Interview mit Corinna Harfouch - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Women + Work
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

Frauensommer 2018 - Mythos 68 Finanzkontor_Banner Weiberwirtschaft
AVIVA-Berlin > Women + Work AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Infos
   WorldWideWomen
   Wettbewerbe
   Lokale Geschichte_n
   Schalom Aleikum
   Veranstaltungen in Berlin
   Public Affairs
   Kultur
   J├╝disches Leben
   Interviews
   Literatur
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 16.11.2005

Interview mit Corinna Harfouch
Karin Effing

Sie spielt die tschechische Schriftstellerin Bo┼żena Nemcov├í im Film "Durch diese Nacht sehe ich keinen einzigen Stern". Mit AVIVA-Berlin spricht sie ├╝ber Briefe, B├╝cher und die Schriftstellerei.



Corinna Harfouch, eine der wichtigsten deutschen Charakterdarstellerinnen, ermittelte als Kommissarin "Eva Blond" auf der heimischen Mattscheibe. Mit unz├Ąhligen Preisen und Nominierungen wurden ihre Leistungen in Film und Fernsehen geehrt, darunter der Deutsche Fernsehpreis 2001 f├╝r den Film "Vera Br├╝hne"(Hark Bohm) und der Grimme Preis 1997 f├╝r "Gef├Ąhrliche Freundin"(Hermine Huntgeburth). Als Theaterschauspielerin beeindruckte sie uns in Sarah Kanes St├╝ck "Phaidras Liebe" an der Schaub├╝hne. Zur Zeit ist sie in Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" im Deutschen Theater zu sehen.

AVIVA-Berlin: Der Film "Durch diese Nacht sehe ich keinen einzigen Stern" beruht auf drei Briefentw├╝rfen der tschechischen Schriftstellerin Bo┼żena Nemcov├í. Wie gern schreiben Sie Briefe?
Corinna Harfouch:
Ich schreibe nur Briefe, wenn es mir schlecht geht. Emp├Ârte, w├╝tende Briefe, aber dann schreibe ich viele Briefe. Ich habe keinen Computer, mir bleibt also nichts anderes ├╝brig, als sie mit der Hand zu schreiben.

AVIVA-Berlin: Und schicken Sie die Briefe dann auch ab? Oder legen Sie sie zur Seite, so wie Bo┼żena Nemcov├í es getan hat?
Corinna Harfouch:
Nicht immer. Wenn ich es nicht schaffe, gleich am selben Tag zum Briefkasten zu laufen, dann ├╝berlege ich mir oft noch einmal, ob ich sie tats├Ąchlich abschicke. Aber meist schicke ich sie auch ab.
(lacht und denkt dann kurz nach) Ich schreibe tats├Ąchlich gerne Briefe.

AVIVA-Berlin: Was hat Ihnen an den Briefentw├╝rfen der Bo┼żena Nemcov├í gefallen? Was hat Sie besonders ber├╝hrt?
Corinna Harfouch:
Die Tatsache, dass sie an einen Mann, der nicht ihr Mann ist, an einen nicht mit ihr intimen Mann also, so intime Briefe schreibt. Man kann sp├╝ren, dass es ihr gar nicht um diesen quasi Fremden als Briefpartner geht, sondern darum, sich ├╝ber das Schreiben, sich ihrer selbst zu versichern, sich am Leben zu erhalten. Schon fast wahnsinnig ist das, wenn sie ├╝ber zwei Seiten akribisch ihre Blutungen und das Anlegen der Binden wiedergibt. Mich ber├╝hrt auch, dass sie versucht, sich sozusagen sch├Ânere Lebensumst├Ąnde, die nicht so qu├Ąlend sind wie die gegenw├Ąrtigen, zu erschreiben.
Das ist, wie wenn du in der Nacht gr├╝belst und diese schwarzen Hunde dich umbringen und du irgendwas tust, aufstehst, um deine Gedanken zu unterbrechen und legst dich dann wieder hin. Aber die Gespenster sind so stark, dass sie dich ├╝berw├Ąltigen. Ihre Kammer ist ├╝berf├╝llt mit diesen Geistern. ├ťber das Schreiben der Briefe behauptet sie ihr Sein. Nur so kann sie ├╝berhaupt stehen bleiben, nicht zusammenbrechen, nicht auf der Stelle sterben.

AVIVA-Berlin: Was hat sich an Ihrem Bild der Bo┼żena Nemcov├í ver├Ąndert, nachdem Sie ihren Roman "Gro├čmutter" gelesen haben?
Corinna Harfouch:
Als sie den Roman ver├Âffentlicht hat war sie eine junge starke Frau. Es gab zu der Zeit nationale Bestrebungen in Tschechien, um sich als Nation erst einmal zu formulieren. Sie fand dort einen Kreis, in dem sie sich aufgehoben f├╝hlte. Vor diesem Hintergrund konnte sie als erste Frau so einen Roman tats├Ąchlich schreiben. Dadurch war sie eine besondere und gefeierte Pers├Ânlichkeit. Diese Zeit war eine sehr gl├╝ckliche in ihrem Leben. Sie hat entdeckt, dass das Schreiben ihr dieses Gl├╝cksempfinden erm├Âglicht. Ihr wurde klar: wenn ich schreibe, ver├Âffentliche, dann bin ich da, dann bin ich froh. Das ist das, was mich ausmacht.
Sie hat sich ja niemals damit einverstanden erkl├Ąrt, auch in der Armut nicht, mit irgendeiner anderen Art Arbeit als dem Schreiben Geld zu verdienen. Das hat sie abgelehnt. Sie wollte als Schriftstellerin ihren Lebensunterhalt verdienen. Immer!

