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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 06.11.2005

Jasmin Tabatabai im Interview
Tatjana Zilg

Anl├Ąsslich des Filmstarts zu "Fremde Haut" spricht die erfolgreiche und sehr charismatische Schauspielerin ├╝ber ihre ungew├Âhnliche Rolle, die Asylthematik, lesbische Identit├Ąt, Dreifachbelastung...



AVIVA-Berlin interviewte Jasmin Tabatabai an einem sonnigen Nachmittag in der N├Ąhe der Hackeschen H├Âfe.

AVIVA-Berlin Was war die gr├Â├čere Herausforderung an der Hauptrolle in "Fremde Haut": eine Frau zu spielen, die sich als Mann ausgeben muss, oder eine Frau, die ihre Homosexualit├Ąt verheimlichen muss, obwohl sie sich in ihre Kollegin verliebt?
Jasmin Tabatabai: Ich glaube, die gr├Â├čte Herausforderung war die Verwandlung in einen Mann. Witzigerweise war eine besondere Schwierigkeit der Akzent. Ich spreche zwar selbst persisch und deutsch, aber ohne jeglichen Akzent. In der Vorbereitung habe ich mir ├╝berlegt, wie ich diesen Akzent deutlich machen kann, ohne dass er in ein Klischee abf├Ąllt. Einen ganz harten Akzent zu sprechen w├Ąre leicht gewesen. (Imitiert sehr lebhaft den typischen Kreuzberg-T├╝rkisch-Slang, Anm. der Red.) Aber es hinzubekommen, dass hier jemand ist, der sehr gut deutsch spricht, aber doch einen leichten Akzent hat, war diffizil. Ich habe daf├╝r f├╝nf verschiedene Iranerinnen aufgenommen, die in Deutschland leben, aber mit Akzent sprechen. Ich habe es dann miteinander verglichen und mir etwas daraus zusammengebastelt. Zudem kam, dass ich mir die Haare sehr kurz schneiden lassen musste. F├╝r mich bedeutet das nun ein Jahr kurze Haare, und ich mag an mir selbst lange Haare. Etwas f├╝r die Eitelkeit war dieser Film nicht. Es war extrem, morgens in der Maske immer genau das Gegenteil von dem gemacht zu bekommen, wodurch eine Frau sch├Âner erscheint. Homosexualit├Ąt zu spielen fiel mir dagegen leicht. Ich hatte bereits intensive lesbische Szenen in vorherigen Filmen wie "Unbest├Ąndig und k├╝hl" und "Gripsholm".

AVIVA-Berlin Fiel es Dir leicht einen Mann zu spielen?
Jasmin Tabatabai: Eigentlich ja. Ich bin ja durchaus ein burschikoser Typ und konnte meinen ein Jahr ├Ąlteren Bruder als Rollenvorbild nehmen. Zus├Ątzlich habe ich einige K├Ârperhaltungen meines Vaters ├╝bernommen. Dadurch fand ich das nicht so schwer. Wir mussten nat├╝rlich noch einiges korrigieren. Als wir konkretisiert haben, was ist m├Ąnnlich, was ist weiblich, kamen wir beispielsweise darauf, dass
M├Ąnner einen fester anblicken, weniger mit den Augen weggehen, den Blick viel seltener niederschlagen als Frauen.

AVIVA-Berlin War die pers├Ânliche Ber├╝hrung durch die Rolle gr├Â├čer als bei Deinen anderen Filmen, da Du selbst Deine Kindheit in Teheran verbracht hast?
Jasmin Tabatabai: Meine Geschichte ist nat├╝rlich eine komplett andere. Aber dadurch, dass ich zum ersten Mal eine Iranerin gespielt habe, was es schon ein besonderer Film f├╝r mich. Ich habe im Vorfeld und w├Ąhrend der Drehs hohen Wert darauf gelegt, dass die persische Mentalit├Ąt stimmig dargestellt wird. Wenn wir uns gestritten haben, ob beispielsweise die Bedeutung des Amulettes richtig erkl├Ąrt wird, habe ich immer gesagt: "Ich kann mich nicht blamieren vor allen Iranern, das ist nicht persisch, so geht das einfach nicht." Ich war dadurch sicherlich noch genauer als sonst.

AVIVA-Berlin Seit einiger Zeit ist die Parallelexistenz muslimischer Werte in Deutschland wieder stark umstritten. Wie stehst Du zur aktuellen "Kopftuchdebatte"? (In der Anfangsszene von "Fremde Haut" wird sehr eindrucksvoll gezeigt, wie Fariba sich kurz nach der Grenz├╝berfliegung ihres Kopftuches entledigt.)
Jasmin Tabatabai: Zuerst m├Âchte ich sagen, dass ich den Glauben von jedem respektiere, ob es der islamische, christliche oder buddhistische Glaube ist. Glaube ist zum gro├čen Teil Privatsache, jeder sollte da respektiert werden. Aber hier geht es um ein Politikum. Nat├╝rlich ist der Schleier auch ein Zeichen der Unterdr├╝ckung. Ich finde es richtig, dass man in deutschen Schulen keinen Schleier tragen sollte.

AVIVA-Berlin Hast du aufgrund Deiner Herkunft in Deutschland negative Erfahrungen gemacht?
Jasmin Tabatabai: Ich habe deshalb noch nie negative Erfahrungen gemacht. Das h├Ąngt nat├╝rlich auch damit zusammen, wie ich mich gebe und wie ich
bin. Ich finde, man muss immer die Gepflogenheiten des Landes, in dem man lebt, respektieren. Aber ich spreche ja auch akzentfrei deutsch. Als Halbdeutsche gehe ich sicherlich auch anders damit um, ich f├╝hle mich schon eher deutsch. Der Iran ist das Land meiner Kindheit, Deutschland das Land meines t├Ąglichen Lebens. Ich bin sehr froh, dass ich in einem Land leben kann, wo ich als Frau viel mehr Rechte habe als in einem Land, wo beispielsweise die Zeugenaussage einer Frau vor Gericht die H├Ąlfte dessen gilt, was ein Mann aussagt. Aber das gilt genauso f├╝r Deutsche im Ausland. Ich ├Ąrgere mich ├╝ber Deutsche oder Amerikaner, die im Iran respektlos mit den dortigen Gepflogenheiten umgehen. Ich bin nicht f├╝r Assimilation, aber wer in Deutschland lebt, sollte sich an den freiheitlichen, demokratischen Prinzipien orientieren, die hier bestimmend sind.

AVIVA-Berlin Die Asylthematik ist immer wieder ein hei├čes Eisen in der politischen Diskussion. Im Film soll Siamak, dessen Identit├Ąt Fariba nach seinem Selbstmord angenommen hat, nach kurzer Zeit wieder in den Iran zur├╝ckgeschickt werden. Sein Leben sei dort nicht mehr gef├Ąhrdet, da seine Studentenorganisation legalisiert worden ist. Wird die Asylgew├Ąhrung generell zu schwer gemacht?
Jasmin Tabatabai: Das ist ein sehr, sehr schwieriges Thema, das muss man in jedem Fall speziell ansehen. Ich denke aber, dass es f├╝r jeden Menschen ein sehr gro├čer Schritt ist, seine Heimat zu verlassen. Es ist mir damals sehr schwer gefallen, meine Freunde, mein Zuhause, mein gewohntes Umfeld aufzugeben, obwohl ich in einem Alter war, wo man sich noch relativ schnell umstellen kann. Deutschland ist ja nun auch kein Einwanderungsland, wo alle sehr offen sind und alle Jeden willkommen hei├čen. Es ist ein Land, wo man sich erst mal eher schwer tut. Es ist nie leicht, aus der Heimat zu fl├╝chten, schon gar nicht, wenn man die Staatsb├╝rgerschaft nicht hat, die fremde Sprache nicht beherrscht. Es sind oftmals schwere menschliche Dramen, die durch den langen b├╝rokratischen Prozess noch versch├Ąrft werden. Die Asylbewerber werden ja oftmals jahrelang in diesen deprimierenden, unw├╝rdigen Lebensbedingungen festgehalten. Sie d├╝rfen nicht arbeiten, wodurch das Risiko hoch ist, in die Kriminalit├Ąt abzurutschen. Es ist unverst├Ąndlich, dass die Leute so lange in einer Ungewissheit ├╝ber ihr Verfahren gelassen werden.

AVIVA-Berlin Homosexualit├Ąt wird in dem Film als Krankheit bezeichnet, von dem die Frauen in Teheran geheilt werden m├╝ssen. Hier in Berlin ist das ja mittlerweile eine relativ normale Sache.
Jasmin Tabatabai: Es ist hier bei uns in den letzten 10, 20 Jahren sehr tolerant geworden. Wir haben einen schwulen B├╝rgermeister, wir haben schwule Politiker, in vielen Fernsehserien gibt es lesbische oder schwule P├Ąrchen. Ich finde es sehr erfreulich, dass nun Homosexualit├Ąt offensichtlich akzeptiert wird. Im Iran und auch in einigen anderen L├Ąndern ist das noch ganz anders, dort ist es ein Thema, das stark tabuisiert ist. In Bezug auf Frauen wird dar├╝ber gar nicht geredet. Ich glaube, die ├äu├čerung mit der Krankheit ist ein Zitat, das die Regisseurin Angelina Maccarone aus dem Gespr├Ąch mit einer iranischen Homosexuellen bezogen hat. Als ich f├╝r die Rolle recherchiert habe, suchte ich im Internet nach Weblogs und Foren f├╝r iranische Lesben. Ich wollte wissen, wie sie im Iran leben k├Ânnen. Aber ich habe nichts dazu gefunden. Es wird auch allgemein nicht ├╝ber weibliche Sexualit├Ąt geredet. Ich glaube, das hat seine Wurzeln darin, dass in diesen L├Ąndern Frauen keine Sexualit├Ąt zugestanden wird. Schon gar nicht eine andersartige. Die Kinder werden sehr unterschiedlich erzogen. Bei den Jungs gibt es einen richtigen Peniskult. Die M├Ądchen dagegen werden zur Scham erzogen, das Wichtigste sei, die Unschuld zu bewahren. Und so entstehen all die kleinen Machos, die es auch hier in Berlin zu Gen├╝ge gibt.

AVIVA-Berlin Die Rolle forderte die Einf├╝hlung in eine Frau, die sich urpl├Âtzlich, aus einem anderen Kulturkreis kommend, unter h├Ąrtesten Bedingungen in Deutschland zurechtfinden muss und das ausgerechnet in der schw├Ąbischen Provinz. Wie empfandest Du als Wahlberlinerin die l├Ąndliche Umgebung?
Jasmin Tabatabai: Nun ja, ich kenne die schw├Ąbische Provinz bereits aus meiner Schauspielschulzeit, ich habe in Stuttgart studiert. Es ist dort wirklich extrem anders als in Berlin, ├Ąhnlich wie in den Vororten von M├╝nchen. F├╝r mich ist auch deshalb Berlin absolut die Stadt meiner Wahl. Ich kann mich erinnern, wie ich aufgeatmet habe, als ich nach Berlin gezogen bin. Dieses Weite, dieses Weltst├Ądtische, das hat nur Berlin in Deutschland. Ich finde die Diskussionen ├╝ber
Multikulturalit├Ąt auch ├╝bertrieben, es ist doch vieles l├Ąngst einfach da, wie die Rapper, die oft Mischlingskinder sind, das internationale Essen, die vielf├Ąltigen Herk├╝nfte der Schauspieler und K├╝nstler. Da wirkt es auf mich lachhaft, wenn dar├╝ber gesprochen wird, dass die multikulturelle Gesellschaft gescheitert sei.

AVIVA-Berlin Du bist Mutter eines dreij├Ąhrigen Kindes. Wie kommst Du mit der Doppelbelastung Schauspielberuf und Mutterpflichten zurecht?
Jasmin Tabatabai: Bei mir ist es sogar eine dreifache Belastung, da ich auch Musik mache. Ich kann nicht alles gleichzeitig, deshalb hat es auch gedauert, bis ich mit meinem neue Album begonnen habe. Ich habe auch relativ wenig gedreht. Ich denke, beim ersten Kind ist es eine Komplettumstellung. Mein Mann und ich haben uns entschieden, sehr viel Zeit mit unserem Kind zu verbringen. Letztendlich sind es ja nur ein paar Jahre, wo man sich f├╝r das Kind zur├╝cknimmt. Ich h├Ątte es schon schwierig gefunden, mein Kind fr├╝h in eine Krippe zu geben und es kaum zu sehen. Das gro├če Gl├╝ck ist, dass mein Mann freiberuflich t├Ątig ist, und wir uns die Kinderbetreuung teilen k├Ânnen. So habe ich gen├╝gend Zeit f├╝r meine aktuellen Projekte. Im Kleinkindalter geht es auch schon wieder, man muss halt alles gut organisieren. Als sie ein Baby war, habe ich wirklich nur das Allern├Âtigste gearbeitet.

AVIVA-Berlin Gibt es f├╝r Dich eine Traumrolle, die Du unbedingt einmal spielen m├Âchtest? W├╝rdest Du gerne wieder eine Theaterb├╝hne betreten?
Jasmin Tabatabai: Ich w├╝rde gerne wieder einmal Theaterspielen, aber bisher hat es sich zeitlich nicht ergeben. Es m├╝sste auch das Umfeld stimmen, denn in erster Linie bin ich Filmschauspielerin. Als Gast w├╝rde ich beim Theater gerne mitmachen, aber es ist nicht zwingend. Eher w├╝rde ich lieber wieder mit meiner Musik auf Tour gehen.
Viele der Rollen die ich gespielt habe, sind Traumrollen, ob es jetzt "Bandits" war oder "Fremde Haut". Das sind ungew├Âhnliche, starke Frauenfiguren, die es viel zu selten auf der Leinwand gibt. Wahnsinnig gerne w├╝rde ich eine Kom├Âdie mit einer tollen Frauenrolle drehen oder einen Action-Film.

AVIVA-Berlin Hast Du schauspielerische Vorbilder, die Du bewunderst?
Jasmin Tabatabai: Ich glaube, die Vorbilder, die einen ein Leben lang begleiten, kommen eher aus dem Alltag, ob es nun eine ├Ąltere Schwester oder die Mutter ist. Ich finde Schauspielerinnen meist in einer ganz bestimmten Rolle, in einem ganz bestimmten Film toll. Zudem bewundere ich Menschen, die nicht nur in ihrem Beruf gl├Ąnzen, sondern auch bewusste, politische Personen und dadurch herausragende Pers├Ânlichkeiten sind. Zum Beispiel hatte ich das Gl├╝ck, auf der Berlinale Susan Sarandon und ihren Mann Tim Robbins kennen zu lernen. Das sind Menschen, die auch etwas zu sagen haben au├čerhalb ihrer filmischen Karriere, mit einem gro├čen politischen Bewusstsein durch das Leben gehen und zu Vorbildern f├╝r die Jugend werden k├Ânnen. Man muss ja nicht immer mit allem konform gehen, was sie sagen, aber es sind einfach sehr untypische, herausragende Leute.

AVIVA-Berlin Du hast im M├Ąrz 2005 den "Persian Academy Award" bekommen.
Jasmin Tabatabai: Ja, das ist eine Auszeichnung von Exil-Iranern f├╝r besonders erfolgreiche Iraner. Er wurde zum ersten Mal vergeben, und ich erhielt ihn als ber├╝hmte iranische Schauspielerin f├╝r mein fr├╝hes Lebenswerk. Es war eine sch├Âne Veranstaltung in der K├Âln-Arena vor 13.000 Menschen.

AVIVA-Berlin Wann kommt denn das n├Ąchste Album auf den Markt? Wird es ├Ąhnlich sein wie "Only Love"?
Jasmin Tabatabai: Angepeilt f├╝r die Ver├Âffentlichung ist April/Mai. 2006. Es soll etwas weniger roh werden, "Only Love" war eine selbstproduzierte kleine Platte, und ich w├╝rde die Neue gerne etwas professioneller gestalten.

AVIVA-Berlin Was w├╝nschst Du Dir f├╝r die Zukunft?
Jasmin Tabatabai: Ich w├╝nsche, dass es meiner Familie und mir gesundheitlich gut geht, wir gl├╝cklich sind, dass wir unser Haus fertigbekommen, und ich dar├╝ber hinaus viele spannende Projekte machen kann.

AVIVA-Berlin Vielen Dank f├╝r das Interview!

Mehr zum Film "Fremde Haut" und das Interview zur CD "Only Love".

Women + Work Beitrag vom 06.11.2005 AVIVA-Redaktion 





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