesem Aspekt ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat. Die haben diese angeordnete Untersuchung, ob das Verbot von Cannabis gerechtfertigt und zeitgemäß ist, einfach unter den Tisch fallen lassen. Inzwischen sagen die wissenschaftlichen Studien was anderes. Vor allem, wenn man sich überlegt, dass Hanf erst Ende der 60er verboten wurde, inklusive Nutzhanf. Ich träume ja von Markenjoints! Schöne Packungen, verschiedene Sorten, in light, medium und normal. Da können sich mal die Designer was einfallen lassen.


Women + Work

Beitrag vom 17.05.2002

AVIVA-Redaktion 






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