AVIVA-Berlin: Lesen Sie gerne und viel?
Corinna Harfouch:
Ja! (nachdr├╝cklich) Ich lese sehr gerne. Ich liebe an meinem Beruf, mich in dieser Breite auf Rollen vorbereiten zu d├╝rfen, weil es mir die Gelegenheit gibt, mich auf einen abgesteckten Bereich zu konzentrieren. Die Welt des Buches ist so unendlich, unendlich... Wenn man f├╝r sich liest, w├Ąhlt man ja zuf├Ąllig B├╝cher und wei├č nicht genau, in welche Welten man sich begibt. Deswegen bin ich dankbar, wenn ich wie bei diesem Film ein bestimmtes Thema habe, ein Jahrhundert, ein Land, in das ich mich einlesen darf. Es gibt immer wieder Unbekanntes und Neues zu entdecken. Das ist manchmal sehr spannend.

AVIVA-Berlin: Was lesen Sie denn zur Zeit?
Corinna Harfouch:
Ich lese gerade den Roman ÔÇ×ParadiseÔÇť der gro├čartigen britischen Schriftstellerin A.L. Kennedy.

AVIVA-Berlin: Bo┼żena Nemcov├í hat auch M├Ąrchen und Sagen gesammelt. Was werden Sie auf den Berliner M├Ąrchentagen lesen?
Corinna Harfouch:
Ich lese zwei M├Ąrchen: "Die Prinzessin auf der Erbse" und "Das h├Ąssliche Entlein". Die Veranstaltung findet gemeinsam mit dem symphonischen Kammerorchester statt. Daf├╝r wurde extra eine Partitur geschrieben.
Und da freue ich mich drauf, das ist so richtig sch├Âne Arbeit.

AVIVA-Berlin: Im Film wird die Krankheit, an der Bo┼żena Nemcov├í leidet, nicht benannt. Wie haben Sie sich die Krankheit erkl├Ąrt?
Corinna Harfouch:
Sie hatte Geb├Ąrmutterkrebs.

AVIVA-Berlin: Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der Erkrankung und ihrer Rolle als Frau in der Zeit in der sie gelebt hat? Hatten ihre Lebensbedingungen Einflu├č auf ihre Erkrankung?
Corinna Harfouch:
Fakt ist, dass sie ein extrem entbehrungsreiches Leben hatte. Sie musste hungern, hatte manchmal keine Schuhe, um rauszugehen und musste sich ein Paar mit ihrer Tochter teilen. Das sind Bedingungen unter denen der K├Ârper extrem ausgezehrt und belastet ist. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Krankheit bei so einem geschw├Ąchten K├Ârper eine bessere Angriffsfl├Ąche hat.

AVIVA-Berlin: Es gibt irgendwann einen Bruch im Leben der gefeierten Nationalschriftstellerin nachdem sie Armut, Krankheit und Gewalt erleben muss. Wie erkl├Ąren Sie sich diese extreme Ver├Ąnderung ihrer Lebensumst├Ąnde? War ihr Mann schon immer gewaltt├Ątig?
Corinna Harfouch:
Ihr Ehemann war fast doppelt so alt sie. Ihre Mutter hat sie mit ihm zwangsverheiratet, da sie aus armen Verh├Ąltnissen kam. Die Ehe kann von Anfang nicht gl├╝cklich gewesen sein. Vor der 48er-Revolution hatten die beiden immerhin noch gemeinsame Ziele in der nationalen Bewegung. W├Ąhrend dieser Zeit war ihr Mann noch selbstbewusster, er stand im Leben und konnte neben seiner starken Frau bestehen. Nach Zerschlagung der Revolution ist der ganze Kreis dann auseinandergesprengt worden. Ihr Ehemann, der beim Milit├Ąr war, ist zwangsversetzt worden und auf der untersten Hierarchieebene gelandet, so dass er nur unregelm├Ą├čig Geld nach Hause bringen konnte. Er ist daraufhin immer gewaltt├Ątiger geworden. Die St├Ąrke seiner Frau hat ihn zum Wahnsinn getrieben. Er hat ihr an allem die Schuld gegeben.


AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r das Interview!

Lesen Sie auch die Filmbesprechung von "Durch diese Nacht sehe ich keinen einzigen Stern."


Women + Work Beitrag vom 16.11.2005 AVIVA-Redaktion 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken